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Redaktion | 15. Oktober 2005

Studium nach dem Krieg: Lernen mit alten Büchern

Vier Generationen prägten die Journalistenausbildung

Von Hans Bohrmann

Die langsame Entwicklung der kommunikationswissenschaftlichen Disziplinen begann an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, als die Presse (Zeitungen und Zeitschriften) hoch in Blüte standen, der Film bereits über die Jahrmarktattraktion hinaus zu wachsen suchte; später kamen Rundfunk und Fernsehen etc. hinzu.

Die Wissenschaftler der ersten Generation, die sich mit den Medien befassten, kamen natürlich alle aus „anderen“ Fächern wie der Rechtswissenschaft, Staatswissenschaft, Ökonomie, Philologie oder Geschichtswissenschaft. Diese Wissenschaftler blieben während ihrer aktiven Berufstätigkeit stets ihren Ursprungsfächern verbunden. Daneben gab es eine ganze Reihe freier Schriftsteller, die meist hauptberuflich als Journalisten arbeiteten und die sich für die Formation einer eigenen Hochschuldisziplin in der Öffentlichkeit einsetzten. Auch sie blieben ihrem angestammten Metier treu, selbst wenn sie den Wunsch hatten, in die Dienste einer Hochschule zu treten.

Erst in einer zweiten Generation, im Verlauf der Weimarer Republik, wurden Stellen an Hochschulen geschaffen, die der Zeitungskunde, Zeitungswissenschaft, Zeitungsforschung o. ä. gewidmet waren. Institute wurden gegründet und die Stelleninhaber dieser Einrichtungen legten fachlich wissenschaftliche Veröffentlichungen vor. Während dieser Zeit wurde aber nur an einer Hochschule eine auf Dauer angelegte Professur geschaffen (1926, Leipzig, Ordinariat); an anderen Hochschulen wurden lediglich Lehraufträge erteilt, die pro Semester zu erneuern waren. Es wurden Lektoren eingesetzt (die auch keine Prüfungsbefugnis besaßen), Honorarprofessuren und allenfalls außerordentliche Professuren vergeben, die bis zum Ausscheiden des jeweiligen Stelleninhabers galten und dann neu beschlossen werden mussten. An solchen Hochschulen war die Zeitungswissenschaft usf. kein voll prüfungsfähiges Fach. Studenten konnten ihr Dissertationsthema aus dem Fach eines außerordentlichen Professors wählen, das Rigorosum mussten die Kandidaten aber in ihrem Hauptfach wählen, sofern der zuständige Ordinarius das Recht nicht abtrat. Der außerordentliche Professor konnte Kandidaten für die Habilitation vorschlagen, die venia wurde aber für eines der voll akademischen Fächer ausgestellt, es sei denn, dass eine Mehrheit der Ordinarien einer Ausnahme zustimmte.

Diese Verhältnisse signalisieren den hinhaltenden Widerstand besonders der Fakultäten gegen das neue Fach, das von den demokratischen Wissenschaftsministern der Länder unter Zustimmung der Berufsverbände der Journalisten und Zeitungs- und Zeitschriftenverleger gefördert wurde. Berlin hat sich die außerordentliche Professur, die ab 1928 besetzt wurde, durch Oktroi verordnen lassen. Formaler Grund war, dass nicht der Universitätskandidat berufen werden sollte: Eigentlich ging es darum, dass die Wissenschaftlichkeit des Gegenstandes bestritten wurde.

Erst in der dritten Generation, also in der NS-Zeit, wurden diese Fesseln abgebaut. So wurden die Professoren in Berlin (Dovifat) und München (d´Ester) zu persönlichen Ordinarien, was immer noch bedeutete, dass nach ihrem Ausscheiden erneut über die Zulassung des Faches entschieden werden musste. In Freiburg/Br. und Münster Königsberg, Wien, wurden planmäßige Dozenturen geschaffen, die nur Habilitierten zur Verfügung standen. Neue Institute wurde gegründet: Hamburg, Königsberg, Prag, Wien; ein Zeitungswissenschaftler wurde Dekan auf Lebenszeit der auslandswissenschaftlichen Fakultät der Berliner Universität.

Auch sorgte das NS-Regime dafür, dass das Studium der Zeitungswissenschaft, wie die reichseinheitlich festgelegte Bezeichnung lautete, nach einem sechs Semester umfassenden, ebenfalls reichseinheitlichen Lehrplan gelehrt wurde. Die ohne förmliches Examen ausscheidenden Studenten erwarben damit eine „Bescheinigung“ des Deutschen Zeitungswissenschaftlichen Verbandes (DZV), mit der sie 50% Rabatt auf das zweijährige Volontariat erhielten. Vorher hatten die Studenten in der Regel nur die Chance, eine Promotion anzustreben, was aus vielerlei Gründen nur selten realisiert wurde.

In der NS-Zeit wurde auch beim DZV in Berlin so etwas wie eine Forschungsstelle geschaffen (Redaktion der Zeitschrift „Zeitungswissenschaft“, Redaktion des „Handbuchs der Zeitungswissenschaft“). In Leipzig wurde eine Forschungsstelle zur „Frühgeschichte der Zeitung“, in Nürnberg eine für Zeitungsstatistik geschaffen. Durch die Festigung vorhandener Institutsstrukturen, die Schaffung neuer Institute und die Schaffung von Forschungseinrichtungen entstand die Basis für einen stetigen Zugang neuer Literatur.

Die in der NS-Zeit graduierten Nachwuchswissenschaftler haben sich meist schon in den Texten ihrer Dissertationen und Habilitationsschriften und dann in weiteren Schriften zum Regime bekannt. Sie haben zur Habilitation die vorgeschriebenen Dozentenlager des NS-Dozentenbundes mitgemacht. Sie haben großenteils im DZV gedient. Sie waren überwiegend Mitglieder der NSDAP und ihrer Gliederungen, auch der SS. Einige haben sich beim SD verpflichtet. Das Regime konnte sich mit ihrer Ernennung ideologisch sicher sein. Die Entlassung des größten Teils dieses Personals nach dem Ende der NS-Zeit war unabweisbar.

Das Jahr 1945 war ein quantitativ stärkerer Umbruch als 1933, weil die Disziplin in den dreißiger Jahren an viel mehr Hochschulen verbreitet war und sie wesentlich mehr und besser dotiertes Personal besaß. 1933 wurde die Minderheit der liberalen Hochschullehrer abgewickelt und durch linientreue Mitarbeiter besetzt (Leipzig, Heidelberg). Damit traf man zugleich die sozialwissenschaftlich orientierten Fachkollegen. Sozialistische oder kommunistische Dozenten oder Institutsleiter gab es praktisch nicht. Es gab nur wenige Juden, die auch nur in untergeordneter Position tätig waren. Von den Emigranten kam kaum einer ins Fach zurück. Dafür gab es – unähnlich der Soziologie und Politikwissenschaft – auch kein Interesse von Seiten der westlichen Besatzungsmächte. Anders als in der Geschichtswissenschaft wurde auch nicht durch Gastprofessuren neues Denken gefördert.

So ist die vierte, schon rein quantitativ verminderte Generation in erste Linie ein Rückgriff auf die zweite. Das waren voran Emil Dovifat und Karl d´ Ester. Zu dieser Gruppe kann auch der ehemalige Chefredakteur des 1938 geschlossenen Zentrum-Zentralorgans „Germania“, Walter Hagemann, gerechnet werden. Er hatte bis 1945 im Auslandpressebüro des DZV-Chefs Walther Heide überwintert. Dazu kam der von Hagemann geförderte Wilmont Haacke (habilitiert in Prag, danach Institutsleiter in Freiburg /Br.). In Nürnberg wurde als apl. Professor Ernst Meier reaktiviert. Sonst kam aus der äußeren und inneren Emigration niemand zurück.

Dies war das ganze Personal, auf das sich das Fach von der zweiten Hälfte der vierziger und bis zum Ende der fünfziger Jahre stützen konnte. Die Personen verteilten sich auf drei Hauptfach-Studienorte (München, Münster, ab 1949 FU Berlin) und zwei Nebenfach-Standorte: Nürnberg und ab Anfang der fünfziger Jahre Wilhelmshaven. Die Literaturproduktion war äußerst gering. Nur Hagemann war als Autor produktiv (jedes Jahr eine Monographie). Walter J. Schütz hat bezeugt, dass im Studium zwangsläufig mit Literatur aus den dreißiger Jahren (die politisch unerfreulich war) oder aus den zwanziger Jahren (die inzwischen über eine Generation alt war) gearbeitet werden musste. Und Studenten hatte es an den so genannten „Ein-Mann-Instituten“ mehr als genug. Neben der Lehre gab es kaum Zeit, sich methodisch neu zu orientieren. So wurde ab den fünfziger Jahren politisch „gereinigte“ Literatur auf den Markt gebracht. Haacke gab seiner Habilitationsschrift einen neuen Titel und teilte sie auf drei statt zwei Bände auf. Dovifat brachte seine Zeitungslehre in einer völlig revidierten Fassung heraus – das kleine Göschen-Werk hatte nun in drei Regimen jeweils einer breiten Leserschaft gedient.

Wer in der Zeit nach dem Krieg sein Studium fortsetzte oder neu begann, hatte, wie in Weimar, auch nur die Chance, für einen Abschluss in seinem Fach eine Promotion anzustreben. Erst ab Ende der fünfziger Jahre wurde mit dem Magister Artium ein Abschluss auf mittlerer Ebene eingeführt. So hatten die Institute eine Vielzahl von Doktoranden. Die Arbeiten, die fertig wurden, missbehagten den Fakultäten immer wieder; überhaupt schien ihnen das Treiben an den Instituten nicht zugefallen. Jedenfalls scheiterten in München und in Berlin in diesen Jahren drei Habilitationen. Zwei der Kandidaten hatten in der NS-Zeit studiert. Es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre dem Fach das Lebenslicht ausgeblasen worden, wenn nicht die drei Nachfolger an den Hauptfachinstituten es geschafft hätten, ihrer Wissenschaft neues Ansehen zu verschaffen. Zu ihnen gehörten in München Otto B. Roegele, der mit dem NS-Regime schon als Schüler konkret im Kampf um die Religionsfreiheit aneinander geriet, Henk Prakke, der im holländischen Widerstand gegen die deutsche Besetzung stand und Fritz Eberhard, der im aktiven politischen Widerstand in Deutschland bis 1937 und als Emigrant in England stand.

In der SBZ/DDR wurde zunächst eine Zentralisierung auf den Standort Leipzig vorgenommen. Zunächst fuhr man Doppelspurig: ein „bürgerliches Institut“ an der Philosophischen Fakultät unter Leitung von Gerhard Menz – der sich offenbar trotz seiner braunen Flecken als Aushängeschild eignete. Menz starb bald. Das Institut für Zeitungswissenschaft und Publizistik wurde mit dem daneben an der Arbeiter- und Bauernfakultät geführten Institut für Journalistik (Hochschullehrer waren hier vielfach aus der West- wie Ost-Emigration in die DDR zurückgekehrte Journalisten der Weimarer Zeit) vereinigt und 1954 nach sowjetischem Vorbild in eine Fakultät für Journalistik umgewandelt. Weil weder die Literatur der zwanziger Jahre noch die „bürgerliche“ Literatur aus der Bundesrepublik in der DDR als wissenschaftlich galten, musste alles neu geschrieben werden. Dabei bediente man sich auch der Vorgänger, vor allem aber der Veröffentlichungen aus der Sowjetunion. Sicher weit über 90% der DDR-Literatur wurden lediglich intern für die Aus- und Weiterbildung von Journalisten zur Verfügung gestellt und konnten im Ausland und auch in der Bundesrepublik nicht über den Buchhandel bezogen werden.


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