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Redaktion | 15. April 2003

Personalisierung und Skandalisierung

Wirtschaft: Vom Nutzen der Politikberichterstattung

Von Jürgen Heinrich

Triebfeder des menschlichen Handelns ist der persönliche Nutzen des Einzelnen – das ist jedenfalls die Grundüberzeugung der Ökonomie. Entsprechend ist auch die Rezeption der von den Massenmedien verbreiteten Informationen nutzengeleitet: Der persönliche Nutzen der Rezeption ist der individuelle Informations- und/oder Unterhaltungsnutzen, etwa der Nutzwert von Verbraucherinformationen in der Wirtschaftsberichterstattung oder der Nutzwert der Unterhaltung durch die Berichterstattung über die Kanzlergattin in der Boulevardpresse. Was aber ist der Nutzen der Politikberichterstattung?

Nach der – etwas verstaubten – Lehrbuchmeinung, beispielsweise des Bundesverfassungsgerichtes, informiert sich der Bürger in den Medien über Politikalternativen und wählt schließlich die Partei bzw. die Politiker, die er für zweckdienlich hält. Politikberichterstattung wird demnach angeblich zum Wohle der Allgemeinheit rezipiert. Das wird allerdings schon lange bezweifelt: „Das reduzierte Verantwortungsgefühl und das Fehlen wirksamer Willensäußerung erklären den Mangel an Urteilsvermögen und die Unwissenheit des normalen Bürgers in Fragen der inneren und äußeren Politik. So fällt der typische Bürger auf eine tiefere Stufe der gedanklichen Leistung, sobald er das politische Gebiet betritt. Er argumentiert und analysiert auf eine Art und Weise, die er innerhalb seiner tatsächlichen Interessen bereitwillig als infantil anerkennen würde. Er wird zum Primitiven.“ (Schumpeter 1946, S. 415f.).

In der Tat: Warum sollte sich der Bürger sachlich über Politik informieren? Sein Nutzen aus politischer Information ist sehr gering, weil die Stimme des einzelnen, gut informierten Wahlbürgers für das Wahlergebnis von verschwindend geringer Bedeutung ist. Und zugleich sind die Informationskosten recht hoch, weil die Qualität des Angebots politischer Alternativen nur schwer beurteilt werden kann. Daher lohnt es für den Stimmbürger nicht, politisch gut informiert zu sein: Er ist rational ignorant. Schon eher spielt der Unterhaltungsnutzen für den Stimmbürger eine zentrale Rolle. Eigentlich kann für den rational handelnden Menschen nur der Faktor Unterhaltung Motiv sein, sich über die Politik zu informieren.

Es verbleibt aber dann das Rätsel, dass Bürger tatsächlich ja an Wahlen teilnehmen, wenngleich mit abnehmender Tendenz. Dies wird nach der „Expressive-Voting“-Theorie damit erklärt, dass der Wahlakt selbst dem Individuum einen Nutzen erbringt. Nämlich den Nutzen, direkt seine moralische Sympathie, seine moralische Identifikation oder seine moralische Ablehnung zeigen zu können. Hier passt sehr gut, dass auch das moralische Handeln der Menschen ökonomisch zweckrational gesteuert ist:

Man glaubt, dass Menschen dazu neigen, moralisch zu handeln, aber nur, wenn dies nicht allzu viel kostet. Wenn, um beim Wahlakt zu bleiben, die Kosten des Wählens in Form eines Sauwetters oder die Opportunitätskosten des Wählens in Form strahlenden Sonnenscheins nicht zu hoch sind. Man spricht in der Ökonomie von Kleinkostenmoral oder Minimalmoral.

Diese Handlungsmuster können direkt auf die Politikberichterstattung übertragen werden: Hier bieten persönliche Informationen über Politiker und ihr Umfeld einen guten Unterhaltungsnutzen. Und dieser kann deutlich gesteigert werden, wenn es der Berichterstattung gelingt, persönliches Fehlverhalten prominenter Politiker zu moralisieren und zu skandalisieren. Dies sollte nicht schwer fallen, denn: Kein Politiker kann immer allen Normen der Bürgermoral entsprechen. Und die Rezeption dieser Berichterstattung setzt keine nennenswerten Informationskosten voraus.

Außerdem vermittelt die Rezeption einen erheblichen Unterhaltungsutzen, der beim Wahlgang sozusagen in die Tat umgesetzt werden kann. Die Konsequenzen für die Medien als politische Institution sind betrüblich, weil die Minimalmoral der Wähler nur billiger Ersatz für wirkliches politisches Räsonnement und die eigentlich notwendigen reflexiven Diskurse ist, und weil ja nicht Argumente sondern Personen bewertet werden.

Prof. Jürgen Heinrich lehrt Ökonomie am Institut für Journalistik der Universität Dortmund.


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