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Redaktion | 15. April 2005

Russlands erste Zeitung per Gesetz gegründet

Propaganda für den Zaren

Von Alexandr Iwanowitsch Stanko

Die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedürfnisse Russlands des 18. Jahrhunderts waren die Voraussetzung für die Entstehung der ersten Zeitung „Wedomosti“ (1702-1727). Diese Zeitung hat über die widersprüchliche Epoche des Zaren Peter der Große berichtet. Einerseits wurde sie zu einem wichtigen Element der Nationalkultur: Sie trug zur Demokratisierung der Sprache und der Aufklärung der Menschen bei. Andererseits diente sie der Propaganda der Innen- und Außenpolitik der Regierung und übte Einfluss auf die Leser im Sinne der Monarchie aus.

Peter der Große stand auf Konfrontationskurs mit der Innenopposition, die sich gegen die Umgestaltung Russlands hin zu Europa (Europawende) einsetzte. Deshalb benötigte Zar Peter öffentliche Unterstützung, um den Kreis der Reformanhänger zu erweitern.

Im Dezember 1702 erließ Peter der Große ein neues Gesetz. Der Text war kurz und fordernd, wie bei allen seinen vorherigen Gesetzen: „Wedomosti“ ist zu drucken und zu einem bestimmten Preis zu verkaufen“. Wie die anderen Gesetze des Monarchen wurde es unverzüglich umgesetzt.

Peter der Große kontrollierte die Veröffentlichung der Zeitung persönlich. Ihr Anspruch und ihre Qualität wurden von seinen Anforderungen, die er an die Druckproduktion stellte, bestimmt. Die Zeitung sollte dem Ruhm des großen Zaren, der Monarchie und dem Nutzen des gemeinen Volkes dienen.

Die Anhänger von Peter dem Großen, die ersten russischen Reporter Petr Sinjawitsch und Boris Wolkov, die die Reformen unterstützten, und die zur Veröffentlichung von „Wedomosti“ beitrugen, waren für die Aktualität, Periodizität und Qualität der Auflage zuständig. B. Wolkov akzeptierte die Interessen der Leser und sprach über die „Nachricht“ als eines der wichtigsten Merkmale der Zeitung. Ohne „Nachricht“ verliert die Zeitung ihre Spezifika und artet zur historischen Quelle aus. Um die Periodizität zu gewährleisten, schlug er vor, die Zeitung auf solche Weise zu veröffentlichen, dass eine neue „Wedomost“ (Nachricht) für die nächste Ausgabe vorrätig blieb. Die Wichtigkeit von „Wedomosti“ verband er mit den Ideen der Modernität und dem allgemeinen Nutzen.

Die russische Tradition der Buchgrafik sowie die europäische Periodik haben die erste russische Zeitung „Wedomosti“ beeinflusst. Deshalb hatte die Zeitung ein kleines Format: 1/12 einer Druckseite. Der Text wurde in einer Spalte platziert, in kyrillischer Schrift (die Ausgabe von dem 1. Februar 1710 wurde in weltlicher Schrift, nicht in kirchlicher Schrift ausgefertigt). Der Einsatz der weltlichen Schrift machte die Zeitung für viele Leser zugänglicher. (Die ganze Druckproduktion wurde bis dahin in Russland in kirchlicher Schrift ausgefertigt. Bemerkung der Übersetzerin).

In „Wedomosti“ von Peter dem Großen ist auch Farbdruck zu finden. Im Brief von Peter dem Großen anlässlich des Siegs der Russen über die Schweden bei Poltawa sind die ersten Absätze mit Zinnober gedruckt. Farbdruck unterstrich die Wichtigkeit der Meldung für die Leser.

In der ersten Zeitung sind auch Vignetten und verzierte Kopfleisten erschienen. Sie dienten zur Dekoration. Die Begrüßungsgedichte an Peter den Großen von M. Abramov sind in einem gezeichneten Rahmen erschienen. Damit konnte der Leser zwischen den Kunst- und Informativtexten unterscheiden. Damit kam die Wichtigkeit der Texte zur Geltung. Andererseits wurden vorübergehende Misserfolge von Peter dem Großen in der Zeitung verschwiegen. Über die Siege berichtete „Wedomosti“ im Gegensatz dazu auffällig auf den ersten Seiten und manchmal sogar in Extraausgaben. Die Darstellungsform und Stilistik der Meldung über ein wichtiges Ereignis wie der Massenaufstand unter der Leitung von K. Bulavin (1707-1709, Bemerkung der Übersetzerin) machen die politische Tendenz der Zeitung anschaulich: „Der Kasak von Don, der Dieb und Gottesleugner Kondraschka Bulavin wollte den Massenaufstand initiieren“.

Die meisten Meldungen aus dem Ausland wurden aus europäischen Zeitungen übernommen, insbesondere aus deutschen Zeitungen. Dabei wurden die negativen Tatsachen in Russland nicht publiziert. Die Meldungen aus Leipziger Zeitungen wurden sehr oft abgedruckt. Hier veröffentlichte H. Hussen seine von der russischen Regierung bezahlten Artikel.

Die Information über das Leben in Russland umfasste Themen wie die russischen Erfolge in Industrie, Handel, Kultur. Jedoch hatte alles einen propagandistischen Charakter. Die Zeitung berichtete über den Bau von neuen Betrieben im Ural, über neu entdeckte Bodenschätze, über die Ankunft der Handelsschiffe aus Holland in die Hauptstadt und über die Eröffnung von Schulen. Man veröffentlichte auch die neuesten Listen von Büchern und schrieb Kommentare dazu.

„Wedomosti“ wurde bis zum Jahr 1711 in Moskau gedruckt, später in Petersburg. Die Auflage schwankte zwischen zwei- und vierstelliger Stückzahl (die Nummer mit der Meldung über die Schlacht in Poltawa wurde in einer Auflage von 2500 Exemplaren gedruckt). Die Erscheinungshäufigkeit, Seitenzahl, das Format und sogar der Titel der Zeitung standen nicht fest.

Nach dem Tod des Zaren, in der Zeit des Hofumschwungs, erschien die „Wedomosti“ nicht mehr. Die Verantwortung für die gesamte Druckproduktion übernahmen die Wissenschaftsakademie und die Moskauer Universität. Im Zeitungswesen veränderte sich damals viel. Es ging um die Entwicklung und Spezialisierung der Wirtschaft und Wissenschaft. Die Journalistik begriff ihre Möglichkeiten. Die Zahl der Zeitungen nahm zu, der Vertriebsbereich wurde verbreitert, die erste Zeitschrift entstand, wissenschaftliche und Fachperiodik wurden stärker.

Übersetzung: Aleksandra Ilina


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