Kein Thema! Ursachen und Folgen medialer Vernachlässigung
Die Aufgabe Öffentlichkeit
Editorial
Von Horst Pöttker
In einer Diskussion über die Bedeutung von Medien für die Integration von Migranten begann sich die Ansicht durchzusetzen, noch schlimmer, als Minderheiten gar nicht zu thematisieren, sei es, wenn über sie negative Stereotypen verbreitet würden – etwa das Vorurteil, Einwanderer neigten besonders zur Kriminalität. Widerspruch kam bezeichnenderweise von Teilnehmern der Diskussion, die als Journalisten oder deren Ausbilder arbeiten. Die Gegenansicht, Vernachlässigung von Themen in der Öffentlichkeit sei problematischer als verzerrtes Thematisieren, begründete Kenneth Starck, Nestor der akademischen Journalistenausbildung in den USA, mit einem Vergleich: Das sei so ähnlich wie mit der Liebe, deren Gegensatz auch nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit sei.
Eine andere Schweigespirale
Öffentliche Vernachlässigung bringt sich selbst hervor
Von Horst Pöttker
Ferdinand Tönnies in den 1920er Jahren und 50 Jahre später Elisabeth Noelle-Neumann noch einmal haben eine Spirale des Schweigens beschrieben, die das öffentliche Unterdrücken von Meinungen hervorruft und auf der unbewussten Furcht der meisten Menschen beruht, die Äußerung eigener Meinungen, die von der für vorherrschend gehaltenen „Öffentlichen Meinung“ abweichen, könne zu sozialer Isolierung führen. Aufgrund dieser Isolationsfurcht, die Noelle-Neumann für unser biologisches Erbe hält, während Tönnies sie eher als Kultur- und Sozialisationsprodukt betrachtet, generiert Öffentliche Meinung sich selbst.
Was ist wichtig?
Eine Kritik der Nachrichtenauswahl
Von Rita Vock
Wenn nichts passiert in der Nachrichtenredaktion, ist ein frisches Zitat der Bundeskanzlerin Gold wert – fast unabhängig von seinem Inhalt. Zur Not tut es auch ein Minister oder der Uno-Generalsekretär. Große Namen garantieren große Nachrichten. Groß inszenierte Ereignisse, bei denen gleich mehrere große Namen eine Rolle spielen, werden gern als „Gipfel“ bezeichnet und garantieren dann eine Rundum-Berichterstattung: Vorankündigung, Liveschaltungen, Expertengespräche und Kommentare werden dem Auto-, Bildungs- oder Beschäftigungsgipfel gewidmet – obwohl auch die mitspielenden Journalisten wissen, dass die Ergebnisse entweder schon vorher ausgehandelt oder nur von sehr begrenzter Relevanz sein werden. Die Nachrichtenauswahl richtet sich in solchen Fällen also nicht nach dem Neuigkeitswert oder der Tragweite der Ereignisse, sondern nur nach einer behaupteten Relevanz, die durch das Medieninteresse noch einmal verstärkt wird.
Eine Minute für den Quellencheck
Recherche kommt im journalistischen Alltag zu kurz
Von Thomas Schnedler
Im Mai 2009 erschien eine bemerkenswerte Stellenanzeige. Eine TV-Produktionsfirma suchte „eine/n Rechercheredakteur/in“, um das Team des für Sat.1 produzierten Wissensmagazins „Planetopia“ verstärken. Zu den wichtigsten Aufgaben des Rechercheredakteurs zähle die „Pflege von Pressekontakten“ ebenso wie die „Beschaffung von Footage“, hieß es in der Annonce. Aber ist das Recherche? Zwei Klicks benötigt man nur, um beispielsweise auf der Homepage des Pharmakonzerns Bayer die so genannte „TV-Plattform“ aufzurufen, auf der das von PR-Profis produzierte „Footage“-Material den Fernsehsendern und Produktionsfirmen gratis angeboten wird.
Auf Themenfang im neuen Netz
Social Networks als journalistische Recherchequelle
Von Tobias Eberwein
Zeig mir deinen „Facebook“-Account und ich sage dir, wer du bist. Nicht nur im alltäglichen Beziehungsmanagement, auch in der journalistischen Recherche werden Social Networks zu einem zunehmend hilfreichen Kommunikationsmittel. Journalisten können Angebote wie „StudiVZ“, „Facebook“ und „Xing“ nutzen, um Themenideen, Ansprechpartner und weiterführende Quellen aufzuspüren. Die Informationsbeschaffung im neuen Netz birgt jedoch allerlei Fallstricke – wie verschiedene Praxisbeispiele und erste Forschungsergebnisse zum Thema zeigen.
Der Königsweg für den Informantenschutz
Wie geht man richtig mit Whistleblowern um?
Von Christiane Schulzki-Haddouti
Wenn ein Whistleblower brisante Informationen anbietet, muss sich der Journalist zunächst einige selbstkritische Fragen stellen: Bin ich der richtige Ansprechpartner? Was ist das richtige Medium für diese Geschichte? Je brisanter das Thema ist, desto wichtiger ist die redaktionelle Rückendeckung. Abspringende Anzeigenkunden oder Gegendarstellungen könnten angesichts jahrelanger gerichtlicher Auseinandersetzungen noch das kleinere Risiko sein, die ein Verlag bei einer Whistleblower-Geschichte eingehen muss.
Vom medialen Tabu zum Topthema?
Armut in Journalismus und Massenmedien
Von Christoph Butterwegge
Jahrzehntelang hörte und las man in deutschen Massenmedien selten etwas über die Armut, und wenn, dann meistenteils im Zusammenhang mit spektakulären Ereignissen bzw. tragischen Einzelschicksalen: dem Kältetod eines Obdachlosen, dem Verhungern eines Kleinkindes oder der Gründung einer „Tafel“, wie die Suppenküchen heutzutage beschönigend genannt werden. Armut wurde überwiegend mit Not und Elend in der so genannten Dritten Welt assoziiert oder mit Blick auf die hiesige Wohlstandsgesellschaft als Randerscheinung verharmlost, ja verschleiert und aus der Öffentlichkeit verdrängt.
Olympische Spiele und Fernsehen
Programmgestalter im Netz olympischer Abhängigkeiten
Von Michael Steinbrecher
Sportereignisse sind zu einer wichtigen Ware im Konkurrenzkampf der Fernsehsender geworden. Alle zwei Jahre verdrängt die olympische Sportberichterstattung für gut zwei Wochen nahezu sämtliche anderen Fernseh-Genres aus den Programmen von ARD und ZDF. Olympische Spiele sind ein Mikrokosmos, in dem die Faszination und die Probleme des Sports im weltweiten Fokus sichtbar werden. Vor den Olympischen Spielen in Peking 2008 wurde unter anderem über die Gefahr der politischen Instrumentalisierung, das Ausmaß der Kommerzialisierung und die Bedrohung des Sports durch Doping diskutiert. Diese thematische Bündelung stellt für den Journalismus eine besondere Herausforderung dar.
Bundestagswahlkampf oder Bratwurst am Baggerloch?
Qualität im lokalen Zeitungsjournalismus
Von Holger Handstein
So unterschiedlich können die Schwerpunkte der Berichterstattung sein: „Bald wird es besser“ titelt die FAZ auf der Seite 3 ihrer Ausgabe vom 8. August dieses Jahres – und meint damit Frank-Walter Steinmeiers Wahlkampf. Gleicher Tag, gleiche Seite, aber eine andere Zeitung: Die WAZ setzt einen etwas anderen Schwerpunkt: „Bratwurst am Baggerloch“. Es geht um die Bade- und Grill-Aktivitäten der Bewohner des Ruhrgebiets. Dass die FAZ und WAZ sich durch mehr als einen einzelnen Buchstaben unterscheiden, ist offensichtlich. Aber welcher Beitrag hat die höhere Qualität?
Erzähl mir die Geschichte
Merkmale und Funktion der Reportage in Printmedien
Von Katharina Beckmann
Im Jahr 1979 erscheint in Deutschland ein Taschenbuch mit dem Titel: „Der rasende Reporter“. Die daumendicke Kladde erzählt von den Abenteuern eines Lokaljournalisten, der die finsteren Machenschaften einiger Gestalten ans Licht bringen will. Gehüllt in einen Trenchcoat mit Klappkragen und mit gespitztem Bleistift in der Hand, streift er um die Häuser – um dabei zu sein, wenn diese Gestalten ihre Geschäfte abwickeln. Und um darüber zu schreiben. Die Hauptfigur in Band 63 aus der Reihe „Walt Disney’s Lustige Taschenbücher“ erledigt ihre Aufgabe offenbar hervorragend. Gleich nach Erscheinen seines ersten Artikels wird Micky Maus vom Chefredakteur des „Entenhausener Boten“ mit folgenden Worten empfangen: „Gute Arbeit, Herr Maus! Ich biete Ihnen den Posten des Chefreporters an! Einverstanden?“

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