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Redaktion | 15. Oktober 2005

Belebung in der rot-weiß-roten Wüste

Österreichs Sonderweg in der Journalistenausbildung

Von Andreas Aichinger

Foto: Heindl/Donau-Universität KremsÖsterreich ist ein kleines Land mit großen Besonderheiten im journalistischen und medialen Gefüge. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien nur der erstaunlich hohe Grad der Medienkonzentration, der allzu späte Start von terrestrisch empfangbaren TV-Alternativen zum öffentlich-rechtlichen ORF sowie der doch sehr überschaubare Arbeitsmarkt genannt. Und dann wäre da noch das Thema Journalistenausbildung, das sich doch deutlich anders darstellt als in Deutschland. Erstaunlich, aber wahr: Echte akademische Journalistenausbildung war in Österreich noch bis vor wenigen Jahren ein Fremdwort.

Die Ursachen dafür sind wohl letztlich in einer jahrzehntelang unüberwindbar scheinenden Kluft zwischen akademischer Lehre einerseits und journalistischer Praxis andererseits zu suchen. Einer Kluft, die in der Heimat der legendären Wiener Kaffeehaus-Literaten – deren Erben Journalismus stets als freien „Begabungsberuf“ verstehen wollten – vielleicht sogar noch größer ist als anderswo. Tatsache ist: Klassische Journalisten-Biografien haben in Österreich zwar oftmals ihren Ausgangspunkt an einer Universität, allerdings nicht selten in fachfremden Studienrichtungen. Das Handwerk selbst wird klassischer Weise in Lehrredaktionen, während (freiwilliger) „Volontariate“ in den Ferien, von Mentoren oder im Rahmen diverser Weiterbildungs-Einrichtungen erlernt. Und obwohl bei diesem Marsch durch die akademische Ausbildungs-Wüste nicht selten der Zufall Regie führt, zeugen viele journalistische Talente und Top-Leistungen vom Potential dieses „Oasen“-Netzwerks. Dennoch besteht kein Zweifel: Es war allerhöchste Zeit, dass neue Fachhochschul-Angebote, postgraduale Ausbildungen und eine kritische Selbst-Reflexion der Universitäts-Institute in den letzten Jahren endlich für „Frischwasser“ gesorgt haben.

Beginnen wir unseren Streifzug an der ältesten Universität des deutschen Sprachraumes, der 1365 gegründeten Uni Wien. Vorweg: Eine Studienrichtung „Journalistik“ wird man an Österreichs Universitäten generell vergeblich suchen, die vordergründig relevanteste Studienrichtung für angehende Journalisten ist vielmehr die „Publizistik und Kommunikationswissenschaft.“ Und spätestens hier wird es spannend. Erkundigt man sich nämlich bei gestandenen, erfolgreichen Austro-Journalisten nach Ausbildungs-Tipps für den journalistischen Nachwuchs, so herrscht immer noch die bemerkenswerte Meinung vor: „Bloß nicht Publizistik studieren!“ Gerald Freihofner, einer der bekanntesten Aufdeckungsjournalisten der jüngeren Mediengeschichte Österreichs und mittlerweile selbst an vielen Fronten der Journalistenausbildung tätig, bringt die vorherrschende Meinung so auf den Punkt: „Das Publizistik-Studium war stets ein Handicap.“

Die jungen Absolventen hätten zwar immer präzise gewusst, wann die Wiener Zeitung gegründet wurde, beklagt Freihofner, sie hätten aber keine Ahnung vom Handwerk gehabt. Die Folge: Der Hinweis auf ein absolviertes Publizistik-Studium sei in der Vergangenheit eher ein Anstellungs-Hindernis gewesen. Freihofners Tipp: Wenigstens ein „paar Semester“ irgendeines Fachstudiums absolvieren, um den Einstieg in ein bestimmtes Ressort über fundiertes Fachwissen zu schaffen. Eine Empfehlung, die für Andreas Unterberger allerdings immer noch zu kurz greifen dürfte. Immerhin hatte der langjährige Chefredakteur der Wiener Tageszeitung Die Presse und nunmehrige Redaktions-Primus der Wiener Zeitung im Rahmen der „Wachauer Journalistentage“ Anfang Juni 2005 beklagt, dass es im österreichischen Journalismus „zu viele Studienabbrecher“ sowie „zu viele Absolventen von Leicht- und Leichteststudien“ gäbe.

Thomas A. Bauer ist einer der profiliertesten wissenschaftlichen Experten Österreichs in Sachen Journalistenausbildung – der in Diessen am Ammersee geborene Österreicher lehrt nicht nur an der Wiener Universität, sondern auch an Unis in Marburg, New York oder São Paulo. In der Vergangenheit hatte der 60jährige Wissenschaftler gar kein Hehl daraus gemacht, dass das Wiener Publizistik-Institut sein Aufgabenprofil im Laufe der Zeit hätte „ausufern“ lassen und weithin unklar sei, „wer von diesem Institut was erwarten“ könne. Im Gespräch mit dem Journalistik Journal definiert Bauer die Rolle des Instituts, dem er zwischen 1994 und 1997 auch vorgestanden war, als eine Art „Clearing-Haus“ des gesellschaftlichen Diskurses. Bei der Ausbildung sollte Kulturentwicklung und nicht nur Technikentwicklung im Vordergrund stehen: „Da geht es um integrierte komplexe Kompetenzen.“ Gleichzeitig kritisiert Bauer die „simple lineare Denkweise“, sich in Ausbildungsfragen „so stark an der Berufsachse“ zu orientieren.

Konsequenter Weise empfiehlt der Wiener Publizistik-Professor österreichischen Journalisten in spe eine „Mischausbildung“ aus Universitätsstudium und einem Praktikum, um so zwischen universeller Perspektive und Praxisorientierung „ein bisschen oszillieren“ zu können. Doch während sich das Institut dem Diskurs mit der „Praxis“ längst stellt, bleibt ein anderes Problem vorläufig ungelöst: die schlechten Studienbedingungen. Institutsvorstand Wolfgang R. Langenbucher beginnt seine Begrüßung auf der Instituts-Website bezeichnender Weise mit folgendem Satz: „Unser Institut ist wahrscheinlich, nein sicher, das personell am schlechtesten ausgestattete Institut aller österreichischen Universitäten – bezogen auf die Zahl der Studierenden in Relation zu den Lehrenden.“

Gefragt waren somit echte Alternativen. Noch im Jahr 2001 musste der frühere profil-Journalist und Medienberater Andy Kaltenbrunner als Herausgeber des Buches „Beruf ohne (Aus)Bildung. Anleitungen zum Journalismus“ ein Klagelied anstimmen: „Dass es derlei nicht gibt, dass Journalismus in Österreich ein Beruf ohne (Aus-)Bildung ist, verblüfft immer noch viele.“ Und dann, 2003, ein erster Lichtblick: Im Rahmen der Fachhochschul-Studiengänge der Wiener Wirtschaft (FHW) wird der neue und lange erwartete Studiengang „Journalismus“ ins Leben gerufen. Es handelt sich de facto um die erste hochschulgebundene und praxisbezogene Ausbildung für Medienberufe in Österreich. Zur Erklärung: Fachhochschulen – die Studien sind extrem verschult und dauern in der Regel acht Semester – stehen auch in Österreich für eine akademische Ausbildung mit hohem Praxisbezug.

Der Studiengang „Journalismus“ der FH Wien erlaubt eine Spezialisierung auf einen der beiden Bereiche „Journalismus“ oder „Medienmanagement“ und sieht ein fünfzehnwöchiges Berufspraktikum im 7. Semester vor. Das Team der Lehrenden besteht mehrheitlich aus erfahrenen Praktikern, allen voran die ehemalige Presse-Starjournalistin Anneliese Rohrer, die seit April 2005 als Lektorin und Fachbereichsleiterin tätig ist. Sie wolle jetzt einen Beitrag zur Beseitigung des Ausbildungs-Defizits leisten, nachdem „Politiker und Medienmacher die oft nicht vorhandene oder ungenügende Ausbildung österreichischer Journalisten“ jahrzehntelang beklagt hätten, so Rohrer. Und das Interesse ist groß: Pro Jahrgang werden in einem aufwändigen Auswahlverfahren 55 Studierende aus rund 400 Bewerbern ausgesiebt.

Doch zurück an die Universitäten: Neben Wien werden auch in Salzburg und Klagenfurt entsprechende „Publizistik“-Universitätsstudien angeboten. Doch auch für sie gelten bis zu einem gewissen Grad die schon im Wiener Zusammenhang genannten Probleme, auch in der „Provinz“ stoßen die Kapazitäten längst an ihre Grenzen. Aufnahmeprüfungen, Studieneingangsphasen und Kontingentierungen sind in Österreich zwar noch relatives Neuland, aber angesichts des übermäßigen Andrangs deutscher Numerus-Clausus-Flüchtlinge teils schon Realität. In Klagenfurt etwa wurde die Zahl der Studienplätze für das kommende Wintersemester erstmals auf 180 begrenzt und dazu ein „Qualifizierungssemester“ ins Leben gerufen, der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider will dem Ansturm aus dem Norden am liebsten gleich mit Studiengebühren von satten 5000 Euro beikommen.
Im Fachhochschul-Bereich hingegen steht Wien nach wie vor ohne echte Alternative da. Thomas A. Bauer: „Ich würde mir wünschen, dass die Wiener Fachhochschule eine gute Konkurrenz bekommt und sich etwa in Salzburg neben dem Publizistik-Institut auch eine Fachhochschule ausrichtet.“ Allein: Anzeichen dafür gibt es derzeit keine. Bleiben also nur verwandte Angebote wie etwa der Studiengang „Journalismus und Unternehmenskommunikation“ an der Grazer Fachhochschule Joanneum oder „Medienmanagement“ an der Fachhochschule St. Pölten. Dazu kommt noch eine Reihe von – meist viersemestrigen – Universitäts-Lehrgängen wie „Sportjournalismus“ in Salzburg oder der „Medienkundliche Lehrgang“ in Graz.

Der postgradualen Weiterbildung hat sich die Donau-Universität Krems verschrieben. Besonders interessant: Am „Internationalen Journalismus Zentrum“ existiert mit dem Master-Programm „Qualitätsjournalismus“ eine international anerkannte Ausbildung auf postgradualem universitärem Niveau. Der dreisemestrige, berufsbegleitende Universitäts-Lehrgang schließt mit dem Titel „Master of Arts“ (MA) ab, die Studiengebühr beträgt stolze 9.960 Euro. Historischer Nachsatz: Hier an der Donau-Uni hatte der Wiener Publizistik-Professor Maximilian Gottschlich auch die „Europäische Journalismus Akademie“ (EJA) aus der Taufe gehoben, die im Herbst 2002 nach Wien übersiedelt war, mangels gesicherter Finanzierung aber im heurigen Frühling endgültig ihren Dienst quittieren musste.

Fazit: Obwohl sich relevante akademische Ausbildungsvarianten in Österreich noch immer an einer Hand abzählen lassen, wurden in punkto Professionalisierung und Ausdifferenzierung gute Fortschritte erzielt. Gleichzeitig bleibt angehenden Journalisten weiterhin eine für den Berufseinstieg verpflichtende Form der Ausbildung erspart, und auch das Verständnis von Journalismus als freiem Beruf ist im Land zwischen Boden- und Neusiedler See weiter weitgehend unumstritten.

Foto: Heindl/Donau-Universität Krems


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