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Redaktion | 15. Oktober 2004

Floskeln, Wortballons und Sensationsmache

Sportreporter kämpfen mit Vorurteilen der Kollegen

Von Marlene Stube

Foto: Stefan SchwenkeSchon Mitte der 1970er Jahre stellte der heutige Journalistik-Professor Siegfried Weischenberg fest, dass Sportjournalisten im Allgemeinen in der Gesamtredaktion nicht ernst genommen werden und auch bei den Rezipienten ein schlechtes Ansehen besitzen. Befragungen zufolge sehen sich die Sportjournalisten den Vorurteilen der Kollegen ausgesetzt und fühlen sich als Außenseiter des Berufs. Ein Grund dafür ist, dass Journalisten immer mit einer Vorgeschichte in eine Redaktion einsteigen. Im Sportressort liegt die formale Ausbildungsqualität zwar über der im Ressort Lokales, zum Teil aber deutlich unter der in anderen Mantelressorts. Während etwa 38 Prozent der Sportjournalisten ausschließlich ein Volontariat absolviert haben, sind das in der Gruppe aller Journalisten nur etwa 20 Prozent. Von der Gesamtheit aller Journalisten haben ferner etwa 41 Prozent Studium und Volontariat abgeschlossen, im Sportressort sind das rund acht Prozent weniger.

Ein schlechter Start

Gründe für die weniger stark ausgeprägten Fach- und Vermittlungskompetenzen bei Sportjournalisten sind auch in der geschichtlichen Entwicklung des Sportressorts zu finden. So kam es der Presse Ende des 19. Jahrhunderts beim Sport auf Sachverständige an, die einen Bereich fachlich bearbeiteten, der „normalen“ Journalisten fremd war. So ergänzten Sport-Experten die Zeitungsredaktionen, die journalistisch agieren sollten, ohne journalistische Fachkompetenz erworben zu haben. Die etablierten Journalisten wagten sich wegen zu großer Wissenslücken nicht auf das unbekannte Terrain. Im Gegenzug waren die Sportsachverständigen häufig nicht in der Lage, guten Journalismus zu betreiben. Dass sich beide Seiten nicht unter günstigen Startbedingungen begegnet sind, begründet immer noch die verschiedenen Wellenlängen. Will man das schlechte Prestige des Sportjournalisten analysieren, so kommt auch die Rolle des Sports als Gegenstand der Berichterstattung zum Tragen. Kollegen aus anderen Ressorts haben offenbar ein Problem damit, dass Sportjournalisten sozusagen mit ihrem Hobby Geld verdienen. Zudem werden beim Stil und der Sprache der Sportberichterstattung Mängel ausgemacht, wie etwa Übertreibungen, Floskeln und Wortballons. Hinzu kommt der Vorwurf der Sensationsmache. Sportjournalisten, heißt es, übertreiben und dramatisieren schon bei wenig spektakulären Ereignissen. Andererseits gehört es im Rundfunk zu den besonderen Fähigkeiten einzelner Sportjournalisten, den Rezipienten Spannung zu vermitteln, selbst wenn die Realität auf dem Sportplatz etwas nüchterner ist. Wie wichtig dies aber für den Journalismus ist, zeigt sich, wenn man bedenkt, dass Journalismus nur über erreichte Quoten, verkaufte Auflage und Zahl der täglichen Klicks erfolgreich ist. Es bestehen Wechselwirkungen aus hoher journalistischer Qualität, Anerkennung durch das Publikum und dadurch einsetzendem wirtschaftlichen Erfolg, die sich besonders an den Zuschauer-Zahlen zeigen. Kritiker bemängeln oft fehlende journalistische Formate in der Sportberichterstattung. Tatsächlich: Ergebnistabellen, Fußball-Spielberichte und Agenturmeldungen dominieren die Zeitungsseiten. ein wichtiger Qualitäts-Standard ist die Recherche, doch scheint Sportjournalisten häufig das Kontrollieren von Quellen und Fakten nicht nötig. Zudem sieht sich der Sportjournalist oft verstrickt in ein höchst kompliziertes Schnittstellensystem aus Vereinen, Spitzensportlern und Industrie. Dabei sollten sich Journalisten zuforderst durch drei Kompetenzen auszeichnen: Die Fachkompetenz, die Sachkompetenz und die Vermittlungskompetenz.

Mangelndes Fachwissen

Besonders einige Sportredakteure des öffentlich-rechtlichen Rundfunks müssen auf dem Gebiet der Fachkompetenz mit der Kritik leben, sie würden mangelndes Fachwissen durch ein übertriebenes ‚Menscheln’ in ihren Berichten übertünchen. Sachkompetenz dagegen ist bei den Sportjournalisten reichlich vorhanden, da viele aus dem aktiven Sport kommen. Auf dem Gebiet der Vermittlungskompetenz gibt es aber erhebliche Mängel, da die Sportjournalisten in der Regel mehr auf Inhalt als auf Form und Funktion achten. Es lässt sich festhalten, dass die Sportjournalisten zu Unrecht von Kollegen aus anderen Ressorts belächelt werden. Allerdings ist konstruktive Kritik in den Bereichen der Nachrichtenfaktoren, der Vielfalt journalistischer Genres, der Recherche-Leistung und der journalistischen Kompetenzen berechtigt.

Foto: Stefan Schwenke


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