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Redaktion | 15. April 2003

Völlig losgelöst vom Raumschiff Bonn

Veränderte Berichterstattung in der „Berliner Republik“

Von Rainer Jung

Es waren ungewohnte Töne, die kurz nach dem Umzug von politischer Elite und medialem Tross aus der neuen Hauptstadt Berlin drangen. Politiker, und zwar nicht nur Angehörige der wegen ihres Finanzskandals hart bedrängten CDU, schimpften über bis dato unbekannten „Meutejournalismus“, Indiskretionen und Sensationshascherei. Journalisten beklagten ihrerseits Gedrängel und Konkurrenzdruck, vor allem aber die Verschlossenheit der sonst so inszenierungswilligen Politiker.

Der „Spiegel“-Journalist Dirk Kurbjuweit menetekelte von Rissen im „Verhältnis von Bundespolitikern und Korrespondenten, einem der wichtigen Scharniere der Demokratie“. Über vier Jahrzehnte hatten beide Gruppen ihre potenziell konfliktreiche Beziehung zwischen Sommerfesten und Hintergrundkreisen in geschmeidig-symbiotische Formen überführt. Der Überlieferung nach auch eine Folge der besonderen Nähe im kleinen, isolierten „Raumschiff Bonn“. In der neuen Hauptstadt schien „mehr Distanz“ angesagt. Das sei einerseits beschwerlich, andererseits gar nicht schlecht: So lobte etwa Giovanni di Lorenzo, Chef des „Tagesspiegel“, weniger „Intimität“ zwischen Beobachtern und Beobachteten bringe mehr „Transparenz“ der Berichterstattung.

Hat also Berlin die Grundlagen für die Politikberichterstattung radikal verändert? Steht in der neuen Hauptstadt das stets schwierige Nähe-Distanz-Verhältnis zwischen Journalisten und Politikern auf einer weniger kommoden, dafür aber saubereren Basis? Haben sich beide Gruppen gar aus ihrer „virtuellen Bonner Welt“ gelöst, wie es Fans einer „Berliner Republik“ prophezeit hatten? Das wäre spektakulär.

Doch wer Korrespondenten nach ihren Arbeitsbedingungen und ihrem Verhältnis zu den Mächtigen befragt, kommt zu differenzierteren Ergebnissen: Der Job hat sich mit dem Umzug verändert, aber von einer „Zäsur“ im Verhältnis von Politik und Medien mag kaum ein Berichterstatter sprechen. Und nicht jede Veränderung hat allein mit dem neuen Standort zu tun. Meist ist es so, dass schon länger ablaufende Trends in Politik- und Medienentwicklung mit Berliner Spezifika zusammenfallen. Berlin wirkt vor allem als Katalysator, freilich als ein ziemlich mächtiger. Das gilt insbesondere für Neuerungen, die die Berichterstatter als gravierend empfinden.

So werden durch die größeren Entfernungen im neuen Regierungsviertel zwei traditionell beschränkte Ressourcen der Korrespondenten weiter verknappt. Ihnen bleibt weniger Zeit für Recherchen und Produktion, Informanten sind schwieriger zu erreichen. Allgemeine Treffpunkte wie die Bonner Bundestagslobby, an denen man immer ein paar Informationen oder Quotes einsammeln konnte, haben sich in der Architektur des Reichstagsgebäudes nicht etablieren können. Zwar gibt es Möglichkeiten, mit Politikern Kontakt zu halten, etwa durch häufigere Telefonate. Auch haben sich die Hintergrundkreise nach Anfangsschwierigkeiten konsolidiert. Trotzdem sind wichtige Kommunikationswege in Berlin indirekter.

Zudem ist der mediale Wettbewerb enorm. Das liegt daran, dass allgemein mehr Medien als früher den Anspruch haben, sich mit Exklusivnachrichten zu profilieren, Geschichten „weiterzudrehen“. In Berlin tun sie das mit gesteigerter Schlagzahl: Hier arbeiten mehr Korrespondenten als in Bonn, zudem ist die ortsansässige Medienlandschaft (noch) vielfältig. Auch wenn der „Berliner Zeitungskrieg“ vorbei ist: Der starke Wettbewerb in der Stadt hat sich auf auswärtige Medien übertragen, und die gegenwärtige Zeitungskrise dürfte das Konkurrenzgefühl noch steigern. Dass dabei bisweilen die journalistische Sorgfalt leidet, sogar nicht ausrecherchierte Geschichten weiterverbreitet werden, setzt Korrespondenten unter Druck und verunsichert Politiker.

Die Situation wird weiter verschärft dadurch, dass unter den journalistischen Neueinsteigern in Berlin etliche Mitarbeiter von Lokalsendern sind, deren Durchsetzungskraft größer ist als ihre Sachkenntnis. All diese Faktoren haben Misstrauen zwischen Politikern und Korrespondenten entstehen lassen. Doch eine allgemeine Vertrauenskrise ist, über die Hochzeit des CDU-Finanzskandals hinaus, nicht auszumachen. Ein anderer Trend könnte allerdings für Hauptstadt-Journalisten künftig erhebliche Veränderungen bringen. Es finden sich Indizien dafür, dass Politiker ihre Kommunikation stärker an Methoden professioneller PR ausrichten. Angesichts der hohen Zahl von Informationsnachfragern selektieren sie ihre Gesprächspartner noch stärker.

Wenn es um Zugang zu Spitzenpolitikern geht, kommt es mehr denn je darauf an, ein großes oder prestigereiches Medium zu vertreten. Persönliche Bekanntschaften verlieren dagegen an Bedeutung. Davon betroffen fühlen sich bislang lediglich wenige Korrespondenten kleiner Regionalblätter. Längerfristig könnten sich die Informationschancen der Berichterstatter aber stärker differenzieren: Einer Art deutschem „White House Press Corps“ mit exklusiven Kontakten würde dann eine wachsende Zahl von „Habenichts“-Korrespondenten gegenüberstehen. Eine solche selektive Distanz zwischen Politikern und Journalisten würde wahrscheinlich zu weniger, und nicht zu mehr Transparenz führen.

Auch eine zweite Hoffnung, die mit dem Umzug nach Berlin verbunden war, hat sich nicht erfüllt: Trotz metropolitaner Umgebung interessieren sich die Korrespondenten weiterhin fast ausschließlich für das Reden und Tun der politischen Elite. Stimmen von außen dringen kaum unter die „Käseglocke“. Die Korrespondentenarbeit orientiert sich ganz offenbar ortsunabhängig an einer allgemeinen Aufgabendefinition, die aus der Arbeitsteilung in modernen Medienbetrieben resultiert. Die Verantwortung dafür, dass in politischen Fragen Ansichten, Probleme und Wünsche „normaler Menschen“ Eingang in ihr Medium finden, delegieren die Korrespondenten auch in Berlin an andere: Die Lokalredaktionen.

Rainer Jung ist freier Journalist und arbeitete unter anderem mehrere Jahre lang in Berlin.


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