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Redaktion | 31. März 2009

Selbständigkeit? Für Journalisten ein Thema!

Einige Grundregeln für den Weg in die Freiberuflichkeit

Von Maria Kräuter

krauterWer heute das Berufsziel „Journalist/Journalistin“ angibt, der verbindet damit nicht selten hohe ethische und persönliche Ideale, die er mit dieser Tätigkeit verwirklichen möchte. Journalist zu sein ist für viele nicht einfach nur ein Broterwerb, sondern auch eine Art Berufung. Umso ernüchternder ist deshalb für viele die tatsächliche Arbeitsrealität. Wer etwa auf eine sichere Festanstellung bei einer renommierten überregionalen Zeitung hofft, der stellt bald fest, dass die Konkurrenz groß und das Angebot an freien Arbeitsplätzen gering ist beziehungsweise sinkt.

Gerade in der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise sparen viele Unternehmen bei den Werbeausgaben. Verlage und Rundfunkanstalten bekommen dies unmittelbar zu spüren, da oft rund die Hälfte der Umsätze über Werbung erwirtschaftet wird. Die Medienunternehmen müssen dann ihrerseits kräftig den Rotstift ansetzen, um weiterhin konkurrenzfähig zu bleiben. Stellenstreichungen sind nicht selten die Folge. Wann sich die Konjunktur wieder nachhaltig erholen wird, bleibt abzuwarten. Erst jüngst teilte die EU-Kommission mit, dass sie für Deutschland den stärksten Einbruch der Wirtschaftsleistung seit dem Zweiten Weltkrieg erwarte. Die Arbeitsmarkt- und Branchensituation von Journalisten war und bleibt also angespannt.

Die selbständige Tätigkeit bietet Journalisten – nicht zuletzt aufgrund der geschilderten Ausgangslage –  die Möglichkeit, mit dem, was sie gelernt haben und was sie gerne machen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Journalisten, die sich freiwillig für diesen Weg entscheiden, schätzen daran besonders die Freiheit, sich mit spannenden Themen zu beschäftigen, und sehen oft eine echte Entwicklungschance für ihre Karriere. Manchen bleibt aber angesichts fehlender Arbeitsplatzangebote gar keine andere Wahl. Sie fühlen sich nicht selten in das Schicksal eines „Freien“ gezwungen, der sich mühsam seine Brötchen mit kargen Zeilenhonoraren verdienen muss. Wer sich dann permanent als „Erwerbstätiger zweiter Klasse“ empfindet, dem der Zugang zur vermeintlich sicheren Festanstellung verwehrt bleibt, wird damit auf Dauer kaum glücklich werden. Erschwerend kommt hinzu, dass gerade Kleinstunternehmer – und zu denen gehören freie Journalisten in der Regel – vom sozialen Umfeld oft mit großer Skepsis betrachtet werden oder gar im Ruf stehen, „Kümmerexistenzen“ zu sein. Schließlich ist das Ideal der Festanstellung bis zur Rente meist noch fest in den deutschen Köpfen verankert, auch wenn es sich dabei nur noch um einen Mythos handelt. Das macht die Situation für jene, die sich unfreiwillig mit dieser Thematik auseinandersetzen müssen, nicht einfacher.

Wer es aber schafft, die Perspektive zu wechseln und sich nicht nur als Bittsteller zu empfinden, sondern aktiv seine beruflichen Ziele zu definieren und Schritt für Schritt zu verwirklichen, der legt ein gutes Fundament für den weiteren Auf- und Ausbau der eigenen Selbständigkeit. Das ist zwar oft nicht einfach – aber sehr wohl machbar. „Selbständigkeit“ gehört temporär oder kontinuierlich immer mehr zur beruflichen Realität im journalistischen Bereich. Jeder, der dieses Berufsziel anstrebt, sollte sich deshalb mit den grundlegenden Anforderungen selbständiger Berufsausübung vertraut machen. Ein fundiertes Basiswissen hierzu gehört mittlerweile zur Grundlagenqualifikation.

Bei meinen Beratungsgesprächen und Seminaren wird eines immer wieder deutlich: Wer sich mit den Erfordernissen selbständiger Tätigkeit beschäftigt, betritt für sich häufig völliges Neuland. Nach wie vor wird im Rahmen der (Hochschul-)Ausbildung kaum berufspraktisches Basiswissen zur Selbständigkeit vermittelt – auch wenn es hier in den letzten Jahren schon Verbesserungen gab. Bei immer mehr Studierenden und Hochschulabsolventen gerade auch aus geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Fächern ist ein zunehmender Informationsbedarf und Informationswille festzustellen, selbst wenn eine selbständige Tätigkeit noch nicht unmittelbar nach dem Studium angestrebt wird. Die Vor- und Nachteile der verschiedenen Formen der Berufsausübung zumindest zu kennen, sehen viele als eine wichtige Basis für die Planung und Gestaltung ihrer weiteren beruflichen Zukunft. Im Folgenden möchte ich einige Aspekte, die bei der Vorbereitung, Gründung und Umsetzung einer selbständigen Tätigkeit als freier Journalist eine Rolle spielen, exemplarisch herausarbeiten.

Die Erfüllung rechtlicher und steuerlicher Anforderungen gehört zu jeder Existenzgründung. Leider gibt es aber gerade zu diesen Grundlagen unter Journalisten viele hartnäckige Gerüchte, „fundiertes“ Halbwissen und zahlreiche Begriffsverwirrungen. Das macht den Einstieg in die Thematik nicht einfacher. Erschwerend kommt hinzu, dass die sozialversicherungsrechtliche und steuerliche Stellung der „Freien“ in kaum einer Branche so kompliziert ist wie in der Medienbranche.

Zwei Beispiele: Wer versteht schon auf Anhieb, dass es durchaus möglich ist, sozialversicherungsrechtlich als abhängig Beschäftigter zu gelten, nicht aber in arbeitsrechtlicher und steuerlicher Hinsicht? Oder: „Freie“ sind nicht immer automatisch gleichzusetzen mit „Freiberuflern“. Je nach Art der Tätigkeit können im Leistungsportfolio eines Journalisten durchaus gewerbliche Anteile vorkommen, die im Fall einer Betriebsprüfung gegebenenfalls eine Einordung als Gewerbetreibender zur Folge haben. Schlimms­tenfalls sind damit sogar erhebliche Gewerbesteuernachzahlungen verbunden. Das kann etwa dann der Fall sein, wenn nicht nur journalistische Artikel und PR-Texte geschrieben, sondern auch in größerem Umfang organisatorische Aufgaben im PR-Bereich oder die Akquise von Anzeigen mit übernommen wurden. Da viele Journalisten dazu übergehen (müssen), ihr Angebotsspektrum über die reine journalistische Tätigkeit hinaus zu erweitern, um den erforderlichen Umsatz zu erwirtschaften, ist hier eine gewisse Tendenz zur „Vergewerblichung“ festzustellen. Selbst wenn man dann immer noch als Freier, freier Mitarbeiter oder Freelancer tätig ist – mit einer freiberuflichen Tätigkeit im steuerlichen Sinn (§ 18 EStG) hat das nur noch eingeschränkt zu tun.

Den oben beschriebenen Verwirrungen kann Einhalt geboten werden, wenn man sich sorgfältig auf seine Selbständigkeit vorbereitet. Wer dann die richtigen Fragen stellen kann und weiß, wo gegebenenfalls Probleme auftauchen, der ist gut gewappnet. Dazu braucht es aber auch die grundlegende Bereitschaft, sich mit diesen „trockenen“ Themen auseinander zu setzen. Für Spezialfragen stehen Berufsverbände, Gewerkschaften oder Fachleute wie Rechtsanwälte, Steuerberater und Unternehmensberater zur Verfügung. Die Verantwortung für das eigene unternehmerische Handeln nimmt einem aber niemand ab.

Ein ausgezeichnetes Hilfsmittel zur Vorbereitung auf eine Existenz als freier Journalist ist ein Unternehmenskonzept („Businessplan“). Ein Konzept hilft, die eigenen Gedanken zu ordnen und den roten Faden für das weitere Handeln zu definieren. Es ist gleichzeitig ein wichtiger Baustein für eine möglichst erfolgreiche und effektive Akquise von Aufträgen. Denn wenn man einmal schriftlich (!) seine Überlegungen dazu formuliert und sortiert hat, was einen als freien Journalisten auszeichnet oder was man besonders gut kann, dann ist man wesentlich besser darauf vorbereitet, seine potenziellen Auftraggeber vom Wert der eigenen Leistung zu überzeugen. Wer etwa über hervorragende Detailkenntnisse im Bereich der Luftfahrt verfügt, auf den wird bei der Vergabe eines entsprechenden Themas mit Sicherheit eher zurückgegriffen werden als auf einen „Bauchladen“-Journalisten. Solche Spezialkenntnisse müssen aber bereits im Vorfeld klar und einprägsam an die richtigen Adressaten kommuniziert worden sein.

Zu einem Unternehmenskonzept gehört sinnvollerweise auch ein Zahlenteil (Finanz- und Liquiditätsplan). Wer die innere Scheu vor Zahlen überwindet und sich selbst gegen­über nüchtern Rechenschaft darüber ablegt, was er an privaten und betrieblichen Ausgaben zu bewältigen hat, der kann daraus unmittelbar die Anforderungen an den zu erwirtschaftenden Umsatz ableiten. Nehmen wir an, ein freier Journalist benötigt rund 40.000 Euro Umsatz (also das, was er an Honoraren erhält), um seine privaten und betrieblichen Ausgaben zu decken sowie die nötigen Rücklagen für die Altersvorsorge, die eigene Weiterbildung und die Erhaltung der eigenen Arbeitskraft zu schaffen. Er hat auch an die Steuernachzahlungen gedacht, die mehrere tausend Euro ausmachen können! Pro Jahr stehen ihm für die Erwirtschaftung des oben genannten Umsatzes kalkulatorisch ca. 1.300 Stunden maximal verkaufbare Zeit zur Verfügung. Damit weiß der Journalist aus dem Beispiel, dass er in der Stunde im Schnitt mindestens 31 Euro verdienen müsste, um diesen Umsatz zu erwirtschaften. Benötigt er eher 75.000 Euro, weil er vielleicht eine Familie zu ernähren hat und/oder ein Haus abbezahlen muss, so wäre ein Stundensatz von knapp 60 Euro erforderlich.

Freien Journalisten fällt es oft schwer, den Wert der eigenen Leis­tung – die ja auch noch Spaß macht – zu bestimmen und diesen souverän einzufordern. Und die Konkurrenz ist groß. Weil sich viele freie Journalisten – nicht zuletzt auch in Unkenntnis ihrer eigenen Zahlen – auf Dumpinghonorare einlassen, haben Auftraggeber hier leider oft ein allzu leichtes Spiel. Wenn man solche oben beschriebenen Eckwerte im Hinterkopf behält und die Honorarempfehlungen der Berufsverbände und Gewerkschaften kennt, dann verfügt man über wichtige Kriterien, um zu beurteilen, was die eigene Leistung wert ist bzw. wert sein muss (!). Hat man nur Aufträge, die umgerechnet 15 Euro in der Stunde abwerfen, so weiß man bei nüchterner Betrachtung, dass man entweder sehr viel arbeiten muss – was meist nicht lange durchzuhalten ist – oder dass man sich dringend auf die Suche nach lukrativeren Aufträgen, Möglichkeiten der Mehrfachverwertung oder auch ganz anderen Geschäftsfeldern begeben sollte.

Der Schritt in die Selbständigkeit ist für Journalisten meist risikoarm. Weder sind aufwändige Genehmigungen oder Konzessionen erforderlich, noch müssen große Investitionen getätigt werden, womit man sich im Falle des Scheiterns ein Leben lang in Schulden stürzen würde. Journalisten im Printbereich brauchen beispielsweise kaum mehr als einen PC, Internetanschluss, Telefon und einen Schreibtisch. Um offiziell zu starten, genügt bei freiberuflichen Journalisten die Meldung beim Finanzamt. Der Gewinn kann mit einer relativ einfach zu handhabenden Einnahmen-Überschuss-Rechnung ermittelt werden. Außerdem gehören freie Journalisten in der Regel zu den Publizisten im Sinne des Künstlersozialversicherungsgesetzes (KSVG), womit sie in der gesetzlichen Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung pflichtversichert (!) sind. Wer dann noch die oben nur kurz angerissenen rechtlichen Fallen und Stolpersteine kennt, der ist für den Anfang gut gerüstet. Damit ist allerdings noch kein Kunde gewonnen und kein Euro verdient.

Die größere Hürde im weiteren Verlauf der Selbständigkeit liegt oftmals im fehlenden unternehmerischen Selbstverständnis. Wer als freier Journalist Erfolg haben will, der benötigt nicht nur ein hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit und Professionalität, sondern auch Vertrauen in den Wert der eigenen Leistung und eine klares Profil. Es geht nicht darum, seine „Haut zu Markte zu tragen“, doch als freier Journalist darf man nicht müde werden, eindeutig und überzeugend zu kommunizieren, wofür man steht. Allein eine „gute Schreibe“ reicht heutzutage schon lange nicht mehr aus. Gutes und vor allem authentisches Selbstmarketing wird immer wichtiger.

Freier Journalist/freie Journalistin zu sein, ist eine umfassende und spannende Herausforderung. Für den Erfolg gibt es zwar keine Patentrezepte, doch um mit Martin Walser zu sprechen: „Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße“.

Weiterführende Literatur:

Foto: Imago/Müller-Stauffenberg


One Response to “Selbständigkeit? Für Journalisten ein Thema!”

  1. Mit dem JoJo durch die Medienkrise at coolepark.de Says:
    März 31st, 2009 at 5:58 pm

    […] Maria Kräuter: Selbständigkeit? Für Journalisten ein Thema! Einige Grundregeln für den Weg in di… […]

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