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Redaktion | 9. Oktober 2008

Alles geht. Oder?

Tabus im europäischen Journalismus

Von Andrea Czepek

Auf den Titelseiten prangen nackte Frauen, im Innern der Boulevardpresse und (nicht nur) der bunten Zeitschriften wird das Privatleben der Politiker minutiös beleuchtet, wir lesen die SMS des finnischen Außenministers an eine Prostituierte mit oder schauen einem deutschen Minis­ter beim Planschen im Pool mit der Geliebten zu. Ungezügelter Sex, rohe Gewalt und aufgeschlitzte Körper beleben jede durchschnittliche Arztserie. Wenn man da noch auffallen will, muss man schon ein Buch über weibliche Körperöffnungen schreiben (als Frau). Grenzen scheint es nicht zu geben in europäischen Medien, alles geht, je härter, desto besser, kein Thema zu intim, um nicht in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden. Immer wieder herbeigeredet, oft beklagt: die tabulose Gesellschaft, in der jedes Thema angefasst werden darf, kein Verhalten mehr obszön, unberührbar erscheint.

Bei genauerem Hinsehen trügt der grellbunte Schein. Die Medien wimmeln nur so von Themen, die – äh – fehlen. Tatsächlich brechen Mainstream-Medien selten wirklich Tabus, weil sie nur Themen aufgreifen, für die sie eine bereits breite Zustimmung in der Bevölkerung vermuten. Das Risiko, für eine echte Tabuverletzung geächtet zu werden, können etablierte Medien schon aus strukturellen Gründen gar nicht eingehen. Für die weißen Flecken auf den Landkarten der (Nachrichten-)Medien gibt es verschiedene Erklärungen. Dabei muss man unterscheiden zwischen Themen, die gar nicht berührt werden, und Themen, die reflexartig immer wieder auf dieselbe Weise interpretiert oder in einem bestimmten Kontext dargestellt werden, weil sie in ein bestimmtes, gängiges oder allgemein akzeptiertes Erklärungsmuster passen. Erving Goffman hat dafür den Begriff des Framing geprägt: Bestimmte Themen, beispielsweise der Klimawandel oder Gewalttaten von Jugendlichen, um nur zwei von vielen möglichen Beispielen zu nennen, werden von Journalisten in typische Erklärungsmuster gepackt, was dazu führen kann, dass alternative Erklärungsmodelle keinen Eingang in die Medienberichterstattung finden.

Es gibt aber auch Themen, die überhaupt nicht berührt werden. Oft besteht ein gesellschaftlicher Konsens, dass es sich nicht gehört, über sie zu reden, etwa, weil die Berührung eines Tabus als gefährlich für die Gesellschaft angesehen wird. Ein Tabu ist in Deutschland zum Beispiel die öffentliche Befürwortung von nationalsozialistischem Gedankengut – und das ist völlig richtig so. Die Abscheu gegen­über den Gräueltaten der Nazis muss in Deutschland dauerhaft so groß bleiben, dass es uns nicht einfallen darf, sie zu relativieren. An diesem Beispiel sieht man aber auch, wie schwierig es ist, die Tabu-Frage überhaupt zu thematisieren, denn es fällt mir schwer, Nazi-Sympathien als Tabu zu bezeichnen, ohne fürchten zu müssen, ich könnte selbst für diese Tabuverletzung angeprangert werden (deshalb sei hier nochmals betont: nichts läge mir ferner). Die gleich folgenden Beispiele zeigen, dass es einfacher ist, über Tabus in anderen Ländern zu sprechen, die uns weniger berühren.

Zunächst haben Tabus also auch eine Schutzfunktion. Nicht umsonst ist uns der Jugendschutz wichtig, wir müssen die Privatsphäre schützen oder auch den demokratischen Prozess. Tabus spiegeln gesellschaftliche Werte wider: So wird beispielsweise die Mutterliebe als selbstverständlich vorausgesetzt. Stellt sie sich nicht sofort von selbst ein, müssen sich Mütter für abnormal halten. Die Sexualität von alten oder behinderten Menschen ist bei uns ein Tabuthema (und auch, in vieler Hinsicht, die von Frauen), und obwohl täglich angeblich 70 Morde im deutschen Fernsehen gezeigt werden (wie Jo Groebel akribisch hat zählen lassen), sind der Prozess des Sterbens und der wirkliche Tod Themen, die fast vollkommen aus unserem öffentlichen Raum, ja sogar aus dem privaten Raum verschwunden und überwiegend in separate Organisationen, die Krankenhäuser, verbannt worden sind.

Welche Themen tabu sind und wie mit möglichen Tabubrüchen umgegangen wird, ist in verschiedenen Ländern unterschiedlich – aufgrund unterschiedlicher kultureller, sozialer, politischer und historischer Voraussetzungen. Die folgenden Beispiele stammen aus dem Forschungsprojekt „Press Freedom and Pluralism in Europe (PLUS)“, das wir an der Fachhochschule in Wilhelmshaven mit Partnern aus zwölf Ländern initiiert haben.

Die besondere geografische und politische Situation Finnlands zum Beispiel zwischen der ehemaligen Sowjetunion und Europa hat dort ganz eigene politische Tabus hervorgebracht. Obwohl Finnland unbestritten ein sehr freies Mediensystem hat, war es vor 1989 in den finnischen Nachrichtenmedien nicht möglich, die Sowjetunion offen zu kritisieren, eine ungeschriebene Regel, der sich die meisten Journalisten im Interesse des Schutzes der engen wirtschaftlichen Verbindungen durch Selbstzensur unterwarfen, wie Inka Salovaara-Moring berichtet. Nach dem Ende der Sowjetunion und im Zuge der Beitrittsverhandlungen Finnlands zur Europäischen Union in den 1990er Jahren verschwand dieses Tabu natürlich – jedoch nur, um von einem neuen Tabu ersetzt zu werden, nämlich keine Kritik an der EU zu üben. Hier spiegeln sich sowohl wirtschaftliche und politische Zwänge eines kleinen Landes gegenüber seinen mächtigeren Partnern, als auch eine Kultur, die eher Konsens herbeiführen und Konfrontation vermeiden möchte.

Die besondere soziale und politische Tradition spiegelt sich auch in einem Tabu der französischen Medien. Ausgerechnet in Frankreich, wo sämtliche Musik-, Film- und Fernsehproduktionen sowie Ausstrahlungen quotiert sind (um einen Mindestanteil an französischen Produktionen zu gewährleis­ten) und wo Nachrichtensendungen je 30% Sendezeit für die Position der Regierung, der Mehrheitspartei im Parlament und der Oppositionspartei einräumen müssen, gibt es keinerlei Quoten für ethnische Minderheiten, beispielsweise für eine Beteiligung am Programm. Den Grund dafür sieht Thierry Vedel darin, dass es – offiziell – keine ethnischen Minderheiten gibt. Minderheiten als solche zu definieren, würde bedeuten, sie an irgendwelchen Merkmalen von anderen zu unterscheiden, was nach französischer Vorstellung an sich schon rassistisch und damit tabu wäre. Nach dem französischen Ideal der „Egalité“ sind alle französischen Bürger im Prinzip gleichberechtigt, Sonderregelungen zu schaffen hieße nicht nur, an dieser Gleichberechtigung zu zweifeln, sondern auch an der prinzipiellen Gleichheit der Menschen.

Im Mittelalter waren es die Narren, die die Freiheit hatten, auch unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Noch heute finden Tabubrüche oft zunächst in satirischer Form statt, in Kabarett und Comedy, in Glossen und Kolumnen, und werden dort auch am ehesten akzeptiert, weil die satirische Überhöhung eine gewisse Distanzierung erlaubt. So auch in Spanien, wo die kleine Satirezeitschrift „El Jueves“ im Juli 2007 mit einer Karikatur auf ihrer Titelseite Aufsehen erregte. In Spanien gibt es, wie Ingrid Schulze-Schneider beob­achtet hat, zwei große Tabus in den Medien: den Terrorismus und (ganz im Gegensatz zu Großbritannien) das Leben der Königsfamilie und die Vorgänge innerhalb des Palastes. In über 30 Jahren seiner Amtszeit sei kaum etwas Negatives über König Juan Carlos in den Medien erschienen, so Schulze-Schneider. Aktueller Anlass für die Karikatur bei „El Jueves“ war die Entscheidung der gerade neu gewählten sozialistischen Regierung, als Anreiz zur Steigerung der Geburtenrate Eltern für jedes neugeborene Kind 2.500 Euro zu schenken. Die Karikatur stellte nun den spanischen Thronfolger Prinz Felipe mit seiner Frau Letizia beim Geschlechtsverkehr dar und legte Prinz Felipe die Worte in den Mund: „Ist Dir das klar, Letizia – wenn Du schwanger wirst, ist dies das erste Mal, dass ich etwas tue, was wirklicher Arbeit nahe kommt.“ Die Behörden reagierten vehement und versuchten, die Verbreitung des Magazins zu unterbinden – was nicht gelang, allerdings wurden die beiden Zeichner zu einer Geldstrafe verurteilt. Der Vorgang löste eine Welle der Empörung über den Zensurversuch aus – und eine öffentliche Debatte darüber, ob die Königsfamilie weiter vor der Öffentlichkeit geschützt werden sollte oder nicht. Natürlich erhielt die Karikatur dadurch eine viel größere Aufmerksamkeit, als es ohne das Einschreiten der Regierung der Fall gewesen wäre. Jedoch könnte genau dies die Absicht der – wohlgemerkt sozialistischen – Regierung gewesen sein, nämlich auf diese Weise indirekt eine Debatte über Sinn und Unsinn der Monarchie in Spanien anzustoßen und den Weg für eine Abschaffung der Monarchie nach dem Tod von Juan Carlos vorzubereiten, wie einige spanische Journalisten vermuten.

Tabus können, wenn sie auf gesellschaftlichem Konsens beruhen, wichtig sein, um die Gemeinschaft zu schützen. Wenn es darum geht, die Würde von Menschen zu achten oder sie vor Angst und Schrecken zu bewahren, wenn es darum geht, eskalierende Auseinandersetzungen zu verhindern, ist es wichtig, bestimmte Themen respektvoll zu behandeln und nur vorsichtig zu berühren. Die Beispiele zeigen auch, dass diese Empfindlichkeiten in verschiedenen Ländern an so unterschiedlichen Stellen liegen, dass Außenstehende aufpassen müssen, um nicht aus Unkenntnis Konflikte zu verursachen – eine Problematik, die durch die zunehmenden internationalen Aktivitäten von Medienunternehmen verstärkt werden dürfte.

Tabubrüche können aber auch ein heilsamer Vorgang sein, der zu gesellschaftlichen Veränderungen führt. Es muss erlaubt sein, zu diskutieren, ob Tabus auf überholten Werten oder einseitigen politischen oder wirtschaftlichen Interessen beruhen. Fände ein öffentlicher Diskurs darüber in den Medien statt, könnte sich ein öffentlicher Entscheidungsprozess darüber herausbilden, ob das Thema weiterhin vermieden werden sollte – oder ob es Anlass gibt, die dahinterstehenden Werte zu überdenken. Oder ob manche Tabus Probleme verbergen, die unter der Oberfläche brodeln (Rassismus zum Beispiel, der nicht offen ausgesprochen wird, aber dennoch verbreitet ist). In diesem Sinne würde verantwortungsvoller Journalismus nicht den Tabubruch um seiner selbst willen betreiben – aus Sensationsgier immer nackter, brutaler, schockierender, obs­zöner – sondern eine gesellschaftliche Debatte widerspiegeln und vorantreiben, die Probleme diskutiert und zu lösen versucht, anstatt die Augen vor ihnen zu verschließen.

Foto: Imago / Hubert Jellinek


One Response to “Alles geht. Oder?”

  1. matteo Says:
    Januar 11th, 2009 at 7:59 pm

    hier sei ein journalist zu empfehlen, der schon einige brechenswürdige tabus hier und da im öffentlich rechtlichen etwas aufgebrochen hat

    http://www.ueberreuter.at/index.php?isbn=3800073854&phd=3

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