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Redaktion | 9. Oktober 2008

Der Mythos der Amerikanisierung

Neue Studie zur Wahlkampfberichterstattung

Von Frank Siebel

Der Bundestagswahlkampf 2009 wirft seine Schatten voraus. Und so sicher wie der politische Streit am Wahlabend wird wieder ein Schlagwort durch die Medien geistern: Amerikanisierung. Schon seit über 50 Jahren sind es nicht zuletzt die großen (Qualitäts-)Zeitungen, die mit negativem Zungenschlag im deutschen Wahlkampf immer stärker eine (billige) Kopie des angeblich inhaltsarmen US-Wahlkampfs sehen.

Ihre bisher letzten Höhepunkte erreichte die „Amerikanisierungsdebatte“ 1998 und 2002. Angestachelt vom scheinbar innovativen SPD-Wahlkampf inklusive sagenumwobener Hexenmeister der Kommunikationsmagie („Spin Doctors“) sowie den erstmals ausgetragenen TV-Duellen sahen die Medien, aber auch Teile der Wissenschaft eine neue Zeit angebrochen. Gerhard Schröders Äußerung, er brauche zum Regieren nur „Glotze, Bild und Bild am Sonntag“, schien die neuen Realitäten auf den Punkt zu bringen. Demnach bestimmt fast alleinig das Fernsehen mit seinen unzähligen Programmen als Leitmedium aufgrund der großen Reichweite die mediale politische Kommunikation auch im Wahlkampf.

Als Folge kommt es immer mehr auf das telegene Inszenierungskönnen einzelner Starpolitiker an. Durch die Mediatisierung der Politik, also die Zunahme des Einflusses der Medienlogik, geht die Schere zwischen Herstellung und Darstellung immer weiter auseinander. Diese Lücke wird durch symbolische Placebopolitik gefüllt. Folge: Politikverdrossenheit. Soweit die etwas zugespitzte These nicht weniger Betrachtungen damals wie heute.

Die Sache hat nur einen Haken: Für den Zusammenhang zwischen Darstellung und Herstellung von Politik fehlen eingehende empirische Nachweise. Denn die noch immer auf zentralen Feldern (z. B. der Politikfeldanalyse) unterentwickelte deutsche Wahlkampfforschung ist vielfach von „Übertreibungen und Kleinteiligkeit“ (Ulrich Sarcinelli) geprägt. Mehr als eine gestiegene mediale Legitimationsabhängigkeit der Politik ist nicht nachweisbar. Und: Die Marginalisierung so genannter Qualitätszeitungen wie der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) und der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) in der Wahlkampfforschung ist nicht zu rechtfertigen. Eine neue Studie mit dem Titel „Der Mythos der Amerikanisierung. Über die zwiespältige Rolle von Qualitätsmedien in mediatisierten Wahlkämpfen“ untersuchte jetzt erstmals eingehend Rolle, Bedeutung und Leistungen dieser Medien. Die These vom alleinigen Leitmedium Fernsehen ist demnach nicht haltbar, im Gegenteil: Die tagesaktuellen Qualitätszeitungen („Frankfurter Rundschau“, „Welt“, FAZ und SZ) spielen nachweislich für die Politik und die politische Kommunikation eine sogar etwas größere Rolle als das TV. Der Grund: Die Zeitungen sind in hohem Maße in der Lage, Intermedia-Agenda-Setting-Effekte auszulösen, sie sind Leitmedien für andere Medien, auch für das TV. Ihnen wird darüber hinaus ein hoher Einfluss auf Meinungsführer zugebilligt, die Bedeutung ihrer Leitartikel und Kommentare ist enorm.

Für die Königsdisziplin der politischen Kommunikation, dem Themenmanagement der Parteien, kommt diesen Zeitungen eine überragende Bedeutung zu. Das einflussreichste Medium im politischen Journalismus ist die SZ, gefolgt von der FAZ und der „Bild“-Zeitung. Auch die ARD-Nachrichten sind wichtig. Die Mediatisierung hat der exklusiven Stellung der Qualitätszeitungen keinen Abbruch getan. Auch die These von den „inhaltsleeren Wahlkämpfen“ scheint ein Mythos zu sein. So werden im deutschen Wahlkampf Themen wichtiger, weil die Parteibindungen seit 40 Jahren abnehmen. Eine immer größere Anzahl ungebundener Wähler fällt in der „heißen Schlussphase“ ihre Entscheidung anhand der Issues, die gerade diskutiert werden. Wer hier als Kandidat und/oder Partei „seine“ Themen auf die Agenda setzen kann, hat einen großen Vorteil. Wenn man mit Ideologien und Weltanschauungen immer weniger „Stammkunden“ erreicht, müssen konkrete Themen die immer größere „Laufkundschaft“ überzeugen. Und: Die These von der machtlosen und reformunfähigen Politik, die vor der Ökonomie kapitulieren muss oder sollte, scheint eher eine Mär von Altmarxisten und neoliberalen (Banal-)Ideologen zu sein. Erinnert sei nur an die Einführung des Euro, die europäische Integration, die rot-grüne Energiepolitik oder die Agenda 2010 als anspruchsvolle Reformprojekte, wie immer man politisch dazu stehen mag.

Umso erstaunlicher ist es da, mit welcher Vehemenz gerade einige Qualitätszeitungen immer wieder die angebliche Entpolitisierung der Wahlkämpfe in Form fehlender Inhalte anprangern. Dabei bedienen sie sich gleichzeitig gerne der Themen, Bilder und Schlagzeilen, die ihnen zum Beispiel die SPD 1998 mit ihrer Kampagne über die Kampagne lieferte. So zeigt eine Untersuchung über den Begriff der Amerikanisierung aus dem Wahlkampf 1998, dass auch Qualitätsmedien ein völlig stereotypes und falsches Bild von US-Wahlkämpfen zeichnen und das mit dem deutschen in Beziehung setzen. Dabei ist der US-Wahlkampf wohl alles andere als inhaltsleer, die TV-Duelle zwischen Georg Bush und John Kerry 2004 waren z. B. stark von Fakten und Inhalten (zum Teil über 70%) geprägt. Jochen Wagner zitiert in seiner Untersuchung einen Wahlkampfexperten wie folgt: „Über den amerikanischen Wahlkampf – das wird sehr oft deutlich – bestehen in Deutschland viele Illusionen, viele denken, das wäre wie Hollywood. Aber das ist ein Trugschluss. Der amerikanische Wahlkampf ist knallhart politisch, zielbewusst und er ist sehr viel stärker mobilisierend als der deutsche Wahlkampf.“ (Wagner 2005: 368)

Es liegt der Verdacht nahe, dass die Qualitätsmedien mit Themen wie „Amerikanisierung“ oder „Spin Doctors“ ihre Rolle gemäß normativer Erwartungen als Hüter politischer Inhalte inszenieren, ohne eigentliche Hintergründe, geschweige denn die eigene Rolle kritisch zu beleuchten. In Sendungen wie dem „Presseclub“ geben sich Top-Journalisten gerne als kritische und unabhängige Politikexperten, die sich strikt am Gemeinwohl orientieren und über jedem Parteiengezänk stehen. Die Frage ist nur: Wird diese Rolle durch ihre publizistischen Leistungen gedeckt? Zweifel sind angebracht, denn es gibt Hinwese, dass der Bedeutungsverlust der Parteipresse seit 1945 nicht mit der Auflösung paralleler Strukturen zwischen Presse und Parteien gleichzusetzen ist. Und: Die Qualitätszeitungen scheinen in Wahlkämpfen schon immer ein mindestens ebenso großes Interesse an Macht- und Kommunikationsfragen (Politics) wie an Sachfragen (Policies) zu haben.

Um dies zu prüfen, wurde in besagter Studie über die Qualitätsmedien die Berichterstattung von SZ und FAZ über das Thema Arbeitslosigkeit in den letzten vier Wochen des Wahlkampfs 2002 untersucht. Dazu wurde die Wahlkampfberichterstattung über die beiden TV-Duelle, das Rededuell zwischen Edmund Stoiber und Gerhard Schröder im Bundestag am 13. September 2002 sowie der letzte Berichtstag am 21. September 2002 qualitativ untersucht und mit einer quantitativen Analyse ergänzt. Ergebnis: Wenn man Information und Kritik/Kontrolle mit den Kernmerkmalen Vielfalt, Objektivität, Unabhängigkeit und analytische Tiefe als zentralen Qualitätsmaßstab des Journalismus anlegt, so waren die Leistungen im Politikteil der beiden Zeitungen zum Teil prekär. Die Inhalte der TV-Duelle und des Rededuells im Bundestag zwischen den Kanzlerkandidaten mögen beim Thema Arbeitsmarkt nicht überragend gewesen sein. Doch brachte der CSU-Politiker viele Details und Inhalte. Ingesamt gab es sehr wenig Wahlkampfgeplänkel oder Polemik. Stoibers Kritik an der rot-grünen Arbeitsmarktpolitik war solide, faktenreich und nachvollziehbar, Schröders Hartz-Trumpf bot immerhin eine Perspektive.

Die Medien gaben dagegen ein schlechtes Bild ab. In der FAZ war an keinem, in der SZ nur an einem einzigen der sieben qualitativ untersuchten Berichtstage im Politik- und Wirtschaftsteil der Policyanteil höher als der Politicsanteil. In den Artikeln über das erste TV-Duell kamen in der FAZ praktisch nur Positionen Stoibers vor. Die SZ schien sich der Pflicht zur inhaltlichen Wahlkampf-Berichterstattung beim Thema Arbeitslosigkeit oft zu entledigen, indem sie die Positionen der Parteien und Kandidaten als pauschal wenig unterscheidbar, medial beliebig oder erwartbar bezeichnete. Es gab fast keine Bezüge zur Arbeitsmarktpolitik in anderen Ländern. Auffällig war auch der überaus starke Wahlkampfframe als Deutungsmuster gerade in Kommentaren im Politikteil, es ging meist um den wahltaktischen Umgang mit dem Thema. Hier zeigte die SZ eher kritisches Interesse für die Taktik der Union/Stoibers in Bezug auf das Thema, die FAZ eher für die der SPD bzw. Schröders. Ein zentraler Maßstab zur Beurteilung der Parteien und Kandidaten beim Thema Arbeitsmarkt waren damit im Politikteil ihre Wahlkampfstrategie und ihre Wahlkampftaktik! Die SZ nutzte opportune Zeugen, um Stoiber-Positionen zu entwerten, in der FAZ suchte man im Politikteil vergeblich eine wirklich objektive inhaltliche Auseinandersetzung mit den Hartz-Vorschlägen. Vielmehr erfuhr man mit kritischem Unterton, wie Schröder das Thema wahltaktisch nutzte. Gerade in den so bedeutsamen Kommentaren waren die Informations- und Argumentationsleistungen zum Teil äußerst zweifelhaft. Die SPD konnte in der so wichtigen Schlussphase das für sie ungünstige Thema Arbeitsmarkt von der Medienagenda gut verdrängen, was nicht zuletzt auch an den Qualitätsmedien lag. Die fast reinen „Schröder-Themen“ Irak und Oder-Flut wurden mit den SPD-Grundwerten „Friedenssicherung“ und „Solidarität“ verknüpft, so wurde die SPD bei der Wählermehrheit trotz sehr schwacher Arbeitsmarktbilanz doch noch die bessere Alternative. Und dass, obwohl im September 2002 rund 85% der Wähler die Arbeitslosigkeit als das wichtigste Problem ansahen. Auf Platz 2 folgte ein möglicher Irakkrieg – mit 16%.

Wie lassen sich diese Ergebnisse deuten? Auch wenn die Befunde aus dem Wahlkampf 2002 nur ein Fallbeispiel sind: Es scheint, dass der 2. Weltkrieg doch keine so starke Zäsur im deutschen Journalismus war. Vor allem in der FAZ, aber auch in der SZ lassen sich Spuren des Gesinnungsjournalismus weiter nachwiesen. Noch immer scheint nicht selten die Vermittlung der eigenen Gesinnung Vorrang vor objektiver Information, Transparenz und einer unabhängigen, kritischen Analyse zu haben. Und wenn sich deutsche Journalisten (wie vor 1933) eher als Teil der Macht anstatt als dessen Kontrolleure verstehen, dann wird ihr großes Interesse an Machtfragen (Politics) verständlich. Damit täte denen, die immer so lautstark eine angebliche Entpolitisierung deutscher Wahlkämpfe beklagen, eine echte „Amerikanisierung“ in Form einer stärkeren Inhaltsorientierung und Policyberichterstattung vielleicht ganz gut. Denn was interessiert den Wähler wohl mehr: Wie Parteien und Kandidaten das Thema Arbeitslosigkeit wahltaktisch ausspielen? Oder die Frage: Wie wollen sie die Massenarbeitslosigkeit bekämpfen und wie sind ihre Konzepte objektiv und politisch unabhängig zu bewerten?

Weiterführende Literatur:

Christiane Eilders/Friedhelm Neidhardt/Barbara Pfetsch: Die Stimme der Medien. Pressekommentare und politische Öffentlichkeit in der Bundesrepublik. Wiesbaden 2004.

Peter Glotz/Wolfgang R. Langenbucher: Der mißachtete Leser. München 1993.

Carsten Reinemann: Medienmacher als Mediennutzer. Köln, Weimar, Wien 2003.

Ulrich Sarcinelli: Politische Kommunikation in Deutschland. Zur Politikvermittlung im demokratischen System. Wiesbaden 2005.

Jochen Wagner: Deutsche Wahlwerbekampagnen made in USA? Wiesbaden 2005.

Foto: ZDF/Max Kohr


One Response to “Der Mythos der Amerikanisierung”

  1. Allein gegen die BILD | Der Mythos der Amerikanisierung Says:
    Oktober 10th, 2008 at 11:31 am

    […] Weiter: Zum ganzen Artikel […]

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