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Redaktion | 9. Oktober 2008

Die große Unbekannte

Journalisten wissen nur wenig über die EU

Von Julia Lönnendonker

Die Ablehnung der EU-Verfassung in einem Referendum in Irland gibt einer Klage neue Nahrung, die seit Jahren immer wieder zu hören ist: Die Bürger seien nur mangelhaft über die Europäische Union informiert, die Berichterstattung sei zu negativ und unzureichend. Wie soll sich, so der Vorwurf, eine europäische Diskus­sionssphäre oder gar Öffentlichkeit bilden, wenn die Medien kein geeignetes Forum bieten?

In der Tat ist die EU-Berichterstattung oftmals nur punktuell, lückenhaft, wenig hintergründig und außerdem fremdbestimmt durch den Terminkalender der Brüsseler Institutionen. Das bestätigen Forscher aus elf Ländern im Rahmen des EU-geförderten Forschungsprojekts „Adequate Information Management in Europe“ (AIM). Die Hauptursache liegt aber nach einhelliger Meinung der Forscher nicht bei den Brüsseler Korrespondenten, die sich in der Regel lange und intensiv mit dem Geschehen vor Ort beschäftigt haben. Vielmehr haben die Korrespondenten Schwierigkeiten, EU-Themen in den Heimatredaktionen „zu verkaufen“. Sie klagen über mangelndes Wissen in ihren Heimatredaktionen und daraus resultierend mangelndes Bewusstsein für die Bedeutung von EU-Themen.

Obwohl Brüssel inzwischen weltweit der größte Korrespondentenplatz ist und alle namhaften Medien vertreten sind, lassen sich viele Themen aufgrund ihrer Komplexität und der Zahl der Akteure für einen einzelnen Korrespondenten kaum bewältigen. Daher müssen sich die meisten Korres­pondenten darauf beschränken, über die großen transnationalen und nationalen Themen zu berichten. Oftmals bleibt keine Zeit, explizit Themen mit einem regionalen Bezug aufzubereiten. Viele kleine Regionalzeitungen leisten sich ohnehin keinen eigenen EU-Korrespondenten, sondern greifen auf Agenturmaterial oder bestenfalls einen Pool-Korrespondenten zurück.

Die Journalisten in den Heimatredaktionen recherchieren zudem nur äußerst selten selbst EU-Themen, da diese bei ihnen vielfach als zu komplex und langwierig gelten. Die Forschungen im AIM-Projekt haben gezeigt, dass es in vielen europäischen Redaktionen an der längerfristigen Beschäftigung mit europäischen Themen und an Routine in ihrer Recherche mangelt. Es fehlt oftmals bereits an einfachem Wissen über die Funktionsweise der Institutionen und die politischen Spiele, die in Brüssel gespielt werden. Daher reicht die Zeit, die einem Journalisten für Recherchen zur Verfügung steht, in der Regel nicht aus, um EU-Themen hintergründig und umfassend oder einfach nur korrekt zu behandeln. In der Regel bleibt keine Gelegenheit, die wichtigsten Nachrichtenfaktoren eines Themas, nämlich Nähe und Betroffenheit, herauszubearbeiten. Unter anderem daher werden EU-Themen vielfach noch immer stiefmütterlich in der Auslandsredaktion betreut. Berichte über wirklich spannende Themen und langfristige Entwicklungen der europäischen Integration sind selten, stattdessen bleibt es oft bei oberflächlichem Terminjournalismus. Für den Rezipienten sind EU-Themen damit weit weg vom täglichen Erfahrungshorizont und erscheinen langweilig.

Obwohl Journalisten natürlich nicht allein das Kommunikationsproblem der EU verantworten, deutet das fehlende Bewusstsein für EU-Themen bei Journalisten auf Ausbildungsdefizite hin. Dies ist ganz besonders dramatisch, wenn man sich die außerordentliche Komplexität der EU-Institutionen, ihrer Entscheidungsprozesse und Informationsangebote vor Augen hält. Eine bessere Ausbildung von Journalisten in diesem speziellen Themenfeld könnte helfen, die Berichterstattung und damit das Wissen der Bürger über Europa zu verbessern.

Bisher gibt es in Deutschland wie auch im übrigen Europa nur wenig spezielle Trainingsmöglichkeiten für EU-Journalismus. Es fehlt vor allem an umfassenden Weiterbildungsmöglichkeiten. In einigen journalistischen Ausbildungsinstitutionen steht grundlegendes EU-Sachwissen und Institutionenkunde plus eventuell ein Besuch in Brüssel oder Straßburg auf dem Curriculum. Die Friedrich-Ebert-Stiftung bietet beispielsweise regelmäßig zweitägige Seminare zu EU-Themen, die Hilfestellungen bei der Berichterstattung bieten sollen. Neben der Diskussion mit einem Europa-Abgeordneten stehen hier Vorträge von EU-Forschern und Öffentlichkeitsarbeitern der EU-Institutionen sowie kleinere praktische journalistische Module auf dem Plan. Ein ähnliches Seminar ist z. B. im Curriculum des Dortmunder BA-Studiengangs Journalistik vorgesehen. Die Iserlohner Business and Information Technology School bietet im Rahmen ihres Bachelor of Arts in Business Journalism einen dreimonatigen Aufenthalt am Brüsseler Institut des Hautes Etudes des Communications Sociales an. Hier treffen die Studierenden auf Akteure der Brüsseler Medienlandschaft und erlernen einige Wochen praxisorientiert EU-Berichterstattung. Auch im Rahmen journalistischer Weiterbildung gibt es einige wenige Angebote mit praktischem Bezug. So bietet z. B. die Akademie der Bayerischen Presse ein Seminar „Europa als journalistisches Thema“, das verspricht, die Umsetzung europäischer Themen auf lokaler und überregionaler Ebene zu vermitteln. Einige Medien, wie z. B. die Deutsche Welle und der Deutschlandfunk, ermöglichen ihren Volontären, eine Hospitanz im Brüsseler Studio zu absolvieren.

Im Großen und Ganzen fehlt es aber bisher vor allem an praktischer Ausbildung. Das zurzeit größtenteils vermittelte abstrakte Wissen geht nicht in die tägliche Arbeit ein. Es muss daher explizit die praktische journalistische Arbeit geübt werden, damit sich das Erlernte in die redaktionellen Routinen integrieren lässt. Wie die Forschung zeigt, muss das Training dabei vor allem bei den Journalisten in den Heimatredaktionen ansetzen.

Verschiedene Formen journalis­tischer Aus- und Weiterbildung im EU-Journalismus sollten etabliert werden:

In der universitären Journalistenausbildung müssen praktische EU-Seminare in die Basisausbildung aller Studierenden gehören. Diese sollten mit der typischen Institutionenkunde beginnen, dort aber nicht enden, sondern in Praxisseminaren münden, die Recherchewege und Routinen ein­üben und den regionalen Bezug von Themen suchen. Die wichtigsten „Aufhänger“, um ein EU-Thema unterzubringen, sind Betroffenheit und Nähe: Daher müssen Journalisten lernen, ein Thema lokal bzw. regional „runterzubrechen“. Dies ist auch ohne weiteres möglich, da die EU inzwischen einen Großteil der deutschen Gesetzgebung beeinflusst, die sich in der Umsetzung vor allem auf regionaler und lokaler Ebene auswirkt.

In der praktischen Berufsausbildung sollten Volontäre regelmäßig einen Teil ihres Volontariats in Brüssel verbringen. Die im Rahmen des AIM-Projekts befragten Korrespondenten äußerten, dass sie auf deutlich mehr Interesse und Verständnis bei den Kollegen in den Heimatredaktionen stießen, die schon in Brüssel gearbeitet haben.

Zudem sollte es explizite Weiterbildungsangebote für Redakteure aller Ressorts mit praktischen Übungen zu bestimmten Schwerpunkten der EU-Berichterstattung geben (z. B. Agrarpolitik). Auch hier sollte nicht nur Sachwissen vermittelt werden, sondern vor allem praktische Recherche eingeübt und ein Überblick über die Quellenlage vermittelt werden.

Obwohl das Kommunikationsproblem der EU größtenteils strukturell im europäischen System der Informationsvermittlung verankert ist, könnten Journalisten durch eine hintergründigere und kontinuierlichere Berichterstattung dazu beitragen, das Wissen der Bürger über die EU zu verbessern, und es ihnen damit ermöglichen, vermehrt am demokratischen Prozess teilzunehmen.


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