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Redaktion | 31. März 2008

Blackbox freier Journalismus

poettker_web1.jpgEin Beruf, das sei jene Spezialisierung und Kombination von Leistungen einer Person, die ihr eine kontinuierliche Erwerbschance bieten, so Max Webers berühmte Definition. Seitdem Journalismus zu einem Beruf geworden ist, erwarten Journalisten, mit ihrer Tätigkeit ein Auskommen zu finden. Ihre Gewerkschaften haben sich erfolgreich dafür eingesetzt, dass das bei Festanstellung gesichert ist. Als freier Beruf dagegen ist Journalismus seit jeher verbunden mit besonderen Risiken wie schwankender Auftragslage, Krankheit und Alter, aber auch mit besonderen Verdienstmöglichkeiten. Freie Journalisten mit überragenden Fähigkeiten wie Heinrich Heine oder Joseph Roth haben zeitweilig von fürstlichen Honoraren ein Luxusleben geführt, dann aber auch wieder am Hungertuch genagt.

Ist Journalismus (noch) ein Beruf im Sinne Max Webers? Was die Freiberufler betrifft, klaffen in der Journalismusforschung sträfliche Lücken. Das wenige, was man begründet vermuten kann, deutet auf schwindende Professionalität besonders in diesem Bereich hin. Die Zahl der „Freien“ wächst, die nur zum – oft kleineren – Teil ihr Auskommen durch unabhängige journalistische Tätigkeit finden und zum anderen, häufig größeren Teil durch Öffentlichkeitsarbeit, PR oder Unternehmenskommunikation. In diesem Segment ist die Erwartung dahin, mit Journalismus seine Existenz zu sichern. Und dass in solcher Mischtätigkeit der kritische Biss verloren gehen kann, wenn man nicht aufpasst, liegt auf der Hand (vgl. den Beitrag von Miriam Bunjes).

Ist es wirklich nur Schwarzseherei, wenn Skeptiker eine Ausfransung des Journalistenberufs an seinen Rändern beklagen? Dass die Studie „Journalismus in Deutschland“ ein nach wie vor gefestigtes, von Professionalität geprägtes Berufsfeld feststellt, ist wohl ein methodisches Artefakt. Wer Freie, die weniger als die Hälfte ihres Einkommens durch Journalismus erwerben, per definitionem unberücksichtigt lässt, hat das Problem schon entsorgt, bevor die Forschungsarbeit beginnt. Ähnlich naiv ist der Satz des Netzwerks Recherche in seinem Verhaltenskodex, dass Journalisten keine PR machen. Entweder ist das eine Beschreibung, die nicht zutrifft; oder es ist normativ gemeint, dann fordert es dazu auf, den Kopf in den Sand zu stecken. Besser wäre eine Regel, die etwa lauten könnte: Journalisten wissen, wie PR funktioniert, auch damit sie, wenn sie in beiden Bereichen tätig sind, die Arbeitsweisen trennen können. Denn auch unter den Freien selbst gibt es Blauäugige: Wer glaubt, nur PR für „gute“ soziale Institutionen mit seinem journalistischen Gewissen vereinbaren zu können, hat Öffentlichkeit als berufliche Aufgabe sui generis nicht begriffen. Offenbar ist es nicht überflüssig, noch einmal Hanns-Joachim Friedrichs zu zitieren: Journalisten machen sich nicht mit einer Sache gemein, auch nicht mit einer guten Sache.

Warum schwindet die Professionalität im Journalismus? Sicher spielen zunehmende Kommerzialisierung und Konkurrenz eine Rolle, deren Folge die von den Medienhäusern verfolgte Strategie des Outcourcing ist. Und dass die nackte Oberfläche der Information durch Internet, Gratiszeitungen oder Handys wohlfeiler geworden ist, senkt die Erwartungen in das Können der Journalisten, auch bei sich selbst. Der entscheidende Grund ist jedoch paradoxerweise, dass Journalismus besonders hohe Selbstverwirklichungschancen und Arbeitszufriedenheit bietet. Denn nur deshalb gibt es ja so viele freie Journalisten, die widerstandslos bereit sind, für Hungerhonorare in diesem schönen Beruf zu arbeiten.

Was lässt sich tun? Von den Journalistengewerkschaften ist wenig zu erwarten, die vertreten vor allem die Interessen derjenigen, die Lohnarbeit auf einer tariflich fixierten Basis leisten. Soll man also Journalismus als freiberufliche Tätigkeit abschaffen, verbieten gar? Das wäre schon deshalb keine gute Idee, weil es sich nicht mit Artikel 5 des Grundgesetzes oder Artikel 19 der Allgemeinen Menschenrechtserklärung vereinbaren ließe. Tatsächlich führt Pressefreiheit nur dann zu optimaler Transparenz gesellschaftlicher Verhältnisse, wenn auch freie Journalisten ihre Dynamik in die Produktion von Öffentlichkeit einbringen (können). Kaum vorstellbar, dass Heinrich Heine oder Joseph Roth als „beamtete“ Redakteure ähnlich kreativ geworden wären, wie sie es trotz oder gerade wegen aller Risiken der unabhängigen Berufstätigkeit gewesen sind.

Was also soll man noch raten? Vielleicht lohnt es sich, an etwas zu erinnern, das heute – auch in diesem Heft – als Entwicklungsrichtung des Journalismus im Allgemeinen beschrieben wird und das schon vor Jahren als eine Art berufspolitische Perspektive in Mode war: Es gibt kein Naturgesetz, das freie Journalisten zwingt, allein zu arbeiten. Auch sie können sich zu Journalistenbüros zusammentun oder wenigstens informell kooperieren. So können nicht nur Risiken auf mehrere Schultern verteilt werden. So wird auch unter Journalisten, die nicht in einer Redaktion organisiert sind, jene flexible Arbeitsteilung möglich, die im Zeitalter der Multimedialität für das Herstellen von Öffentlichkeit unentbehrlich geworden ist. Ohne ein gewisses Maß an sozialer Einbindung in die Kollegenschaft kämen selbst überragende journalistische Persönlichkeiten wie Heine oder Roth in der gegenwärtigen Medienwelt nicht mehr zurecht (vgl. den Artikel von Sylvia Egli von Matt).

In der Hoffnung, dass sich einige Leserinnen und Leser von diesem Heft für die eigene Tätigkeit anregen lassen, wünsche ich Ihnen einen beruflich befriedigenden und auch sonst erfreulichen Sommer!

Ihr Horst Pöttker


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