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Redaktion | 15. April 2005

Polens Presse galt als Synonym für die Nation

Zeitungen als Hüter von Sprache und Kultur

Von Katharina Hadamik

Ein modernes Layout, Vierfarbdruck und gute Papierqualität – das Image der hässlichen, bleiwüstenartigen Entlein aus der Ära der Volksrepublik haben polnische Zeitungen längst abgeschüttelt. Viele Texte sind kürzer als in der Vergangenheit, aktueller, ereignisbezogener und orientieren sich mehr an den Erwartungen der Leser. Einige Besonderheiten, deren historische Wurzeln weit zurückreichen, sind dennoch nicht verloren gegangen.

Prof. Dr. Janusz Adamowski, Leiter des Instituts für Journalistik an der Universität Warschau, bringt es auf den Punkt: „Wir mögen keinen trockenen Journalismus. Unsere besten Journalisten sind ganz bestimmt nicht durch faktenzentrierten Journalismus bekannt geworden.“ Im Redaktionsalltag polnischer Zeitungen bedeutet dies, dass die Fähigkeit, gründlich zu recherchieren und Sachverhalte verständlich wiederzugeben, zwar nicht als unwichtig angesehen wird. Was in Kollegenkreisen jedoch wirklich zählt und als wahre professionelle Fertigkeit betrachtet wird, das sind brillante Analysen, intelligente Kommentare, bildreiche Reportagen oder überzeugende Essays – vorzugsweise in einem unverwechselbaren und herausragenden Stil. Dabei wird die Schönheit der polnischen Sprache als besonders wichtig erachtet. Engagement und anwaltschaftlicher Journalismus gelten nicht per se als unprofessionell und sind daher nicht verpönt.

Die Ursprünge dieser journalistischen Kultur lassen sich ins 18. und 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Ähnlich wie in vielen anderen europäischen Ländern war auch der polnische Journalismus traditionell an das literarische und das politische Leben gekoppelt. „Es ist ein Zweig der periodischen Literatur, der der Politik vollkommen gewidmet ist“, lautete beispielsweise die Definition in der Allgemeinen Polnischen Enzyklopädie im Jahre 1861. Im Gegensatz zur angelsächsischen Entwicklung des so genannten professionellen Modells des unabhängigen Journalismus hat bei polnischen Zeitungen im 19. Jahrhundert keine klare Abgrenzung zu Literatur und Politik stattgefunden. Die größten und bedeutendsten polnischen Zeitungen wurden stattdessen von bekannten Schriftstellern, Publizisten, Politikern oder politischen Aktivisten herausgegeben. Es war gängige Praxis, dass bedeutende Schriftsteller und Kritiker – darunter der Literaturnobelpreisträger Henryk Sienkiewicz oder Boleslaw Prus – regelmäßig in den polnischen Blättern publizierten und zum festen Mitarbeiterstamm zählten.

Die Nähe zu Politik blieb ebenfalls bestehen: Trotz der ab 1870 langsam beginnenden Kommerzialisierung der Presse waren die meisten Titel entweder direkt mit bestimmten politischen Gruppen und Organisationen beziehungsweise sozialen Bewegungen verbunden oder sie wurden ihnen zumindest indirekt zugeordnet. Fast jede politische Gruppierung hatte – zum Teil sehr prominente – Mitglieder, die ihre Funktion als Parteivertreter oder Abgeordnete mit ihrer Arbeit als Journalisten verbanden.

Besonders charakteristisch für polnische Zeitungen war jedoch, dass sie jahrzehntelang eine besondere „Mission“ erfüllten: als Vertreter der Interessen und Kultur einer Nation, die ihrer Souveränität weitestgehend beraubt worden war. Seit 1795 vollkommen unter der Herrschaft der Teilungsmächte Russland, Preußen und Österreich, war Polen 123 Jahre lang von der europäischen Landkarte verschwunden. In diesem besonderen historischen Kontext entwickelte sich die polnische Presse zu einer nationalen Institution von essentieller Bedeutung: Sie wirkte identitätsstiftend, sie pflegte die Sprache, förderte die Kultur und diente zudem als ein wichtiges politisches Forum. Die polnischen Zeitungen, vertrieben in rund 120 Städten, wurden zu einem Synonym für die Nation und fungierten oftmals als alleinige Organisatoren des intellektuellen, sozialen und kulturellen, aber auch des politischen Lebens. Polnische Aktivitäten sowie die Ideen und Ansichten der polnischen Elite kamen am sichtbarsten in den Zeitungen zum Ausdruck, die über die Grenzen der Teilungsgebiete hinweg ihren Blick auf die gemeinsamen Belange aller Polen richteten. Bis zur Wiederherstellung der staatlichen Unabhängigkeit 1918 fungierte die polnische Presse zudem in gewisser Weise als ein „nationales Parlament“, und zwar, indem sie die Reden von polnischen Abgeordneten veröffentlichte, die in den Versammlungen der drei Teilungsmächte vertreten waren. Als Hüter der polnischen Sprache und Kultur wehrten sich die polnischen Blätter jahrzehntelang vehement gegen die von den Herrschaftsmächten betriebene Russifizierungs- und Germanisierungspolitik. Bei der Wahrung der nationalen Identität in dieser Periode der Teilung des Landes mag nur die katholische Kirche eine noch größere Rolle gespielt haben.

Die Nähe zu Literatur und Politik blieb auch im 20. Jahrhundert bestehen. Die Periode zwischen den beiden Weltkriegen ist beispielsweise bekannt für das Aufkommen einer ganzen Generation exzellenter Schreiber und berühmter Publizisten, die bestimmte politische oder soziale Bewegungen repräsentierten. In der Ära der Volksrepublik Polen, in der Journalisten zwar ständig mit der Zensur kämpften, jedoch durchaus Spielräume hatten und diese Freiheiten auch nutzten, setzte sich das historisch gewachsene Muster ebenso fort. In ihrer Rolle als an die Politik gebundene Akteure dienten polnische Journalisten in dieser Zeit entweder als Kommentatoren und politische Berater der kommunistischen Machthaber oder sie forderten das System heraus, indem sie oppositionelle Bewegungen unterstützten und in kritischen Blättern oder im Untergrund publizierten.

Das historische Erbe ist noch immer spürbar in den polnischen Blättern. Zwar dominieren heutzutage harte Nachrichten und Berichte, doch ist die so genannte publizistische Werkstatt, also eine betont stilistische, manchmal literarische Schreibe sowie eine publizistische Annäherung an Themen, nach wie vor anzutreffen. Unter polnischen Journalisten werden vereinzelt Stimmen laut, dass dieses Format nicht mehr zeitgemäß sei und in die Mottenkiste gehöre. Die Mehrheit der Medienvertreter in Polen dürfte an der Tradition allerdings kaum rütteln: In einer 1999 durchgeführten Umfrage belegten ausnahmslos diejenigen Vertreter die Plätze auf der Liste der Top Ten, die sich durch zwei charakteristische Eigenschaften auszeichneten: klare, individuelle Standpunkte zu Themen und Sachfragen sowie einen brillanten, unverwechselbaren Schreibstil.


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