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Redaktion | 31. März 2009

Der Journalist als Homo oeconomicus

Ökonomik als Perspektive für die Journalismusforschung

Von Susanne Fengler

fenglerNicht nur Kaufleute und Banker sollten rechnen können. Auch Politiker und Wähler müssen Gewinne und Verluste einer Handlung möglichst schon im Vorhinein abschätzen. Gleiches gilt für Ehepartner, Literaten und Kriminelle, Ärzte, Geistliche und – Journalisten: Weil eben nicht nur „materielle“ Dinge wie Geld, Dienstleistungen, Immobilien und andere Ressourcen der „Stoff“ sind, mit dem rationale Akteure Handel treiben, sondern sich auch „Immaterielles“ wie z.B. Information gegen Aufmerksamkeit tauschen lässt.

Können wir also auch den Journalisten als Homo oeconomicus beschreiben? Heute arbeiten Forscher in so unterschiedlichen wissenschaftlichen Bereichen wie der Religion, der Kunst oder dem Gesundheitswesen mit modernen Theorien rationalen Handelns – und gewinnen auf diese Weise aufschlussreiche Perspektiven auf ihr Forschungsfeld. In diesem Beitrag sollen die Konturen für eine ökonomische Theorie des Journalismus umrissen werden – wobei auch für unser Fach gilt, dass „implizit oder explizit immer schon auf Annahmen über das Akteurs­­handeln zurückgegriffen wird, die dann aber selten klar offen gelegt werden. Häufig erweist sich dabei, dass man von ganz ähnlichen Annahmen über die Intentionen der Akteure ausgeht wie die Rational Choice Theorie (nämlich z. B. Maximierung von Macht), ohne dies aber konsequent weiterzuverfolgen.” (Braun 1999: 180) Beispiele für die implizite Annahme rationalen Handelns finden sich an ganz unterschiedlichen Stellen der Forschung über Medien und Journalismus:

Gerade in der Journalismusforschung sind zudem lange Zeit anstelle von Interessen­(konstellationen) die Rollen thematisiert worden, die Journalisten insbesondere in demokratischen Gesellschaften übernehmen wollen – und übernehmen sollen. „Neutraler Informationsvermittler“, „Analytiker komplexer Sachverhalte“ oder „Anwalt der Schwachen“ lauten die auch in der internationalen Journalismusforschung oft genannten Rollenselbstbilder. Andererseits wird gerade in unserem Fach seit einigen Jahren immer öfter die „Ökonomisierung“ des Journalismus in seinen (negativen) Auswirkungen auf die Qualität der massenmedial vermittelten Informationen beschrieben. Hohe Zeit also für eine ökonomische Analyse nicht nur der Medienunternehmen, sondern auch der Medienmacher! Denn auch für Journalisten ergeben sich selbst in straff organisierten, „durchökonomisierten“ Medienkonzernen immer wieder Handlungsspielräume (vgl. Hamilton 2004: 25), und diese sind in der redaktionellen Praxis – allen Routinen und „Systemzwängen“ zum Trotz – beträchtlich.

Wie aber nutzen Journalisten ihre Entscheidungsfreiheit? Die Ökonomik geht davon aus, dass rationale Akteure Handlungsspielräume auf der Basis individueller Vorteils-/Nachteils-Kalkulationen ausfüllen (vgl. Homann/Suchanek 2000: 439). Inwiefern haben folglich auch die Journalisten ihren Anteil am Prozess der Ökonomisierung – weil sie als rationale Akteure und damit ebenfalls ökonomisch handeln? Zu selten wurde diese Frage bislang gestellt, zu oft der Beruf des Journalismus von Mythen umgeben, und die Journalismusforschung wirkte mitunter tatkräftig an der Idealisierung eines Berufsstands mit, obwohl es doch – frei nach Max Weber – ihre Aufgabe wäre, durch nüchterne Analyse den Gegenstand ihrer Beobachtung zu entzaubern.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist jedoch, dass es in der Tat einen „missing link“ zwischen Ökonomik und Kommunikationswissenschaft gab – denn wie sollte man Journalisten in getreuer Auslegung der Ökonomik als „profitmaximierende“ Akteure beschreiben, wenn doch die Mehrzahl der Journalisten im Vergleich zu akademischen Berufen nachweislich schlecht bezahlt wird? Hier hat Georg Franck eine entscheidende Debatte angestoßen: Er hat in seiner „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ dargelegt, dass in der Informationsgesellschaft Aufmerksamkeit – neben Zeit und Geld – zur knappen Ressource geworden ist (Franck 1998: 50). Gehandelt werden in der „Mediengesellschaft” also nicht nur Waren oder Dienstleis­tungen gegen Geld, sondern auch – beispielsweise bei der Interaktion von Journalist und Quelle – Informationen gegen Aufmerksamkeit. Und so lässt sich der Journalist in der Tat als „Homo oeconomicus“ beschreiben: Wenn wir ihm unterstellen, dass er nicht an erster Stelle nach höherem Einkommen strebt. Viel wichtigere Anreize als Geld sind für Journalisten offenbar öffentliche Aufmerksamkeit – und damit einhergehend Selbstverwirklichung, Prestigegewinn, soziales Ansehen, leichterer Zugang zu exklusiven Quellen und auch Macht. Erst mittelbar kann ein hohes Aufmerksamkeitseinkommen möglicherweise auch zur Einkommenssteigerung führen. Ein Gehaltsbestandteil bei Journalisten ist schließlich die „Aufmerksamkeitsdividende”: Der privilegierte Zugang zu Eliten, zu gesellschaftlichen Ereignissen von Rang und zur Öffentlichkeit, die Chance, sich gedruckt oder gesendet zu sehen und die damit einhergehende Selbstverwirklichung werden von den Medienunternehmern als „geldwerter” Vorteil eingestuft. Journalisten müssen ihn meist mit Gehaltsverzicht „erkaufen”.

Unter der Maßgabe, dass Journalisten primär an der Maximierung von Aufmerksamkeit interessiert sind, können wir nun auch auf den Journalismus das Forschungsprogramm der Ökonomik anwenden, welches Braun (1999: 39f.) wie folgt beschreibt: „Jeder Mensch, egal in welchem Bereich er handelt, wird in Analogie zum Wirtschaftssubjekt konstruiert. Bei jedem (materiellen oder immateriellen) Gut, was man also anstrebt, wird die Kalkulation wie eine Preisberechnung behandelt, die der Akteur in seinem Inneren vornimmt.“

„Im Zentrum steht der Mensch”, beschreibt Frey (1990: 2) programmatisch das Gedankengebäude der Ökonomik. „Sein Handeln wird durch seine Wünsche und die ihm gesetzten Einschränkungen bestimmt.“ Doch die Ökonomik will mehr als nur individuelles Verhalten erklären. „Das auf der Ebene der Gesellschaft beobachtbare Geschehen wird auf das Handeln von Personen zurückgeführt (methodologischer Individualismus),“ führt Frey weiter aus (ebd.: 4). Und so muss auch die zentrale Frage einer Ökonomik des Journalismus lauten: Wie wirkt sich nutzenmaximierendes Verhalten vieler einzelner Journalisten in seiner Aggregation auf der Makroebene auf den Journalismus aus? Denn erst aus vielen eigeninteressiert-intentionalen Entscheidungen einzelner Akteure ergeben sich auf Ebene der Gesellschaft eben jene oftmals nicht-intendierten Resultate (so genannte „externe Effekte“), die für (Kommunikations-)Wissenschaftler von Interesse sind. Genau damit, also mit den aggregierten Folgen individuellen Handelns auf der Makro-Ebene, befasst sich die Ökonomik (vgl. Becker 1993: 403).

Nehmen wir den vielfach diskutierten CDU-Spendenskandal 1999/2000 als Beispiel. Auf die Medienagenda gebracht wurde das Thema insbesondere von Hans Leyendecker von der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ): Er recherchierte investigativ – mit einem hohen Einsatz an Ressourcen wie Zeit und Arbeitskraft und mit Hilfe seines Netzwerks gut informierter Quel-len. Als Leyendecker schließlich seine Rechercheergebnisse publizierte, profitierten umgehend auch andere Journalisten und Medien „kostenlos” von Leyendeckers Vorleistung – indem sie die Recherche-Ergebnisse des „Frontrunners” zitierten. Ihre Eigenleistung bestand allenfalls darin, die Geschichte weiterzudrehen. Leyendeckers Exklusiv-Nachricht wurde zum öffentlichen Gut: Offensichtlich hat der CDU-Spendenskandal unzähligen Berufsgenossen die Möglichkeit geboten, sich als „free-rider” zu verhalten und von den Vorleistungen des SZ-Kollegen zu profitieren. Aus diesem „free-riding” resultieren auch die bekannten Exzesse der Medienberichterstattung: Weil bestimmte Informationen zu öffentlichen Gütern geworden sind und damit nichts oder – infolge von Zusatzrecherchen – nur wenig „kosten”, stürzen sich alle Medien auf dasselbe Thema und „lutschen es aus“. Doch nicht nur für die Gesellschaft, auch für den Journalismus prognostiziert Hamilton (2004: 2) als Konsequenz des „Trittbrettfahrertums” negative externe Effekte – in Form einer weiteren Abnahme des investigativen Journalismus: „Die Motivation von Journalisten, viel Zeit in investigative Recherche zu investieren, sinkt, wenn Wettbewerber ungehindert von den eigenen Anstrengungen profitieren – selbst dann, wenn eine exzellente Recherche gesellschaftlich sehr wichtige Informationen ans Licht bringen könnte. Weil vielfach die ‚ökonomischen’ Anreize für Verleger und Redakteure fehlen, werden wichtige Themen nicht aufgegriffen.”

Zitierte Quellen:

Weiterführende Literatur:

Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine gekürzte Fassung eines bereits veröffentlichten Aufsatzes. Weiterführende Informationen in: Fengler, Susanne/Ruß-Mohl, Stephan (2005): Der Journalist als „Homo oeconomicus“. Konstanz: UVK.

Foto: Imago/Sven Lambert


One Response to “Der Journalist als Homo oeconomicus”

  1. Mit dem JoJo durch die Medienkrise at coolepark.de Says:
    März 31st, 2009 at 5:51 pm

    […] Susanne Fengler: Der Journalist als Homo oeconomicus. Ökonomik als Perspektive für die Journalismu… […]

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