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Partizipativer Journalismus

29. März 2012

Mitmachen!

Editorial

Von Tobias Eberwein

Der Begriff Partizipation ist in den vergangenen Jahren zu einem vermeintlichen Zauberwort geworden – nicht nur im politischen Diskurs, sondern auch im Journalismus. Vor dem Panorama der Werbe- und Medienkrise werteten viele Beobachter die stärkere Einbindung der Nutzer als Wundermittel im Kampf gegen die Erosion redaktioneller Ressourcen. Was genau jedoch unter sinnvoller Nutzerpartizipation zu verstehen ist, blieb vielen der beteiligten Akteure dabei unklar. Viele Verlagshäuser verordneten sich ein „Mitmachen beim Mitmachen“, häufig jedoch ohne zielgerichtete Strategie. „Irgendwas 2.0“ nennt Thorsten Quandt derartige Vorstöße. Liest man seinen Beitrag in dieser Ausgabe des Journalistik Journals, eine pointierte Zusammenfassung einer internationalen Vergleichsstudie zum Status quo des Mitmach-Journalismus, wirkt Partizipation eher wie ein „Plastikwort“, eine jener „sprachlichen Attrappen“ also, die sich mit Uwe Pörksen auf alles anwenden lassen, im Inneren jedoch leer bleiben. Von Zauber keine Spur!

29. März 2012

Datenjournalismus: Chance für den Journalismus von morgen

Für die Journalistik eröffnet sich ein interessantes Forschungsfeld

Von Annette Leßmöllmann

Die Erkenntnis kam dem praktischen Arzt Jeffrey Brenner in Camden, New Jersey, als er am Rechner „mit Daten herumspielte“: Er hatte die Patientendaten aller medizinischer Einrichtungen in dem verarmten und von Verbrechen geplagten Ort gesammelt, systematisch Wohnblocks zugeordnet und mit Kosten korreliert, die durch Krankenhausaufenthalte entstanden waren. In seinen Excel-Tabellen und Balkendiagrammen fiel es ihm irgendwann auf: Die häufigsten und teuersten Klinikaufenthalte trafen Menschen, die in den ärmsten Hochhaussiedlungen lebten. Brenner wusste aus seiner Erfahrung, dass gerade Patienten, die häufiger per Notfall in die Klinik kamen, die schlechteste Versorgung erhielten – niemand kümmerte sich nachhaltig um ihre eigentliche, oft chronische Krankheit, oder auch um fatale Fehlernährungen.

29. März 2012

Videojournalisten: Genauso gut, aber nicht besser bezahlt

Eine aktuelle Studie präsentiert die Ergebnisse der bislang größten Befragung von Videojournalisten in Deutschland

Von Guido Vogt

Videojournalisten (VJs) gelten entweder als rund um die Uhr verfügbare, kostengünstige Fließband-Produzenten, die – mit einfachsten Mitteln ausgestattet – schnell gestrickte Nachrichten fabrizieren. Oder sie werden beschrieben als innovative Einzelautoren, die unbelastet vom hinderlichen Team individuell, eigenständig und experimentell Filmprojekte realisieren. Die Studie „Videojournalismus: Funktionalität – Geschichte – Empirie“ scheint beide Positionen in Frage zu stellen. Der typische Videojournalist arbeitet beim Privatfernsehen, ist fest angestellt und verdient weniger als 3.000 Euro brutto im Monat. Thematisch deckt er vor allem die Bereiche Unterhaltung/Lifestyle, Nachrichten/Aktuelles sowie Vermischtes ab. Dabei realisiert er überwiegend Personen bezogene Kurzbeiträge und ist für Programme mit regionaler Reichweite tätig.

29. März 2012

Partizipativer Journalismus

Eine Einführung in Begriff und Gegenstand

Von Sven Engesser

Beim Partizipativen Journalismus (oder Bürgerjournalismus) be­teiligen sich Menschen an der Herstellung von Medienöffentlichkeit, ohne damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Dieses Phänomen ist im Prinzip nichts Neues. So offenbart ein Blick in die Mediengeschichte mehrere Hochphasen des Partizipativen Journalismus, z. B. zur Zeit der Französischen Revolution, der Weimarer Republik und der Neuen Sozialen Bewegungen in den 1960er und 1970er Jahren. Damals spielte sich der Partizipative Journalismus auf analogen Medienplattformen wie Leserbrief, Hörertelefon und Offenen Kanälen ab. In diesen Blütezeiten waren die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen besonders günstig für die Entwicklung des Partizipativen Journalismus. Auch heutzutage finden sich in vielen demokratischen Industriestaaten wieder derartige Konstellationen.

29. März 2012

Briefe, Beiträge, Blogs: Nutzer-Partizipation im Lokaljournalismus

Wie professionelle Journalisten mit Laien-Inhalten umgehen

Von Wiebke Möhring

Nutzer-Partizipation im Journalismus beschäftigt Wissenschaft und Praxis seit einigen Jahren. Vor allem das demokratietheoretische Potenzial von Partizipation steht dabei im Mittelpunkt der Hoffnungen und Erwartungen, die verbesserte Teilhabe an öffentlichen Prozessen und das aktive Aus­üben freier Meinungsäußerung – jeder kann sich äußern und, gerade im Internet, auch Plattformen finden oder selber eröffnen, die ihm den Zugang in die Öffentlichkeit ermöglichen. Im Zusammenhang mit Nutzer-Partizipation ist aber auch das Zusammenspiel zwischen professionellem Journalismus auf der einen und Rezipienten, also den Nutzern, auf der anderen Seite von Interesse. Wie reagieren Journalisten darauf, dass plötzlich Laien aktiv teilnehmen am medialen Diskurs und an der Entstehung der öffentlichen, medial vermittelten Meinung? Und wieso wollen Bürger in die mediale Öffentlichkeit?

29. März 2012

Fernsehen und Partizipation – ein Zukunftsmodell?

Erste Ergebnisse der Begleitforschung zu nrwision

Von Annika Sehl, Hannah Lobert & Michael Steinbrecher

Die Journalistik steht vor großen Herausforderungen. So viele Umbrüche, so viele Fragen, so viele Forschungsansätze wie selten zuvor beschäftigen uns. Welche Medien werden zukünftig in welcher Intensität zu welchem Zweck genutzt? Wie verändern sich journalistische Berufsbilder und welche neuen, innovativen Formen der Partizipation werden sich auf Dauer etablieren? Die Antworten scheinen sich zu bündeln in der Feststellung: „Die Zukunft liegt im Internet“. Wer beschäftigt sich schon noch mit dem alten, anscheinend so gar nicht im Trend liegenden Leitmedium Fernsehen? Ist dieses Medium überhaupt tauglich, um neue Formen von Partizipation zu erproben? Oder noch grundsätzlicher: Ist das Fernsehen, auch wenn es noch so modern über Flachbildschirme angepriesen wird, in Zeiten von YouTube nicht längst ein Auslaufmodell?

29. März 2012

Planlos in die Partizipation?

Eine internationale Studie zum Status quo des Mitmach-Journalismus

Von Thorsten Quandt

„Sie können uns helfen!“ Der Redakteur eines kleinen Special-Interest-Verlags schaut mich erwartungsfroh an. Nach einem Vortrag über ein Forschungsprojekt zu sozialen Netzwerken und Partizipationsformen im Internet hat er mich angesprochen, offenbar mit der vagen Hoffnung, dass der Uni-Experte schon wissen werde, wie man das mit der Nutzerbeteiligung im Netz so macht. Er erläutert mir, dass man im Verlag jetzt „irgendwie Nutzer einbinden“ wolle, aber nicht so recht wisse, wie man das anpacken solle. Auf meine – vermutlich akademisch anmutende – Frage, warum man denn überhaupt Nutzerpartizipation anstrebe, bekomme ich zunächst einen irritierten Blick und dann eine aufschlussreiche Antwort: Weil das die Verlagsleitung halt so wolle.

29. März 2012

Die (Wieder-)Entdeckung des Publikums

Neues DFG-Projekt am Hans-Bredow-Institut

Von Nele Heise & Julius Reimer

Der Blog der Tagesschau, die „Leserartikel” auf zeit.de, der YouTube-Kanal von Maybrit Illner – ganz offenkundig hat das Web 2.0 die deutsche Medienlandschaft stark verändert. Anwendungen wie Facebook und Twitter finden zunehmend Verbreitung, neuere Studien zu den großen Verlagshäusern bestätigen diesen Trend. Dabei scheint sich insbesondere die Rolle des Publikums zu wandeln: Rezipienten werden nun nicht mehr nur als Leser, Hörer oder Zuschauer angesprochen, sondern sind immer häufiger auch eingeladen, mitzumachen im Journalismus – sei es als Kommentatoren, Feedback-Geber und Diskutanten oder als Augenzeugen, Experten und Informanten. Hierbei handelt es sich jedoch lediglich um ein Potenzial zur Beteiligung: Erste Nutzerstudien legen nahe, dass ein Großteil des Publikums keinen großen Wert darauf legt, sich einzubringen und mit Journalisten zu interagieren. Diese sind der Nutzerbeteiligung gegenüber ebenfalls nicht immer aufgeschlossen, wehren sich mitunter gegen die Veränderung traditioneller Strukturen hin zu mehr Partizipation.

29. März 2012

Die regionale Lücke

Europäische Öffentlichkeit ist zu einem Trendthema in der Medienforschung geworden. Das eigentliche Massenmedium wurde dabei aber kaum betrachtet: die Regionalzeitung.

Von Torsten Schäfer

Das Forschungsfeld der europäischen Öffentlichkeit hat sich rasant entwickelt. Doch Regionalzeitungen wurde dabei kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei ist ihr Potenzial zur Europäisierung der Öffentlichkeit, und damit zur Reduktion des Öffentlichkeits- und Demokratiedefi­zits der Europäischen Union, besonders groß: Die Regionalpresse ist das eigentliche Massenmedium; zwei Drittel der Deutschen nutzen sie als tägliche Informationsquelle. Und diese Mediengattung berichtet dort, wo die EU-Politik oft direkt Wirkung zeigt: in der Region, in Kreisen und Kommunen. Vor diesen Hintergründen schien es geboten, die Entstehungsbedingungen der regionalen EU-Berichterstattung zu erkunden und offen zu legen.