Titelthema
Kultur als zentrale Bezugsgröße
Eine kulturorientierte Journalismusforschung öffnet den Horizont für eine Reihe neuer Fragen
Von Margreth Lünenborg
Kultur hat Konjunktur. Ob in den Kulturwissenschaften, bei der Analyse der politischen Kommunikationskultur oder historischer Kulturgeschichte – der Fokus auf die kulturelle Dimension gesellschaftlichen Handelns gewinnt an Bedeutung. Bei der Erforschung von Journalismus scheint dieser „cultural turn“ mit deutlichem Zeitverzug gegenüber dem englischsprachigen Raum zunehmend auch in Deutschland an Boden zu gewinnen. Die Verortung des Dortmunder Instituts für Journalistik am Fachbereich Kulturwissenschaften mag als Indikator für diesen Blickwechsel verstanden werden.
Ein kurzes Briefing zum Kulturjournalismus
Wie die Netzkultur die Berichterstatter dazu bringt, ihr Tun zu reflektieren und neu zu erfinden
Von Stephan Porombka
Im Januar hat die „Spex“, das Magazin für Popkultur, die traditionelle Plattenkritik abgeschafft. Der „Spex“-Chefredakteur hatte dafür eine schlichte Begründung: Bislang wurde der Kritiker damit belastet, „die alleingültige Meinung zu einer Veröffentlichung zu liefern“. Das aber will man den Autoren nicht länger zumuten. Nun wird gedruckt, was die Macher des Magazins „Pop-Briefing“ nennen. Hier schreiben die Autoren kürzer, pointierter, und sie schreiben subjektiver. Das dürfen sie, weil zur gleichen Zeit andere Autoren in ihrem eigenen Pop-Briefing über denselben Gegenstand schreiben. Von der Simulation „alleingültiger Meinung“ wird hier auf Mehrstimmigkeit umgestellt. Statt Autokratie wird Polyphonie inszeniert.
Literarisierung als Systemschutz
Literarische Herangehensweisen im Journalismus sind mehr als nur ein berufsethischer Problemfall – sie helfen der Profession, sich selbst zu erhalten
Von Tobias Eberwein
Literarischer Journalismus steht – zumindest im deutschen Sprachraum – unter Generalverdacht. Ein allzu freier Umgang mit aus der Literatur entlehnten Gestaltungstechniken, vor allem ein allzu sorgloses Spiel mit Fakten und Fiktionen sei nicht mit den Aufgaben des Journalismus vereinbar, mahnen die Kritiker. Skandalträchtige Beispiele wie das des Schweizer Autors Tom Kummer, der in den 1990er Jahren unter Berufung auf einen angeblich neuartigen „Konzept-Journalismus“ für das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ Star-Interviews fingierte, geben ihnen scheinbar Recht. Literarisch gestalteter Journalismus wird dabei zum medienethischen Problemfall, den es im Sinne professioneller Standards auszuräumen, keinesfalls aber zu fördern gelte.
Berichter oder Richter?
Eine Langzeitanalyse nimmt das Feuilleton in der Tagespresse in den Blick – und zeigt Entwicklungsperspektiven auf
Von Gunter Reus
Wie ein Findling liegt dieser französische Wortbrocken in der Presselandschaft: Feuilleton. Klingt ja schön, hat aber in einer Medienglitzerwelt, die ihre Bedeutsamkeiten gern in Rubriken wie „People“ oder „Society“ verkauft, auch etwas von gepuderter Perücke und Kniebundhosen, von Aufklärung und Enzyklopädie. Hat also vieles, aber bestimmt keine Zukunft. Hat es doch. Das ehrwürdige, vor über 200 Jahren in Paris ins journalistische Taufregister eingetragene Ressort dürfte noch manche kreischende und zuckende Zeitgeistrubrik überleben. Zum großen Lamento jedenfalls, das Kulturjournalisten selbst (nicht ohne Koketterie) gerne anstimmen, besteht kein Anlass.
Così fan tutte. Eine Kommunikationsstörung
Warum und zu welchem Ende könnte man Musikjournalismus treiben, womöglich sogar studieren?
Von Holger Noltze
Er war ein Herr, ein zum Opernbesuch ordentlich angezogener Mann um die 60, und als er mit seiner Frau den Theaterraum verließ, es war das prächtige Cuvilliés-Theater in der Münchener Residenz und eben Pause von Mozarts „Così fan tutte“, da stellte er ihr folgende Frage: Wie kann das eigentlich sein, dass ein deutscher Komponist einen italienischen Text vertont? – Die Nebensächlichkeit, inwiefern Mozart ein deutscher Komponist sei, beiseite gelassen, ist das keine schlechte Frage, denn sie kann nachdenklich machen.
Quote statt Niveau?
Literatursendungen im Fernsehen schneiden im Qualitäts-Vergleich mit schriftlichen Rezensionen schlecht ab
Von Olga Kuhlbrodt
Literatur und Fernsehen gelten als unvereinbare Gegensätze. Endlos ist die Debatte, die man um sie führt. Besonders Literatursendungen im TV geraten wiederholt in die Kritik, weil sie den Spagat wagen, in einem visuellen Medium über Geschriebenes zu berichten. Als “Das Literarische Quartett” 1993 auf den Höhepunkt seines Erfolgs zusteuerte, urteilte selbst Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki: “Das Fernsehen hat mit Literatur nichts, aber auch gar nichts zu tun. Es ist ein Massenmedium, das zur Verdummung der Menschen führt und zu einer Kritiklosigkeit, die ihresgleichen in der abendländischen Geschichte sucht.”
Es ist still geworden
Bemerkungen zur gegenwärtigen Lage der Film- und Fernsehkritik
Von Karl Prümm
In den letzten Wochen war ein merkwürdiges Schauspiel zu besichtigen. Ende Januar war im Ullstein-Verlag ein „Roman“ mit einem unaussprechlichen Titel „Axolotl Roadkill“ erschienen. Schon vom Cover ließ sich ablesen, dass hier ein Produkt außerhalb aller gewohnten Ordnungen in den festgefügten Literaturbetrieb eingeschleust wurde: riesige Lettern, die auf eine Kunstwelt der Software und des Programmierens verweisen, und nur in kleinen unscheinbaren Buchstaben der Name einer völlig unbekannten Autorin: Helene Hegemann. Niemand konnte aber ahnen, dass sich hier ein Debakel der Kulturkritik anbahnte, bei dem beinahe alle Akteure schwer beschädigt wurden.
Popjournalismus als Kulturkritik
Das Potenzial des Ruhrgebiets im Kulturhauptstadtjahr ist gleichzeitig auch eine Chance für den Journalismus
Von Jörg-Uwe Nieland
Verschwindet die Medienkritik? Wen erreicht die Kulturkritik? Fragen wie diese standen in den Kommunikations- und Medienwissenschaften in den vergangenen Jahren wiederholt auf der Tagesordnung. In der Folge wurden unterschiedlichste Antworten und Empfehlungen entwickelt, sogar eine Renaissance der Medienkritik als Gesellschaftskritik diagnostiziert. Aber trotzdem bleibt dieser Zweig des journalistischen Wirkens in der Journalistik und in anderen Ausbildungsgängen verborgen. Offenbar sind die Beobachter der Beobachter weiter in der „Selbstbeobachtungsfalle“ gefangen und die Kulturkritik kommt nicht gegen ihren schlechten Ruf an.
Eine andere Schweigespirale
Öffentliche Vernachlässigung bringt sich selbst hervor
Von Horst Pöttker
Ferdinand Tönnies in den 1920er Jahren und 50 Jahre später Elisabeth Noelle-Neumann noch einmal haben eine Spirale des Schweigens beschrieben, die das öffentliche Unterdrücken von Meinungen hervorruft und auf der unbewussten Furcht der meisten Menschen beruht, die Äußerung eigener Meinungen, die von der für vorherrschend gehaltenen „Öffentlichen Meinung“ abweichen, könne zu sozialer Isolierung führen. Aufgrund dieser Isolationsfurcht, die Noelle-Neumann für unser biologisches Erbe hält, während Tönnies sie eher als Kultur- und Sozialisationsprodukt betrachtet, generiert Öffentliche Meinung sich selbst.
Was ist wichtig?
Eine Kritik der Nachrichtenauswahl
Von Rita Vock
Wenn nichts passiert in der Nachrichtenredaktion, ist ein frisches Zitat der Bundeskanzlerin Gold wert – fast unabhängig von seinem Inhalt. Zur Not tut es auch ein Minister oder der Uno-Generalsekretär. Große Namen garantieren große Nachrichten. Groß inszenierte Ereignisse, bei denen gleich mehrere große Namen eine Rolle spielen, werden gern als „Gipfel“ bezeichnet und garantieren dann eine Rundum-Berichterstattung: Vorankündigung, Liveschaltungen, Expertengespräche und Kommentare werden dem Auto-, Bildungs- oder Beschäftigungsgipfel gewidmet – obwohl auch die mitspielenden Journalisten wissen, dass die Ergebnisse entweder schon vorher ausgehandelt oder nur von sehr begrenzter Relevanz sein werden. Die Nachrichtenauswahl richtet sich in solchen Fällen also nicht nach dem Neuigkeitswert oder der Tragweite der Ereignisse, sondern nur nach einer behaupteten Relevanz, die durch das Medieninteresse noch einmal verstärkt wird.

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