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Redaktion | 8. Oktober 2009

Erzähl mir die Geschichte

Merkmale und Funktion der Reportage in Printmedien

Von Katharina Beckmann

Im Jahr 1979 erscheint in Deutschland ein Taschenbuch mit dem Titel: „Der rasende Reporter“. Die daumendicke Kladde erzählt von den Abenteuern eines Lokaljournalisten, der die finsteren Machenschaften einiger Gestalten ans Licht bringen will. Gehüllt in einen Trenchcoat mit Klappkragen und mit gespitztem Bleistift in der Hand, streift er um die Häuser – um dabei zu sein, wenn diese Gestalten ihre Geschäfte abwickeln. Und um darüber zu schreiben.

Die Hauptfigur in Band 63 aus der Reihe „Walt Disney’s Lustige Taschenbücher“ erledigt ihre Aufgabe offenbar hervorragend. Gleich nach Erscheinen seines ersten Artikels wird Micky Maus vom Chefredakteur des „Entenhausener Boten“ mit folgenden Worten empfangen: „Gute Arbeit, Herr Maus! Ich biete Ihnen den Posten des Chefreporters an! Einverstanden?“

Reportagen zu schreiben, das ist die simple Botschaft dieser Szene, ist offenbar nicht schwer – weder im Comicstrip noch in der Wirklichkeit. Denn nicht nur dem Leiter des „Entenhausener Boten“, auch Redakteuren kommt das Wort Reportage leicht über die Lippen; dann etwa, wenn sie einen Praktikanten mit dem Auftrag, eine „Reportage“ zu schreiben, zum Stadtfest schicken. Ob tags darauf dann auch eine Reportage in der Zeitung erscheint? Den kundigen Leser beschleichen mitunter Zweifel.

Denn die Frage ist: Woher will er – der Schreiber ebenso wie der Leser – überhaupt wissen, ob eine Reportage niedergeschrieben wurde? So viel über die Reportage gesprochen wird, so wenig Definitives weiß man darüber. Es gibt bis dato keine einheitliche Definition, keine gemeinhin anerkannte Theorie, keine geschlossene Geschichte der Reportage. Das ist einerseits sicher der Subjektivität des Genres geschuldet. Andererseits aber weiß man so wenig über das Wesen der Reportage, weil ihr die Wissenschaft über die Jahre kaum Aufmerksamkeit hat zukommen lassen; und das ist symp­tomatisch. Denn von der Nachrichtenforschung einmal abgesehen, gibt es keine bemerkenswerte Forschungstradition über journalistische Darstellungsformen. Dabei liegt der Sinn von Genreforschung für die Journalistik auf der Hand: Die berufsbezogene Perspektive hat diese Fachdisziplin begründet. Und mit Genres ist ein Journalist im Berufsalltag ständig konfrontiert.

All dies waren Anlässe für eine Diplomarbeit am Dortmunder In­stitut für Journalistik. Sie unternahm den Versuch, aus der Geschichte des Genres und durch hermeneutische Textinterpretation aktueller, ausgezeichneter Reportagen konstitutive Merkmale des Genres zu generieren. Die Ergebnisse lassen sich in fünf Thesen zusammenfassen:

These 1: Reportagen erweitern die Berichterstattung.

Reportagen können die nachrichtliche Berichterstattung nicht ersetzen. Denn sie beschreiben weniger, was passiert ist, als vielmehr, warum etwas geschehen ist. Reportagen stellen daher Zusammenhänge her und weisen so, ohne es explizit zu machen, über den Einzelfall hinaus. Indem ein Autor ein Thema an ausgewählten Protagonisten deutlich werden lässt, eröffnet er seinem Pub­likum zugleich eine neue, oft auch emotionale Perspektive darauf.

These 2: Reportagen sind subjektive, aber zwingend faktentreue Texte.

Reportagen leben von der eigenwilligen Sicht des Reporters auf sein Thema. Sein Entdeckergeist, die von ihm ausgewählten Protagonisten, Szenen und Details machen Subjektivität und Reiz der Stilform aus. Bloß: Reporter sind weit mehr als bezahlte Zeitzeugen. Daher sollten sie ihre Texte durch den Bezug auf offizielle Quellen oder andere Augenzeugen objektivieren. Das macht die Recherche transparent und die Reportage nachvollziehbar und glaubhaft.

These 3: Reportagen sind klassische Geschichten, deren Kern eine prozesshafte Handlung ist. Handlungsmotor ist ein Konflikt.

Reporter erzählen und lassen dadurch das vordergründige „Was“ hinter dem „Wie“ zurücktreten. Unabdingbar für die Erzählform sind Protagonisten, die einen Prozess der Wandlung durchlaufen. Ein Konflikt treibt Wandlung und Handlung voran. Wie literarische zeichnen sich auch journalistische Geschichten durch ihre Formenvielfalt aus: Sie kommen mal als Lebensgeschichte, mal als Spurensuche, Collage oder gar protokollarisch daher. Wichtig ist allein, dass die Form nicht l’art pour l’art angewandt wird, sondern den Inhalt adäquat unterstützt.

These 4: Reportagen sind textoffen.

Durch ihre Protagonisten, Szenen, Eindrücke legen Reporter ihrem Publikum eine Lesart des Textes nahe, zwingen diese aber nicht auf. Eindeutigkeit nämlich widerspräche der Ambivalenz von Wirklichkeit, die die Reportage möglichst authentisch wiederzugeben versucht.

These 5: Reportagen sind durch eine individuelle, assoziative und literarisierende Sprache geprägt.

In der Sprache vor allem kommt die Subjektivität des Autors und der Darstellungsform zum Ausdruck. Reporter können sich dabei literarischer Ausdruckstechniken bedienen, gar selbst wortschöpferisch tätig sein. Aber natürlich gilt auch bei Reportagen: Die Sprache sollte angemessen und verständlich sein.

Was bleibt am Ende festzuhalten? Reportagen handeln von Menschen. Durch Personalisierung lassen sich Ereignisse oder Themen reduzieren. Reportagen vermögen es dadurch, auch abstrakte Themen wie Medizinerstreit, Mord oder Migration zu veranschaulichen und begreifbar zu machen.

Was aber vielleicht noch wichtiger ist: In Reportagen handeln Menschen. Dadurch können Reporter deutlich machen, wie sehr Themen oder Ereignisse Menschen bewegen, gar verändern. Größere Zusammenhänge werden auf diese Weise in eine konkrete (Lebens-) Geschichte eingeordnet – werden so logisch, aber nicht zwingend chronologisch dargelegt. Werden „erzählt“.

Und genau das ist das prägende Element und das Potenzial des Genres: Reportagen bringen in der Regel keine neuen Themen auf den Plan. Aber durch das erzählerische Moment eröffnen sie Lesern eine neue ordnende Perspektive auf ein Thema, die wichtig und erwünscht ist.

Den Printmedien nämlich geht langsam, aber fortschreitend das Primat der Nachricht an die elektronischen Medien verloren. Zeitungen und Zeitschriften sollten sich daher noch stärker auf originelle hintergründige Berichterstattung konzentrieren, darauf, Themen im Zusammenhang darzulegen – etwa in Reportagen.

Weiterführende Literatur:


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