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Redaktion | 31. März 2009

„So wörtlich wie möglich, so frei wie nötig“

Zum Umgang mit fremdsprachigen O-Tönen im Radio

Von Robert Rymes

rymes

Der fremdsprachige O-Ton fris­tet in Hörfunksendungen meis­tens ein Dasein im Schatten der deutschen Übersetzung. In der aktuellen Berichterstattung erfüllt er in der Regel nur eine Belegfunktion und auch in vielen Features dominiert die unsensible Montagetechnik des Voice-Overs. Hierbei liegt die Übersetzung über dem heruntergepegelten O-Ton und „quatscht“ ihn zu. Doch im Feature, das Themen „zum Klingen“ bringen soll, erscheint es angebracht, die nicht-sprachlichen Informationen, den klanglichen und emotionalen Aspekt der Stimme, aber auch den musikalischen Reiz einer unbekannten Sprache zur Geltung kommen lassen. Man könnte vermuten: Gerade weil der Hörer auf die unverständlichen sprachlichen Informationen nicht achten muss, kann er seine Aufmerksamkeit voll und ganz auf die sprecherischen Aspekte richten.

Der Redakteur und Feature-Autor Udo Zindel stellt in seinem Buch „Radio-Feature“ einige Alternativen zur Voice-Over-Montage vor. Seiner Meinung nach arbeite der Autor sensibler, wenn O-Ton-Blöcke freistünden, damit sich der Hörer in die Sprache einhören könne. Sehr elegant, aber aufwändig sei die Methode, knapp gehaltene Übersetzungen in die Sprechpausen der Sequenz einzusetzen, da so die natürliche Struktur des O-Tons erhalten bleibe.

Auf zwei bedeutende Arbeitsschritte vor der Montage der Übersetzung geht Udo Zindel nicht ein: die Redaktion der Übersetzung durch den Autor und ihre Reproduktion durch Sprecher. Im Folgenden wird der Frage nachgegangen, in welchem Ausmaß eine Übersetzung sich an den inhaltlichen und formalen Eigenschaften eines O-Tons orientieren sollte. Der Text fasst Erkenntnisse einer Tübinger Diplomarbeit zusammen, die auf der Basis von Interviews mit erfahrenen Feature-Autoren und -Redakteuren erstellt wurde.

Ziel des Featuremachers sollte es sein, die Authentizität des O-Tons in der Übersetzung zu transportieren. Ralf Kröner, Redakteur bei SWR2, meint, dass O-Töne im erzählerischen Feature wörtlich, also nah am Sprachduktus des Akteurs, übersetzt werden sollten, um die Übersetzung lebendig zu gestalten. Verdichtete Übersetzungen bestünden meist aus „seelenloser Sprache“, in der die Persönlichkeit des Akteurs nicht mehr widergespiegelt werde. Gerade für das erzählerische Genre gelte die Regel: „So wörtlich wie möglich, so frei wie nötig.“

Der Autor und SWR-Redakteur Udo Zindel beruft sich auf die künstlerische Freiheit und gibt zu bedenken, dass wortwörtliches Übersetzen manchmal umständlich und unelegant sei. Freie Übersetzungen würden die Stimmung eines O-Tons oft besser treffen und seien damit auch authentischer.

Manche Featuremacher legen ihren Gestaltungsspielraum sogar so weit aus, dass sie aus dramaturgischen Gründen nicht alle Inhalte einer Übersetzung durch den zugehörigen O-Ton belegen. Redakteure sehen das in der Regel ungern. Ralf Kröner weist darauf hin, dass auch für das künstlerische Feature das journalistische Ethos gelte. In einem allzu lockeren Umgang mit O-Tönen sieht er die Gefahr, dass O-Töne zu willkürlichen, austauschbaren Tontapeten degradiert werden könnten. Zudem würde so das Vertrauen zwischen Autor und Hörer auf der Strecke bleiben. Falls der Autor Inhalte bringen möchte, die nicht im O-Ton belegt würden, sollte er sie als Teil des Autorentextes vermitteln oder den O-Ton rechtzeitig ausblenden.

Häufig führen Regisseure neben dem Erzähler zusätzliche Stimmen ein, da sie für akustische Abwechslung sorgen, Akteure voneinander unterscheidbar machen sowie die Trennung zwischen Erzähler und O-Ton-Geber verdeutlichen wollen. Allerdings gilt nicht der Grundsatz: Je mehr Sprecher, des­to besser. Die Verwendung zahlreicher Sprecher mache nur Sinn, wenn die Akteure innerhalb des Features mehrmals auftauchten, meint Karin Hutzler, freie Autorin und Regisseurin. Bei punktuell erscheinenden Protagonisten würde eine hohe Sprecheranzahl den Rezipienten eher verwirren.

Zudem gibt der Autor Helmut Kopetzky zu beachten, dass im Radio eine Stimme immer auch einen Menschen repräsentiere. Wenn der Featureautor jedem Teilnehmer eines Gruppeninterviews eine eigene Übersetzerstimme zuteile, suggeriere er eine Verdoppelung der Anwesenden. Eine intime Gesprächssituation am Kamin könne so in eine „Kakophonie der Stimmen“ ausarten.

In der Regel werden die Sprecher den Akteuren nach Geschlecht und dem Klang ihrer Stimme (hell/tief) zugeordnet. Der Feature-Autor Jens Jarisch hat in seinem preisgekrönten Feature „Lifestyle – Warum Vietnamesen keine Adidasschuhe tragen“ einen zusätzlichen Aspekt bei der Sprecherwahl berücksichtigt. Er entschied sich für Sprecher, die aus dem Kulturkreis der Akteure stammen. Jarisch wollte ihre Spracheinfärbungen im Deutschen nutzen, um den Bezug zwischen Akteur und Sprecherstimme zu verstärken.

Der emotionale Klang eines O-Tons sollte von einem Übersetzungssprecher nicht imitiert werden, meint der freie Autor Malte Jaspersen. Ein O-Ton in Verbindung mit einer empathischen Übersetzung bewirke nur eine „schräge Doppelung“. Stattdessen belasse eine zurückhaltende und neutrale Sprechhaltung den originalen Emotionen im O-Ton mehr Gewicht – die Übersetzung als akus­tischer Untertitel sozusagen.

Abschließend ist zu betonen, dass alle interviewten Experten der Meinung sind, dass es beim Umgang mit O-Tönen und ihren Übersetzungen keine allgemein gültige Technik gibt. Im Mittelpunkt steht immer die gewünschte Wirkung, die der Autor beim Hörer erzeugen möchte. Übersetzungen kann der Autor als Instrument verwenden, um etwas zu zeigen, anstatt es im Autorentext zu sagen. Helmut Kopetzky lässt sogar in seinem Feature „Hinauf! Irland steigt auf den heiligen Berg ‚Croagh Patrick’“ den englischen O-Ton eines geschwätzigen irischen Pilgers ohne Übersetzung 75 Sekunden lang stehen. So entlarvt er den Monolog als leere, nervende Worthülsen.

Weiterführende Literatur:

Foto: pixelio.de/Tim Heinrichs-Noll


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