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Redaktion | 31. März 2008

Fokus: Beruf: Journalist

Zum gegenwärtigen Stand der Journalismusforschung

Von Johannes Raabe

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Der Journalistenberuf bildet einen zentralen Bestandteil des Objektbereichs der Journalismusforschung. Wollte man das Verhältnis der Forschung zu diesem speziellen Gegenstand schön zeichnen, müsste man nur kurz und knapp – und völlig korrekt – herausstellen: Die empirische Journalismusforschung der jungen Publizistik- und Kommunikationswissenschaft startete in den 1950er Jahren mit Berufsstudien. Allein für die Zeit von 1945 bis 1990 hat Frank Böckelmann in seiner großen Forschungssynopse über 700 Studien aufgelistet, die sich mit dem Thema „Journalismus als Beruf“ beschäftigen. Und in jüngerer Zeit sind wieder verstärkt Untersuchungen zu beobachten, die sich mit Veränderungen des Journalistenberufs auseinandersetzen. Ein genauerer Blick auf die Entwicklung der Forschung aber zeigt, dass dieses Verhältnis längst nicht so unproblematisch ist, wie es zunächst den Anschein haben mag. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Zunächst ist daran zu erinnern, dass die Journalismusforschung lange Zeit mit dem Erbe einer normativen Publizistik zu kämpfen hatte, die den Beruf des Journalisten zu einer Frage der Berufung mit persönlichem Sendungsbewusstsein erklärt und zudem mit der Voraussetzung einer besonderen Begabung ideologisch überhöht hatte. Im Mittelpunkt des Interesses standen Beschreibungen und Biografien großer journalistischer Persönlichkeiten, die als Idealtypen vorgestellt wurden. Diese Verklärungen standen nicht nur empirisch-analytischen Bemühungen der aufkommenden Teildisziplin im Wege, sondern pflanzten sich in den Köpfen von Journalisten fort, die mit solchen Vorstellungen gut leben und sie zur Zementierung ihres beruflichen Selbstverständnisses nutzen konnten. So stammten, wie Wolfgang R. Langenbucher 1973 konstatierte, die meisten Veröffentlichungen über Journalisten und ihr Berufsverständnis in jener Zeit von Journalisten selbst, mit denen sich der ‚Stand’ sein eigenes Berufsbild schuf.

Doch auch unabhängig von diesem Erbe erweist sich die Kategorie ‚Beruf’ für die Journalismusforschung als problembehaftet, da die Berufsbezeichnung ‚Journalist’ – etwa im Unterschied zu der des Arztes oder Anwalts – nicht geschützt ist, so dass sich jeder Journalist nennen kann, der das möchte. Das liegt daran, dass man sich aufgrund der Erfahrungen mit dem Journalismus in der Zeit des Nationalsozialismus, der von Staat und Partei komplett vereinnahmt und kontrolliert worden war, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bewusst für einen offenen Beruf entschied – ohne spezielle Voraussetzungen, Berufslisten (wie es sie heute beispielsweise noch in Italien gibt), ohne eine einheitliche Ausbildung und mit einem Zugang für jedermann.

Bei der quantitativen Ermittlung der Journalisten in Deutschland hat es sich zudem immer wieder als schwierig erwiesen, den Beruf des Journalisten definitorisch abzugrenzen. Das gilt zum einen für die Grenzziehung zu anderen, benachbarten Kommunikationsberufen sowie zu Tätigkeitsfeldern, die an den Rändern des Journalismus (oder jenseits davon) anzusiedeln sind. Was macht man zum Beispiel mit TV-Profis, die – nicht selten mit einer journalistischen Ausbildung in der Tasche – seit Jahren für reine Unterhaltungsformate im Fernsehen arbeiten? Und wie verfährt man mit den Mitarbeitern von Online-Medien, die letztlich nur Content für Service-Portale aufbereiten und bereitstellen? Das Abgrenzungsproblem gilt zum anderen auch für die notwendige Unterscheidung gegen­über nicht-beruflichen Formen journalistischer Tätigkeit. So verfahren, wie Christoph Neuberger herausgestellt hat, amtliche Statistiken und Berufszählungen in der Regel einfach nach dem ‚semantischen Prinzip’, das heißt: Jeder wird mitgezählt, der sich selbst als Journalist bezeichnet oder von anderen als solcher bezeichnet wurde. Auch bei der Aussonderung der nicht hauptberuflich tätigen Journalisten ergeben sich immer wieder Schwierigkeiten, die selbst für die wissenschaftliche Forschung letztlich nicht in den Griff zu bekommen sind. Unterscheidet man danach, ob sie mindestens die Hälfte ihres Einkommens aus journalis­tischer Erwerbsarbeit beziehen? Oder danach, ob sie den überwiegenden Teil ihrer durchschnittlichen Arbeitszeit für journalistische Medien tätig sind? Was aber, wenn Freie für verschiedene Auftraggeber mal PR-Artikel, mal journalistische Texte abliefern, je nach Auftragslage? Und ab welchem Punkt ist ein freier Journalist ‚ständiger’ freier Mitarbeiter? Hinzu kommt bei deren Erfassung, dass es sich kaum vermeiden lässt, freie Journalisten, die für mehrere Auftraggeber (nicht selten in unterschiedlichen Medienbereichen) arbeiten, mehrfach zu zählen.

Anfang der 1990er Jahre wurden in Deutschland mit der Münsteraner Untersuchung „Journalisten in Deutschland“ und der Hannoveraner „Sozialenquête über die Journalisten in Deutschland“ die ersten beiden repräsentativen Journalistenbefragungen durchgeführt. Sie lieferten erstmals detaillierte Befunde über die Berufsgruppe der Journalisten, ihre Vor- und Ausbildung, Berufsbedingungen, redaktionelle Tätigkeiten sowie über ihre Rollenselbstverständnisse, Meinungen und Einstellungen. Dabei zeigte sich, dass die beiden Erhebungen aufgrund der genannten Schwierigkeiten bereits bei der quantitativen Ermittlung der hauptberuflichen Journalisten zu deutlich unterschiedlichen Ergebnissen kamen.

Der Rückgriff auf die Mitgliederlis­ten der Berufsverbände ist auch keine Lösung. Denn als gesellschaftliche Interessenvertretungen zielen sie verständlicherweise darauf ab, Sprachrohr für eine möglichst große Anzahl von Berufsvertretern zu sein. Entsprechend pflegen sie ein inklusives Journalismusverständnis, bei dem Public-Relations-Fachkräfte, Mitarbeiter innerbetrieblicher Unternehmenskommunikation, in der Aus- und Fortbildung Tätige sowie Medienberater zu den Journalisten hinzugerechnet werden – von Verbandsmitgliedern, deren publizistisches Tätigsein oft viele Jahre zurückliegt, gar nicht zu reden.

Überdies diente der Begriff des Berufs in der Tradition einer personenbezogenen Journalismusforschung nur allzu lange dazu, den gesamten Journalismus schlicht als Beruf zu fassen und allein über diejenigen Personen zu identifizieren, die angeben, diesen Beruf auszuüben. Lässt sich, so hat Manfred Rühl das unlängst formuliert, Journalismus auf ein Aggregat beruflich Schreibender reduzieren? Natürlich nicht.

Journalismus muss als ein institutionalisierter, spezifisch strukturierter Handlungs- und Kommunikationszusammenhang begriffen werden, der sich der Forschung nicht über beteiligte Individuen und deren subjektive Meinungen, Einstellungen oder Absichten erschließt. Diese Einsicht führte in der Journalismusforschung zu der Betrachtung des Journalismus als ein eigenständiges und eigenlogisches (Funktions-)System der modernen, ausdifferenzierten Gesellschaft. Dabei soll nicht bestritten werden, dass journalistische Berufs- und Arbeitswirklichkeiten im Zentrum des Objektbereichs der Journalismusforschung stehen. Die Frage bleibt jedoch, ob die Kategorie ‚Beruf’ geeignet ist, infrage stehende Phänomene der wissenschaftlichen Forschung zugänglich und empirisch analysierbar zu machen.

Das ist sie vor allem dann nicht, wenn der Begriff einfach aus Alltagsvorstellungen übernommen wird, so dass letztlich unklar bleibt, was genau mit ‚Beruf’ gemeint ist und was die Forschung damit erfassen soll. Zudem verschleiert die Rede vom Journalismus als Beruf den simplen Sachverhalt, dass es den einen Beruf ‚Journalismus’ nicht gibt und wohl auch nie gegeben hat. Stattdessen müsste man heute von einer Vielzahl journalistischer Berufe mit unterschiedlichen Arbeitsfeldern und Tätigkeitsmerkmalen sprechen.

Auf die Verwendung alltagsvernünftiger Vorstellungen vom Journalismus als Beruf zielt der von Manfred Rühl angemahnte Sachverhalt, dass die Forschung Anstrengungen zur Entwicklung einer wissenschaftlichen Vorstellung von ihrem Gegenstand entwickeln muss. Sie erst führen zu einer theoretischen Konstruktion des Forschungsobjekts, mit der die Forschung dann auch begründet und reflektiert empirisch arbeiten kann.

Es war zunächst vor allem die systemtheoretisch fundierte und später systemtheoretisch-konstruktivistische Journalismusforschung, die diesen Sachverhalt ernst genommen hat. Bei der Diagnose von Veränderungen im Journalismus hat sie Schlagworte wie die ‚Entgrenzung’ des Journalismus, ‚Entdifferenzierung’ wie (Binnen-) ‚Differenzierung’ und ‚Spezialisierung’ geprägt. Diese Schlagworte zielen vor allem auf Wandlungsprozesse ab, die auf der Makroebene des Systems angesiedelt sind. Konkrete Veränderungen der strukturierten journalistischen Handlungspraxis bleiben dabei weitgehend außen vor.

Im Jahr 2005, zwölf Jahre nach der ersten Erhebung, hat die Forschergruppe um Siegfried Weischenberg erneut eine repräsentative Journalistenbefragung durchgeführt, um die aktuellen Ergebnisse mit denen der ersten Welle von „Journalismus in Deutschland“ vergleichen und dadurch Entwicklungen, die sich seither abzeichnen, herausarbeiten zu können. Als wichtigste Veränderungen des Journalismus in diesem Zeitraum stellen sie heraus:

Insgesamt ist die Zahl der hauptberuflichen Journalisten trotz weiter steigenden Medienangebots um mehr als 10 Prozent zurückgegangen, auch wenn durch hinzugekommene Arbeitsplätze bei Online-Medien und speziellen Zielgruppen-Printtiteln eigentlich zahlreiche neue Festanstellungen entstanden sind. Gestiegen ist hingegen die Zahl freier Journalisten, die nicht das Kriterium der Hauptberuflichkeit erfüllen, weil sie ihren Lebensunterhalt großteils mit anderen Arbeiten etwa in den Bereichen PR oder Werbung bestreiten (müssen), was von den Forschern als ‚partielle Deprofessionalisierung’ im Journalismus bezeichnet wird. Trotz fortschreitender Kommerzialisierung der Medien, knapperer personeller Ressourcen, größerem Zeitdruck und verschärfter Konkurrenz würden sich die Journalisten heute stärker noch als zwölf Jahre zuvor den Standards des klassischen Informationsjournalismus verpflichtet fühlen, halten die Autoren der Studie fest; zumal die journalistische Arbeit in den Augen der Befragten heute in geringerem Maße Einflüssen und Pressionen von außen ausgesetzt sei (Könnte es nicht auch sein, dass sie heute weniger sensibilisiert sind als ihre Kollegen noch Anfang der 1990er Jahre?).

Differenzierungsprozesse innerhalb des Journalismus beobachten Weischenberg, Malik und Scholl im Hinblick auf allgemeine versus hoch spezialisierte Angebote vor allem im Zeitschriften- und im Online-Bereich, hinsichtlich zusätzlicher Rubriken und Ressorts, aber auch einer sich weiter öffnenden Schere bei den verschiedenen Einkommensgruppen unter den Journalisten. Davon sind auch die Journalistinnen betroffen, deren Anteil zwar stark angestiegen ist und die heute vermehrt auch in klassische, bislang von Männern dominierte Ressorts vordringen, die aber auf gleichen Positionen im Durchschnitt deutlich weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen und zudem nach wie vor in nur geringer Zahl in Entscheidungspositionen aufrücken. Daneben attestieren die Forscher den Journalisten eine stärkere Ausrichtung an anderen Medien und Kollegen als früher, was sie als ‚forcierte Selbstorientierung’ bezeichnen. Was schließlich die Bedeutung sich wandelnder Rahmenbedingungen für die Qualität des Journalismus anbelangt, halten die Autoren fest, dass dies von den Journalisten selbst kontrovers diskutiert wird.

Hier zeigen sich die Grenzen einer Forschung zu Veränderungen in den Berufs- und Arbeitswirklichkeiten des Journalismus, die ausschließlich mit dem Instrument der Befragung arbeitet. Überdies neigen solche Repräsentativstudien naturgemäß dazu, aggregierte Daten mit Mittelwerten zu präsentieren, was eher zu Einsichten über generelle Entwicklungen des Journalismus führt, nicht so sehr jedoch zur Beobachtung konkreter Veränderungen in der strukturierten journalistischen Handlungs­praxis.

In diese Lücke stößt ein groß angelegtes, ambitioniertes Untersuchungsprojekt von Münsteraner Journalismusforschern unter der Federführung von Bernd Blöbaum, das sich den Veränderungen im Journalismus mit einem Multimethodendesign nähert: Neben einer standardisierten Journalistenbefragung umfasst das Projekt Redaktionsbeobachtungen bei Zeitungen, Zeitschriften, Hörfunk, Fernsehen und in Online-Redaktionen sowie Inhaltsanalysen von Stichproben ihrer Berichterstattung über einen Zeitraum von 16 Jahren. Hinzu kommen persönliche Interviews mit erfahrenen Redakteuren und dem Leitungspersonal ausgewählter Medien.

Mit diesem Design sollen Strukturveränderungen des Journalismus auf der Ebene der Redaktionsorganisation, von Journalisten und ihrem Publikum sowie auf der Ebene journalistischer Programme (wie Darstellungsformen, Selektionsprinzipien und Richtigkeits-Checks) sichtbar werden. Neben diesen Veränderungen der Binnenstrukturen des Journalismus zielt die Untersuchung aber auch darauf ab, Irritationen, Anregungen und Begüns­tigungen aus der Umwelt des Journalismus zu beobachten. Schließlich soll der Frage nachgegangen werden, ob es sich bei dem feststellbaren Wandel um Änderungen der Strukturen handelt, die natürlich sind und vom System selbst verarbeitet werden, oder ob dabei die Strukturen des Journalismus soweit deformiert werden, dass bei jenen Wandlungsprozessen dessen Identität auf dem Spiel steht. Auf die Ergebnisse dieser Untersuchung darf man jetzt schon gespannt sein.

Daneben ist aber auch zu beobachten, dass in der jüngeren Vergangenheit wieder vermehrt spezielle Berufsstudien – oft als kleinere Fallstudien angelegt – durchgeführt werden. Das Programm der Tagung „Spezialisierung im Journalismus“ der Fachgruppe Journalistik und Journalismusforschung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, die Ende Februar an der Hochschule Bremen stattfand, belegt diesen Trend. Solche Einzeluntersuchungen haben neben den großen Erhebungen durchaus ihre Berechtigung. Nicht zuletzt können sie dazu beitragen, dass aktuelle Veränderungen der journalistischen Berufs- und Arbeitswirklichkeiten auch in sonst wenig beobachteten Unterfeldern des Journalismus überhaupt in den Fokus der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit geraten. In Zeiten, in denen sich diese Wirklichkeiten möglicherweise stark verändern, wäre dies umso wichtiger.


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