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Redaktion | 31. März 2009

Mit Qualität aus der Krise?

Was die Zeitungen ihren Lesern bieten müssen

Von Klaus Arnold

arnold

Sparen, schließen, streichen: So reagierten die Zeitungsverlage auf die Wirtschaftskrise am Anfang des Jahrzehnts und so reagieren sie auf die heraufziehende Wirtschaftskrise am Ende des Jahrzehnts. Bei der „Süddeutschen“ und der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ werden Sparpakete geschnürt. Regionalblätter wie die „Passauer Neue Presse“ oder die „Münchner Abendzeitung“ bauen Stellen ab. Und bei den Titeln der WAZ-Gruppe im Ruhrgebiet werden rund ein Drittel aller Redakteure Opfer von Redaktionsschließungen und -zusammenlegungen. Wie wollen die Zeitungen mit derart ausgedünnten Belegschaften weiterhin Qualitätsjournalismus produzieren und ihren Lesern etwas bieten, was sie nicht im Rundfunk oder im Internet schneller und kostenlos bekommen können?

Glaubt man den Medienmanagern, ist das kein Problem. Drastische Kürzungen sind lediglich Strukturbereinigungen und natürlich hat der Stellenabbau „keine Qualitätsminderung zur Folge“ – so zum Beispiel Bodo Hombach, der Geschäftsführer der WAZ-Gruppe in „epd medien“. Dies ist indes kaum plausibel: Bei Redaktionszusammenlegungen wird die Vielfalt reduziert und bei Personalkürzungen müssen immer weniger Journalisten immer mehr Arbeit leisten, worunter zwangsweise Sorgfalt und Recherche – und damit die Qualität – leiden.

Durch Einsparungen können vielleicht kurzfristige, konjunkturell bedingte Probleme wie die Verluste im Anzeigengeschäft vorübergehend abgefangen werden. Aber wie wollen die Verlage so ihr eigentlich größtes Problem lösen, die seit vielen Jahren schleichenden Reichweitenverluste? Wird beständig abgebaut und selbst in wirtschaftlich guten Zeiten nicht investiert und Neues entwickelt, so ist es kaum verwunderlich, wenn die Zeitungen in eine Abwärtsspirale geraten: Auf Einnahmenverluste wird mit einem Abbau von Qualität reagiert, dadurch gehen die Reichweiten und die Einnahmen weiter zurück, die Qualität wird weiter reduziert usw. Eine langfristige und nachhaltige Strategie muss anders aussehen. Sie könnte darin bestehen, in Qualität zu investieren.

Aber was ist unter Qualität bei Zeitungen oder allgemeiner im Journalismus zu verstehen? Historisch gesehen ist Journalismus in einer immer komplexer werdenden Gesellschaft entstanden, in der sich räumliche Horizonte weiteten und sich ein Bewusstsein dafür bildete, dass die Zukunft offen und gestaltbar ist. Für die Menschen wurde es nun wichtig, über aktuelle Entwicklungen in verschiedenen Regionen und gesellschaftlichen Zusammenhängen Bescheid zu wissen, um ihren Inter­essen gemäß handeln zu können. Genau diese Informationen stellte der Journalismus zur Verfügung.

Damit Journalismus ein breites Publikum im Hier und Jetzt über alles Wichtige gut orientieren kann, muss er aktuell und vielfältig sein, Relevantes aufgreifen und glaubwürdig sein. Glaubwürdigkeit erreicht er wiederum, indem er seine Kommunikationsangebote durch Recherche absichert und nicht primär bestimmte politische oder wirtschaftliche Interessen verfolgt, also unabhängig ist und gegenüber Vorgängen in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen eine kritische Haltung einnimmt. Um ein breites Publikum zu erreichen, muss Journalismus zudem leicht zugänglich sein, also z. B. sich in einer verständlichen Sprache ausdrücken oder seine Produkte übersichtlich gestalten. Dazu kommen spezielle Stärken der verschiedenen Medien, bei der Zeitung sind dies der regionale/lokale Bezug sowie die analysierende Hintergrundberichterstattung.

In gesetzlichen Regelungen und journalismusinternen Kodizes werden vieler dieser Kriterien in Bezug auf eine „öffentliche Aufgabe“ und damit in Bezug auf die Anforderungen einer demokratisch-pluralistischen Gesellschaft konkretisiert. Allerdings gehen die normativen Regelungen auch über die funktionalen Erfordernisse hinaus: Im Sinne des Konstrukts vom „mündigen Bürger“, der sich auf einer neutralen Informationsgrundlage seine Meinung bilden soll, wird in Mediengesetzen vor allem die Unparteilichkeit betont. Unparteilichkeit lässt sich in Ausgewogenheit und die Trennung von Nachricht und Meinung aufteilen. In den Mediengesetzen und in Ethikkodizes werden noch viele weitere Punkte genannt, bei denen es sich jedoch zumeist nur um die Wiedergabe nicht medienspezifischer Gesetze handelt. Eine Ausnahme stellt hier der Persönlichkeitsschutz dar, dessen Grundlage zwar allgemeine Gesetze bilden, der in der Praxis jedoch vor allem im Medienbereich relevant ist.

Journalismus, der den „mündigen Bürger“ in der Gesellschaft orientiert, muss aber auch so gestaltet sein, dass er erkennbaren Nutzen bietet. Journalismus ist direkt bei der Rezeption nützlich, wenn er sein Publikum durch bestimmte Darstellungsformen oder ein attraktives Layout gut unterhält. Medienangebote können aber auch eher indirekt nützlich sein, z. B. wenn sie Probleme aus der Lebenswelt aufgreifen oder allgemeine Probleme auf die Lebenswelt beziehen. Weiter sollte sich das Publikum in der Berichterstattung wiederfinden – es muss also zumindest rudimentär miteinbezogen werden.

Aber was findet nun das Zeitungspublikum besonders wichtig? Wo sieht es Defizite? Eine bevölkerungsrepräsentative Telefonumfrage aus dem Jahr 2005, bei der 1.168 Personen über 14 Jahren 27 Statements zur Zeitungsqualität beurteilen sollten, erbrachte folgendes Ergebnis: Es kommt vor allem darauf an, mit einer übersichtlichen und angenehm zu lesenden Mischung aus vielen kurzen Berichten und einigen längeren Hintergrundanalysen eine unabhängige tagesaktuelle Orientierungsleistung zu erbringen: Was ist überhaupt passiert? Was ist besonders relevant? Darüber hinaus wird erwartet, dass eine Zeitung mit Menschen respektvoll umgeht und den Mut hat, auch heiße Eisen anzupacken. Unterhaltsamkeit, ein schickes Layout oder ein handliches Format stehen hingegen am Ende der Wunschliste.

Bei einigen Punkten erfüllen die Zeitungen die Lesererwartungen jedoch nicht: Viele Leser meinen, ihre Zeitung sei nicht unabhängig und packe zu selten heiße Eisen an. Auch die Trennung von Nachricht und Meinung, die Meinungsvielfalt und der Bezug zur Lebenswelt werden angemahnt: So versäumen es manche Zeitungen, ihren Lesern zu erklären, inwieweit sie von wichtigen Entwicklungen selbst betroffen sind.

Werden die verschiedenen Zeitungsarten getrennt betrachtet, zeigt die jeweilige Leserschaft typische Vorlieben: Boulevardzeitungsleser legen mehr Wert auf Unterhaltung und angenehme Lesbarkeit, Regionalzeitungsleser schätzen den Bezug zu ihrer Lebenswelt und Leser überregionaler Blätter erwarten mutigen sowie kritischen Journalismus.

Besonders Boulevardzeitungsleser machen zahlreiche Mängel aus; dies betrifft fast alle klassischen journalis­tischen Qualitäten wie Glaubwürdigkeit oder Neutralität, aber auch den respektvollen Umgang mit Menschen in der Berichterstattung. Jedoch fallen diese Defizite für die Boulevardleser wohl nicht so stark ins Gewicht: Gerade indem Boulevardblätter weniger auf klassische journalistische Qualitäten achten, gewinnen sie bei einer anderen Qualität hinzu; sie stellen vor allem eine unterhaltsame Lektüre dar. Regionalzeitungsleser vermissen hingegen insbesondere einen mutigeren Journalismus. Leser überregionaler Blätter erwarten mehr kurze Berichte sowie eine stärkere Trennung von Nachricht und Meinung.

Die von den Zeitungen nur noch schwer zu erreichenden jüngeren Menschen legen mehr Wert auf ein attraktives Layout und eine unterhaltsame Präsentation. Zudem gibt es Anzeichen, dass die Zeitungen zu wenig jugendrelevante Themen behandeln und es versäumen, Bezüge zum Alltag der jungen Menschen herzustellen. Da die jüngeren Altersgruppen (14-29 Jahre) aber insgesamt ein deutlich geringeres Bewusstsein für die meis­ten Zeitungsqualitäten haben, reicht es nicht aus, junge Menschen über spezielle Angebote im Blatt oder im Internet anzusprechen. Wichtig ist es, das Interesse für einen hochwertigen Journalismus zu wecken, also die medienpädagogischen Anstrengungen – Stichwort „Zeitung in der Schule“ – deutlich zu verstärken.

Obwohl es kein Pauschalrezept gibt, legen die Ergebnisse der Studie eines nahe: Neben verstärkten Aktivitäten, Jugendliche und auch schon Kinder zu erreichen, müssen Zeitungen an ihrer Unabhängigkeit arbeiten. Umgesetzt heißt das, weniger vorgefertigtes PR-Material zu verwenden, und wenn, dieses kenntlich zu machen. Weiter heißt es, Nachrichten und Meinungen deutlicher zu trennen und eine größere Bandbreite von Meinungen im Blatt zu präsentieren.

Regionalzeitungen müssen darüber hinaus vor allem auf lokaler Ebene kritischer und mutiger sein und ihre Stärke, den Bezug zur Lebenswelt, z. B. durch mehr Serviceangebote betonen. Überregionale Blätter können unwichtigere Ereignisse in knapperen Meldungen abhandeln und Boulevardblätter sollten zumindest – auch hier macht das Publikum Defizite aus – ihre Leserbezüge verbessern, also z. B. ihren Lesern erklären, inwieweit sie von wichtigen Ereignissen betroffen sind.

Ob in der gedruckten Zeitung oder auf der Website – ein Mehr an Qualität ist nicht umsonst zu haben. Aber haben die Verlage gerade jetzt in der Krise Geld für Investitionen? Aufgrund fehlender Daten über die Lage der Medienunternehmen ist dies nur schwer zu beurteilen. Laut dem Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) gibt es jedoch bisher keine dramatische Werbekrise. Vielen Medienkonzernen wie beispielsweise der WAZ-Gruppe geht es nicht schlecht und auflagenstarke Blätter wie die „Bild“-Zeitung verdienen nach wie vor „eine Rendite, da müsste man rot werden, wenn es das Logo nicht schon wäre“ – so Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner in der „Süddeutschen Zeitung“. Zumindest bei einigen Medienunternehmen ist also Geld vorhanden. Angesichts der Bedeutung des Journalismus für die Gesellschaft wären aber auch staatliche Förderungen möglich. So könnte eine mit öffentlichen Geldern ausgestattete Stiftung Anschubfinanzierungen für einzelne Projekte oder Stellen vergeben, zum Beispiel für die Einrichtung einer täglichen Kinderseite oder für die Verbesserung des Lokalteils.

Weiterführende Literatur:

Foto: flickr.com/pilot_micha


3 Responses to “Mit Qualität aus der Krise?”

  1. Mit dem JoJo durch die Medienkrise at coolepark.de Says:
    März 31st, 2009 at 5:56 pm

    […] Klaus Arnold: Mit Qualität aus der Krise? Was die Zeitungen ihren Lesern bieten müssen […]

  2. Journalismus in Zeiten der Wirtschaftskrise « Journalistik Says:
    April 2nd, 2009 at 3:26 pm

    […] Susanne Fengler (”Der Journalist als Homo oeconomicus“), Klaus Arnold (”Mit Qualität aus der Krise?“) und mir (”Journalismus in Zeiten der Wirtschaftskrise“). Es ist nicht leicht, […]

  3. Die Neue Unfreie Presse | Joachim Losehand Says:
    April 4th, 2013 at 9:18 am

    […] was in der journalistischen Qualität und Quantität der regionalen Berichterstattung zu spüren ist. Die „regionalen“ Seiten einer Tageszeitung werden vor allem von nationalen und […]

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