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Redaktion | 15. April 2004

Käselöcher und Solarenergie

Den Maus-Machern ist kein Thema zu kompliziert

Von Mirjam Stöckel und Jürgen Stricker

Foto: Jürgen StrickerEs ist schon eigenartig mit der „Sendung mit der Maus“: Sie gilt als vorbildlicher Wissenschaftsjournalismus für Kinder. Und dabei ist ihren Machern in erster Linie doch was ganz anderes wichtig: „Wir machen Unterhaltung“, sagt Redakteur Joachim Lachmuth, beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) für die Sach-Beiträge in der Magazinsendung verantwortlich. „Wir versuchen, dabei etwas rüberzubringen – aber eben auf spielerische, unterhaltsame Weise. Es heißt nicht ohne Grund Sach-Geschichte.“ Bei der Maus-eigenen Art, Geschichten zu erzählen, passiert Wissenschaftsjournalismus oft von allein – ganz unabsichtlich, sozusagen.

Die Journalisten hinter den Maus-Beiträgen haben den Anspruch, komplizierte Zusammenhänge möglichst einfach zu erklären, ohne Sachverhalte zu verfälschen. Häufig benutzen sie dazu handwerkliche Kniffe wie Modelle oder Analogien. So machen sie Kompliziertes anschaulich und allgemein verständlich. Damit erfüllen sie – das stellt auch Erik Albrecht in einer wissenschaftlichen Arbeit zu diesem Thema am Dortmunder Institut für Journalistik fest – exakt die Aufgabe des herkömmlichen Wissenschaftsjournalismus‘.

Fakten lediglich aneinander zu reihen, genügt der Redaktion nicht: „Wir versuchen, Informationen in eine Geschichte zu kleiden“, erläutert Redakteur Lachmuth. So fragt sich beispielsweise Moderator Armin am Frühstückstisch, wie die Löcher in den Käse kommen – und nimmt seine Zuschauer dann mit in eine Schweizer Käserei. Dort findet er heraus, wie Bakterien im Käse Kohlensäurebläschen produzieren, sie „wie einen Furz“ ausstoßen und damit für die Löcher sorgen. Solche Rahmengeschichten sollen Spannung aufbauen und halten, damit das Publikum vor dem Bildschirm bleibt. Dieser Seh-Anreiz funktioniere nicht nur bei kleinen Zuschauern, sagt Lachmuth. „Die großen sind genauso dankbar für Geschichten.“

In acht Jahren als verantwortlicher Redakteur hat Lachmuth die Erfahrung gemacht: Es ist nicht immer leicht, ein komplexes Thema in eine gut verständliche Geschichte zu verwandeln. „An einer Geschichte zur Solarenergie haben wir uns die Zähne ausgebrochen. Es hat eineinhalb Jahre gedauert, um das Thema – mit Hilfe unterschiedlichster Wissenschaftler – immer weiter zu vereinfachen, so dass es für den normalen Zuschauer verständlich wurde.“ Schließlich ließ die Redaktion etwa 200 Schulkinder Atomkerne und Elektronen spielen – um an diesem Modell zu erklären, wie sich Sonne in Strom verwandeln lässt.

Den hohen Anspruch, Komplexes gut verständlich und interessant zu vermitteln, stellen sich die Maus-Redaktionsmitglieder ganz bewusst: Sie sind nämlich nicht immer zufrieden mit dem Wissenschaftsjournalismus im deutschen Fernsehen. „Bei Wissenschaftssendungen bin ich oft überfordert. Da wird dann was über Relativitätstheorie erzählt, ohne sie so weit runterzubrechen, dass jeder etwas damit anfangen kann“, sagt Lachmuth. „Wir Macher machen es uns oft zu leicht.“

Genau das wollen die Maus-Journalisten nicht. Deshalb recherchieren sie sehr ausführlich und investieren viel Zeit in die Umsetzung einer Idee: Bis zur fertigen Geschichte vergeht schon mal ein halbes Jahr. „Das ist ein Luxus“, sagt Lachmuth. „Dass wir so arbeiten dürfen, wissen wir zu schätzen. Und die Zuschauer auch.“

Informationen für ihre Beiträge holen sich die Maus-Autoren von Experten, meist aus Forschungseinrichtungen, manchmal auch aus der Wirtschaft. Wie ihre Kollegen aus klassischen Wissenschaftsredaktionen auch. Von den Fachleuten lassen sich die Autoren komplizierte Vorgänge oder Sachverhalte so erklären, dass sie sie – mit den bereits erwähnten handwerklichen Kniffen – gut verständlich aufbereiten können. „Das bedeutet nicht“, erklärt Lachmuth, „dass jeder Drei- oder Vierjährige jede Geschichte verstehen muss.“ Für die kleinsten Maus-Fans sind nämlich in erster Linie die Lachgeschichten gedacht.

Wie die Maus-Redaktion komplexe Themen recherchiert und umsetzt, entspricht also weitgehend der Arbeit klassischer Wissenschaftsjournalisten. Auch bei den Themen gibt es Überschneidungen – beispielsweise, wenn die Maus-Moderatoren Geschichten über Atomkraft, das Internet oder die Luftfahrt erzählen. „Unser Themenspektrum ist so groß wie die Welt und die Kinderaugen“, sagt Maus-Macher Lachmuth. „Und wenn es heißt, ein Thema sei zu kompliziert, weckt das unseren sportlichen Ehrgeiz.“ ?

Diese breite Themenvielfalt bedeutet aber: Die Redaktion berichtet auch über Dinge, die für Wissenschaftsjournalisten weniger interessant sind. Zum Beispiel über einen „Geräuschemacher“, der Zeichentrickfilme vertont.

Bislang ein weiterer Unterschied zwischen der Maus und vielen Wissenschaftssendungen: „Tages- oder Wochenaktualität wird von uns nicht erwartet“, sagt Lachmuth. Auch wenn ihre Zuschauer das offenbar gar nicht von ihr erwarten – künftig will die „Sendung mit der Maus“ aktueller werden und beispielsweise genau dann erklären, was Schnee ist, wenn Schnee fällt. „Ein bisschen näher am Lebensgefühl der Familien dran zu sein, macht Sinn“, erläutert Lachmuth. „Es wird uns mit Sicherheit gelingen, die Leute noch mehr da abzuholen, wo sie sind.“ Geplant ist, neben Geschichten mit mindestens sechswöchiger Vorlaufzeit auch aktuelle Themen innerhalb einer Woche umzusetzen.

Womit die Maus noch einen weiteren Schritt hin zum „richtigen“ Wissenschaftsjournalismus ginge. Ganz unabsichtlich, irgendwie.

Foto: Jürgen Stricker


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