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Redaktion | 15. April 2005

Die Maternpresse im Zeitungsgewerbe

In Pappe gepresst: Propaganda für die Dörfer?

Von Simone Szydlak

Foto: Stefan SchwenkeDer Begriff des „Maternsystems“ wurde nach 1945 zum Synonym für die Beeinflussbarkeit der Presse in der Weimarer Republik durch politisch gelenkte Materndienste, wie sie beispielsweise von Alfred Hugenberg angeboten wurden. Dem Teil der deutschen Presse, der Materndienste bezogen und so der nationalsozialistischen Progaganda – bewusst oder unbewusst – bis in die kleinsten Dörfer Vorschub geleistet hatte, warfen die Alliierten eine besondere Mitschuld am Untergang der Weimarer Republik vor. Der Zeitungsmarkt, wie man ihn heute in Westdeutschland vorfindet, vor allem die Verbreitung von großen Regionalzeitungen, ist zum Teil auf diese Ächtung der Maternpresse nach dem Zweiten Weltkrieg zurückzuführen.

Als Mater bezeichnet man im Zeitungswesen eine Gießform, die lange für die Zeitungsproduktion verwendet wurde. Um eine Mater herzustellen, setzte man eine Zeitungsseite, das heißt, einzelne Metallbuchstaben wurden zu einem Negaiv der späteren Zeitungsseite zusammengefügt. Danach wurde die in Blei gesetzte Zeitungsseite mit einer feuchten Papiermasse überzogen, die in die Vertiefungen der Schrift eingepresst wurde. Nach dem Trocknen hatte man einen stabilen Abdruck aus Karton, zwei bis drei Millimeter dick. Aus dieser Mater konnte man die fünf bis sechs Zentimeter dicke, halbrunde Druckplatte herstellen. Dafür wurde die Mater um einen runden Gießzylinder gespannt und mit Blei ausgegossen. Die leichtgewichtigen Matern hatten den Vorteil, dass man sie problemlos mit der Post oder mit Boten verschicken konnte. In den 1920erJahren wurde über ein Drittel aller deutschen Zeitungen mit Hilfe von Matern oder mit ähnlichen Verfahren hergestellt.

Damals stellten die kleinen Lokalzeitungen noch die Mehrheit auf dem deutschen Zeitungsmarkt dar: Vor 1933 erreichten 93 Prozent aller deutschen Zeitungen eine Auflage von weniger als 10 000, 70 Prozent lagen sogar unter 5000 Stück. Die technische Entwicklung und die verbesserten Verkehrswege hatten ab den 1870er Jahren zu einer Gründungswelle von Kleinzeitungen geführt. Die ortsansässigen Druckereibesitzer fingen an, Zeitungen zu gründen, weil sie damit ihre Maschinen, die sie ursprünglich für den Akzidenzdruck, also für kleinere Einzeldruckaufträge von Privatpersonen, Vereinen oder Geschäftsleuten, angeschafft hatten, besser ausnutzen konnten. Die Wirtschaft blühte und begünstigte das Inseratengeschäft der Zeitungen.

Billige Materndienste versorgten diese kleinen Zeitungen mit zentral vorgearbeiteten Inhalten für den Mantelteil. Viele Zeitungen übernahmen dieses Material so, wie es gekommen war, einige veränderten es aber noch: Man konnte Seiten umstellen, Artikel kürzen oder verlängern oder in fertig angelieferten Seiten einzelne Artikel durch selbst geschriebene Beiträge austauschen. Praktisch ging das so: Man sägte die gekauften Matern auf, entfernte Teile, setzte andere dafür ein und verband die Stücke anschließend mit Spezial-Leim. Vor allem die kleinen Heimatzeitungen umgaben so für wenig Geld ihren Lokalteil mit einem Mantelteil, der die Zeitung aufwerten und konkurrenzfähiger machen sollte.

In erster Linie wurden die politischen Seiten einer Zeitung im Maternsystem hergestellt, doch auch Mode-, Roman- und Jugendseiten konnten als Matern eingekauft werden. Zwar hatte die „Vermaterung“ des Zeitungswesens auch damals schon ihre Kritiker, die vor allem die inhaltliche Eintönigkeit der meisten Heimatzeitungen bemängelten, jedoch stand dem die Einstellung gegenüber, dass eine Uniformierung der Provinzpresse immerhin noch erstrebenswerter sei als ihr Aufkauf durch Großzeitungen.

Man unterschied zwischen Berliner Matern, die von Materngesellschaften in der Hauptstadt angeboten wurden, und Provinzmatern, die in der Region hergestellt wurden, und die bei der Themenwahl eher auf das regionale Bedürfnis ausgerichtet waren. 1921 gab es in Deutschland allein 30 Firmen, die sich mit der Maternherstellung befassten. Die Mehrzahl von ihnen hatte sich aus Zeitungsverlagen entwickelt. Daneben entstanden aber auch große Materngesellschaften, zuerst das 1908 gegründete Central-Büro für die deutsche Presse. 1922 gründete Alfred Hugenberg die Wirtschaftsstelle der Provinzpresse (Wipro) und belieferte die kleinen Zeitungen im Land mit vorgefertigten Zeitungsinhalten, die in seinem Sinn politisch gefärbt waren. Mitte der 1920er Jahre versorgte die Wipro über 30 Prozent der deutschen Zeitungen mit Matern.

Hugenberg hatte als Präsident des Bergbaulichen Vereins in Essen durch koordinierte Hilfszahlungen finanzschwache Verlage unter seine Kontrolle gebracht und so begonnen, einen publizistischen Apparat aufzubauen, mit dem er seine nationalistische und antidemokratische Konzentrations- und Verflechtungspolitik verfolgen konnte. Über das Maternsystem, aber auch über seine Nachrichtendienste und die finanziellen Beteiligungen an Zeitungsverlagen, konnte er Einfluss auf die Heimatpresse in Deutschland nehmen. Viele Heimatzeitungen waren ohnehin national-konservativ eingestellt, denn das örtliche Besitzbürgertum, die Kaufleute, Handwerker und die Interessenverbände, die größtenteils auch Inserenten waren, bevorzugten ein politisch genehmes redaktionelles Umfeld.

Hugenbergs System war den Besatzungsmächten 1945 ein abschreckendes Beispiel und hatte Einfluss auf deren Pressepolitik im Nachkriegsdeutschland. So durften nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst nur ausreichend große Zeitungen gegründet werden, die ohne die billigen Materndienste bestehen konnten. Um eine Zeitung herauszugeben, bedurfte es einer speziellen Lizenz der Besatzungsmächte. Altverlegern, deren Zeitungen auch nach 1933 weitererschienen waren, haftete der Makel des Nazi-Verlegers an. Unter ihnen waren viele ehemalige Herausgeber kleiner Lokalzeitungen. Sie durften erst nach Aufhebung der Lizenzpflicht 1949 ihre Zeitungen wieder neu gründen.

1949 begann eine Expansionsphase im Zeitungsgewerbe: Während es vor der Aufhebung des Lizenzzwangs nur 137 Lizenzblätter gab, kamen 1950 fast 750 Neugründungen der Altverleger hinzu, davon nur ein Dutzend mit einer Auflage von mehr als 20 000 Exemplaren. Doch zu dem Zeitpunkt war der Markt schon aufgeteilt: Die politisch unbelasteten Lizenzverleger hatten mittlerweile flächendeckend Regionalzeitungen gegründet und die Städte und Gemeinden mit Lokalausgaben versorgt. Auch den Anzeigenmarkt hatten sie für sich gewonnen: Für große Anzeigenkunden wie die Markenartikelhersteller waren die relativ kleinräumigen Verbreitungsgebiete der wieder gegründeten Heimatzeitungen uninteressant. Erfolg hatten die Altverleger nur in Verbreitungsgebieten, wo die Lizenzpresse, die durch die Genehmigungspolitik der Alliierten vor allem auf die städtischen Zentren ausgelegt war, nicht gut vertreten war.

Den Vorwurf, sich mit dem nationalsozialistischen System gemein gemacht und durch Anwendung des Maternsystems kritiklos dessen Politik verbreitet zu haben, wiesen die Altverleger von sich. Sie begriffen sich als Opfer und nicht als Akteure, schließlich waren die meisten ihrer Zeitungen, wenn sie nicht schon vorher von NS-Pressegesellschaften übernommen worden waren, den kriegsbedingten Schließungswellen zum Opfer gefallen. Das Verbot in den Kriegjahren und die fehlende Erlaubnis zum Wiedererscheinen nach 1945 wurden als scheinbar gleichwertige Ungerechtigkeiten gegenüber den traditionsreichen kleinen Zeitungsunternehmen zusammengefasst.

Um nun wieder Kosten sparend Lokalzeitungen zu produzieren, schlossen die Heimatverleger untereinander Kooperationsverträge ab. Sie gründeten Redaktionsgemeinschaften und Anzeigenringe, die den politischen Mantelteil von einer Zentralredaktion bezogen. Die hohe Gesamtauflage der Blätter einer Anzeigengemeinschaft machte sie für Inserenten interessant. Nachdem der Gründungsboom allmählich abgeebbt war, wurden viele Heimatzeitungen in den 1950er Jahren allerdings wieder geschlossen. Einige fusionierten miteinander oder sie wurden von den Lizenzverlagen aufgekauft. Die Lizenzverleger gaben die Zeitungsstandorte der Altverleger in der Regel entweder sofort auf oder sie integrierten die Redaktion in das System ihrer Lokalausgaben.

Foto: Stefan Schwenke


One Response to “Die Maternpresse im Zeitungsgewerbe”

  1. Nicolas Scheidtweiler Says:
    September 10th, 2013 at 4:05 pm

    Schöne Zusammenfassung. Endlich hab ich es kapiert! 😀

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