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Redaktion | 9. Oktober 2008

Bis zum Bug oder weiter?

Zwischen den Städten Dortmund und Rostov am Don, speziell ihren Universitäten und noch spezieller deren Fakultäten für philologische Fächer und Journalistik, besteht seit Anfang der 1990er Jahre eine gelebte Partnerschaft. Fährt man mit der Eisenbahn, dauert es drei Tage und zwei Nächte. Auf der Hinfahrt wurde mir die Welt draußen bereits fremd, nachdem wir bei Frankfurt die Oder passiert hatten. Auf der Rückfahrt, nachdem ich in Brest, wo die Spurweite wieder auf das mitteleuropäische Maß reduziert wird, nachts wegen eines ungültig gewordenen Transitvisums aus dem Zug geholt worden war und mir einen ganzen Tag lang das Foto Präsident Lukaschenkos in weißrussischen Amtsstuben angeschaut hatte, fühlte ich beim Überqueren des Bugs erleichtert: Du bist zu Hause angekommen. Polen war damals gerade der EU beigetreten.

Wenn Sie dieses Heft durchblättern, müssen Sie das Gefühl, zu Hause zu sein, gar nicht erst verlieren: ein Projekt, das Meinungsbeiträge führender Qualitätszeitungen aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Dänemark und Österreich untersucht; der deutsch-französische Kulturkanal Arte; die europäischen Institutionen in Brüssel und Straßburg; Medientabus in Finnland und Spanien; ja selbst das Niederstimmen der EU-Verfassung in Frankreich, den Niederlanden und Irland oder die populistische Anti-EU-Kampagne der Wiener „Kronen Zeitung“, die allem ins Gesicht zu schlagen scheint, was guten, distanzierten Journalismus ausmacht – dass uns das alles normal, ja vertraut vorkommt, spricht für Fortschritte des Projekts Europäische Öffentlichkeit.

Oder nicht? Zweifel an solchem Fortschrittsglauben werden durch ein Buch genährt, das ich auf den langen Fahrten von und nach Rostov gelesen habe. Stefan Zweigs „Die Welt von Gestern“ bezeugt, dass es das kulturelle Europa, dem wir näher zu kommen glauben, und eine daran orientierte transterritoriale Identität bereits vor einem Jahrhundert gegeben hat. Pässe und Visa brauchte man zu jener Zeit für Grenzübertritte nicht, und statt Österreicher oder Franzosen dachten Intellektuelle wie Zweig oder sein Freund Romain Rolland als Europäer. Der Erste Weltkrieg, der Hitler, Stalin und die nationalistischen Exzesse des 20. Jahrhunderts nach sich zog, war der Sündenfall, der diese Welt zerstört und in Vergessenheit geraten lassen hat. Dass die gegenwärtigen Projekte Europa und Europäische Öffentlichkeit im Grunde Bemühungen sind, an schon Erreichtes anzuknüpfen und den Rückschritt der Weltkriege und ihrer Folgen – vor allem des Kalten Kriegs – zu überspringen, ist ihren Protagonisten selten bewusst.

Die mittlerweise historisch gewordene Einsicht, dass die kulturelle Wiederherstellung und Sicherung des Friedens das ursprüngliche Motiv für das Nachkriegsprojekt Europäische Integration war, ist nützlich, um sich die gegenwärtigen Defizite dieses Projekts klarzumachen. Definiert man Europa geografisch, sind Kriege und nationalistische Exzesse auch hier nicht endgültig überwunden, nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums wüteten sie auf dem Balkan, heute drohen und schwelen sie in der Kaukasus-Region. Europäische Öffentlichkeit muss daher Osteuropa umfassen, wenn sie ihren Sinn als kulturelle Voraussetzung eines Frieden stiftenden und Frieden sichernden Integrationsprozesses behalten soll. Der Bug darf nicht die Grenze nach Osten sein, Weißrussland, die Ukraine, die Balkan- und Kaukasusländer und nicht zuletzt Russland, das größte europäische Land, gehören dazu. Auch, wenn uns das ungemütlich ist.

Wenn wir die für den Frieden in Europa bedrohliche geopolitische Grenze am Bug überwinden wollen, dann müssen wir sie zunächst kulturell, also im eigenen Kopf überwinden. Dass das nicht leicht ist, zeigt der Kaukasus-Konflikt, in dem Westeuropa und die EU versucht sind, sich als Widerpart Russlands zu begreifen. Wie schwierig das ist, zeigt aber auch unser Heft, wenn wir selbstkritisch seine Konzentration auf die – auch in sich durchaus mangelhafte – europäische Teilöffentlichkeit diesseits des Bugs betrachten.

Um diese Schieflage wenigstens an dieser Stelle etwas zu kompensieren, sei auf zwei bewusst nach Osteuropa blickende Medienprojekte hingewiesen, die eine intensivere Darstellung verdient hätten: die „Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (OSZE) hat in diesem Jahr ein empfehlenswertes Handbuch über Medienselbstkontrolle herausgegeben:

Haraszti, Miklós (ed.): The Media Self-Regulation Guidebook. All questions and answers. Vienna 2008.

Die OSZE legt das auch im Internet (http://www.osce.org/fom/) greifbare „Guidebook“ neben einer englischen und einer französischen Version in russischer Sprache vor, weil es besonders in den Ländern östlich des Bugs an wirksamen journalistischen Selbstkontrollmechanismen fehlt.

Das andere Projekt ist „n-ost“ (http://www.n-ost.de), ein Netzwerk besonders junger Journalistinnen und Journalisten, die über Osteuropa berichten. „Sie setzen sich für Demokratie und Medienfreiheit ein und leisten mit ihrer Arbeit einen Beitrag zum Zusammenwachsen Europas. Im Mittelpunkt steht die Verbesserung der Berichterstattung über die Länder des östlichen Europas. Medien und Institutionen erhalten von n-ost täglich ein qualitativ hochwertiges Text- und Bild-Angebot. n-ost-Mitglieder sind ideale Ansprechpartner für Recherchen, Buchprojekte und Vorträge.“ (aus der Selbstdarstellung des Netzwerks)

In der Hoffnung, dass diese Hinweise für Ihre Arbeit nützlich sind, wünsche ich allen JoJo-Leser(inne)n einen friedlichen Winter 2008/2009 und grüße Sie freundlich

Ihr Horst Pöttker


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