Suchen

Aktuelle Einträge

Ausgaben

Rubriken

Redaktion | 15. Oktober 2005

Gegen die Ideologie vom „Begabungsberuf“

Zehn Thesen zur Perspektive der Journalistik

Von Horst Pöttker

Foto: Stefan SchwenkeThese 1: Journalismus ist aus dem Prozess der funktionalen Differenzierung hervorgegangen, der immer mehr Berufe und Institutionen entstehen lässt, die sich auf eine Aufgabe spezialisieren. Ärzte und Kliniken sind für das Heilen von Krankheiten da, Lehrer und Schulen für das Unterrichten von Kindern, Journalisten und Medien für das Überwinden räumlicher und sozialer Barrieren der gesellschaftlichen Kommunikation durch das Herstellen von Öffentlichkeit, um belastende Folgen der funktionalen Differenzierung (soziale Parzellierung, Borniertheit der Individuen) zu kompensieren. Charakteristisch für den Modernisierungsprozess ist das Streben aller Berufe und Institutionen, für das Handeln ihrer Mitglieder besondere Regeln herauszubilden und verbindlich zu machen. Das Autonomiestreben wie die funktionale Differenzierung selbst werden angetrieben vom Ziel der Effizienzsteigerung. Wenn sich die Angehörigen eines Berufs oder einer Institution von anderen Interessen ablenken ließen, wäre eine Vernachlässigung ihrer besonderen Aufgabe zu befürchten. Um die Aufgabe Öffentlichkeit optimal erfüllen zu können, brauchen Journalisten professionelle Unabhängigkeit.

These 2: Um ihrer Effizienz und Autonomie willen stützen sich Berufe in modernen Gesellschaften oft auf eine sie begleitende Wissenschaft: Die Ärzte seit etwa einem Jahrtausend auf die empirische und experimentierende Medizin, die Lehrer seit dem 18. Jahrhundert auf die Pädagogik und die Journalisten seit einigen Jahrzehnten auf die Journalistik. Aus der Forschung dieser Disziplinen kommen Innovationsimpulse für die Berufspraxis. Und ihre Lehre sorgt dafür, dass die berufsspezifischen Regeln verstanden, angeeignet und eingeübt werden. Das Ausmaß, in dem ihre Berufe von wissenschaftlicher Forschung und Lehre fundiert werden, ist ein Maßstab für die Modernität einer Gesellschaft. Das gilt auch für den Journalismus: Je stärker sich die journalistische Praxis von Forschungsergebnissen anregen lässt und je mehr Journalisten in Hochschulen aus- und weitergebildet werden, desto leistungs- und konkurrenzfähiger ist die betreffende Gesellschaft auf dem Gebiet der öffentlichen Kommunikation und desto höher ist ihre Problemverarbeitungskapazität.

These 3: Gegenüber Ärzten, Lehrern, Juristen, Ingenieuren oder Pfarrern ist der Journalismus jedoch ein Sonderfall. Wegen der gesetzlich verankerten Äußerungsfreiheit (GG Art. 5, Absatz 1) kann wissenschaftliche Berufsausbildung in Hochschulen hier nicht obligatorisch sein. Ein zweites Problem ergibt sich daraus, dass nicht nur Modernität, sondern auch das Interesse von Diktaturen und totalitären Regimen, den Journalismus ideologisch zu penetrieren und politisch abhängig zu machen, ein Beweggrund für Journalistenausbildung in akademischen Einrichtungen sein kann. Er lässt sich u. a. gerade daran erkennen, dass das Durchlaufen eines vorgeschriebenen Ausbildungsweges zur obligatorischen oder quasi-obligatorischen Voraussetzung für journalistische Tätigkeit wird. Fast jede(r), die/der in den Medien der DDR journalistisch gearbeitet hat, war darauf im Direkt- oder Fernstudium an der Sektion Journalistik der Karl-Marx-Universität Leipzig vorbereitet worden. Aus solchen Erfahrungen speist sich Skepsis gegenüber wissenschaftlicher Journalistenausbildung.

These 4: Auch wenn diese Skepsis nicht ganz unberechtigt ist: Der Zusammenhang zwischen akademischer Journalistenausbildung und Ideologisierung oder Instrumentalisierung des Berufs ist nicht zwingend. Dass insbesondere von der kulturellen Akzeptanz der Journalistik als berufsbegleitender Disziplin nicht auf undemokratische Strukturen geschlossen werden kann, zeigt das Beispiel der USA. Pressefreiheit und Öffentlichkeitsprinzip gelten dort mehr als irgendwo anders. Dennoch hatten amerikanische Zeitungsverleger schon im 19. Jahrhundert die Idee, Universitäten mit der Aufgabe der Vorbereitung auf den Journalistenberuf zu betrauen. Die meisten der weit über 100 Journalistik-Fakultäten mit Vollstudiengängen, die heute in den USA existieren, wurden bereits in den 1920er Jahren gegründet. Und mindestens ein Drittel der in US-Medien tätigen Journalisten hat von diesem Angebot Gebrauch gemacht.

These 5: In Deutschland dagegen hält sich bei Medienbetrieben, aber auch bei erfahrenen Journalisten und in der breiteren Öffentlichkeit, hartnäckig die Ideologie vom „Begabungsberuf“ Journalist. Anfängern wird allenfalls empfohlen, ein beliebiges anderes Fach zu studieren. Ein Journalistikstudium dagegen gilt immer noch als kontraproduktiv für die spätere Berufspraxis. Auch in der Journalistik hat niemand etwas gegen Begabung, die man für jeden Beruf braucht und die im Falle des Journalismus besser durch Schulnoten gemessen wird als im Falle des Arztberufs. Aber in einer modernen Gesellschaft darf gerade bei einer verantwortungsvollen Tätigkeit wie der des Journalisten Begabung nicht alles sein. Hinzukommen muss der Erwerb von Wissen (politisches, ökonomisches, rechtliches, gesellschaftliches, kulturelles und historisches Sachwissen sowie Fachwissen über Aufgaben und Gefährdungen des eigenen Berufs), von Berufsethos und von professionellen Fähigkeiten. In einer modernen, auf rationale Legitimität gegründeten Gesellschaft geschieht dies typischerweise auf wissenschaftlicher Grundlage. Das Selbstverständnis als „Begabungsberuf“ dagegen greift auf traditionelle und charismatische Legitimitätsformen zurück, die in die Vormoderne verweisen.

These 6: Ein erster modern begründeter Ansatz zur wissenschaftlichen Journalistenausbildung durch Karl Bücher an der Universität Leipzig während des Ersten Weltkriegs ist an den praxisfeindlichen Strukturen des deutschen Hochschulsystems und an den reaktionären Ideologien der 1920er und -30er Jahre gescheitert. Nachdem lange Zeit gar nichts geschehen war, ist es nicht zufällig die 68er-Studentenbewegung mit ihrem Einfordern rationaler Legitimität gewesen, die – gegen die eigene, revolutionäre Intention – mit einem Modernisierungsschub in der westdeutschen Gesellschaft die Gründung der ersten Journalistik-Vollstudiengänge an den Universitäten Dortmund und München Mitte der 1970er Jahre ausgelöst hat. Die Energie des gesellschaftspolitischen Aufbruchs genügte auch noch zur Gründung des Journalistik-Studiengangs an der Katholischen Universität Eichstätt in den 80er Jahren. Nach der Wiedervereinigung kam aus besonderen Gründen der Journalistik-Studiengang im Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Leipzig hinzu, der in den Grundzügen nach den Vorgänger-Modellen gestaltet wurde. Die Hoffnungen der Gründer ebenso wie die modernisierungstheoretische Erklärung hätten die Entstehung weiterer Stätten und Formen universitärer Journalistenausbildung erwarten lassen. Dazu ist es jedoch nicht gekommen. Abgesehen von der Einrichtung einiger Studiengänge an Fachhochschulen in jüngster Zeit, stagniert die Entwicklung der Journalistik nicht nur, an der Universität München ist es sogar zur Einstellung eines bewährten Studiengangs, an der Hochschule für Musik und Theater Hannover zur Zurücknahme eines viel versprechenden Ansatzes gekommen.

These 7: Für die Stagnation oder sogar Regression der wissenschaftlichen Journalistenausbildung in Deutschland lassen sich vielfältige Gründe finden. Dabei können äußere, mit den ökonomischen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen gegebene, von inneren unterschieden werden, für die die Journalistik selbst verantwortlich ist.
Äußere Gründe:
– praxisferne Tradition des deutschen Universitätssystems,
– relativ hohe Kosten für praxisorientierte Ausbildung (Lehrredaktionen, personalintensive Übungen) bei zurückgehenden Wissenschaftsbudgets,
– wenig Interesse und Unterstützung beim Mediengeschäft.
Innere Gründe:
– kein klares Profil der Journalistik als berufsorientiertes Fach mit journalismusspezifischen Sachwissenanteilen und Praxisorientierung in Lehre und Forschung,
– keine klare Abgrenzung der Journalistik von den Kommunikations- und Medienwissenschaften, denen die genannten Spezifika fehlen (die Verwechslung trägt entscheidend zur Skepsis im Mediengeschäft bei),
– zu wenig offensive Aktivitäten der Journalistik-Institute für einen Export ihrer Konzeption, teils weil sie in der Hochschulpolitik gern auf ihre „Alleinstellung“ pochen, teils aus mangelndem Selbstvertrauen.

These 8: In den letzten Jahren haben sich wegen der verschärften Budgetprobleme auch der Bildungs- und Wissenschaftspolitik sowie wegen des Bologna-Prozesses die äußeren Bedingungen für eine Weiterentwicklung der Journalistik verändert. Einerseits ist die Kostenintensität der Praxisausbildung bedeutsamer geworden, andererseits verliert mit der Orientierung am angelsächsischen Wissenschaftsmodell die praxisferne Tradition an Gewicht. Die generelle Umstellung auf eine gestufte Ausbildung (B.A./M.A.) scheint zwar die Journalistik zu gefährden, weil sie kein Diplom mehr zulässt. Aber da der Bologna-Prozess auf das Ziel einer stärkeren Berufsorientierung der europäischen Universitäten in der B.A.-Phase ausgerichtet ist, verbessert sich das kulturelle Klima für die Gründung praxisnaher Studiengänge. Dem steht eine auf absehbare Zeit zunehmende Knappheit der öffentlichen Mittel entgegen, so dass die verstärkte Kooperation mit privaten Stiftungen und kommerziellen Medienbetrieben sich anbietet.

These 9: Was die inneren Voraussetzungen für eine Weiterentwicklung der Journalistik betrifft, geht es vor allem darum, das Profil des Fachs gegenüber den Kommunikations- und Medienwissenschaften zu schärfen. Dass die Journalistik mehr Praxisanteile enthält, liegt nahe und hat sich teilweise auch schon he-rumgesprochen. Weniger beachtet wird bisher die Komponente des spezifischen Sachwissenanteils, der Personalstellen für entsprechende wissenschaftliche bzw. organisatorische Leistungen erforderlich macht. Selbst unter den drei grundständigen Journalistik-Vollstudiengängen an Universitäten ist der Dortmunder der einzige, in dem es besondere Professuren für die ökonomischen, juristischen oder sozialwissenschaftlichen Sachwissenanteile in der Ausbildung gibt.

These 10: Um die Perspektiven einer Weiterentwicklung der Journalistik zu verdeutlichen und politisch durchzusetzen, bedarf die Disziplin einer eigenen Organisationsstruktur. Im Hinblick auf die notwendige Profilbildung gegenüber den Kommunikations- und Medienwissenschaften kann dies von der „Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft“ (DGPuK) nicht hinreichend wirksam geleistet werden. Es ist daher für die Journalistik eine eigene Fachgesellschaft zu bilden, in der alle in der wissenschaftlichen Journalistenausbildung und Journalismus-Forschung an Universitäten und Fachhochschulen tätigen Kolleginnen und Kollegen Mitglied sein können.

Foto: Stefan Schwenke


Comments