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Redaktion | 15. April 2004

Die Kunst der Verführung

Reportage: Welcher Einstieg reizt zum Weiterlesen?

Von Dorothee Krings

Auf der sechsten Avenue läuft eine junge Frau im cremefarbenen Kostüm zur U-Bahn, spricht über den Verkehrslärm in ihr Handy. Ein Reportagebeginn aus der Süddeutschen Zeitung. Der Leser wird ohne Umschweife in eine Szene versetzt, folgt dem Autor direkt an den Ort des Geschehens. Glaubt man der Fachliteratur, ist ein solcher szenischer Einstieg die beste Variante, eine Reportage zu beginnen. Bei einer Befragung von 150 Probelesern, denen authentische Einstiegssätze zur Bewertung vorgelegt wurden, schneidet aber gerade dieser Satz besonders schlecht ab. Reizt nur wenig zum Weiterlesen, lautet das Urteil der Befragten.

Das Beispiel macht deutlich: Ratschläge zum journalistischen Sprachgebrauch – so plausibel sie auch scheinen – können an den Bedürfnissen der Rezipienten vorbeigehen, wenn sie nicht wissenschaftlich fundiert sind. Über das Thema Einstiegssätze ist schon viel geschrieben, aber nur wenig geforscht worden. Lehrbuchautoren empfehlen vielmehr, was sie selbst für richtig halten oder geben Ratschläge von anderen Journalisten weiter. Nicht wenige halten sich mit konkreten Empfehlungen auch ganz zurück. Stattdessen zählen sie Beispiele aus der Praxis auf, loben und kritisieren ihre Kollegen. Das ist oft amüsant zu lesen, ausreichend ist es nicht.

Anlass für eine Diplomarbeit am Dortmunder Institut für Journalistik, sich empirisch mit dem Thema zu beschäftigen. Welche Einstiegsarten verführen Leser zum Weiterlesen? Diese Forschungsfrage zielt auf die Vermittlungsleistung journalistischen Sprachgebrauchs, rückt also den Rezipienten ins Zentrum des Interesses. Denn im wachsenden Konkurrenzkampf um Leseraufmerksamkeit ist es für Journalisten entscheidend, die kommunikativen Bedürfnisse ihres Publikums genau zu kennen. Nur wenn sie sich darauf einstellen, können sie ihrer öffentlichen Aufgabe gerecht werden.

Das Ergebnis der Untersuchung: Stilistische Merkmale sind für die Nutzungsentscheidungen von Lesern kaum von Bedeutung. Ob eine Reportage mit einer packenden Szene beginnt oder mit einem philosophischen Gedanken, ob gleich zu Beginn eine Person in Aktion tritt oder der Anfang abstrakt bleibt, ist für die Testleser nicht entscheidend. Für alle sprachlichen Varianten finden sich Liebhaber unter den Befragten und genauso Probeleser, die sich nicht angesprochen fühlen. Zu keiner Einstiegsart lässt sich also ein klares Nutzerprofil ausmachen, keine Variante kann Leseraufmerksamkeit garantieren. Das ist enttäuschend für alle, die glauben, durch stilistische Brillanz eine Mehrheit der Leser binden zu können. Andererseits entlastet es jene Schreiber, die regelmäßig an der Einstiegsgestaltung verzweifeln, weil sie glauben, von der möglichst außergewöhnlichen Formulierung ihres ersten Satzes hinge es ab, ob der Leser weiter folgt

Das Ergebnis zeigt vielmehr, dass Journalisten sprachlich viele Freiheiten haben, wenn der Leser nur möglichst schnell versteht, worum es im folgenden Artikel eigentlich gehen soll. Denn dies ist durchaus ein klares Votum der Befragten: Sie wollen sich bereits zu Beginn des Artikels zumindest grob über das Thema informieren, um entscheiden zu können, ob der weitere Leseaufwand sich lohnt. Ganz rätselhafte Einstiege schneiden daher in der Bewertung deutlich schlechter ab. Erste Sätze, die weder Ort, Zeit noch Handelnde eindeutig erkennen lassen, können stilistisch noch so gelungen sein, sie widersprechen dem Orientierungsbedürfnis der Leser. Darum kann wohl auch die Dame im cremefarbenen Kostüme auf der sechsten Avenue nicht zum Weiterlesen verführen.

Dagegen ist Verständlichkeit ein sprachliches Merkmal, das von den Testlesern honoriert wird. Einstiegen mit einfachem Satzbau, eindeutigen Formulierungen und ausdrucksstarker Wortwahl messen die Befragten besonders hohen Leseanreiz zu. Wenn Journalisten am ersten Satz ihres Artikels arbeiten, sollten sie also nicht von Genusslesern ausgehen – selbst wenn sie dadurch die höchsten stilistischen Ansprüche an die eigene Arbeit stellen. Vielmehr sollten sie versuchen, sich in das Nutzenkalkül eiliger oder oberflächlicher Leser hineinzudenken, deren Bedürfnisse zu antizipieren und beim Schreiben zu berücksichtigen. Selbstverliebte Sprachspielereien schließt das genauso aus wie routinierte Langeweile. Ziel sollte sein: der anregend formulierte erste Satz mit Kerninformationen zum Thema

Das gilt genauso für Kommentareinstiege. Auch für dieses Genre zeigt die Untersuchung, dass es nicht entscheidend ist, ob ein Meinungsartikel genretypisch mit einer klaren These beginnt, zunächst nachrichtlich zum Thema führt oder etwa einen historischen Vergleich vorweg schickt. Entscheidend ist, dass dem Leser sofort klar wird, mit welchem Thema sich der Kommentar beschäftigt. Darum würden die Probeleser bei einem unauffälligen, aber klaren ersten Kommentarsatz wie dem Folgenden gerne weiterlesen: „Ford, Opel, Bayer – lang ist die Liste der Konzerne, die rund um den Globus Zehntausende Arbeitsplätze streichen.“ Das authentische Beispiel eines rätselhaften Einstiegs fesselt sie dagegen nicht: „Die Diskussion wieder anzustoßen, das war ihre Absicht, und sie wird dafür Zustimmung bekommen.“ Ein szenischer Reportagebeginn ist also nicht zwingend der beste, ein Kommentator muss nicht in der ersten Zeile provozieren, einfache Rezepte zur Einstiegsgestaltung gibt es nicht. Aber es gibt Kriterien zur Bewertung der eigenen Schreibpraxis: Ist der erste Satz prägnant, verständlich und führt er direkt zum Thema? Diese Fragen sollten sich Journalisten stellen. Und wenn die Schreibblockade droht sich daran erinnern, dass den Befragten im Zweifelsfall Effizienz der Vermittlung wichtiger ist als Brillanz.

Dorothee Krings hat Journalistik an der Universität Dortmund studiert. Der vorliegende Beitrag beruht auf den Untersuchungsergebnissen ihrer Diplomarbeit. Der Ex-Verein des Instituts für Journalistik hat ihr dafür den Will-Schaber-Preis verliehen.


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