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Redaktion | 31. März 2008

Bürgerreporter: Ergänzung mit vielfältigem Potenzial

Übernehmen Laien die Redaktionen?

Von Philomen Schönhagen

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Bürgerjournalismus ist derzeit in aller Munde. Manche sehen darin eine Revolution, andere eine Bedrohung oder gar einen Ersatz für den professionellen Journalismus. Doch worum genau handelt es sich? Und welche Erkenntnisse liegen vor, die über Spekulationen hinausgehen? Zu beachten ist, dass der Begriff „Bürgerjournalismus“ – auch Grassroots oder Civic journalism genannt – auf unterschiedliche Phänomene angewandt wird.

Unter Bürgerjournalismus werden erstens die in letzter Zeit boomenden Amateurreporter gefasst. Hier geht es also um Lesermitarbeit oder Bürgerbeteiligung im Journalismus, die alles andere als neu ist: Im 19. Jahrhundert war die Mitarbeit der Leser bei lokalen und regionalen Zeitungen in Deutschland ein weit verbreitetes und überaus erfolgreiches Konzept. Die Leser sandten Beiträge ein, die geprüft und teilweise bearbeitet im redaktionellen Teil veröffentlicht wurden, durchaus auch an prominenter Stelle wie auf der Titelseite.

Interessant ist, dass die damalige Lesermitarbeit im Zusammenhang mit dem journalistischen Konzept der Unparteilichkeit stand. Dieses prägte nicht nur den Lokaljournalismus des 18. und 19. Jahrhunderts, sondern bereits die Anfänge des deutschen Journalismus im 17. Jahrhundert, auch wenn sich diese Erkenntnis im Fach noch nicht überall durchgesetzt hat. Die journalistische Unparteilichkeit war ein explizites, in konkreten Handlungsnormen fixiertes sowie in der Praxis realisiertes Programm, das weitgehend mit dem heutigen Informations- oder Qualitätsjournalismus identisch war. Die Zeitung sollte Forum gesellschaftlicher bzw. lokaler Kommunikation und Diskussion sein. Realisiert wurde dies nicht zuletzt mittels der Leserbeiträge, in denen die Bürger kontinuierlich und kontrovers über aktuelle lokale Themen wie Bürgermeisterwahlen, Waisenhäuser oder Straßenverkehr diskutierten. Dabei spielten ökonomische Motive eine nicht zu unterschätzende Rolle: Die Zeitungen verfügten typischerweise über wenig Personal, vor allem aber hatte man erkannt, dass eine große, heterogene Leserschaft am besten zu erreichen war, indem man die Zeitung deren Interessen und Stimmenvielfalt öffnete.

Im Gegensatz zu früher beschränken sich die Beiträge der Bürgerreporter im redaktionellen Teil heute meistens auf Bilder und Kurzmeldungen. Diskussionen aktueller Themen mit und zwischen Lesern oder Nutzern finden eher getrennt vom redaktionellen Teil statt, in speziellen Onlineforen bzw. Communities, Blogs und neuerdings auch mittels des Onlinedienstes „Twitter“. Eine interessante Frage ist, welche journalistischen Konzepte jeweils hinter der Lesermitarbeit stehen, auch im Vergleich zum 19. Jahrhundert. Dabei sollte präzise und durchgängig zwischen Leserbeiträgen im redaktionellen Teil einerseits und auf gesonderten Plattformen andererseits differenziert werden, was bislang kaum der Fall ist.

Mit Bürgerjournalismus werden zweitens auch verschiedene Formen des so genannten „user-generated content“ bezeichnet. Darunter fallen diverse Internetplattformen, auf denen Nutzer schreiben und diskutieren. Manche sind mit einem massenmedialen Angebot verbunden (Leserforen oder -Blogs wie z. B. „OPINIO“ der „Rheinischen Post“) und werden meist von Redakteuren moderiert. Hasstiraden, Vulgaritäten etc. und die deshalb erforderliche inhaltliche Kontrolle in Foren, die unter redaktioneller Verantwortung stehen, sind ein viel diskutiertes Thema. Die meisten Plattformen sind jedoch von Massenmedien unabhängig und werden von unterschiedlichsten Akteuren betrieben und beliefert, individuell oder kollektiv. Insbesondere sind dies Weblogs, die typischerweise von subjektiven Sichtweisen und Meinungen geprägt sind. Davon sollen hier Nachrichten-Wikis unterschieden werden (siehe weiter unten).

Eine ganze Reihe von Studien zu Blogs und Bloggern zeigt, dass diese sich deutlich vom professionellen Journalismus unterscheiden und diesen nicht ersetzen können, auch nicht in ihrer Gesamtheit. Blogs dienen vor allem dem Ausdruck persönlicher Erfahrungen und Erlebnisse; Letztere sind zugleich bevorzugte Quellen von Bloggern. Klassische journalistische Sparten wie Politik und Wirtschaft werden deutlich weniger abgedeckt als das Privat- und Arbeitsleben sowie Technik- und Internetthemen. Blogs sind zudem kommunikationsstrukturell vom Journalismus zu unterscheiden: Sie stellen meist partikuläre, interessengebundene Kommunikationsbeiträge dar, während der Journalismus interessenübergreifende Kommunikationsvermittlung leistet. Blogs und ähnlicher „user-generated content“ sollten präziser als Laienpublizistik bzw. „vernetzte Meinungspublizistik“ (Steffen Büffel) bezeichnet und so vom Journalismus abgegrenzt werden.

Ein drittes Phänomen, das unter der Bezeichnung Bürgerjournalismus diskutiert wird, ist der so genannte Wiki journalism. Es handelt sich um Nachrichten-Websites, die von Laien kollektiv erstellt werden, wie z. B. „Wikinews“ oder „Onlinezeitung24.de“. Dabei werden Laien stärker journalistisch tätig als bei der Lesermitarbeit: Sie liefern nicht nur Beiträge oder Fotos, sondern selektieren und bearbeiten Nachrichten – die allerdings häufig wieder Massenmedien entstammen. (Daneben existieren auch so genannte hybride Varianten, wie z. B. „OhmyNews“, wo professionelle Journalisten und Laien zusammenarbeiten). Nachrichten-Wikis, wie z. B. die „Readers Edition“, orientieren sich im Gegensatz zu Blogs meist an den klassischen Standards des Nachrichtenjournalismus. Können sie diesen auch ersetzen? Klare Defizite in Aktualität und Universalität sprechen dagegen, es mangelt aber noch an Forschung zu Nachrichten-Wikis. Das amerikanische Project for Excellence in Journalism (PEJ) des Pew Research Center in Washington hat 2007 eine vergleichende Inhaltsanalyse dreier „user-driven“ Nachrichtensites mit „Yahoo News“ und 48 Websites von „Mainstream“-Medien durchgeführt. Es zeigen sich deutliche Unterschiede: Die nutzergenerierten Seiten befassen sich vor allem mit Technik- und Lifestyle-Themen, sie berichten sehr punktuell statt kontinuierlich, als Quellen dienen vorwiegend Blogs. Die Verfasser schließen daraus, dass die von Nutzern erstellten Angebote eine ergänzende Funktion haben und die traditionellen Nachrichtenmedien nicht ersetzen. Damit ähneln die Ergebnisse sehr stark jenen der oben erwähnten Weblogforschung.

Professioneller Journalismus und wohl auch die Zeitung als Medium journalistischer Kommunikationsvermittlung werden in absehbarer Zeit nicht ersetzt, jedenfalls nicht von den derzeit als Bürgerjournalismus bezeichneten Phänomenen. Vielleicht wird die Zeitung nicht als gedrucktes, sondern nur als online verbreitetes Produkt überleben. Sie war jedoch auch in ihren Anfängen kein gedrucktes, sondern ein handgeschriebenes Medium. Der Druck war eine Maßnahme der Rationalisierung ihrer Herstellung und diente der schnelleren sowie billigeren Vervielfältigung, womit auch eine größere Verbreitung und Aktualität ermöglicht wurde. Aus dieser Perspektive kann das „going online“ der Zeitung ebenfalls als (technische) Rationalisierung begriffen werden, die erneut eine schnellere und billigere Verbreitung und damit Ausweitung ihres Leserkreises ermöglicht. Voraussetzung ist, dass das Problem der Finanzierung gelöst wird.

Abschließend sei die Frage gestellt, welche Veränderungen im Redaktionsalltag die angesprochenen Phänomene des so genannten Bürgerjournalismus mit sich bringen. Dazu liegen bislang nur wenige wissenschaftliche Erkenntnisse vor.

Einige Untersuchungen befassen sich mit der Blognutzung durch Journalisten. Laut neueren Studien nutzen um 50 Prozent der befragten Journalisten Blogs als Quelle, aber nur bei wenigen Befragten ist dies häufig der Fall. Dies hängt sicher damit zusammen, dass Blogs u. a. aufgrund mangelnder Glaubwürdigkeit bzw. fehlender journalistischer Standards von einer Mehrheit nicht als vertrauenswürdige Quellen betrachtet werden. Das häufigste Motiv der Blognutzung ist es, Ideen für Artikel zu finden.

Auswirkungen der Bürgerreporter auf die Redaktionen sind noch kaum erforscht. Das Prüfen und Bearbeiten der meist per SMS, MMS, E-Mail oder Upload eingehenden Bilder und Meldungen scheint bisher meistens im Rahmen der üblichen Routinen zu erfolgen. Dabei sind häufig die Online-Redaktionen zuständig. Beim Schweizer „Blick“ gibt es einen zuständigen Redaktionsassistenten, bei „Bild“ sogar mehrere spezialisierte Mitarbeiter. Bürgerreporter führen kaum zu Einsparungen in den Redaktionen, eher weisen die Journalisten auf erhöhten Personalaufwand hin: Nicht zuletzt müssen die Leser zur Mitarbeit angeregt werden, was schon im 19. Jahrhundert ein wichtiger Aspekt war.

Trotz des derzeitigen Booms des so genannten Bürgerjournalismus werden also Laien nicht die Redaktionen übernehmen und das Ende des professionellen Journalismus einläuten. Bürgerreporter und Blogs sind vielmehr eine Ergänzung mit vielfältigem kreativen Potenzial: So dienen Blogs als Quellen der Recherche und Ideenfindung sowie als Spielwiese für neue Darstellungsformen. Zudem beleben sie die Medienkritik (Media Watchblogs). Mit der Lesermitarbeit in Form von Bürgerreportern könnte man, neben hochaktuellen Bildern und Meldungen von Augenzeugen, möglicherweise die lokale Kommunikation und Diskussion (wieder) unmittelbar „ins Blatt holen“. Ob Lesermitarbeit, Diskussionsforen und dergleichen die Attraktivität medialer Angebote und die Leserbindung tatsächlich erhöhen, ist kaum geklärt. Am wenigsten klar erscheint bislang die Rolle des so genannten Wiki journalism – hier besteht ein weites Forschungsfeld, auch für studentische Abschlussarbeiten.

Weiterführende Literatur:

Foto: kallu/flickr.com


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