Suchen

Aktuelle Einträge

Ausgaben

Rubriken

Redaktion | 15. Oktober 2004

Lockruf der Glamour-Welt: Nackte Haut als Türöffner

Gesicht und Körper gehören zur Vermarktungsstrategie

Von Ulrike Spitz

Foto: Stefan SchwenkeNatürlich war es ein gefundenes Fressen. „Unser Superweib“ titelte die Bildzeitung, nachdem die 42 Jahre alte Birgit Fischer, Mutter von zwei fast erwachsenen Kindern, in Athen ihre insgesamt achte Goldmedaille seit ihren ersten Olympischen Spielen 1980 im Kanufahren gewonnen hatte.

Wobei die Schlagzeile der Boulevardzeitung, wie vorangegangene Texte über die „Gold-Mama“ und „Olympia-Königin“ auch, durchaus Respekt und Anerkennung der sportlichen Leistung Fischers durchblicken ließ. Das ist vielleicht die gravierendste Veränderung, die die Darstellung von Sportlerinnen in der Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren durchlaufen hat: Es ist nicht mehr allein die äußere Erscheinung, die wahrgenommen wird und berichtenswert erscheint, sondern tatsächlich auch die Leistung. Mit Betonung auf auch. Denn natürlich werden sporttreibende Frauen in vielen Medien, vor allem dem Boulevard, noch immer stärker als ihre männlichen Kollegen über den Körper definiert.

Obwohl die Männer aufgeholt haben. Auch sie müssen mittlerweile mehr bieten als Leistung, um Aufmerksamkeit zu erregen – Werbestar wird nur, wer sportlichen Erfolg und Ausstrahlung vorweisen kann. Wobei es auch bei Männern da und dort ums Aussehen geht. Da wird heutzutage schon mal das „Zöpfchen und die Brille“ des Stabhochspringers Tim Lobinger erwähnt, was vor 20 Jahren undenkbar erschien. Doch meistens sind die Attribute der männlichen Sportler andere, natürlich. Der „Handball-Titan“ vermittelt der Öffentlichkeit eben ein anderes Bild als die „Gold-Mädels“ aus dem Ruder-Vierer, wobei, zugegeben, in der diesjährigen Olympia-Berichterstattung tatsächlich auch „Silber-Jungs“ vorgekommen sind. Dennoch bleibt als Tendenz, dass in der Sportberichterstattung häufig die Männer in der Männerrolle und Frauen in der Frauenrolle dargestellt werden, siehe Birgit Fischer, die allerorten gleich auch noch als Mutter der ganzen Kanu-Mannschaft eingestuft worden ist.

Dass Körper und Gesicht bei Frauen noch immer mehr zählen als bei Männern, hat stark damit zu tun, dass bis heute die Sportkonsumenten in der Mehrheit männlich sind. Was nun für die Sport treibenden Frauen nicht per se Nachteile haben muss. Frauen, die nach gängigen Kriterien gut aussehen, kann durchaus schon mal ein Anflug guter Leistungen zu so großer Popularität verhelfen, die ein ähnlich erfolgreicher Mann nie erreichen wird. Siehe die Gymnastin Magdalena Brzeska oder Sprinterin Sina Schielke oder Motorradfahrerin Katja Poensgen, die auch wegen der langen blonden Haare in der Männerdomäne die entsprechende Aufmerksamkeit bekommen hat.

Und damit spielen die Athletinnen natürlich auch in diesen Zeiten, in denen die Vermarktung zunehmend schwieriger wird, und die Medien gehen meist gerne darauf ein. Immer mehr Sportlerinnen ziehen sich vor sportlichen Großereignissen für Zeitschriftenfotos aus, vor allem, wenn sie in Sportarten zu Hause sind, denen nicht von vornherein die ganz große Aufmerksamkeit gilt. Es ist wohl diese Hoffnung, den Eingang zu finden in die Welt des Glamours, der im Sport eben nur wenigen vorbehalten ist. Sportlerinnen sind also in der Regel keine bedauernswerten Opfer der inszenierten Darstellung ihrer Körper. Opfer sind auch die Beachvolleyballerinnen nicht, obwohl die Vermarktungsstrategie deren Sportart die absurdesten Blüten treibt. Der Verband schreibt seinen Hauptdarstellerinnen tatsächlich vor, dass der Seitenstreifen ihrer Höschen nicht breiter als fünf Zentimeter sein darf, während die Männer fröhlich im Schlabberlook im Sand pritschen und baggern. Nein, es hat deshalb keinen Aufschrei der Sportlerinnen, in diesem Fall durchweg erwachsene Frauen, gegeben. Wohl deshalb nicht, weil sich auch die Betreiberinnen der Fun-Sportart durch die enge Verknüpfung von Sport, Party und Erotik eine bessere Vermarktung erhoffen.

Andere müssen sich nicht so abmühen. Franziska van Almsicks bemerkenswerte sportliche Karriere in Verbindung mit ihrem Aussehen und der zweifellos starken Ausstrahlung war von Beginn an automatisch ein Medienereignis. Und ist es über die vielen Jahre hinweg geblieben – wobei es natürlich nicht immer nur um das Schwimmen ging. Unvergessen bleibt die harsche Kritik an ihrer Figur, als sie vor vier Jahren in Sydney mit ein paar Kilo mehr als normal relativ erfolglos aus dem Wasser stieg. Aber selbst dieses Thema bleibt heute nicht mehr den Frauen vorbehalten: Die überflüssigen Kilos von Radprofi Jan Ullrich bewegen Jahr für Jahr ebenso die Nation.

Franziska van Almsick wird im Übrigen auch in den Schlagzeilen bleiben, wenn sie nicht mehr schwimmen sollte, allein der Liebesbeziehung zum Handballspieler Stefan Kretzschmar wegen. Sehr gerne wurde die Weltklasseschwimmerin an den letzten Olympiatagen, als sie ihre Wettkämpfe beendet hatte, in der Rolle der „Frau an seiner Seite“ dargestellt.

Foto: Stefan Schwenke


Comments