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Redaktion | 15. April 2003

Wie saurer Hering und Schwefelsäure

Die Entwicklung politischer Karikaturen

Von Walther Keim

„Der Mensch hat die Gnade, zu stolpern. Und derjenige, der ihn beim Stolpern mit dem Zeichenstift begleitet, ist der Karikaturist.“ (Mirko Szewczuk)

Karikaturen leben von der Provokation, aber auch von der Wahrheit, die in jedem Strich steckt. Sie adeln und tadeln. Sie stellen fest und bloß. Sie verkleiden und entkleiden. Sie bieten Attacken, Denkzettel und Röntgenbilder. Karikaturisten verteilen keine Komplimente. Sie dokumentieren und reflektieren die Gezeiten unseres Lebens mit ihrem oft bitter-salzigen, aber immer aufregenden Geschmack. „Eine geglückte Karikatur“, bemerkt der bekannte englische Zeichner Ronald Searle, „ist eine Mischung aus saurem Hering, Honig, Schlagsahne und einem kräftigen Schuss Schwefelsäure“.

Für ihn ist sie „optisches Juckpulver, das die Betroffenen zwingt, sich zu kratzen“. Die Karikatur verzerrt, übertreibt, verfremdet. Sie stellt Zustände, Situationen und Personen in subjektive Beziehungen und Dimensionen. Die Karikatur lebt auch davon, natürliche Harmonien aufzuheben. Durch Disproportionierungen entsteht der komische Effekt, die Pointe, die die Leute zum Sehen und Lachen bringt, die Satire zum Element von Kunst und Kultur macht. „Aber jede Karikatur“, betonte schon Theodor Heuss in seinem noch immer sehr lesenswerten Aufsatz „Zur Ästhetik der Karikaturen“ aus dem Jahr 1910, „in der Publizistik ist schlecht, die Rätsel aufgibt. Sie muss die Idee des Künstlers genügend deutlich ausdrücken“.

Jede Zeit hat ihren Strich. Denken wir nur an die malerische Dichte und die starken farbigen Signale der Karikatur in den 50er und 60er Jahren, an die jüngere, in der Comic- und Zeichenkultur aufgewachsene Künstlergeneration, die Marker und Spritzpistole an die Zeichenbretter holt. Ostdeutsche Zeichner heben sich noch heute in ihrem Stil von ihren West-Kollegen ab. In der DDR standen die Karikaturisten in dem Dilemma zwischen Zensur, Existenzsicherung und kritischem Bewusstsein. Viele Zeichner mussten „die hohe Kunst des feinen Strichs, der verdeckten Anspielung, der Ironie zwischen den Zeilen“ (Hubert von Brunnen) beherrschen. Führung, Staat und Verwaltung in der DDR waren von „eisgekühlter Humorlosigkeit“. Institutionskritik und Porträtkarikaturen der politischen Prominenz waren nicht erlaubt.

Heute gehören Künstler wie Barbara Henninger, Rainer Schwalme, Nel, Hans-Jürgen Starke, Peter Muzeniek und andere zu den Stars am gesamtdeutschen Himmel. Aber an ihren Zeichnungen lässt sich noch immer, dreizehn Jahre nach der Wiedervereinigung, der freiheitlich Aufbruch der 90er Jahre spüren. Bei ihnen übertreffen psychologisch tiefsinnigere und identitätssichere Aufdeckungen von Fouls und Finten vielfach das Kariesbewusstsein und die Effekte ihrer „West-Kollegen“. Bei ihnen findet man mehr Spiritualität als angepasste Kommerz-Dominanz, mehr moralische Betroffenheit und narrative Phantasie als florette Vergnüglichkeit. Oftmals weniger aggressiv und eher deskriptiv kommen in vielen Fällen die West-Zeichnungen als „amüsante Konzentration des Tagesgeschehens“ (Ernst Maria Lang) daher.

Heute ist die Karikatur zwar „hoffähig“ geworden, eine Bewertung als „Gossenkunst“, wie sie noch der letzte deutsche Kaiser im Hinblick auf die Blätter Heinrich Zilles getroffen hat, steht auch außerhalb jeder Diskussion, doch vor allem die politische Pressekarikatur hat heute nicht mehr den Einfluss und die Potenz vergangener Jahrzehnte. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen:

  • Die Karikatur ist marktkonformer geworden. Darunter hat ihre Beißfähigkeit gelitten. „Sie muss“, so der Karikaturist Gerhard Pulester „gefällig sein wie die Zeitung oder Zeitschrift, mit der sie verkauft sein will.“
  • Vielfach fehlt den Karikaturisten bei ihren Zeitungen in der Redaktion der Ansprechpartner. Sie wissen auch, dass oft die gefälligere Zeichnung ausgewählt wird und dass weitere Zeichner mit freien Angeboten zusätzlichen Druck, auch über die Höhe der Abdruckhonorare, ausüben.
  • Das „karikaturfähige Prachtpersonal“ nimmt weiter ab. Die Karikatur leidet unter der zunehmenden Verwechselbarkeit der Politiker und der Parteien.
  • Die Zahl der Zeitungen sinkt, die sich „Hauszeichner“ halten. Ebenso der Abdruck von Karikaturen.
  • Die Multi-Fax-Zeichnung an mehrere Redaktionen kappt satirische Spitzen und begünstigt illustrative Einebnungen.
  • Immer seltener entscheiden sich bei diesem Umfeld junge Künstler für den Beruf des Karikaturisten. Karikaturist Reiner Schwalme: „Bei uns ist der Maler, der mit Öl eine Leinwand bemalt, der große Künstler und daneben kaum jemand anders. Wenn ich ein junger Mensch wäre, würde ich mir zehn Mal überlegen, ob ich diesen Beruf wählen würde“.
  • Gerhard Mester warnt davor, dass Karikaturen ihren Wert und ihren Reiz verlieren, „wenn sie nur bestätigen, was ohnehin alle denken. Ihrem Wesen nach sind sie kein Beruhigungsmittel, sondern vielmehr ein Beunruhigungsmittel, von dem wir wünschen, dass es in deutschen Zeitungen häufiger und in höheren Dosen verabreicht würde“. Sein Kollege Josef Partykiewicz hat dagegen eine Überlebenschance für die Bildsatire ausgemacht: „Solange“, so Partykiewicz jüngst in einer Diskussion, „der Mensch, wenn er die Kaffeetasse zu Mund führt, dabei immer noch den kleinen Finger abspreizt, brauchen wir die Karikatur.“

    Prof. Walther Keim lehrt Politikwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.


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