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Redaktion | 15. Oktober 2005

Journalistik als Motor des Berufs

poettker_web1.jpgDas „Journalistik Journal“ ist kein „penny paper“, das sich auf beliebige Fakten beschränkt, um niemanden abzuschrecken. Es verfolgt das Konzept, den Journalistenberuf an den Diskussionen und Erkenntnissen der Wissenschaft Journalistik teilhaben zu lassen. Dieses Konzept ist ein Ausdruck der Vorstellungen, die wir uns im Institut für Journalistik der Universität Dortmund von Aufgabe und Wesen unserer Wissenschaft machen. Journalistik, wie wir sie verstehen, unterstützt die Journalisten wie die Pädagogik die Lehrer oder die Medizin die Ärzte: indem sie fragt, wie sie die Aufgabe ihres Berufs – in diesem Fall das Herstellen von Öffentlichkeit – noch besser erfüllen können, und indem sie dazu logisch und empirisch begründete Vorschläge macht.

Zum Konzept gehört allerdings auch, dass das „Journalistik Journal“ selbst ein journalistisches Produkt sein soll, mit dem Öffentlichkeit hergestellt wird. Das wird an dieser Ausgabe besonders deutlich. Enthält sie doch zahlreiche Artikel, die am Erfolg der Wissenschaft Journalistik zweifeln lassen. Tilman Botzenhardt beispielsweise teilt, wenn auch in vorsichtigen Formulierungen, die Auffassung mancher Chefredakteure in Deutschland, dass das Journalistik-Studium an einer Universität für die Berufspraxis eher verdirbt als qualifiziert. Ulrike Röttger definiert die Journalistik als eine Disziplin, die sich deskriptiv und analytisch mit dem Gegenstand Medien befasst und daher ganz in der Kommunikationswissenschaft aufgeht. Daniel Müller zeichnet die Irrwege und Sackgassen der deutschen Journalistik in den vergangenen 100 Jahren nach. Und Christoph Neuberger stellt im Blick auf die Gegenwart fest, dass das Fach offenbar weder den Willen noch die Fähigkeit hat, seine eigenen Leistungen selbstbewusst gegenüber Medienunternehmen, Politik, Publikum und sogar sich selbst zu kommunizieren.

Diese Hinweise auf Schwächen unseres Faches mögen dazu dienen, sie zu überwinden. Wenn es sich um Schwächen handelt, dürften sie allerdings auch mit typischen Missverständnissen davon zusammenhängen, was die Journalistik als wissenschaftliche Disziplin sein will und sein kann:

Ein häufig anzutreffendes Missverständnis ist das praktizistische: Im Unterschied zur Ausbildung in Medienbetrieben oder an Journalistenschulen ist das Universitätsfach Journalistik nicht einfach dazu da, die Berufspraxis als gegeben hinzunehmen und so wirkungsvoll, wie es ihr möglich ist, an die Studierenden zu vermitteln. Man stelle sich vor, die Pädagogik oder die Medizin wären so verfahren. Wir würden noch heute den Rohrstock für das gegebene Instrument in der Schule halten und Kranke bei jeder Gelegenheit zur Ader lassen. Was die Journalistik neben betrieblicher Ausbildung und Journalistenschulen in einer modernen Gesellschaft notwendig macht, ist ihre mit Lehre verknüpfte Forschungsleistung, die durch ihr Korrekturpotential z. B. dazu beiträgt, die professionelle Praxis an den soziokulturellen Wandel anzupassen, und so die rationale Entwicklung des Berufs in Gang hält. In einer Gesellschaft, in der vieles für die Medien inszeniert wird, können Journalisten eben keine distanzierten Beobachter mehr sein, und die Journalistik als Wissenschaft kann ihnen ihre neue Rolle als strukturelle Bedingung von berichteter Realität klar machen, damit sie in ihrem Selbstverständnis berücksichtigt wird.

Ein anderes typisches Missverständnis ist akademischer Herkunft und hat mit der Wissenschaftstradition des Elfenbeinturms besonders in Deutschland zu tun. Berufsunterstützende Fächer wie Journalistik, Pädagogik oder Medizin können sich nicht mit wertfreier Beschreibung und Analyse spezifischer Gegenstände begnügen, und sie können sich auch nicht durch die Spezifizierung ihrer Erkenntnisobjekte von anderen Fächern abgrenzen und so ihre Identität bilden. Nicht, dass sie sich mit dem menschlichen Körper beschäftigt, macht die Medizin aus (das tut die Biologie auch), sondern dass sie sich mit allem beschäftigt, was der Erhaltung des Lebens und der Gesundheit dienen kann. So ist es auch mit der Journalistik, die sich mit allem beschäftigt, was dem gekonnten Herstellen von Öffentlichkeit nützen (oder schaden) kann: also nicht nur den Medien und ihren Strukturen, sondern auch Sprache, Recht, Ethik, Ökonomie usw. Ihr Abgrenzungskriterium besteht darin, dass sie sich mit allen diesen Gegenständen unter dem Aspekt beschäftigt, was sie für das journalistische Herstellen von Öffentlichkeit bedeuten.

Offenbar führen weder Praktizismus noch Szientismus weiter, wenn es um ein Selbstverständnis der Journalistik geht, das ihr eine Perspektive als berufsorientierte Universitätsdisziplin eröffnet, die sich gerade wegen ihrer wissenschaftsspezifischen Leistungen in Forschung und Lehre für die Berufstätigkeit als nützlich erweist und in der Medienwelt Anerkennung findet. Dass dies möglich ist, zeigen die USA und Kanada, zunehmend aber auch Großbritannien und Irland, wo die Journalistik entweder schon ein blühendes, gesellschaftlich verankertes Fach ist oder sich dahin entwickelt.

Allerdings garantiert diese Formel allein selbst dort keinen befriedigenden Status quo des Fachs, wo sie verstanden, fraglos akzeptiert und sogar engagiert vertreten wird. Christoph Neubergers Problemanzeige mag hier und da übertrieben sein, z. B. wenn er Lehrbücher gänzlich vermisst, die Wissenschaft und Berufspraxis zu integrieren suchen. Immerhin haben wir solche Lehrbücher z. B. zum Medienrecht, zur empirischen Sozialforschung und Recherche, zur Medienökonomie, zu Sprachgebrauch und Stilistik sowie zu einigen Ressorts und journalistischen Genres. Dennoch sollte das vor dem Generationenwechsel stehende Fach seine skeptischen Bemerkungen ebenso ernst nehmen wie die problematischen Befunde des CHE-Rankings vom Mai 2005 – gerade weil sie von einem jüngeren Kollegen stammen, der schon Journalistik studieren konnte und sich mit dem berufsbezogenen Konzept der Integration von Theorie und Praxis identifiziert. Als Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, wird die Journalistik keine Zukunft haben. In den Zeiten des Bologna-Prozesses, der doch die Berufsorientierung der Universitäten stärken soll, könnte sich jede ehrgeizige Wissenschaftsministerin mit der Gründung eines neuen Journalistik-Studiengangs profilieren, besonders wenn sie dafür auch noch Kompagnons aus dem Mediengeschäft findet. Die Anregungen und Konzepte dazu müssten freilich von einer selbstbewussten Journalistik kommen.

Ihr Horst Pöttker


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