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Redaktion | 31. März 2008

Wider den Journalismus der Unterhosen

Ö1-Redakteur Rainer Rosenberg über Qualitätsberichterstattung in den Zeiten der Medienkonvergenz. Ein Interview.

rosenberg.jpgHerr Rosenberg, Sie arbeiten mittlerweile seit über 30 Jahren beim Österreichischen Rundfunk. Sind Sie gerne Journalist?

Ja, sehr gerne!

Warum?

Das hat mit der Wirkungsweise des Radios zu tun. Ich mag vor allem das Dialoghafte des Mediums, durch das ich im besten Fall bei allen Beteiligten Erkenntnisprozesse hervorrufen kann. Das heißt: Meine Neugierde, die natürlich schon geordnet zu sein hat, führt dazu, dass Leute etwas neu überdenken und dadurch zu neuen Erkenntnissen kommen, um diese wiederum zu kommunizieren. Das ist das, was ich besonders interessant finde. Ich habe es aber auch sehr geliebt, Reportagen zu machen. Wie heißt es so schön: „Die schlechteste Luft für den Journalisten ist die in der Redaktionsstube.“ Rauszugehen ist ganz, ganz wichtig. Man könnte natürlich auch ganz groß sagen: Als Journalist erfüllt man eine gesellschaftliche Rolle. Aber ich denke: Es ist so eine Mischung von persönlicher Neugier, von Erkenntnisprozess, vom Aufdecken von Widersprüchen, vom Erwägen der Folgen für andere Menschen und so weiter.

Ihr Journalismusverständnis, das Sie hier schildern, ist das eines hintergründigen Qualitätsjournalismus mit gesellschaftlichem Anspruch. Welchen Stellenwert hat ein solcher Journalismus gegenwärtig im deutschsprachigen Raum?

Erstens: Ich glaube, dass dieser Journalismus dringend notwendig ist. Zweitens: Ich glaube, dass er gut funktioniert – auch gegen den ganzen Infotainment-Journalismus und gegen den Journalismus der Unterhosen. Er funktioniert gut. Aber ich bin da in Österreich natürlich in einer besonders glücklichen Situation. Ich arbeite für einen Kultursender, der ein gesamtheitliches Bild des kulturell interessierten Menschen als Basis hat. Wir machen anspruchsvolle Musik. Wir haben Informationssendungen größeren Ausmaßes. Und wir haben das, was man im Allgemeinen „Kulturelles Wort“ nennt – auch mit den ganzen gesellschaftlichen Geschichten und den Reportagen und all diesem. Das gibt es alles innerhalb eines Senders. Wir haben in Österreich jetzt neun Prozent Reichweite. Das ist ein Wert, von dem deutsche Kultursender nur träumen. Und wir gewinnen bei den Jungen dazu. Wir haben erst kürzlich eine Umfrage gemacht, wonach die optimale Länge einer Radiosendung bei unserem Publikum bei 45 Minuten liegt. So gesehen kann ich sagen: Uns geht es wirklich gut, weil wir für Leute, die interessiert sind, eine wirkliche Alternative zu allen anderen Medien darstellen – ergänzend zu den Printmedien.

Das klingt ja so ein bisschen wie die Insel der Glückseligen…

Nein. Ich unterstelle den deutschen Kollegen, wenn sie die Längen der Kultursendungen kürzen, einen Denkfehler. Man fragt: Was ist die optimale Länge eines journalistischen Radiobeitrags? Und man fragt das alle – und nicht das potenzielle Pub­likum. Und dann hat man eben die vielen, die sagen: 1 Minute 30! Und so kommt man auf einen schlechten Schnitt.

Glauben Sie, dass Ihr Bild eines Qualitätsjournalismus angesichts der gegenwärtigen Medienentwicklung auch dauerhaft eine Zukunft haben wird?

Es gibt dazu keine Alternative! Wir müssen daran arbeiten – und wir machen das, und zwar mit großer Liebe. Was dabei natürlich ganz wesentlich ist: Man muss Kolleginnen und Kollegen haben und finden, die von dem, was sie machen, begeistert sind. Mit Auftragsjournalismus allein kommt man nicht weiter. Gute Journalisten müssen begeistert sein: a) von den formalen Gestaltungsmöglichkeiten ihres Mediums – das ist eine Grundbedingung; und b) von den inhaltlichen Möglichkeiten und den entsprechenden Diskursen. Von der eigenen Wichtigkeit müssen sie nicht so sehr überzeugt sein.

Die gegenwärtigen Rahmenbedingungen scheinen die Chancen für eine qualitätsvolle Berichterstattung allerdings nicht unbedingt zu erhöhen. Nur einige Schlaglichter, die sich auch in der aktuellen Ausgabe des „Journalistik Journals“ widerspiegeln: Das journalistische Rollenselbstbild franst aus – unter anderem aufgrund der technischen Entwicklung. Die Zahl der prekären Beschäftigungsverhältnisse nimmt zu. Auch um die gesundheitlichen Auswirkungen des Journalistenberufs scheint es nicht zum Besten zu stehen. Wie ist Qualitätsjournalismus unter diesen Bedingungen möglich?

Wir haben eine wahnsinnige Beschleunigung und eine wahnsinnige Veroberflächlichung als Bedrohungen. Das ist keine Frage. Und da bin ich natürlich wirklich auf einer Insel der Glückseligen tätig. Ich glaube, Ö1 ist der einzige Sender, der mit dem Aufkommen privater kommerzieller Konkurrenz sogar Reichweitengewinne verzeichnen konnte. Bei Ö3 sind die Beiträge natürlich auch kürzer geworden. Da ist der marktgängige Produktcharakter ziemlich klar. Und in diesem Produktdesign ist natürlich viel mehr Tempo drin. In unseren Landesstudios machen die Leute sehr viel selber. Dort gibt es die Anforderungen der Bi- und der Trimedialität, wo die Redakteure fürs Internet, fürs Radio und fürs Fernsehen arbeiten müssen. Das verursacht sehr viel Stress. Und es birgt die Gefahr der Oberflächlichkeit in sich. Überhaupt keine Frage.

Aber bringt der Trend zum crossmedialen Arbeiten nicht auch Chancen für die journalistische Qualität mit sich?

Das Netz ist eine optimale Ergänzung zum Radio. Es geht gar nicht darum, dass man einzelne Sendungen jetzt streamt – das ist eigentlich eine Absurdität. Aber die restlichen Dinge sind wunderbar: das Downloading, die Podcasts, die Archivfunktion des Internets – das sind wunderbare Chancen, die von den Hörern auch genutzt werden. Das ist die eine Seite. Für das journalistische Arbeiten kommt es darauf an, wie man es organisiert. Wenn man nur mehr von einer Systemeingabe zur nächsten hetzt, ist das falsch. Ich fände es zum Beispiel sehr unangenehm, wenn ich ein Interview führen und dann auch noch den Fotoapparat rausholen müsste, um ein Bild zu knipsen. Das ist eine unmögliche zwischenmenschliche Situation. Wenn man ein Interview führt, ist man so konzentriert, dass die andere Handlungsebene einen durcheinanderbringen würde. Darum nehmen viele schreibende Journalisten ja auch Fotografen mit. Es ist schon sinnvoll, dass das ein eigener Beruf ist. Dennoch: Dieses Switchen ist eine Fähigkeit, die man als Journalist in der Zukunft häufiger brauchen wird. Das kann auch Spaß machen. Ich weiß aber nicht, inwieweit es in der Summe besser ist, die einzelnen Funktionen auseinander zu lassen. Formulieren wir es mal so: Gegenseitiges Verständnis kann sicherlich nicht schaden.

Das Internet bietet – neben den genannten Potenzialen – auch die Möglichkeit, verstärkt nutzergenerierte Inhalte in die Berichterstattung einzubinden. Einige Kritiker befürchten aber, dass die journalistische Qualität dadurch weiter verwässert. Wie bewerten Sie die aktuellen Entwicklungen im Bereich Web 2.0? Ist das eine Chance oder eine Gefahr für den professionellen Journalismus?

Das ist für mich keine Bedrohung. Es könnte nur den Journalismus ein wenig irr und wirr machen. Wir kommen da zu einem grundsätzlichen Problem: Was zeichnet den Journalismus als Beruf aus? Natürlich gibt es nutzergenerierte Inhalte – keine Frage. Nur: Ich gehe doch immer davon aus, dass Journalismus ein Beruf ist, ein professionell auszuübender Beruf, und das ist ein wesentliches Kriterium. Das andere ist öffentliche Selbstdarstellung, ist Tagebuchschreiben, ist vielleicht auch der Versuch, Themen zu setzen. Aber meistens – und da kann man sich ja YouTube anschauen – sind das irgendwelche Spaßetten.

Was sind für Sie denn die spezifischen Qualitäten, die Journalismus bieten kann, die Blogosphäre aber nicht?

Zum einen die grundsätzliche Verpflichtung, gewonnene Informationen gegenzuchecken und zu versuchen, auch die andere Seite zu hören. Außerdem halte ich auch die gute alte Trennung von Nachricht und Kommentar für ganz wesentlich. Und die Quellentransparenz: Was für Quellen stecken hinter einer Information?

Viele angehende Journalisten sind unsicher, welche Kompetenzen für ihr berufliches Weiterkommen wichtig sind. Angesichts der angesprochenen Entwicklungen scheinen vor allem möglichst umfassende Technik-Kompetenzen immer wichtiger zu werden. Sehen Sie das auch so?

Ich glaube, dass man sich nicht gegen neue Entwicklungen sträuben darf. Man muss diese Entwicklungen analysieren und für sich selbst entscheiden, was man machen will. Es ist doch in der Mediengeschichte immer so gewesen, dass zwar neue Medien dazukommen, aber die alten bleiben. Und das ist von entscheidender Bedeutung. Sehr wahrscheinlich nimmt Online dem Fernsehen und dem Radio Nutzungszeiten weg. Aber damit werden diese Medien leben müssen. Der wesentliche Punkt ist: Wer wählt aus? Und da wird es immer Menschen geben, die zu einer Redaktion Vertrauen haben, die dann sagen: Die filtern mir aus dem Dschungel der Informationen etwas heraus, was interessant ist. Das lässt sich nicht automatisieren. Man wird auch vom Menschen gemachte Musikprogramme haben wollen, weil man nicht immer selbst auswählen will. Davon bin ich überzeugt: Das wird es immer geben! Ich finde es aber auch toll, dass man so viel wählen kann.

Welche Karrieretipps würden Sie einem Journalistik-Studenten ganz konkret mit auf den Weg geben?

Erstens: Man muss sich ein Medium suchen, das einen interessiert. Zweitens: Man muss beharrlich sein und einfach anfangen. Wenn es nicht auf Anhieb mit einer Festanstellung klappt, dann vielleicht im nächsten Jahr. Ich weiß das von mir selbst. Und drittens: Man muss an dem, was man will, festhalten und sich nicht vom Markt seine Berufswünsche diktieren lassen. Im Notfall – und da gibt es immer wieder wunderbare Beispiele – muss man eben selber etwas gründen. Beharrlichkeit und Lästigkeit sind aber ganz zentral, denn jeder, der Personalentscheidungen trifft, weiß: Wer lästig ist, der hat schon eine wesentliche Voraussetzung für den Journalistenberuf erfüllt. Denn Hartnäckigkeit braucht man, um gute Geschichten zu machen. Und die braucht man, um ordentliche Jobs zu bekommen.

Würden Sie selbst sich heute noch einmal dafür entscheiden, Journalist zu werden?

Keine Frage, natürlich!

Zur Person: Rainer Rosenberg, Jg. 1953, arbeitet seit 1974 für das ORF-Radio, seit 1995 als Leiter der Produktionsgruppe Spezialprogramme bei Ö1. Er begann bei Ö3, wechselte kurz zum Fernsehen und baute das Jugendmagazin „X-Large“ auf. Rosenberg ist verantwortlich für die Wiederinbetriebnahme des Mittelwelle-Programms „Radio 1476“ des ORF ab 1997. Auf Sendung zu hören ist er derzeit am häufigsten in „Von Tag zu Tag“ oder in der Porträtreihe „Menschenbilder“.

Die Fragen stellte Tobias Eberwein.

Foto: ORF


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