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Redaktion | 8. Oktober 2009

Olympische Spiele und Fernsehen

Programmgestalter im Netz olympischer Abhängigkeiten

Von Michael Steinbrecher

Sportereignisse sind zu einer wichtigen Ware im Konkurrenzkampf der Fernsehsender geworden. Alle zwei Jahre verdrängt die olympische Sportberichterstattung für gut zwei Wochen nahezu sämtliche anderen Fernseh-Genres aus den Programmen von ARD und ZDF.

Olympische Spiele sind ein Mikrokosmos, in dem die Faszination und die Probleme des Sports im weltweiten Fokus sichtbar werden. Vor den Olympischen Spielen in Peking 2008 wurde unter anderem über die Gefahr der politischen Instrumentalisierung, das Ausmaß der Kommerzialisierung und die Bedrohung des Sports durch Doping diskutiert. Diese thematische Bündelung stellt für den Journalismus eine besondere Herausforderung dar.

Wer diese Herausforderung annehmen will, sollte gut präpariert sein. Nur wer das Netz olympischer Abhängigkeiten studiert, kann vermeiden, selbst unbewusst zum Instrument fremder Interessen gemacht zu werden. Insofern gibt es einen journalis­tischen Bedarf an wissenschaftlicher Forschung.

Gleichzeitig ist das Fernsehen selbst ein Teil des olympischen Interessennetzwerkes. Eine intensive wissenschaftliche Beschäftigung mit der redaktionellen olympischen Programmkonzeption hat bisher allerdings noch nicht stattgefunden. Erst recht keine Verknüpfung der allgemeinen olympischen Entwicklung mit der konkreten konzeptionellen Ausrichtung von ARD und ZDF. Eine praxisnahe Forschung, die empirisch gesicherte Daten hervorbringt und sich mit redaktionellen Rahmenbedingungen und Entscheidungsprozessen beschäftigt, sollte diese Lücke füllen.

Die Sportwissenschaft hat sich bisher vor allem mit einzelnen olympischen Themenbereichen beschäftigt. Die Ursprünge der olympischen Idee, die Wertediskussion um Fairness und Chancengleichheit und die möglichen Perspektiven der Olympischen Spiele sind durchaus Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Sporthistoriker widmen sich darüber hinaus dem Missbrauch der Spiele von Berlin oder den Boykott-Spielen 1980 und 1984. Wissenschaftler anderer Disziplinen beschäftigen sich mit den medizinischen und ethischen Gesichtspunkten des Themas Doping und den friedensstiftenden Ambitionen der olympischen Bewegung.

Die Verknüpfung dieser Themen und die Einordnung in das Netzwerk olympischer Abhängigkeiten muss noch erbracht werden, um auf dieser Basis die olympische Programmgestaltung von ARD und ZDF zu untersuchen. Wer die Entwicklung der Olympischen Spiele betrachtet, der widmet sich automatisch den zentralen Fragen der Perspektiven des Sports in der Gesellschaft. Wer die olympische TV-Berichterstattung analysiert, der greift an die Wurzeln des journalistischen Selbstverständnisses.

Um methodisch dem zu entsprechen, was die vielschichtige Thematik vorgibt, stützt sich der Autor in seiner Dortmunder Dissertation auf drei methodische Ansätze:

Empirischer Kern der Arbeit ist die quantitative Inhaltsanalyse des gesamten Olympia-live-Programms von ARD und ZDF im Untersuchungszeitraum von 1996 bis 2006. Sechs Olympische Spiele mit durchschnittlich 15 Sendetagen, jeweils 15 Stunden Programm: Das entspricht einem Sende- und Untersuchungsvolumen von ca. 1260 Stunden. 4694 oft nur sekunden-, manchmal minuten- und selten stundenlange Programmelemente kommen allesamt auf den Prüfstand. Diese Vollerhebung aller regulären Sendetage von Olympia-live optimiert die Aussagekraft der Ergebnisse.

Eigens für diese Untersuchung wurde ein Codierungs-Programm entwickelt, das basierend auf der statistischen Erfassung der zuvor definierten Kategorien eine visuelle Darstellung des Programmverlaufs ermöglicht. So werden die Ergebnisse der quantitativen Inhaltsanalyse der Olympischen Fernsehübertragung innovativ veranschaulicht.

Ein weiterer methodischer Zugriff sind Interviews im Face-to-face-Modus mit den entscheidenden ZDF-Programmgestaltern im Untersuchungszeitraum. Die Wahl der sechs befragten Verantwortlichen ist in ihrer Funktion innerhalb des olympischen Sendebetriebs des ZDF begründet. Sie sind maßgeblich für die olympischen ZDF-Übertragungen seit 1996 verantwortlich, die Millionen Fernsehzuschauer verfolgten und die das Bild der Olympischen Spiele in der Öffentlichkeit prägten.

Das geeignete Instrument zur Erfassung und Diskussion des Netzwerkes olympischer Abhängigkeiten ist die hermeneutische Textanalyse. Hier geht es unter anderem um die Entstehungsgeschichte der Olympischen Idee, die Grenzerfahrungen des Sports bezogen auf politische Instrumentalisierung, Kommerzialisierung und Doping sowie die Entwicklung der olympischen Fernsehberichterstattung. In diesem Abschnitt der Arbeit wird nicht nur der bisherige Forschungsstand zusammengefasst, sondern eine vernetzte Diskussion angestrebt, um die vielseitigen olympischen Interessen und Abhängigkeiten in einem Gesamtsystem darzustellen.

Einige Befunde im Überblick: Der olympische Sport beruft sich bis heute auf Traditionen, die in einem gesellschaftlichen Umfeld geprägt wurden, das so nicht mehr existiert.

Einen Konsens über die Sub­stanz der olympischen Idee gibt es nicht. Funktionäre halten sich an die olympische Charta, die viele als zu unkonkret ablehnen. Coubertins Ideenwelt entstammt einer anderen Zeit und ist in gro­ßen Teilen überholt. Altbekannte, formelhaft verwendete Begriffe wie Chancengleichheit werden angesichts unterschiedlicher Verfügbarkeit von Know-how in Frage gestellt. Trotzdem werden die Ideale Coubertins nach wie vor als Basis für das olympische Selbstverständnis angesehen und sind untrennbar mit dem Image der Spiele verbunden.

Selbst Coubertins Kritiker haben trotz intensiver Debatten noch keine olympische Philosophie entworfen, die den alten Coubertin’schen Prinzipien ein neues und attraktives Alternativ-Modell entgegensetzt. Die olympischen Ideale warten mehr als ein Jahrhundert nach den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit auf eine Neubestimmung.

Dabei sind Grundkonflikte, zum Beispiel zum Spannungsverhältnis zwischen Leistungsoptimierung und Doping, bereits in der Zeit Coubertins angelegt. Das gleiche trifft auf die Grenzen der Kommerzialisierung und die Gefahr der politischen Instrumentalisierung zu.

Die Analyse der olympischen Grenzerfahrungen liefert strukturelle Beispiele für die Verflechtung der olympischen Interessen. Nur der sportliche Erfolg garantiert den Athleten Aufmerksamkeit. Durch Medienpräsenz wird er interessant für Sponsoren. Die Politik macht die finanzielle Unterstützung ebenfalls von Leistung abhängig und heftet sich im Gegenzug gerne den Erfolg der Sportler ans Revers. Auch Verbände, Funktionäre und Trainer profitieren von den Leistungen „ihrer“ Athleten. Das Fernsehen erzielt die höchsten Einschaltquoten, wenn nationale Sportler vorne sind. Das IOC bedient Interessen von Sponsoren und Fernsehanstalten, die viel Geld für exklusive Rechte zahlen. Das bedeutet: Es existiert ein Netz von Profiteuren. Ob sie nur auf demselben See rudern oder schon im selben Boot sitzen, ist dabei Interpretationssache.

Eine auf den Sportler reduzierte Dopingdiskussion ist verkürzt. Wer über Doping spricht, muss auch über die Grenzen der Leistungsoptimierung reden. Alle Akteure des beschriebenen Systems müssen sich ihrer Verantwortung bewusst sein. Eine Wertediskussion, die die Position des Hochleistungssports in der Gesellschaft zum Thema macht, ist geboten und könnte eine konsequente wissenschaftliche Fortführung der referierten Studie darstellen.

Auch der Sportjournalismus muss sich aktiv mit diesem Beziehungsgeflecht auseinander setzen. Es bestimmt schon heute seinen Alltag. Nur wer seine Position im Netzwerk olympischer Abhängigkeiten kennt, kann seine Rolle im Verhältnis zu den ihn beeinflussenden Personengruppen definieren. Dies sollte er kenntnisreich tun. Kenntnisreich, auch was das eigene olympische Programm angeht.

Die quantitative Datenerhebung zeigt im Rückblick die Programmstruktur der olympischen Fernsehübertragungen von ARD und ZDF von 1996 bis 2006. Sie hat präzise Erkenntnisse über alle relevanten Programmkategorien geliefert. Signifikante Veränderungen, beispielsweise eine über die Jahre zunehmende Präsenz von Sport-Experten, konnten festgestellt werden. Nach dieser Analyse lässt sich auf den Prozent genau belegen, wie hoch der Anteil von Hintergrund-Stories und Porträts ist und ob der kolportierte Eindruck wirklich stimmt, dass immer mehr geredet wird. Die Analyse des olympischen Programms schafft eine verlässliche Datenbasis und ist eine Grundlage für weitere Forschung. Mit dem innovativen Programm zur Visualisierung der Kategorienzeitleisten wurde ein praktisches Instrument geschaffen, das sich bewährt hat und zu einem Informationsgewinn beitragen konnte.

Die Offenlegung von Entscheidungsprozessen und -kriterien durch die Interviews mit den Programmgestaltern schafft nicht nur eine erweiterte Grundlage für die Diskussion des journalistischen Selbstverständnisses. Sie bildet auch den Stand der redaktionellen Diskussion ab und schafft damit Grundlagen, auf die sich zukünftige Forschungsprojekte berufen können.

Der Praktiker kann von der Wissenschaft konkret profitieren. Die Wissenschaft sollte das olympische Netzwerk als relevante gesellschaftliche Größe ernst nehmen, sich den olympischen Übertragungen und anderen Fernsehgenres ohne Berührungsängste nähern und die Chance erkennen, in einer Zeit des gesellschaftlichen und sportjournalistischen Wandels wertvolle Erkenntnisse zu liefern.

Weiterführende Literatur:


One Response to “Olympische Spiele und Fernsehen”

  1. Wenn die anderen Medien nicht berichten, tut es das “Journalistik Journal” at coolepark.de Says:
    Oktober 8th, 2009 at 5:25 pm

    […] Steinbrecher für einen Beitrag in der neuen JoJo-Ausgabe gewinnen konnte. Im Beitrag “Olympische Spiele und Fernsehen” stellt er Zielsetzung, Anlage und einige Ergebnisse seiner Dortmunder Dissertation […]

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