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Redaktion | 31. März 2008

Die unbekannten Medienmacher

Über freie Journalisten liegen kaum Daten vor

Von Miriam Bunjes

Sophie Bertram* hat gerade ihre Unterlagen zum Steuerberater gebracht. 45.000 Euro hat ihr das vergangene Jahr eingebracht – dieses Jahr wird es wohl noch mehr. „Die Redakteure in meiner Redaktion verdienen weniger“, sagt die 29-Jährige.

Seit fast einem Jahr arbeitet sie jetzt in der Redaktion der „Tagesschau“. Als Freie. Mit 120 Tagen „Prognose“ – wie es beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk heißt. Sie darf also an 120 Tagen im Jahr arbeiten und dann so viele Beiträge machen, wie sie in diesem Zeitrahmen realisieren kann. Weil sie hart arbeitet, sind das viele. „Und ich kann natürlich auch noch woanders was absetzen“, sagt sie. Mal bei den heiß begehrten „Tagesthemen“, mal sonst irgendwo im WDR – man kennt sich ja jetzt. „Es gibt mehr Arbeit, als ich machen kann“, sagt Sophie Bertram. „Manchmal muss ich mich selber bremsen, damit ich auch mal entspanne.“

So läuft es nicht bei allen Freien – jedenfalls nicht was die Bezahlung angeht. Die liegt in allen Studien unter der der Angestellten. Eine der wenigen Gemeinsamkeiten in der ohnehin begrenzten Forschung über die Freien unter den Journalisten. Etwa 1.800 Euro Gewinn vor Steuern verdient ein freier Journalist monatlich, schätzt der Deutsche Journalisten-Verband, der in diesem Jahr nach zwölfjähriger Pause wieder eine repräsentative Freien-Befragung durchführt. In der viel zitierten „Journalismus in Deutschland“-Studie von Siegfried Weischenberg et al. von 2006 liegt das Einkommen der Freien bei monatlich rund 2.000 Euro – damit aber immer noch unter dem besser messbaren Verdienst der Festangestellten: durchschnittlich 2.354 Euro. Alles in allem Summen, von denen es sich leben lässt.

Nur: „Bei diesen Durchschnittswerten sind Spitzenverdiener berücksichtigt – und sehr viele, bei denen es gerade eben zum Leben reicht“, sagt Willi Oberlander, Geschäftsführer des Instituts für Freie Berufe der Universität Erlangen. Auch er hat 2003 im Auftrag des Bayerischen Journalisten-Verbands eine repräsentative Studie unter Freien durchgeführt. Ein Ergebnis: Mehr als 40 Prozent aller Freien machen sich derartig Sorgen um ihre Zukunft, dass sie nicht ausschließen können, im nächsten Jahr einen anderen Beruf auszuüben. Und das, obwohl Journalisten in Arbeitszufriedenheitsbefragungen zu den zufriedensten Arbeitnehmern Deutschlands überhaupt gehören. „Ihren Beruf an sich – also Artikel oder Beiträge recherchieren und verfassen – finden alle gut. Auch die Freien“, sagt Willi Oberlander. „Fragt man nur danach, produziert man allerdings ein Artefakt: Ihre Arbeitsbedingungen finden viele freie Journalisten überhaupt nicht zufriedenstellend. Wie denn auch.“ Schwankt die Auftragslage, schwankt das Gehalt. Ist man krank, verdient man kein Geld – und verliert möglicherweise noch ein Arbeitsgebiet an einen Konkurrenten. Urlaub – ist nicht vorgesehen.

„Auch unabhängiger Journalismus kann schwierig werden“, sagt Oberlander und zitiert ein altes deutsches Sprichwort: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“. „Um genug Geld zu verdienen und dauerhaft Auftraggeber zu behalten, müssen Freie Kritik und andere Meinungen schon mal herunterschlucken“, sagt der Betriebswirtschaftler. „Da wird dann schon mal nur in die vorgegebene Richtung recherchiert.“

Wissenschaftlich belegen kann er diese These nicht – obwohl viel dafür spricht, dass die wenig erforschten Arbeitsbedingungen freier Journalisten auch Auswirkungen auf die journalistische Qualität haben. Denn Unabhängigkeit – eine journalistische Grundvoraussetzung, ohne die andere Qualitätsmerkmale sich gar nicht erst entfalten können – ist für Selbstständige auf dem freien Markt ungleich schwieriger. Siegfried Weischenbergs Forschungsgruppe schließt den schwierigen Bereich der freien Journalisten in Deutschland aus seiner Journalistenstudie komplett aus – damit fehlt er in der größten und aktuellsten Forschungsarbeit zum Thema.

Dennoch vermuten die Kommunikationswissenschaftler: „Es gibt heute weniger Journalisten als vor zwölf Jahren [bei der Vergleichsstudie der Forschungsgruppe, Red.], die ohne eine Mischtätigkeit über die Runde kommen.“ Der Folgeschluss: Die Zahl der freien Journalisten ist um fast ein Drittel auf rund 12.000 Personen gesunken. Der Grund ist ein Rechenspiel: Als echter Journalist zählt nur, wer 50 Prozent seines Einkommens aus journalistischer Tätigkeit einnimmt. Über die anderen wird nichts mehr erhoben – eine Forschungslücke, die bislang kaum geschlossen wurde. Daten über Freie, vor allem solche ausschließlich über Freie, sind Mangelware. Der Deutsche Journalistenverband hat nach zwölf Jahren eine neue Befragung seiner freien Mitglieder begonnen, vereinzelte Studien untersuchen die Situation von Freien in bestimmten Sparten mit. Doch schon die Uneinigkeit über die Anzahl freier Journalisten in Deutschland zeigt: Die Datenlage ist schlecht, entscheidende Diskussionen sind noch ungeführt. Ein wesentlicher Bestandteil von Mediengeschäft und Journalismus wird damit völlig unterschätzt.

Mit anderen Zahlen sehen die Dimensionen des journalistischen Arbeitsmarktes in Deutschland nämlich gleich ganz anders aus: Mehr als 38.000 freie Publizisten meldeten sich 2007 bei der Künstlersozialkasse in der Kategorie Wort an. Vor zehn Jahren waren es noch 23.000 – obwohl die Attraktivität einer vom Kostenfaktor den Angestellten gleichgestellten Sozialversicherung damals wie heute ungebrochen sein dürfte. Das sind mehr freie Journalisten als festangestellte, deren Zahl laut Bundesagentur für Arbeit bei ungefähr 36.000 liegt. Der Deutsche Journalisten-Verband geht von rund 25.000 hauptberuflichen Freien aus und „einer Vielzahl“ nebenberuflicher Freier.

„Es wird sie immer geben, die Freien“, sagt Michael Hirschler, Freien-Referent im DJV. „Der Markt verändert sich ständig und reagiert mit Freien am flexibelsten.“ Und der Blick in benachbarte Verdienstsparten ist für diejenigen, bei denen der reine Journalismus gerade nicht zum Überleben reicht, der nahe liegendste: Public Relations, Öffentlichkeitsarbeit, Unternehmenskommunikation. „Das betrifft vor allem Journalisten, die im Printbereich arbeiten“, sagt Michael Hirschler. „Von den Honoraren im Zeitungsbereich, insbesondere bei den Regional- und Lokalzeitungen, zu leben und ausschließlich zu leben, ist schwierig.“ Und so suchen sich diese Journalisten auch andere Auftraggeber. Solche, die sie für den Dienst an ihrer Sache bezahlen. „Natürlich können dadurch auch Interessenkonflikte entstehen“, sagt Michael Hirschler. „Über jemanden, für dessen Projekt man gerade eine gutbezahlte PR-Artikelreihe macht, wird man in der Lokalzeitung nicht kritisch berichten – es sei denn, man will seinen Auftrag sowieso gerade loswerden.“

Es bleibt also die Wahl: Nicht berichten und damit einen journalistischen Auftrag sausen lassen, unkritisch berichten und zweimal Geld verdienen oder kritisch berichten und damit den lukrativeren Auftrag verlieren. Die persönliche Auswahl changiert in den allermeis­ten Fällen wohl zwischen Möglichkeit eins und zwei. Und obwohl Möglichkeit zwei nicht immer inhaltlich problematisch ist – ein beworbenes Projekt kann schließlich wirklich gut sein: Dass für einen großen Teil der deutschen Journalisten solche Loyalitäts- und auch Qualitätskonflikte unverbrüchlich zu den Arbeitsbedingungen gehören, hat mit Sicherheit Auswirkungen auf die journalistische Qualität der deutschen Medienproduktionen. Auch wenn die bezahlte Lobby-Arbeit in den meisten Fällen nur „ein notwendiges Übel zum Geldverdienen ist“, wie Michael Hirschler sagt.

So ist das auch für Anna Sobireiski*. Sie macht neben ihrer journalistischen Arbeit auch Öffentlichkeitsarbeit für soziale Projekte. „Das ist inhaltlich völlig unproblematisch für mich“, sagt die 25-Jährige. Anders würde eine solche Art von Arbeit für sie auch nicht in Frage kommen. „Das muss irgend­etwas sein, hinter dem ich selber stehen kann“, sagt sie. „Sonst kann ich mich ja selber nicht im Spiegel anschauen.“ Das gilt auch, wenn der finanzielle Spielraum für moralische Bedenken eng ist. 11.000 Euro, mehr wird es in diesem Jahr wohl nicht, glaubt sie. Denn an zwei Tagen in der Woche will sie promovieren – aus persönlichem Ehrgeiz und wissenschaftlichem Interesse, aber auch, um sich beruflich noch andere Wege offen zu halten. „Deshalb ist der Status frei für mich auch gerade besser“, sagt Anna Sobireiski. „Halbe feste Stellen gibt es ja so gut wie gar nicht und ich will nicht zwanzig Jahre für meine Promotion brauchen.“

Aber eigentlich hätte sie den freien Weg lieber nicht gewählt. Nach ihrem Volontariat bei einer Regionalzeitung stand immer wieder die feste Stelle im Raum. Sie arbeitet seitdem regelmäßig für ihren Ausbildungsbetrieb – für Löhne, „die eigentlich ein Witz sind“. Denn auch wenn es schon mal 100 oder 150 Euro für einen Artikel gibt, „den ich auch schnell geschrieben habe“ – Spesen gibt es nie. „Und wenn ich für eine Geschichte mehr als 100 Kilometer gefahren bin, hat sich der Text aus finanzieller Sicht eigentlich nicht gelohnt.“

Gerade eben hat sie wieder so ein Spesenproblem gehabt. Ein Artikel über einen Künstler. Telefonrecherche reicht, sagt ihr Auftraggeber, diesmal eine Nachrichtenagentur. Der Künstler ist gerade im Ausland, der Handyempfang ist schlecht, das Gespräch dauert lange. „Das wird ein 50-Euro-Artikel – und ich habe gerade für 20 Euro telefoniert“, sagt Anna Sobireiski. Sie wird die Geschichte trotzdem machen. Sogar gerne. „Mir macht mein Beruf Spaß und ich habe den persönlichen Ehrgeiz, ihn gut zu machen“, sagt sie. Deshalb arbeitet sie auch für Dumpinglöhne – auch, wenn sie diese nicht gerecht findet und ihre finanziellen Umstände ihr oft Sorgen machen. „Für immer geht das nicht so weiter“, sagt sie. „In den nächsten zehn Jahren möchte ich schon etwas Festes haben.“ Denn wenn sie an Altersvorsorge denkt oder daran, später einmal eine Familie zu haben, wird ihr mulmig. „Das ist nicht ohne weiteres drin.“

So sieht das auch ihre Fernsehkollegin Sophie Bertram: „Klar verdiene ich jetzt viel Geld, aber ich muss auch immer präsent sein, immer flexibel, voller neuer Ideen. In zehn Jahren haben sich meine Lebensumstände vielleicht verändert. Die Anforderungen an mich als Freie aber nicht.“

Altern ist tatsächlich schwierig für Freie. „Auch und vielleicht auch besonders für diejenigen, die sich erfolgreich auf dem Markt behauptet haben“, sagt Michael Hirschler. Nach Jahren oder Jahrzehnten spezialisierter Arbeit für ein Ressort wechselt das Redaktionspersonal. Neue, jüngere Redakteure mit anderen Vorstellungen sitzen an der altgewohnten Schnittstelle der Macht, die entscheidet, welcher Artikel von welchem Freien interessant ist. „Nach vielen Jahren Berufserfahrung sind es die alten Freien dann nicht mehr gewohnt, auch mal abgelehnt zu werden und den Kampf um einen guten Platz in der Zeitung, der für sie früher normal war, wieder aufzunehmen.“ Der Freien-Referent hört deshalb oft sehr unterschiedliche Markteinschätzungen seiner Journalisten. „Die Arbeit liegt auf der Straße, sagen viele Junge. Und von Älteren höre ich, dass es immer weniger gibt.“ Das habe auch mit der abnehmenden thematischen Flexibilität älterer Journalisten zu tun. „Das Verständnis für Jugend und die richtige Einschätzung von Neuentwicklungen nimmt eben im Allgemeinen ab“, sagt Hirschler. „Das gilt natürlich auch für festangestellte Journalisten. Die haben allerdings eine Redaktion im Rücken, die Themen auch mal kontrovers diskutiert. Ein älterer freier Journalist ist ja immer noch ein Einzelkämpfer.“

Ein Kämpfer, der auch noch hoffen muss, einigermaßen gesund zu bleiben. „Das gilt ja für alle Selbstständigen, dass Krankheit ein Problem ist“, sagt Willi Oberlander vom Institut für freie Berufe. „Journalismus gehört dabei auch nicht zu den besonders gesunden Berufen, weil der Stress­pegel oft sehr hoch ist, gerade wenn man sich als Selbstständiger permanent gegen Konkurrenten durchsetzen muss.“

* Namen von der Redaktion geändert


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