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Redaktion | 15. April 2005

400 Jahre Zeitung — 400 Jahre Journalismus?

poettker_web1.jpgAn den ersten Zeitungen waren Journalisten nicht beteiligt, die wurden von geschäftstüchtigen Druckern gemacht. So wird Johannes Weber nicht müde, in seinem kenntnisreichen Artikel zu betonen. Wir müssen also unterscheiden zwischen der Geschichte der Zeitung oder anderer Medien und der Geschichte des Journalismus. Natürlich haben sich Journalistenberuf und Medien nicht unabhängig voneinander entwickelt. Was Journalisten herausfinden und wie – vor allem wie schnell – sie es welchem Publikum vermitteln können, wurde immer begrenzt und geprägt von den technischen, ökonomischen und organisatorischen Voraussetzungen, die Menschen einer Epoche vorfanden, um (öffentlich) zu kommunizieren, also von der Medienwelt einer Epoche. Aber Medien und Journalismus sind auch nicht identisch. Denn lange bevor die erste Zeitung gedruckt wurde, hat es schon Menschen gegeben, die sich zur Aufgabe gemacht haben und besonders begabt waren, andere Menschen möglichst rasch mit Informationen über wichtige Vorgänge zu versorgen. Thomas Mann hat diesen frühen Journalisten in seinem Josephs-Roman mit Naphtali, dem sechsten Sohn des biblischen Jakob, ein Denkmal gesetzt.

Naphtali drängte es unentwegt, räumliche und soziale Kommunikationsbarrieren rasch mit Informationen zu überwinden. Den Zustand möglichst unbeschränkter gesellschaftlicher Kommunikation, den herzustellen seine Natur ihm gebot, nennen wir heute Öffentlichkeit. Als die Moderne anbrach, von geschäftstüchtigen Druckern die Zeitung erfunden und vom Bürgertum insgesamt die Pressefreiheit durchgesetzt worden war, wurde das Herstellen von Öffentlichkeit zur Aufgabe eines ganzen Berufs, zu dem neben Naphtalis Begabungen – schnelles Laufen ist unter den Bedingungen moderner Medienwelten nicht mehr nötig, wohl aber behändes Reden oder Schreiben und das Bedürfnis, Wissensgefälle auszugleichen – wie zu jedem modernen Beruf Regeln und Fähigkeiten gehören, die man lernen und lehren kann.

In England, wo sich mit dem Kapitalismus auch die Pressefreiheit früh entfaltete, ist der Journalistenberuf mit seinen spezifischen Standards und Mentalitäten bereits Anfang des 18. Jahrhunderts erkennbar. In Deutschland, auch hierbei in der Modernisierung zurückgeblieben, entwickelte er sich erheblich später, unter dem maßgeblichen Einfluss jüdischer Verlegerfamilien, die in ihrem Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung besonders modernisierungswillig waren. Und in Russland, wo ein Zar die erste, zum Scheitern verurteilte Zeitung gründen ließ, der sein Land zwangsweise modernisieren wollte, steckt der autonome, von Politik oder Literatur unabhängige Journalismus immer noch in den Kinderschuhen. Wir müssen die Geschichte des Journalismus von der Geschichte der Medien unterscheiden.

Martin Welke behauptet, die Pressegeschichte sei von der Wissenschaft sträflich vernachlässigt worden. Presse- und Medienhistoriker fallen mir auf Anhieb jedoch eine ganze Reihe ein, von Ludwig Salomon über Kurt Koszyk bis zu Werner Faulstich. Sträflich vernachlässigt, so scheint mir, ist die Geschichte des Journalismus als Beruf oder – weiter gefasst – als besonderer Kommunikationsweise. Bezeichnend für dieses Defizit ist, dass das Journalistik Journal, eigentlich ein Periodikum zur Unterstützung des Journalismus, sich dieses Mal mit einem Aspekt der Mediengeschichte befasst. Dass das nur behelfsweise, in Ermangelung einer Geschichte des Journalismus geschieht, zeigt sich an den vielen Artikeln in dieser Ausgabe, in denen Einflüsse der medialen Voraussetzungen und ihres Wandels auf den Journalistenberuf zur Sprache kommen. Mit der Bitte, bei der Lektüre der folgenden Seiten auf die Bedeutung der Pressegeschichte für den Journalismus zu achten, grüßt Sie herzlich

Ihr Horst Pöttker


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