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Redaktion | 15. Oktober 2005

„Volo werden“ — eine Bestandsaufnahme

Zur beruflichen Sozialisation von jungen Journalisten

Von Annika Lante

Die Regeln des Handwerks beherrscht jeder Berufseinsteiger schon vor seinem ersten Tag im Volontariat: Das Wichtigste zuerst, alle W-Fragen beantworten und eine knackige Überschrift finden. Doch was macht dann das Volontariat aus?

Wie verändert sich die Motivation der Berufseinsteiger und welche Rolle spielen dabei die Kollegen? Verliert genau das an Reiz, was den Traumberuf ursprünglich so attraktiv macht? Die Lust am Schreiben, die Möglichkeit, im Beruf eigene Interessen verwirklichen zu können? Wie weit reicht die strukturierende Kraft des Systems Journalismus? Möglicherweise bis ins Private? Fünf Hypothesen standen bei der Untersuchung auf dem Prüfstand.

1. Die journalistentypische berufliche Sozialisation gibt es nicht. Dazu variieren die Antworten im Panel zu stark. Dennoch gibt es Merkmale, die das „Volo werden“ Vieler besonders prägten: eine starke Orientierung an den Kollegen, informelle Karrieremuster, hohe Motivation und großer Ehrgeiz.

2. Das Überleben-Lernen im „System Redaktion“ dominiert die handwerklichen Lerneffekte. „Was haben Sie während des Volontariats dazugelernt?“ 65 Prozent der Antworten bezogen sich auf den Bereich soziale Kompetenz und Arbeitsorganisation, typische Nennungen waren „Umgang mit Kollegen“, „Teamarbeit“ und „Networken“. 35 Prozent der Volontäre gaben jedoch auch an, ihre journalistischen Arbeitstechniken, verbessert zu haben. Der Umgang mit den Redaktionstechniken für das Layout oder den Schnitt spielte hier eine große Rolle.

3. Als wichtigste Sozialisationsinstanz der Berufseinsteiger kristallisierten sich erwartungsgemäß die Redakteurskollegen heraus. Der Anteil derjenigen, die innerhalb der zwei Wochen vor der Befragung Feedback von Redakteuren erhalten haben, stieg von 77% (erste Befragung) auf 94% (zweite Befragung). Auf die Frage „Wer sollte über die Qualität des Produktes entscheiden?“ stimmten in der ersten Befragung 24% der Vorgabe „die Kollegen“ voll und ganz zu, in der zweiten Befragung 36%. Die Orientierung an den Mitarbeitern der Redaktion scheint stärker zu wiegen als die Kontakte zur Außenwelt. Während die Redakteure an Anerkennung gewinnen, sinkt das Publikum in der Gunst der befragten Journalisten. Vor Antritt des Volontariats zeichneten die Befragten ein neutrales bis positives Bild ihrer Leser, Hörer und Zuschauer. Nach Beginn der Redaktionsausbildung sank der Anteil derjenigen, die ihr Publikum für (eher) „politisch interessiert“ halten, von 42 auf 21 %, gleiches gilt für die Beschreibungen „aufgeschlossen“ (von 38 auf 24 %), „weltoffen“ (von 28 auf 15 %), „kritisch / anspruchsvoll“ (von 41 auf 27 %) und „gut informiert“ (von 38 auf 18 %).

4. Das Selbstverständnis: Vom Selbstverwirklicher zum Dienstleister. Über spannende Themen berichten, geschliffene Sätze formulieren und sich mit interessanten Gesprächspartnern austauschen – von diesen Motiven distanzieren sich die journalistischen Berufseinsteiger kurz nach Beginn ihres Volontariats. Stattdessen rücken andere Aspekte des Berufs, ganz besonders das Ziel, Nachrichten möglichst schnell zu vermitteln, in den Fokus der Volontäre. 61 Prozent der Volontäre gaben an, sich nach einem Jahr im Volontariat stärker in einer Dienstleisterrolle zu sehen als zuvor. Allerdings scheint der Servicejournalismus, der in den vergangen Jahren von vielen Redaktionen verstärkt wurde, für die Berufseinsteiger mehr ein „Sollen“ als ein „Wollen“ zu sein: Sobald nämlich die Frage konkret wird, geht die Zustimmung zurück. „Dem Publikum Lebenshilfe bieten“ oder „neue Trends und Ideen vermitteln“ möchten in der zweiten Befragung noch weniger als in der ersten.

5. Das Berufsleben prägt das Private. Auch ein Jahr nach Volontariatsbeginn bleiben die Befragten ehrgeizig und motiviert. Das geht soweit, dass sie vorhandene Einflüsse des Berufs auf ihr Privatleben, abgesehen von mangelnder Freizeit, nicht als deutlich negativ wahrnehmen. Einzig die Angabe „der Kopf arbeitet auch nach Feierabend weiter“ wird im Mittel als belastend eingestuft, außerdem stieg die Zustimmung zu dieser Aussage in der zweiten Befragung signifikant. 62 Prozent der Volontäre, im Vergleich zu 38 Prozent aus der ersten Befragung, bewerteten die angesprochene Tatsache als „belastend“ oder „eher belastend“. Tendenziell negativer nehmen die Befragten nach einem Jahr im Volontariat ihr „ständig angeschaltetes Handy“ wahr.

Zum Schluss bleibt der Eindruck, dass viele der Befragten im Journalismus ihren Traumberuf gefunden haben. Der Enthusiasmus, der aus den Antworten, auch noch in der zweiten Befragung, deutlich wird, spricht dafür. Immerhin hat über die Hälfte der Befragten ihr Hobby zum Beruf gemacht. Diejenigen, die vor dem Berufseinstieg bei einer Schülerzeitung, Bürgerfunkredaktion, einem offenen Kanal, o.ä. gearbeitet haben, sind in der Mehrheit. Nur 43 % (erste Befragung), bzw. 31 % (zweite Befragung) gaben an, nie als „Hobbyjournalist“ gearbeitet zu haben.

Viele Stressoren sind bei den Befragten zwar vorhanden, werden aber nicht als belastend eingestuft. Dabei gilt der „Burnout“-Effekt als durchaus ernstzunehmendes Risiko unter Journalisten. Möglicherweise kommt den befragten Journalisten zu Gute, dass idealistische Motive (z.B. „mich für Benachteiligte in der Bevölkerung einsetzen“) nicht ihr Selbstbild dominieren. Blieben solche Ziele dauerhaft unerreicht, kann das Ausbleiben dieses immateriellen Lohns zum Ausbrennen beitragen.

Ihr Vorankommen sahen die befragten Volontäre durchaus kritisch und attestierten sich selbst Weiterbildungsbedarf. Dies sollte der Anknüpfungspunkt sein für gezielte Fortbildungs- und Reflexionsangebote. Denn alle wissenschaftliche Erkenntnis über berufliche Sozialisation im Journalismus nützt nichts, wenn die Journalisten keine Alternativen zum sozialisationsbedingten „journalistischen Blick“ auf die Welt erproben können.


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