Journalistische Praxis
Das Publikum im Blick
Die veränderte Publikumsorientierung des Journalismus seit 1990
Von Bernd Blöbaum, Sophie Bonk, Anne Karthaus & Annika Kutscha
Sind Journalisten einer „Diktatur des Publikums“ ausgesetzt, wie Michael Meyen und Claudia Riesmeyer (2009) plakativ melden? Diese steile These ist ein Ausgangspunkt für die folgende Betrachtung des Verhältnisses zwischen Journalisten und Publikum. Gefragt wird nach dem Stellenwert der Publikumsorientierung im Informationsjournalismus in Deutschland seit 1990. Ausgehend von einem Journalismusverständnis, das neben den in der Forschung vornehmlich fokussierten Rollenträgern, den Journalisten, auch die journalistische Organisation (z. B. Redaktionen) und die journalistischen Programme (z. B. die Formen und Inhalte der Berichterstattung) betrachtet, wird das Publikum als Bestandteil des Journalismus aufgefasst, das als interne Umwelt (und nicht als externe Anspruchsgruppe) auftritt.
Olympische Spiele und Fernsehen
Programmgestalter im Netz olympischer Abhängigkeiten
Von Michael Steinbrecher
Sportereignisse sind zu einer wichtigen Ware im Konkurrenzkampf der Fernsehsender geworden. Alle zwei Jahre verdrängt die olympische Sportberichterstattung für gut zwei Wochen nahezu sämtliche anderen Fernseh-Genres aus den Programmen von ARD und ZDF. Olympische Spiele sind ein Mikrokosmos, in dem die Faszination und die Probleme des Sports im weltweiten Fokus sichtbar werden. Vor den Olympischen Spielen in Peking 2008 wurde unter anderem über die Gefahr der politischen Instrumentalisierung, das Ausmaß der Kommerzialisierung und die Bedrohung des Sports durch Doping diskutiert. Diese thematische Bündelung stellt für den Journalismus eine besondere Herausforderung dar.
Erzähl mir die Geschichte
Merkmale und Funktion der Reportage in Printmedien
Von Katharina Beckmann
Im Jahr 1979 erscheint in Deutschland ein Taschenbuch mit dem Titel: „Der rasende Reporter“. Die daumendicke Kladde erzählt von den Abenteuern eines Lokaljournalisten, der die finsteren Machenschaften einiger Gestalten ans Licht bringen will. Gehüllt in einen Trenchcoat mit Klappkragen und mit gespitztem Bleistift in der Hand, streift er um die Häuser – um dabei zu sein, wenn diese Gestalten ihre Geschäfte abwickeln. Und um darüber zu schreiben. Die Hauptfigur in Band 63 aus der Reihe „Walt Disney’s Lustige Taschenbücher“ erledigt ihre Aufgabe offenbar hervorragend. Gleich nach Erscheinen seines ersten Artikels wird Micky Maus vom Chefredakteur des „Entenhausener Boten“ mit folgenden Worten empfangen: „Gute Arbeit, Herr Maus! Ich biete Ihnen den Posten des Chefreporters an! Einverstanden?“
„So wörtlich wie möglich, so frei wie nötig“
Zum Umgang mit fremdsprachigen O-Tönen im Radio
Von Robert Rymes
Der fremdsprachige O-Ton fristet in Hörfunksendungen meistens ein Dasein im Schatten der deutschen Übersetzung. In der aktuellen Berichterstattung erfüllt er in der Regel nur eine Belegfunktion und auch in vielen Features dominiert die unsensible Montagetechnik des Voice-Overs. Hierbei liegt die Übersetzung über dem heruntergepegelten O-Ton und „quatscht“ ihn zu. Doch im Feature, das Themen „zum Klingen“ bringen soll, erscheint es angebracht, die nicht-sprachlichen Informationen, den klanglichen und emotionalen Aspekt der Stimme, aber auch den musikalischen Reiz einer unbekannten Sprache zur Geltung kommen lassen. Man könnte vermuten: Gerade weil der Hörer auf die unverständlichen sprachlichen Informationen nicht achten muss, kann er seine Aufmerksamkeit voll und ganz auf die sprecherischen Aspekte richten.
Zwischen Konvergenz und Kernkompetenz
Dortmunder Newsdesk-Konzept setzt neue Maßstäbe
Von Vanessa Giese & Michael Schulte
Die Zukunft des Journalismus ist crossmedial: Das Dortmunder Institut für Journalistik (IfJ) entwickelt den ersten Newsdesk, der die Medienkanäle Online, Print, Radio und Fernsehen bespielt. Das Crossmedia-Konzept setzt neue Maßstäbe in der akademischen Journalistenausbildung.
Falsch dosiert
Warum extreme Fotoformate ihre Wirkung verfehlen
Von Michael Schulte
Die Dosierung macht’s: Dieser medizinische Leitsatz gilt offenbar auch für die Bildwahrnehmung. Extreme Fotoformate in einer regionalen Tageszeitung sorgen nur bedingt für mehr Aufmerksamkeit beim Leser. Und die Bildgröße ist keine Garantie, dass der Leser sich an den Fotoinhalt erinnert. Das zeigen die Ergebnisse einer neuen Eyetracking-Studie mit jugendlichen Testpersonen. Im täglichen Kampf um das wertvollste Gut der Mediengesellschaft – die Aufmerksamkeit des Rezipienten – greifen Zeitungsredaktionen bei der Bebilderung mitunter zu radikalen Mitteln. Nicht selten nehmen Fotos deutlich mehr als die Hälfte einer kompletten Seite ein. Dabei ist das fast blatthohe Foto des argentinischen Profi-Golfers Andrés Romero auf sechs von sieben Spalten im internationalen Sportteil der „Sylter Rundschau“ nur ein Beispiel unter vielen. Solche Extremformate mögen nach Ansicht von Redakteuren und Blattmachern eine starke Anziehungskraft auf den Leser ausüben. Ebenso könnten diese besonders großen Bilder jedoch das Gegenteil bewirken, weil der Rezipient sie möglicherweise als störend oder aufdringlich empfindet.
Eine neue Chance für die Pressefreiheit
Zur Entwicklung des Mediensystems in der Ukraine
von Marina Sverdel
Die Bilder gingen um die Welt. Wochenlang säumten Ende 2004 in Orange gekleidete Menschen die Straßenzüge ukrainischer Städte. Die Landeshauptstadt Kiev und ihr Unabhängigkeitsplatz wurden zum sinnbildlichen Versammlungsort der Massenproteste. Die Demonstranten waren Oppositionsanhänger, die gegen die für sie offensichtlichen Fälschungen nach den Präsidentschaftswahlen des Jahres skandierten.
„Free Africa“ – und was ist mit der Presse?
Kritische Journalisten haben es in Südafrika schwer
Von Sonja Kretzschmar
„50 Morde jeden Tag in Südafrika – und Johannesburg ist die Hauptstadt des Verbrechens weltweit.“ Da war es wieder, das hässliche Bild von Südafrika – ausgestrahlt in einer Dokumentation auf BBC World am Abend des 7. Februar 2007.
Vom TV-Magazinfilm zum Fünf-Minuten-Kino
Was Fernsehjournalisten von Hollywood lernen können
Von Rebecca Gudisch
„Ein Fernsehjournalist ist nun einmal kein ‚Titanic‘-Regisseur.“ In diesem Punkt gibt wohl jeder Journalist dem Kameramann Peter Kerstan Recht, vor allem, wenn es um hintergründige Berichterstattung in Wirtschafts- oder Politikmagazinen geht. Fünf-Minuten-Filme über Steuerreform, Schmiergeldaffären und Währungsunion – das hört sich tatsächlich nicht gerade nach Hollywood an.
Kaum Spielraum für Eigeninitiative
dpa-Journalisten in Brüssel stehen vor vielen Barrieren
Von Torsten Schäfer
„If we go away, they don’t exist.“ Diesen Satz warf eine Reuters-Korrespondentin wütend ihren Brüsseler Agenturkollegen entgegen. Mehr als eine Stunde hatten sie vor dem EU-Ministerratsgebäude vergeblich auf die europäischen Agrarminister gewartet – in der Hoffnung, vor Beginn der Sitzung noch ein Statement einzufangen. Der spontane Ausbruch der Korrespondentin weist auf die herausragende Stellung hin, die Nachrichtenagenturen im Mediensystem zukommt: Agenturen setzen die Agenda, indem sie an vorderster Stelle Informationen sammeln und anderen Medien bereitstellen. Nachrichten, die sie auswählen, prägen unser Verständnis vom Weltgeschehen.

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