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Redaktion | 15. Oktober 2004

Der Mediensport und seine ästhetischen Vorstellungen

Sind die Paralympics ohne Erotik unverkäuflich?

Von Thomas Schierl

Foto: Stefan SchwenkeIn der Sportberichterstattung finden die Paralympics im Gegensatz zu den Olympischen Spielen nur wenig Beachtung. Dies ist vor allem in den Printmedien zu beobachten.

Die Berichterstattung über die Weltspiele der Behinderten unterscheidet sich aber nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ von der Berichterstattung über andere internationale Sportereignisse. Doch was für Gründe lassen sich für das weitestgehende mediale Desinteresse an den Behindertenspielen anführen? Gibt es generelle Tendenzen in der Sportberichterstattung, die Randsportarten sowie Paralympics nicht mehr als wertvolles Informations- bzw. Unterhaltungsgut gelten lassen und somit auch dementsprechend von Redaktionen nicht weiter vermittelt werden? Betrachtet man die Bilder von den Paralympics von Sydney 2000 und Salt Lake City 2002, so fällt einem recht schnell die stereotype und wenig einfallsreiche Inszenierung des Ereignisses und seiner Akteure auf. Als typisch kann man ein Bild zweier Langläufer in der Loipe ansehen, das bei den Winterspielen in Salt Lake aufgenommen wurde. Der Hintergrund auf diesem Bild lässt auf einen Abschnitt irgendwo im Wald schließen. Es sind keine Zuschauer zu sehen und auch keine Markierungen an der Wegstrecke, die es ermöglichen würden, die Szene räumlich oder zeitlich genauer zu verorten und damit Spannung aufzubauen. Auch die Behinderung des Athleten ist nicht sofort ersichtlich. Erst die Bildunterschrift verweist darauf, dass der Athlet blind ist. Die Sichtmaske kann somit – quasi erst indirekt über die Bildunterschrift – als Blindenmaske identifiziert werden. Die Akzentuierung des Bildes liegt zudem auf dem vorderen Athleten, der lediglich Helfer ist. Es ist symptomatisch für die gesamte Bildberichterstattung über die Paralympics in den Printmedien, dass Behinderungen häufig ausgeblendet werden, dramaturgische Elemente nur höchst verhalten eingesetzt werden und die Wahl des Bildes oft recht willkürlich erscheint. In einer Studie des Instituts für Sportpublizistik wurden unter anderem diese hier skizzierten Punkte anhand der Paralympics 2000 und 2002 in überregionalen deutschen Tageszeitungen untersucht. Das Ergebnis gestaltete sich ernüchternd: Im Vergleich zur Olympia-Berichterstattung war der Gesamtumfang der Paralympics-Berichterstattung marginal, es wurden nur wenige paralympische Sportarten überhaupt thematisiert und die Artikel wurden kaum bebildert. Von den Behinderungen der Athleten wurde zudem gerne durch Schattenrisse oder ähnliche „künstlerische“ Verfremdungen abgelenkt; oder es wurden Personen und Darstellungen gewählt, bei denen eine Behinderung nicht erkennbar ist.

Diese Art der Berichterstattung erstaunt auf den ersten Blick, zieht man in Betracht, dass das Internationale Paralympische Komitee (IPC) seit Jahren nicht nur um eine Imageverbesserung des Behindertensports, sondern vielmehr auch um eine stärkere Medienpräsenz kämpft. Doch warum gelingt es den Paralympics, als ein sportliches Spitzenereignis, das sich ähnlich wie die olympischen Spiele über Internationalität, spezifische Höchstleistungen, Größe und Eventcharakter definiert, nicht, eine angemessene Berichterstattung durch die Massenmedien zu erlangen? Um sich einer Antwort anzunähern, scheint ein Blick auf den allgemeinen Mediensport unerlässlich. Dieser nutzt zunehmend Ästhetisierungsstrategien als Mittel notwendiger Differenzierung im Markt, welche generell den Sportlern genauso wie auch Veranstaltern und Vereinen wirtschaftlich profitabel erscheinen.

(Produkt-)Differenzierung wird in der heutigen Sportberichterstattung immer wichtiger. Alleine die sportliche Leistung scheint nicht mehr zu genügen, um im Mediensport Präsenz zu erlangen bzw. dauerhaft thematisiert zu werden. Als reinen Sportler kann man zum Beispiel den Golfer Jack Nicklaus ansehen, der seit Jahren auf der PGA-Tour große Erfolge verbucht. Genauso wie Tiger Woods, der allerdings zusätzlich eine charismatische Persönlichkeit ist bzw. als solche auch gut inszeniert werden kann und somit für die Medien gut vermarktbar ist. Hiermit ist auf keinen Fall gesagt, dass sportliche Leistung nicht mehr zählt, aber sie ist in der Regel nur noch notwendig, um im Sport ökonomisch erfolgreich zu sein, und immer weniger hinreichend. Differenzierung durch (außersportliche) Zusatzleistungen ist also wichtig und eine effiziente Strategie scheint dabei die Ästhetisierung des Produkts.

Eine Möglichkeit der Ästhetisierung ist beispielsweise mit der Betonung spielerischer Aggressivität erreichbar. Gewalt im Sport sorgt für Unterhaltung, da der Zuschauer durch Gewaltdarstellungen leicht erregbar ist. So lässt sich ein besonderes Unterhaltungspotenzial mit Hilfe von Gewaltdarstellungen gewinnen, wenn die dargestellte Gewalt bewusst inszeniert und ästhetisch überhöht wird. Gewalt ist eine Art anthropologische Konstante. Konflikte und ihre gewaltsame Lösung haben eine Art archetypische Verankerung im Menschen, die in unserem sozialen Gedächtnis einen dominanten Platz einnehmen.

Dass Medien im Sport durchaus auf eine solche Strategie bauen, zeigt beispielsweise die turnusmäßige Wiederholung des Bildes vom vor Schmerzen schreienden Fußballspieler Ewald Lienen. Dem damaligen Spieler Arminia Bielefelds wurde durch ein grobes Foul der rechte Oberschenkel bis zum Knochen aufgeschlitzt. Dieses Bild aus den 1980er Jahren wird bis heute regelmäßig in den Medien gezeigt. Auch die im Spiel gestisch zum Ausdruck gebrachte Freude („Becker-Faust“, „Becker-Hecht“) können des weiteren als mimisches wie gestisches Ritual zur Ästhetisierung angesehen werden – die allerdings nun vom Athleten selbst ausgehen, der sich, sei es bewusst oder unbewusst, somit differenziert. Viele der oft inflationär eingesetzten Gesten wirken dabei allerdings bei manchen Sportlern bereits etwas abgegriffen. Doch sehr innovativ, emotional und eindrucksvoll war sicherlich das von Gustavo Kuerten mit dem Schläger in den Sand geritztes Herz bei den French Open 2001.

Sportkleidung kann wiederum dazu genutzt werden erotic appeals zu schaffen und somit eine weitere Ästhetisierungsstrategie zu fahren. Gerade Erotik produziert relativ unabhängig von Alter, Geschlecht und soziodemographischen Merkmalen Wirkungen. Somit wird Sportswear genutzt, um einen „ästhetisch-erotischen Mehrwert“ herzustellen. Im Beachvolleyball werden bereits knappe Maße der Bekleidung vom Verband als Regelwerk vorgegeben. Doch was für eine Rolle können die Paralympics in einem solchen Strategiekonzept der Ästhetisierung noch spielen? Die oben bereits erwähnte Studie des Instituts für Sportpublizistik zeigt auf: eine marginale. Deutlich problematisch erscheint bereits heute die Ausblendung gesellschaftlicher Themenbereiche im Sport. Darunter zählen sicherlich auch die Paralympics, die nur schwer gängigen ästhetischen Vorstellungen von medienvermittelter Unterhaltung entsprechend dargestellt werden können und somit der Strategie weitestgehend zuwider laufen.

Die Folge ist, dass die bedeutende Funktion, nämlich die der gesellschaftlichen Integration von Behinderten, zunehmend im Mediensport durch mangelnde wie zweitklassige Berichterstattung vernachlässigt wird. Hierüber herrscht auch bei Sportjournalisten Einigkeit wie eine Befragung im Rahmen der Untersuchung ergab. Trotzdem sind die Paralympics jedoch leider eine Marginalie im Mediensport geblieben.

Foto: Stefan Schwenke


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