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Redaktion | 15. Oktober 2005

Richard Wredes Schule — das ausgeschlagene Erbe

Wissenschaftliche Journalistenausbildung um 1900

Von Daniel Müller

Als illegitim und verwaist kann heute die erste Einrichtung zur hochschulgebundenen Journalistenausbildung in Deutschland gelten. 1899 wurde sie von Richard Wrede in Berlin gegründet wurde – mehrere Jahre, bevor Joseph Pulitzer das Geld für die Columbia School of Journalism stiftete. Trotz mancher wegweisenden Ansätze wird Wredes Erbmasse jedoch von den wissenschaftlichen Nachfahren in Dortmund und anderswo bisher ausgeschlagen.

„Die Journaille“ hatte schon im Deutschland des 19. Jahrhunderts einen denkbar schlechten Ruf. Der gewissenlose Schmierfink „Schmock“ aus Gustav Freytags Erfolgslustspiel „Die Journalisten“ (1854) gab den Prototypen ab. Bismarcks Wort von den „ihren Lebensberuf verfehlt habenden Leuten“, nämlich oppositionellen Zeitungsschreibern (1862), fand – aus ihrem tagespolitischen Zusammenhang gerissen und zugespitzt – weite Verbreitung. Durch das Aufkommen der billigen Massenpresse, etwa August Scherls Berliner Lokal-Anzeiger (1883), und die resultierende Expansion des Journalistenberufs ging es mit dessen ohnehin schon niedrigem Ansehen noch weiter bergab. Wilhelm II. höhnte über die „Hungerkandidaten, namentlich die Herren Journalisten, das sind vielfach verkommene Gymnasiasten“ (1890).

Der Journalist Richard Wrede meinte zu erkennen, warum der Beruf so verrufen war: Es fehlte an geregelter, angemessener Ausbildung, sodass Seiteneinsteiger, Abbrecher und Gescheiterte anderer Berufe den Journalismus geradezu dominieren mussten. Der Brockhaus verzeichnete zum Hauptweg in den Journalismus lapidar (1903), ein Volontär sei ein „Freiwilliger, der zu seiner Ausbildung eine Stelle, besonders im Handel und in der Landwirtschaft, ohne Gehalt übernimmt.“ Wrede wollte den freien Beruf durch Ausbildung aufwerten und als Berufsbild des ausgebildeten im Unterschied zum unausgebildeten Journalisten das des Redakteurs schaffen.

Zu diesem Zweck gründete Wrede 1899 (einen ersten Entwurf des Lehrplans hatte er schon 1893 vorgelegt) die Berliner Journalistenhochschule, deren Programm ausgesprochen modern anmutet – sieht man von der Regelstudienzeit ab, die nur vier Semester betrug und damit eher an moderne Vordiplome oder B.A.-Abschlüsse erinnert. Gehört werden sollten Vorlesungen über Staatslehre, Völkerrecht, Finanzwissenschaft, aber auch Presserecht, Drucktechnik und Geschichte der Zeitung. Da es an Lehrmaterial mangelte und Anfragen von auswärts sich häuften, gab Wrede selbst ein Handbuch der Journalistik in Fortsetzungslieferungen heraus, das 1902 abgeschlossen auch in Buchform erschien und 1906 eine zweite Auflage erlebte.

Das ca. 300 Seiten starke Werk bietet eine fundierte Einführung in den Journalismus, mit Schwerpunkten auf dem Presserecht sowie den Besonderheiten der verschiedenen Ressorts, insbesondere des Feuilletons und des Lokalteils, wofür Wrede eine Reihe namhafter Beiträger gewinnen konnte. Freilich ist manches heute veraltet; so ist die Mahnung Edmund Kraffts, doch bei der Fußballberichterstattung – die erste Deutsche Meisterschaft wurde 1903 ausgetragen – „nur die Turnierkämpfe erster Ballspielklubs öffentlich“ zu machen, sicher nicht mehr zu beherzigen. Viele detaillierte Hinweise aber sind noch heute mit Gewinn zu lesen, und manchmal wäre wohl eine Rückkehr zu Wrede’schem Geist zu wünschen, so wenn Wrede „Interviewer“ knapp mit „gewerbsmässiger Aushorcher“ definiert.

Neben theoretischen Kenntnissen, freilich mit starkem Praxisbezug, wurde in der Journalistenhochschule auch direkt praktisch gelehrt und gelernt. So hielten Praktiker als Lehrbeauftragte Redigier- und Rezensionsübungen zu verschiedenen Genres und Ressorts ab, und der „Verein Studierender an der Journalistenhochschule“, ab 1903 eine eigene monatliche Nachrichtenkorrespondenz – spätere Praxis-Projekte wie die Dortmunder „Campus-Zeitung“ InDOpendent lassen grüßen.

Die Journalistenhochschule scheiterte an der Missgunst der lieben Kollegen. Wrede, ein Hansdampf in allen Gassen, war gleichzeitig standespolitisch aktiv, als Vorsitzender des „Vereins Deutsche Redakteure“ (sozusagen ein Ur-DJV oder eine Ur-dju) dessen Zeitschrift Die Redaktion (also ein Ur-journalist) er betreute. Die Journalisten innerhalb und außerhalb des Verbands aber fürchteten die unliebsame Konkurrenz der Absolventen wie auch der Nachrichtenkorrespondenz, deren Artikel besonders billig waren. Das einprägsame Schlagwort hierfür war „Volontärzüchterei“, die man Wrede übel nahm. Gleichzeitig betonten die Gegner auch, zum Journalisten müsse man eh geboren sein. Wrede trug hier dieselben – bis heute wiederkehrenden und an Bonmots und Malmots nicht eben armen – Debatten aus wie sein erfolgreicheres Pendant in den USA, Joseph Pulitzer, der böse (gegen Horace White) zurückgiftete (1904): The only position that occurs to me which a man in our Republic can successfully fill by the simple fact of birth is that of an idiot.

Zu Wredes Gründung meinte Jakob Julius David (1906) lapidar: Es besteht ja, wie aus gelegentlichen Anzeigen zu entnehmen ist, eine Hochschule für Journalismus in Berlin. Was daran gelehrt und getrieben wird, kann man sich ja ungefähr denken und es sind ja ganz bestimmt nützliche Kenntnisse, die da gelehrt und erworben werden. In dem aber die Anlage steckt, der besucht die Universität und ihre Kurse nicht… Die Journalistenhochschule stellte so um 1906 ihren Lehrbetrieb ein; im Studienjahr 1904 hatte sie nur 11 Studierende gezählt. Pulitzers Gründung stieß ebenfalls auf viel Widerstand. Seine Stiftung – eine Million Dollar – erfolgte 1903, aber erst 1912, ein Jahr nach Pulitzers Tod, begann der Lehrbetrieb der Columbia School of Journalism, sodass die University of Missouri (1908) Columbia zuvorkam und die älteste Journalistenhochschule der USA einrichtete. Während Columbia bis heute eine ungebrochene Tradition hochhält, ist der Faden zur Wrede’schen Gründung so gründlich abgerissen, dass nicht einmal die genauen Umstände der Schließung bekannt sind.

In Deutschland setzte sich an den Hochschulen und Universitäten, wo zeitgleich um 1900 vielfach Vorlesungen zu Pressefragen ins Programm genommen wurden, als entsprechendes Fach zunächst die Zeitungswissenschaft durch, die weitaus weniger praktisch orientiert war als Wredes Ansatz und dennoch als Disziplin schwer um akademische Anerkennung zu kämpfen hatte. Aus der Zeitungswissenschaft wurden die Publizistik und später die Kommunikationswissenschaft, die auch Journalistenausbildung betreiben, aber diesen berufsqualifizierenden Aspekt – anders als die USA-Schools in der Tradition von Columbia oder Missouri – nicht in den Mittelpunkt stellen.

In der Bundesrepublik Deutschland wurde der abgerissene Faden erst Anfang der 1970er Jahre neu erfunden, ohne direkte Anknüpfung an Wrede: Der Versuch, zwischen der praxislastigen Anlern-Ausbildung des Volontariats einerseits und dem kommunikationswissenschaftlichen Ansatz der Institute andererseits eine wissenschaftliche Journalistenausbildung zu etablieren, führte nach und nach zu Journalistik-Gründungen in München, Dortmund und Eichstätt. In Leipzig hatte das von Karl Bücher noch im Ersten Weltkrieg begründete Institut ab 1954 als Fakultät (ab 1969 Sektion) für Journalistik Journalistenausbildung für die DDR betrieben. Nach der Wende wurde das „Rote Kloster“ säkularisiert und trat zu München, Dortmund und Eichstätt hinzu. So hat Bücher aufgrund der räumlichen Kontinuität seit 1915 in Leipzig eifrige Erben gefunden, während Wrede weithin vergessen ist. So ephemer dessen Gründung im Vergleich zu Pulitzers oder Büchers Gründungen Werk auch war – eine Wiederentdeckung des Wrede’schen Ansatzes, heute am ehesten wohl über sein Handbuch und seine programmatischen Schriften (separat oder in der Redaktion) möglich, wäre eine angemessene Würdigung zum „ungefähr 100.“ Jahrestag der Schließung der wohl weltweit ersten Journalistenschule.


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