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Redaktion | 9. Oktober 2008

Renaissance der Gegenöffentlichkeit?

Potenziale des partizipativen Internet-Journalismus

Von Sven Engesser & Jeffrey Wimmer

Gerade unter dem Eindruck der raschen gesellschaftlichen Aneignung neuer Medien wird vielfach eine Renaissance der Gegenöffentlichkeit und eine digitale Fortführung alternativer Kommunikation postuliert (vgl. Wimmer 2007). Neben den unzähligen Diskussionsforen, virtuellen Archiven, Mailinglisten etc. bietet aktuell insbesondere der partizipative Journalismus im Internet anscheinend eine Plattform grenzenloser Meinungsäußerung. Trotz reger Forschung liegen allerdings so gut wie keine empirischen Befunde darüber vor, in welchem Ausmaß sich hier gegenöffentliche Foren konstituieren können.

Die Formen des partizipativen Journalismus im Internet lassen sich in vier Kategorien unterteilen: 1. Weblogs, 2. Kollektivformate, 3. professionell-partizipative Nachrichtensites und 4. Leserreporter-Rubriken (vgl. Engesser 2008). Eine relativ große Forschungstradition widmet sich den Weblogs (z. B. „Basic Thinking“, „BILDblog“, „Spreeblick“), die in der Regel zu den Individualformaten gehören. Hier dominieren Studien zur Nutzung sowie zur Bedeutung von Weblogs für die Organisationskommunikation und den Journalismus. Unter den Kollektivformaten wird die größte Aufmerksamkeit bisher wenigen Angeboten – v. a. „Indymedia“ und „Wikipedia“ – zuteil. Breiter angelegte Untersuchungen liegen kaum vor. Ein relativ neues Forschungsfeld entsteht derzeit um professionell-partizipative Nachrichtensites (z. B. „OhmyNews“, „Readers Edition“). Hier partizipieren die Nutzer mit eigenständigen Beiträgen, die von einer professionellen Redaktion selektiert, kontrolliert und redigiert werden. Ein Schattendasein in der Forschungsliteratur führen die Leserreporter-Rubriken (z. B. „Saarbrücker Zeitung“, „BILD“). Hier senden die Nutzer keine eigenständigen Beiträge, sondern Hinweise und Fotos an die Redaktion und sind damit lediglich Informations- und Materiallieferanten.

Das Zusammenspiel zwischen Gegenöffentlichkeit und partizipativem Journalismus kann empirisch auf drei Ebenen konkret analysiert werden. Für die Einteilung ist ausschlaggebend, welche Foren der Gegenöffentlichkeit durch die verschiedenen Formen des partizipativen Journalismus eröffnet werden. Auf der ersten Ebene kann Gegenöffentlichkeit lediglich anhand von Beitragselementen hergestellt werden, d. h. Hinweise, Fotos oder Ergänzungen zur professionellen Berichterstattung. Hier sind die Leserreporter-Rubriken angesiedelt. Auf der zweiten Ebene kann sich Gegenöffentlichkeit bereits mithilfe von eigenständigen Beiträgen konstituieren. Diese Möglichkeit bieten die professionell-partizipativen Nachrichtensites. Auf der dritten Ebene eröffnet sich der Gegenöffentlichkeit schließlich das Forum vollständiger Medienformate, die individueller oder kollektiver Natur sein können. Schritt für Schritt wird auf jeder Ebene untersucht, ob die dortigen Formen des partizipativen Journalismus über das Potenzial zur Herstellung von Gegenöffentlichkeit verfügen und wie es sich gestaltet. Da nicht alle weltweit existierenden Formen des partizipativen Journalismus einbezogen werden können, wurden in unserer Studie auf jeder Ebene typische Vertreter ausgewählt, um explorativ eine Zusammenschau und Systematisierung der verschiedenen (potenziellen) Foren der Gegenöffentlichkeit im Rahmen von partizipativem Journalismus zu bieten.

Auf der Ebene der Beitrags­elemente sind Leserreporter-Rubriken (Fallbeispiel: „BILD“) die dominierende Form des partizipativen Journalismus. Ihr Potenzial zur Herstellung von Gegenöffentlichkeit ist allerdings bezüglich des Inhalts stark begrenzt. Durch die Beschränkung auf Hinweise und Fotos einerseits und den Fokus auf sensationalistische Themen andererseits setzen die Nutzer kaum inhaltliche Akzente. Positionen werden nicht bezogen, Diskurse nicht angestoßen. Es bleibt oft unklar, welche Informationen ursprünglich von den Nutzern stammen und welche die Redaktion ergänzt. Eine – aus demokratietheoretischer Perspektive jedoch als reine Marketingmaßnahme einzuschätzende – Orientierungsleistung ist bei „BILD“ erkennbar. Hier wird neuerdings mit gezielten Aktionen versucht, eine Art kollektiver Identität der „BILD“-Leser zu schaffen. Bei der Zugänglichkeit lassen sich Zugang und Reichweite unterscheiden. Der potenzielle Zugang ist als relativ hoch einzuschätzen, da grundsätzlich alle Nutzer Hinweise und Fotos einsenden können. Der reale Zugang ist jedoch deutlich begrenzter. Nur ein Bruchteil des eingesandten Materials durchläuft den Kontroll-, Selektions- und Redaktionsprozess erfolgreich und wird letztendlich veröffent­licht. Bei der öffentlichen Wirkung der Leserreporter-Rubriken muss differenziert werden. Thematisierungsprozesse im Sinn eines Intermedia-Agenda-Settings finden so gut wie nicht statt. Allerdings ist ein Meta-Thematisierungsprozess feststellbar. Nicht die Inhalte der Leserreporter-Rubriken, sondern die Rubriken selbst werden zum Gegenstand der Medienberichterstattung und des öffentlichen Diskurses.

Auf der Ebene der Beiträge sind professionell-partizipative Nachrichtensites (Fallbeispiel: „OhmyNews“) angesiedelt. Da professionell-partizipative Nachrichtensites auf eigenständigen Beiträgen basieren und thematisch breiter aufgestellt sind, bieten sie hinsichtlich des Inhalts bessere Grundvoraussetzungen für die Konstituierung von Gegenöffentlichkeit als die Leserreporter-Rubriken. Da die Beiträge von der professionellen Redaktion nur überarbeitet werden, bleibt eine transparente Zuordnung der Informationen zur Quelle (Nutzer) möglich. Hinsichtlich des Aspekts der Wirkung liegt die Stärke von „OhmyNews“ nicht in erster Linie beim Intermedia-Agenda-Setting, da die koreanischen Mainstream-Medien eher auf Distanz zu der Nachrichtensite gehen. Stattdessen verfügt „OhmyNews“ über erhebliches Potenzial zur Mobilisierung. Nach einem tödlichen Militärunfall mit US-amerikanischer Beteiligung rief es 2002 zu Protesten auf, die in Demonstrationen mit bis zu 100.000 Teilnehmern gipfelten und letztendlich zu einer offiziellen Entschuldigung durch US-Präsident George W. Bush führten.

Auf der Ebene der Medienformate finden sich sowohl Weblogs als auch Kollektivformate. Beide sind von den Ansprüchen des professionellen Journalismus und den damit verbundenen ökonomischen Zwängen in der Regel relativ unabhängig. Dies schafft ihnen eine größere Freiheit des Inhalts. Formate wie der Weblog „Beppe Grillo“ oder das Kollektivformat „Indymedia“ behandeln so oft Themen oder beziehen Positionen, die von den etablierten Medien nicht oder zumindest in anderer Form bedient werden. Bezüglich der Herstellung von Gegenöffentlichkeit weichen die Weblogs und die Kollektivformate allerdings voneinander ab. Die Transparenz ist bei Weblogs teilweise eingeschränkt, da der Autorenkreis den Prozess der Inhaltsproduktion und die Quellen gegenüber den Nutzern nicht immer offen legt, wie das z. B. „Beppe Grillo“ vorgeworfen wird. Dagegen erlaubt bei den Kollektivformaten das Prinzip des Open Publishing ein hohes Maß an Nachvollziehbarkeit. Durch die Veröffentlichung von Moderationskriterien wird diese noch unterstützt. Größere Unterschiede ergeben sich auch bei der Zugänglichkeit. Die Weblogs beschränken den Zugang in der Regel auf einen ausgewählten Personenkreis und lassen teilweise nicht einmal Kommentare zu, wie z. B. „BILDblog“. Das Open Publishing der Kollektivformate hingegen gewährleistet ein Maximum an Zugänglichkeit. Hinsichtlich ihrer Wirkung auf öffentliche Kommunikation verbirgt sich in der Mobilisierungsfunktion ein größeres Potenzial als in der Thematisierungsfunktion. Beide Formate eignen sich relativ gut dazu, Diskurse anzustoßen und politische Aktionen zu planen. Allerdings bleiben die Effekte in der Regel auf Teilöffentlichkeiten begrenzt. Die Mainstream-Medien ignorieren die Formate weitgehend oder nennen sie zumindest nicht als Quelle.

Als Fazit lässt sich ziehen, dass partizipativer Journalismus im Internet nicht nur ein Korrektiv und ein Innovationspotenzial für den etablierten Journalismus darstellt. Vielfach zeigen sich in den von uns untersuchten Fallbeispielen auch Ansätze von Gegenöffentlichkeit – z. B. in durch inhaltlicher Gegenthematisierung initiierter gesellschaftlicher Mobilisierung, in den Partizipationsmöglichkeiten am eigentlich exklusiven massemedialen System und in alternativer bzw. kollaborativer Kommunikationspraxis.

Allerdings sind bezüglich Qualität und Reichweite der durch partizipativen Journalismus konstituierten Gegenöffentlichkeit(en) markante Unterschiede festzustellen. Obwohl die Zahl der aktiv Partizipierenden auf der Ebene der Beitragselemente in professionellen Medienformaten in der Regel am höchsten ist, werden hier aufgrund rigider journalis­tischer Vorgaben aus inhaltlicher Perspektive am wenigsten Alternativen zur Berichterstattung der etablierten Medien artikuliert. Streng genommen kann hier – wie am Beispiel der „BILD“-Leserreporter verdeutlicht – meis­tens weder von einem partizipativem Journalismus noch von gegenöffentlichen Kommunikationsprozessen in einem engeren (demokratietheoretischen) Sinne gesprochen werden, sondern es handelt sich vielmehr um Marketingmaßnahmen, die einen pseudo-partizipativen Anstrich haben. Genau konträr dazu kommen partizipative Medienformate (Weblogs/Kollektivformate) dem Ideal einer Gegenöffentlichkeit am nächsten. Diese Foren der Gegenöffentlichkeit im Internet ermöglichen nicht nur den von Brecht und Enzensberger postulierten direkten Dialog von Sender und Empfänger, sondern auch im Gegensatz zu den alternativen Printmedien viel effizienter und effektiver den räumlich unabhängigen Austausch von Informationen, eine transnationale Vernetzung und die Ausbildung genuin alternativer Kommunikationskulturen. Allerdings ist bei den meis­ten dieser Formate sowohl die Zahl der aktiv Partizipierenden als auch der Rezipienten im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung und der Reichweite der traditionellen Massenmedien immer noch sehr gering.

Als ein publikums- und damit auch recht öffentlichkeitswirksamer Mittelweg zwischen den beiden skizzierten Extremen sind die Beiträge auf professionell-partizipativen Nachrichtensites einzuschätzen. Hier kann sich Gegenöffentlichkeit im Rahmen eines professionellen (digitalen) Trägermediums artikulieren und somit von vornherein eine größere Leserschaft ansprechen. Allerdings stellen sich die Zugangsfreiheiten und Partizipationsmöglichkeiten als nicht so groß dar, da mitunter recht starke produktionsspezifische Vorgaben und journalistische Einflussnahmen auf die jeweiligen Beiträge der Nutzer bestehen.

Weiterführende Literatur:

Sven Engesser: Partizipativer Journalismus: Eine Begriffsanalyse. In: Ansgar Zerfaß/Martin Welker/Jan Schmidt (Hrsg.): Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web. Band 2: Anwendungsfelder: Wirtschaft, Politik, Publizistik. Köln 2008, S. 47-71.

Jeffrey Wimmer: (Gegen-)Öffentlichkeit in der Mediengesellschaft. Analyse eines medialen Spannungsverhältnisses. Wiesbaden 2007.

Foto: Imago / suedraumfoto


One Response to “Renaissance der Gegenöffentlichkeit?”

  1. wortform Says:
    Oktober 14th, 2009 at 11:55 am

    Ich denke der sogenannte Bürgerjournalismus ist Demokratie pur. Wichtig ist nur, dass der Leser wissen muss, ob er es jeweils mit professionellen Journalisten oder eben Laien zu tun hat, denn die Meinung eines Einzelnen steht hier gegen die objektive/distanzierte Berichterstattung von ausgebildeten Journalisten …

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