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Redaktion | 15. April 2004

Zwischen Propaganda und Wirklichkeit

Historische Medizinfilme des Dritten Reiches

Von Heidrun Riehl-Halen

Ob TV-Serien wie „Holokaust“, Dokumenta-tionen über „Ärzte unterm Hakenkreuz“ oder aktuelle Berichte zum Jahrestag des „D-Day“ – fast täglich befassen sich Fernseh-sendungen mit dem Dritten Reich. Dabei wird der Zuschauer oft mit historischen Filmaufnahmen konfrontiert. Doch wie wirk-lich ist die Wirklichkeit in diesen Zeitdoku-menten des Nationalsozialismus? Was ist wahr und was bewusst inszeniert?

Werden politische Themen häufig im Zusammenhang mit der NS-Propaganda genannt, blieben Filme mit naturwissenschaftlichen Inhalten bisher wenig beachtet. Tragen auch sie die Handschrift der Nationalsozialisten? Die Naturwissenschaften gelten doch als empirische Wissenschaften. Wie sollte es möglich sein, diese erforschte Wahrheit für ideologische Zwecke zu verfälschen? Auf welcher Linie zwischen Realität und Propaganda sich die NS-Journalisten bewegten sei hier am Beispiel populärer Medizinfilme beleuchtet.

Populärwissenschaftliche Filme wurden während des Dritten Reiches von breiten Bevölkerungskreisen rezipiert. Hierbei handelt es sich um Wochenschauberichte, Dokumentar- und Berichtsfilme, die meist im Vorprogramm der Kinos liefen. Heute als Dokumentarfilme zusammengefasst, gelten diese Filmgenres normalerweise als wirklichkeitsnah. So gingen bis zum Ende des 20. Jahrhunderts Mediziner und Filmwissenschaftler oft davon aus, dass populäre Medizinfilme ebenso wie medizinische Lehrfilme weniger ideologisch beeinflusst waren.

Doch nationalsozialistisches Gedankengut eroberte sowohl das Gesundheitswesen als auch die Filmindustrie. Das faschistische Verständnis von Medizin und Gesundheit unterschied sich dabei ganz grundlegend von dem anderer Zeitepochen. Die NS- Gesundheitspolitik unterstützte eine vorbeugende Gesundheitsfürsorge stärker als die therapeutische Medizin. Sie stellte das „Volkswohl“ vor das des Einzelnen, unterschied zwischen „Ballastexistenzen“ und „Erbegesunden“, zwischen „rassisch Wertvollen“ und „Untermenschen“.

Dieses ideologische Bild spiegelt sich auch in vielen Medizinfilmen des Dritten Reiches wieder. Ein Vergleich mit den jüngsten Erkenntnissen zur Geschichte der Medizin im Nationalsozialismus zeigt, dass viele Filme nicht den tatsächlichen Alltag in der Praxis darstellen. Vielmehr zeichnen sie die Idealvorstellung der Gesundheitsführer nach.

Zwar finden sich in mehreren medizinischen Themenbereichen immer wieder sachlich gestaltete Filmbeispiele und vielfach entspricht die Filmgestaltung dem allgemeinen Zeitgeist der Epoche. Insgesamt widerlegt sich jedoch die These, allein durch die Auswahl medizinischer Themen könne man sich vor dem Einfluss der NS-Propaganda schützen. Denn schon bei der Auswahl der verfilmten Themen fand eine gezielte Lenkung im Sinne des faschistischen Regimes statt. Schließlich erstreckte sich die Filmzensur der Nazis über sämtliche Stadien der Filmherstellung. Vom ExposeÂ¥ bis zur Kinovorstellung befanden sich auch die populärwissenschaftlichen Medizinfilme unter einer lückenlosen staatlichen Kontrolle.

Viele Streifen dienten offenbar der bewussten Massenbeeinflussung, wie aus Einträgen in Joseph Goebbels Tagebuch hervorgeht. Dies gilt insbesondere für die sogenannten Aufklärungsfilme zur Erb- und Rassenpolitik. Bewusst stellten NS-Filmproduzenten hier leidend inszenierte Behinderte jungen dynamischen Sportlern gegenüber. Die Anstaltspatienten bezeichnete man abwertend als „Idioten“, „Erbkranke“ oder „Irre“, stellte sie als Belastung für die Allgemeinheit dar und erkannte ihnen das Recht auf Nachkommen ab. Naturheilkundefilme brachten dem Zuschauer einen naturnahen Lebensstil näher. Aufnahmen von Leibesübungen unterstreichen den faschistischen Körperkult. Doch hinter der Propagierung der kostengünstigen Lebens- und Heilweisen stand in Wirklichkeit eine gezielte Sparpolitik.

Viele Filme zum Thema Gesundheitsfürsorge zeichneten das Bild der staatlichen rundum Fürsorge für die Gesundheit der Bevölkerung, vermittelten andererseits aber auch einen Leistungsanspruch an die Bürger. Der hatte „gesund zu sein für Volk und Staat“. Eine gezielte Rechtfertigungspropaganda während der Kriegsjahre sollte offenbar das besorgte Volk beruhigen.

Selbst Medizinfilme über Forschungsinhalte scheinen nicht frei vom propagandistischen Einfluss. Statt sachlicher Berichterstattung fällt eine überhöhte, emotionalisierte Darstellung deutscher Wissenschaftler, deutscher Forschungseinrichtungen und deutscher Entdeckungen auf.

Insgesamt lassen sich Gestaltungsmethoden erkennen, die Filmwissenschaftler bereits bei Spielfilmen als typische Mittel der NS-Filmpropaganda beschrieben. Auf diese Weise verbreiteten auch Medizinfilme unter dem Deckmantel der Authentizität vermeintlich dokumentarischer Aufnahmen faschistische Propaganda Botschaften.

Doch der Blick auf die Vergangenheit schärft das Auge für die Gegenwart: Nicht nur Ethiker sehen heute Parallelen zum Dritten Reich: Mit den Entwicklungen in der pränatalen Diagnostik hat eine neue unsichtbare Euthanasie begonnen. Der Selektionsgedanke ist hier manchmal so präsent wie in der Erb- und Rassenideologie des Nationalsozialismus. Wenn Politiker aus Kostengründen für eine Altersbegrenzung bei Operationen plädieren, erinnert das an den Sparkurs im NS-Gesundheitswesen.

Anders als im Nationalsozialismus gibt unser demokratisches Staatsgefüge jedoch heute die Chance, medizinische Themen ausgewogen und kritisch darzustellen. Kein totalitäres Regime hindert uns, die Dinge einmal aus anderer Sicht darzustellen. Keine Zensurbehörde greift in die Gestaltung der Medien ein. Wir sollten diese Chance nutzen.

Dr. med Heidrun Riehl-Halen ist Studentin am Ergänzungsstudiengang Journalistik der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Sie arbeitet als Freie Medizinjournalistin. Grundlage ihres Beitrages ist die Forschung im Rahmen ihrer Diplomarbeit zum Thema „Medizin zwischen Propaganda und Wirklichkeit. Die Darstellung medizinischer Themen in Wochenschauen, Dokumentarfilmen und Periodika des Nazionalsozialismus (1933 bis 1945)“


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