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Redaktion | 8. Oktober 2009

Bundestagswahlkampf oder Bratwurst am Baggerloch?

Qualität im lokalen Zeitungsjournalismus

Von Holger Handstein

handstein

So unterschiedlich können die Schwerpunkte der Berichterstattung sein: „Bald wird es besser“ titelt die FAZ auf der Seite 3 ihrer Ausgabe vom 8. August dieses Jahres – und meint damit Frank-Walter Steinmeiers Wahlkampf. Gleicher Tag, gleiche Seite, aber eine andere Zeitung: Die WAZ setzt einen etwas anderen Schwerpunkt: „Bratwurst am Baggerloch“. Es geht um die Bade- und Grill-Aktivitäten der Bewohner des Ruhrgebiets.

Dass die FAZ und WAZ sich durch mehr als einen einzelnen Buchstaben unterscheiden, ist offensichtlich. Aber welcher Beitrag hat die höhere Qualität? Viele dürften den Impuls verspüren, die Frage einfach ohne Lektüre der beiden Texte zu beantworten. Der FAZ-Artikel behandelt ein für unser politisches System bedeutsames Thema, er ist anspruchsvoller, seriöser, kurz: besser. Deshalb gilt die FAZ schließlich als Prototyp einer überregionalen Qualitätszeitung. „Bratwurst am Baggerloch“ dagegen – das klingt trivial, unpolitisch, irrelevant und nicht einmal annähernd glamourös, kurz: provinziell.

Dieses Urteil ist sicher legitim – als persönliche Meinung oder auch als Ergebnis einer Studie, in der es um die Leistungen von Journalismus für die Demokratie geht. Nicht geeignet ist es allerdings als Ausgangspunkt einer wissenschaftlichen Arbeit, die zum Ziel hat, Qualität im Journalismus zu beschreiben und zu messen. Der Grund dafür ist recht einfach: Das Urteil wird den Zielen einer Regionalzeitungsredaktion nicht gerecht. Ein Artikel im Mantelteil der FAZ lässt sich eben nicht ohne weiteres mit einem Artikel im Mantelteil der WAZ vergleichen. Und erst recht nicht mit einem Artikel im Essener Lokalteil der WAZ.

In der Realität werden völlig unterschiedliche Ansprüche an unterschiedliche Spielarten des Journalismus gestellt. Die Leserschaft der FAZ verlangt von ihrer Zeitung etwas anderes als die Leserschaft der WAZ. Und die Redaktionen beider Blätter dürften gleichfalls unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wann ein Artikel in ihrer Zeitung von „guter Qualität“ ist und wann nicht. Qualität ist also in hohem Maße abhängig vom Standpunkt desjenigen, der sie beurteilt.

Wie lässt sich nun Qualität im lokalen Zeitungsjournalismus adäquat messen? Die Arbeit, um die es hier geht, wählte dafür zunächst den Umweg über eine recht abstrakte, aus der Qualitätslehre entlehnte Definition. Danach ist Qualität die „realisierte Beschaffenheit einer Einheit bezüglich Qualitätsforderung“. Dieser Satz klingt zunächst reichlich inhaltsleer, macht aber zwei wichtige Aussagen über Qualität. Zum einen sagt er, was zu messen ist, nämlich die realisierte Beschaffenheit einer Einheit, also die Summe aller qualitätsrelevanten Eigenschaften des betrachteten Gegenstandes. Und zum anderen sagt er, woran diese realisierte Beschaffenheit sich messen lassen muss, nämlich an einer zuvor aufgestellten Qualitätsforderung.

Die wesentlich von Niklas Luhmann geprägte Theorie Sozialer Systeme ermöglicht es, Journalismus als ein Funktionssystem der Gesellschaft zu betrachten, das eine Funktion für die Gesamtgesellschaft erfüllt: die kontinuierliche Erzeugung und Interpretation von Irritationen zur Lenkung der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung. Journalismus versorgt, anders ausgedrückt, die gesellschaftlichen Teilsysteme mit verlässlichen Informationen über ihre Umwelt, die sie sich aus eigener Kraft nicht beschaffen können. Dass Journalismus diesem theoretischen Anspruch auch in der Praxis gerecht wird, wäre eine mögliche Qualitätsforderung an die Berichterstattung.

Andere Qualitätsforderungen lassen sich aus den vielfältigen Leistungsbeziehungen des Journalismus zu anderen gesellschaftlichen Teilsystemen ableiten: Wie gut informiert Journalismus sein Publikum über das politische Geschehen? Wie gut kontrolliert er Parlament, Regierung, Wirtschaftsunternehmen? In welchem Maße artikuliert er die Bedürfnisse seines Publikums? Wie gut gefällt ein Artikel oder eine komplette Zeitungsausgabe den Lesern?

Jeder einzelne der genannten Ansprüche kann eine legitime Einzelforderung an die Qualität journalistischer Produkte begründen. Insofern ließen sich durchaus auch die Leistungen von „Bratwurst am Baggerloch“ und „Bald wird es besser“ für das politische System vergleichen. Will man Qualität aber wirklich umfassend messen, dann ist die Berücksichtigung aller relevanten Einzelforderungen angebracht. Nur dies wird beiden Artikeln wirklich gerecht.

Glücklicherweise gibt es eine Institution, zu deren Aufgaben genau dies gehört: die Zeitungsredaktion selbst. Die Redaktionen als Leistungssysteme des Journalismus schaffen nicht nur Artikel und ganze Zeitungsausgaben, sie steuern auch deren Qualität. Ihnen obliegt es auch, sämtliche Ansprüche der Umwelt an Journalismus zu gewichten und unter einen Hut zu bringen. Nur innerhalb der Redaktionen selbst kann das geschehen, denn ein Durchgriff von außen ist nicht möglich.

Was liegt also näher, als die Ansprüche der Redaktionen selbst an ihre Arbeit zur Bestimmung der Qualitätsforderung heranzuziehen, die an die Berichterstattung einer Zeitung zu stellen ist? Im Fall der Untersuchung, um die es hier geht, waren dies die Ansprüche der Redaktionen der „Neuen Rhein Zeitung“ und der „Rheinischen Post“ an ihre Lokalausgaben im Kreis Wesel. Dies geschah über eine halbstandardisierte Redaktionsbefragung. Deren Ergebnisse sollten als Qualitätsforderungen an die in einer anschließenden Inhaltsanalyse untersuchten, in den beiden Lokalausgaben erschienenen Artikel dienen.

Vor der Befragung galt es allerdings erst zu klären, welche Eigenschaften journalistischer Produkte überhaupt als qualitätsrelevant eingestuft werden können. Die bisherige Forschung über Qualität im Journalismus hat dazu eine Menge Konzepte entwickelt und viele relevante Eigenschaften benannt. Dazu zählen vor allem die Aktualität und Relevanz der Berichterstattung, die Richtigkeit der in Artikeln enthaltenen Informationen, die Vielfalt von Themen und Akteuren und die Vermittlung der Information, also Kriterien wie Verständlichkeit und Unterhaltsamkeit. Die Liste ist unvollständig, erfasst aber die wichtigsten von Forschern wie Lutz Hagen, Horst Pöttker, Günther Rager oder Heribert Schatz und Winfried Schulz herausgearbeiteten Qualitätsdimensionen.

Die Systemtheorie ermög­licht die Beschreibung der für die Ausprägung dieser Eigenschaften verantwortlichen redaktionellen Entscheidungs-Prozesse. Der systemtheoretische Begriff für diese Prozesse lautet Programme: Selektionsprogramme steuern die Relevanz und Aktualität der Berichterstattung und bringen sie in Einklang mit Vielfaltsansprüchen. Prüfprogramme (vor allem die Recherche) gewährleisten die Richtigkeit journalistischer Mitteilungen. Darstellungsprogramme bieten ausgefeilte Möglichkeiten, Informationen zu vermitteln: mithilfe von Nachrichten oder Interviews, durch kurze Sätze oder durch lange, ergänzt um Bilder oder Grafiken. Die Ausgestaltung der redaktionellen Entscheidungsprogramme schlägt sich direkt in der journalistischen Mitteilung, in der Berichterstattung nieder.

Über vier Wochen im Jahr 2004 hinweg wurde die Lokalberichterstattung der „Neuen Rhein Zeitung“ (NRZ) und der „Rheinischen Post“ (RP) in Wesel und Umgebung untersucht. Das Ziel: auf die Qualität der redaktionellen Entscheidungsprogramme zu schließen – und die Ergebnisse an den Aussagen der zuvor befragten Redaktionen zu messen.

Dabei zeigte sich, dass die Redaktionen ihre eigenen Vorgaben in durchaus unterschiedlichem Maße erfüllt haben. So gab es in der RP mehr Artikel, die vorher unbekannte Informationen an die Öffentlichkeit brachten, als in der NRZ. Es gab in der RP außerdem mehr tages­aktuelle Artikel, und Veranstaltungen wurden im Mittel früher angekündigt. Dies allein ist ein recht eindeutiges Ergebnis: Die Berichterstattung der RP war im Untersuchungszeitraum aktueller als die der NRZ.

Bedeutsam wird das Ergebnis allerdings erst, wenn man es an den Aussagen der Redaktionsvertreter in der Befragung zu ihren Qualitätszielen misst. Schließlich wäre es immerhin denkbar, dass Aktualität für die NRZ-Redaktion nur von untergeordneter Bedeutung ist, weil andere Qualitätsforderungen Vorrang haben. Dem ist allerdings nicht so: Aktualität und das Finden eigener Themen stehen für die NRZ-Redaktion ganz oben in der Liste wichtiger Selektionskriterien. Der befragte Vertreter der RP-Redaktion dagegen stufte Aktualität als eher weniger wichtiges Selektionskriterium ein und nannte das Finden eigener Themen überhaupt nicht.

Der Vergleich mit der direkten Konkurrenz legt also nahe: Die Lokalausgabe der NRZ erfüllt die redaktionseigene Qualitätsforderung nicht – zumindest im Hinblick auf die beiden genannten Aspekte. Auch als neutral beob­achtender Journalismusforscher kann man zwar sagen: Die Berichterstattung der „Rheinischen Post“ ist aktueller. Nur durch den Vergleich der inhaltsanalytischen Ergebnisse mit den redaktionseigenen Vorgaben lässt sich aber sagen, ob die Berichterstattung eine konkrete Qualitätsforderung erfüllt oder nicht.

Solche Aussagen lassen sich auch über andere Einzelforderungen an die Berichterstattung treffen. So strebte die NRZ-Redaktion der Befragung zufolge eine eher positive Berichterstattung an – und tatsächlich hatten positive Nachrichten in der NRZ eine bessere Chance, groß aufgemacht zu werden, als negative. In der Berichterstattung der RP gab es diesen Unterschied nicht – allerdings auch nicht die ausdrückliche Zielsetzung, positiv zu berichten.

In punkto Darstellung zeigen sich unterschiedliche redaktionelle Vorgaben und ihre Auswirkungen zum Beispiel bei der Personalisierung der Texte. Die RP strebt den Einsatz personalisierender Artikel ausdrücklich an, zu den Qualitätskriterien der NRZ gehört die Personalisierung nicht. Und tatsächlich zeigte sich in der Inhaltsanalyse, dass die Berichterstattung der RP stärker personalisiert ist.

Der Abgleich inhaltsanalytischer Ergebnisse mit den zuvor gesetzten Qualitätszielen einer Redaktion ermöglicht also interessante wissenschaftliche Erkenntnisse. Zusätzlich ebnet er den Weg zum Einsatz der Qualitätsmessung zur praktischen Qualitätssicherung durch die Veränderung derjenigen Arbeitsprozesse, die in der inhaltsanalytischen Messung nicht zu befriedigenden Ergebnissen führen. Damit Bratwürste, Baggerlöcher oder auch Frank-Walter Steinmeier nicht einfach aus Versehen den Weg in die Zeitung finden – sondern als Ergebnis durchdachter redaktioneller Entscheidungsprogramme.

Weiterführende Literatur:

Foto: Imago/Camera4/Jim


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