Suchen

Aktuelle Einträge

Ausgaben

Rubriken

Redaktion | 31. März 2008

Eher unbekannt als anerkannt

Empirische Studie zum Einfluss des Deutschen Presserats

Von Ingo Fischer

fischer.jpg

Wie bekannt und einflussreich der Deutsche Presserat ist, darüber konnte bislang nur spekuliert werden – empirische Untersuchungen fehlten. Im Rahmen der Dortmunder Diplomarbeit „Hüter der Moral – Warum Journalisten den Pressekodex nicht kennen, aber ein Berufs­ethos brauchen“ wurden nun erstmals Journalisten darüber befragt, was ihnen der Presserat und der von ihm aufgestellte Pressekodex bedeuten. Die Probanden gaben auch an, was sie von einer publizistischen Selbstkontrolle erwarten. Die Ergebnisse der Studie dürften die Bonner Medienwächter alarmieren.

Der Deutsche Presserat ist nicht eine, sondern er ist die berufsethische Institution im deutschen Journalismus – zumindest entsteht dieser Eindruck, wenn man seinen prominenten Fürsprechern Glauben schenken mag. Mit Lob von höchster Stelle geradezu überschüttet wurde die freiwillige pub­lizistische Selbstkontrolle zuletzt im November 2006 anlässlich des Festaktes zu ihrem 50-jährigen Bestehen. Niemand geringeres als Horst Köhler hielt die Laudatio. Der Bundespräsident stellte gleich zu Beginn seiner Rede klar: „Der Deutsche Presserat ist zu seinem 50. Geburtstag stark und anerkannt. Glückwunsch.“ Da sich der Presserat der Fehlbarkeit des Journalismus bewusst sei und die Folgen zu begrenzen suche, mache er sich nicht nur zum Anwalt der offenen Gesellschaft, sondern auch der Opfer der freien Presse.

Damit spielte der Bundespräsident auf einen wesentlichen Teil der Arbeit des Presserats an: Er überprüft anhand eingegangener Beschwerden über Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge, ob in der Berichterstattung ethische Grundsätze verletzt worden sind. Bei besonders schweren Verstößen erteilt er öffentliche Rügen, über die in der Presse – insbesondere auch im betroffenen Medium selbst – berichtet werden sollte. Die Idee dahinter: Medienhäuser und Journalisten befolgen die berufsethischen Verhaltensregeln (auch), um ihren Ruf nicht durch öffentliche Kritik an ihrer Arbeitsweise zu gefährden.

Einen vorbehaltlosen Fürsprecher hat der Deutsche Presserat in der Person des Vorsitzenden der mit rund 45.000 Mitgliedern bundesweit größten journalistischen Standesorganisation: Michael Konken vom Deutschen Journalistenverband (DJV). Bei seinen Äußerungen muss natürlich beachtet werden, dass sie nicht frei von Verbandsinteressen sind – der DJV ist eine der vier Trägerorganisationen der publizistischen Selbstkontrollinstitution. Laut Konken habe der Presserat in den vergangenen 50 Jahren unter Beweis gestellt, dass sich Printmedien in Deutschland wirkungsvoll selbst kontrollieren können. Die im Jahre 1973 aufgestellten Publizistischen Grundsätze – kurz Pressekodex genannt – seien zur Basis des journalistischen Werteverständnisses geworden – „und dies nicht nur in den Printmedien“. Der Pressekodex formuliere Ansichten, die für alle Journalisten Anspruch und Arbeitsinhalt seien, die „Spruchpraxis des Presserates ist unumstößliche Grenzziehung für die tägliche Arbeit von Journalisten“. Der Pressekodex habe sich zum „Leitziel“ aller Journalisten entwickelt – und nicht allein für Zeitungs- und Zeitschriftenjournalisten, für die der Presserat rein formell betrachtet zuständig ist.

Kritiker werfen dem Presserat dagegen vor, dass er seiner selbst gestellten Aufgabe, Missstände im Journalismus aufzuspüren und zu beseitigen, gar nicht oder zumindest nicht in ausreichendem Maße nachkomme. Sein Hauptproblem liege in seiner geringen Bekanntheit. Wenn die Öffentlichkeit nicht weiß, an wen sie sich bei einer ethisch fragwürdigen Berichterstattung wenden soll, gelangten zahlreiche solcher Fälle gar nicht erst zum Presserat. Und bei den verhältnismäßig wenigen Fällen, die den Beschwerdeausschuss dennoch erreichten, funktioniere der Sanktionsmechanismus nicht, wenn ausgesprochene Rügen von der Öffentlichkeit nicht zur Kenntnis genommen würden. Medien und Journalisten brauchten dann selbst im Falle einer Rüge keinen Ansehensverlust zu befürchten, was sie dazu verleiten könnte, es im Zweifelsfalle mit den berufsethischen Verhaltensregeln nicht allzu genau zu nehmen.

Ist der Presserat nun also allgemein anerkannt, wie seine Fürsprecher behaupten, oder ist er weitgehend unbekannt, wie seine Kritiker argwöhnen? Bislang konnte schon allein deshalb keine belastbare Aussage über den Bekanntheitsgrad des Presserats gemacht werden, weil dieser noch niemals Gegenstand einer empirischen Untersuchung war. Für meine Diplomarbeit habe ich daher untersucht, wie verbreitet die Kenntnis über Presserat und Pressekodex in der Berufsgruppe der Journalisten ist. Aus der Grundgesamtheit der 2029 zum Stichtag (19. März 2006) im Raum Köln gemeldeten DJV-Mitglieder wurden 100 Journalisten per Los bestimmt. 83 Prozent von ihnen nahmen schließlich an der telefonischen Befragung teil, was eine sehr hohe Rücklaufquote bedeutet. Zwar ist die absolute Zahl der geführten Interviews zu gering, um die empirische Untersuchung mit gutem Gewissen „repräsentativ“ nennen zu können. Dennoch liefern die Ergebnisse deutliche Hinweise darauf, dass der Presserat selbst in der Berufsgruppe der Journalisten eine weitgehend unbekannte Institution ist.

47 Prozent der Probanden konnten die Frage „Wie heißt die Selbstkontroll-Einrichtung, die sich mit Fragen der journalistischen Berufsethik in Deutschland beschäftigt?“ richtig mit „Presserat“ beantworten. Die Frage „Wie werden die ethischen Verhaltensgrundsätze für Journalisten auch genannt?“ beantworteten 40 Prozent korrekt mit „Pressekodex“ oder „Pub­lizistische Grundsätze“. Noch nicht einmal jeder zweite Journalist ist demnach in der Lage, Presserat und Pressekodex spontan – den Probanden wurde bewusst keine Möglichkeit gelassen, sich auf die Interviews vorzubereiten – als Orientierungshilfen bei berufs­ethischen Fragestellungen zu nennen. Bei Fragen, deren Beantwortung eine etwas intensivere Beschäftigung mit der Materie erfordert hätte, offenbarten die Journalisten noch weit größere Wissenslücken. So wussten 94 Prozent nicht einmal annähernd, aus wie vielen Ziffern der Pressekodex besteht – es sind 16. Dabei wäre eine Antwort innerhalb der Spanne 12 bis 20 noch als richtig gewertet worden. Lediglich 5 Prozent waren in der Lage, eine einzige dieser 16 Ziffern sinngemäß wiederzugeben.

Die geringe Bedeutung, die der Presserat im Berufsalltag der Journalisten spielt, wurde auch dadurch ersichtlich, dass zwei Drittel der Befragten die Rüge nicht als härteste Sanktion nennen konnten, die der Presserat aussprechen kann. 31 Prozent der Probanden gaben an, dass sie nie oder fast nie die Entscheidungen des Beschwerdeausschusses zur Kenntnis nehmen. Es ist zu vermuten, dass die tatsächliche Zahl derer, die der Presse­rat nicht erreicht, noch höher liegt. So wusste nur jeder vierte Journalist, wie sich die Selbstkontrollinstitution im Streit um die nachgedruckten Mohammed-Karikaturen entschieden hatte – obwohl über dieses Thema erst kurz zuvor öffentlich breit diskutiert wurde und ein überdurchschnittlich hohes Interesse an der entsprechenden Presseratsentscheidung vorausgesetzt werden konnte. Es ist daher anzunehmen, dass Urteile zu anderen, gesellschaftlich weniger intensiv diskutierten Sachverhalten noch weit weniger Journalisten zur Kenntnis gelangen.

Dieses Ergebnis dürfte in seiner Deutlichkeit selbst die Kritiker des Deutschen Presserats überraschen. Wenn bislang von seiner mangelnden Bekanntheit die Rede war, dann bezog sich diese Einschätzung meist auf die Gesamtbevölkerung. Journalisten, so wurde angenommen, sei der Presserat durchaus ein Begriff, auch wenn dieser aufgrund seiner mangelnden Sanktionsmöglichkeiten einen eher geringen Einfluss ausübe. Die empirische Untersuchung zeigt jedoch, dass der Presserat selbst unter Journalisten, also in seiner Kern-Zielgruppe, ein Schattendasein fristet. Dabei – auch das stellte sich in der Befragung heraus – sind Journalisten sehr wohl an einer starken, sowohl be- als auch anerkannten Selbstkontrolle interessiert. 89 Prozent der Probanden wünschten sich, dass der Presserat sein Ansehen und seinen Einfluss stärkt. 80 Prozent gaben an, dass der Presserat mehr tun sollte, um Journalisten bei berufsethischen Fragestellungen eine bessere Orientierungshilfe zu geben. Derzeit können sich bei berufsbedingten Gewissenskonflikten nach eigenen Angaben lediglich 36 Prozent gut am Presserat orientieren.

93 Prozent der Probanden sprachen sich für ein gemeinsames Ethikgremium für alle Journalisten aus – dies würde de facto eine Ausweitung des Presserats auf alle Medien bedeuten. Ein solcher Schritt scheint möglich oder gar notwendig zu sein, zumal 94 Prozent der Befragten davon überzeugt sind, dass sich alle Journalisten an denselben standesethischen Grundsätzen orientieren sollten – ganz gleich, für welches Medium oder Ressort sie arbeiten. Ein umfassender Kodex für alle Journalisten würde auch den jüngst im „Journalist“ (Heft 3/2008) diskutierten „Onlinekodex“ obsolet machen. Der neu zu schaffenden standesethischen Kommission sollten – wenn es nach dem Willen der Journalisten geht – neben Journalisten auch Verleger angehören, wie es derzeit beim Presserat der Fall ist (62 Prozent dafür). Entsprechend würden dann auch Vertreter der elektronischen Medien – sowohl auf Arbeitgeber- als auch auf Arbeitnehmerseite – dabei sein. Aber auch die Öffentlichkeit sollte nicht mehr länger von den Sitzungen ausgeschlossen bleiben. 74 Prozent der Probanden plädieren für prinzipiell öffentliche Sitzungen des Presserats. Und 69 Prozent können es sich sogar vorstellen, unabhängige Vertreter der Öffentlichkeit in den Kreis der Entscheidungsträger einer Medien-Selbstkontrolle mit einzubeziehen. Dabei sollte es sich jedoch nicht um Vertreter der „gesellschaftlich relevanten Gruppen“ wie in den Rundfunkräten handeln, da hier die Gefahr gesehen wird, dass Fragen der Medienethik zum Spielball von Verbandsinteressen degradiert werden könnten.

Die Studie zeigt, dass der Presserat sein Ziel deutlich verfehlt hat, seine Publizistischen Grundsätze zum „Leitbild“ aller Journalisten zu machen. Wenn seine Spruchpraxis kaum wahrgenommen wird, kann sie mitnichten eine „unumstößliche Grenze“ für die tägliche journalistische Arbeit darstellen. Wer kaum etwas über die Arbeit des Presserats weiß und den Pressekodex nicht kennt, der wird sich auch nicht an ihm orientieren, wenn er in Ausübung seiner Profession in einen Gewissenskonflikt gerät.

Es bleibt festzuhalten, dass es keine allgemein be- und anerkannte Organisation in Deutschland gibt, die sich mit Fragen der journalistischen Standesethik befasst. Und das ist schlimm, da deshalb das Feld des journalistischen Berufsethos völlig brach liegt. Die Unkenntnis darüber, was Journalisten auf welche Weise tun oder nicht tun dürfen, um ihre gesellschaftliche Aufgabe erfüllen zu können, führt nicht nur zur Verunsicherung innerhalb des Berufsstandes, sondern sie schadet dem Ansehen der gesamten Profession – etwa wenn investigative Journalisten pauschal als „Intimitätenschnüffler“ verunglimpft werden.

Wenn der Deutsche Presserat seine selbst definierte Aufgabe ernst nimmt, dann darf er sich tief greifenden Reformen nicht mehr länger verschließen. Insbesondere sein Pressekodex, in dem die wichtigste journalistische Aufgabe – Information der Öffentlichkeit – kurioserweise noch nicht einmal explizit genannt wird, muss von Grund auf neu erarbeitet werden. In ihrer jetzigen Form haben sich Presserat und Pressekodex als untauglich erwiesen.

Foto: Leubner


One Response to “Eher unbekannt als anerkannt”

  1. illu Says:
    September 14th, 2008 at 9:42 pm

    also ich weiß nicht. es gibt ja journalisten in dutzenden ligen. ein wer für das hinter tupfinger tageblatt schreibt dem kann das alles zimlich gestohlen bleiben. die die im enthüllungsbereich arbeiten, die wissen schon was die regeln sind!

Comments