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Redaktion | 15. April 2006

Zwischen Boulevard und Verbraucherjournalismus

Zum Stellenwert von Mode im deutschen Fernsehen

Von Katinka Omir

Foto: 20th Century FoxMode ist ein nonverbales Statement. Sie sagt aus, wer wir sind oder sein wollen. Provoziert Sympathie, Antipathie oder Bewunderung. Auch wer sich unmodisch gibt, transportiert damit eine Aussage. Es ist also längst hinfällig, Mode nur als etwas unumgänglich Nützliches zu betrachten. Mode, das ist nach der Definition des Duden die „dem herrschenden Zeitgeschmack entsprechende oder ihn bestimmende Kleidung“. Sie ist damit ein Kulturgut, ein Spiegel unserer Zeit. In Deutschland werden im Jahr etwa 56 Milliarden Euro für Kleidung, also für Mode, ausgegeben. Um die 20 Modezeitschriften publizieren monatlich neue Trends und Szeneberichte. Da drängt sich die Frage auf, warum die Mode keinen exponierten Platz im Fernsehjournalismus findet.

Mode ist ein Zwitter. Sie bewegt sich zwischen Kunst, im gestalterischen Sinne, und einem Nutzwert. Trotzdem gehört sie nicht in die Kategorie Industrie-Design. Sie ist Unterhaltung und Konsumgut gleichermaßen. Um sich der Frage nach dem Verbleib von Mode im Fernsehjournalismus anzunehmen, ist zunächst entscheidend auf welche Weise der Print-Journalismus das Thema bedient. Dabei sind gegensätzliche Strömungen wahrnehmbar. Zum einen ist zunehmend eine Verschmelzung zwischen Hollywood und der Modeindustrie zu erkennen.

Schauspielerinnen sind die neuen Supermodels. Sie zieren die Cover der renommierten Modemagazine und posieren für Werbekampagnen von Chanel, Versace oder Louis Vuitton. Und zwar in Kleidern, die zum Teil wiederum von Filmen inspiriert sind. So brachte „Moulin Rouge“ 2001 die Korsage zurück auf die Laufstege, und in diesem Jahr provoziert der Film „Die Geisha“ eine Welle fernöstlich inspirierter Frühjahrskollektionen.

Es ist ein gängiges Phänomen, dass wir uns in Zeiten wirtschaftlicher „Dürre“ nach der Imagination des Wohlstands sehnen – und Hollywood ist die traditionelle Verkörperung dieser Sehnsucht. Der Vorteil für die Medien? Durch die Verschmelzung von Person und Kleid ergibt sich nicht nur ein Image, sondern auch eine Geschichte. Hilary Swanks Oscar-Statuette im letzten Jahr war für das Modelabel Guy Laroche, dessen Kleid sie bei der Verleihung trug, ebenso imageträchtig wie für die Schauspielerin selber. Für das Product-Placement am Star werden inzwischen sogar eigene Kollektionen entworfen, die nur dem Gang über den roten Teppich vorbehalten sind. Päckchenweise wird modisches Propaganda-Material an den Star gebracht, der sich dann bereitwillig und wie zufällig darin ablichten lässt und auf diese Weise einen neuen Trend einführt. In Zeitschriften wie „In Style“ oder „Celebrity“ wird diese Form von Paparazzi-Journalismus dann publiziert. Für Modelabels und Designer ist der pseudo-dokumentarische Modejournalismus ein wichtiger Werbezweig geworden, denn mit dem Kleid am Star verkauft sich auch ein Image – und das sogar in einer kostenlosen Werbekampagne. Dieser Kult aus Unterhaltung und Mode-Glamour verspricht dem Konsumenten einen gewissen Unterhaltungswert, den das Fernsehen in Formaten wie „Blitz“, „Exklusiv“ oder „Taff“ dankbar aufgegriffen hat.

Ein weiteres Format ist die klassische Modezeitschrift wie „Freundin“, „Brigitte“ oder „Petra“. Mode, Kosmetik, Wohnen, Psyche und Ernährung bilden hier ein Konglomerat aus Lifestyle-Themen für die Frau. Dabei setzt jedes Magazin auf einen anderen Schwerpunkt. Besser Kochen und schöner Wohnen mit „Brigitte“, guter Sex dank „Cosmopolitan“. Diese Zweigthemen bilden neben der Mode ein solides Standbein. Doch auch der Trend dieser traditionellen Modezeitschriften entfernt sich zunehmend vom Verbraucherjournalismus. Die Strömung geht, entgegen dem Boulevard, vielmehr in Richtung Kunst. Magazine wie „Vogue“, „Quest“ oder „Amica“ repräsentieren eine zunehmende Akzeptanz von Mode als Kunstwerk. Kleider werden so ästhetisch inszeniert, dass der Informationsgehalt manches Mal sogar hinter dem Gesamtkunstwerk Foto zurück bleibt.

Die Fotografie kann sich spielend eingliedern, in diese artifizielle Abbildungsweise. Das bewegte Bild stößt hier jedoch auf Grenzen. Denn während der Augenblick des Fotos für den Beobachter endlos zur Verfügung steht, bestimmt im Fernsehen der Schnitt den Zeitraum der Betrachtung. Der winzige Moment, in dem das Kleid der Asymmetrie des fließenden Haares folgt, während sich der rechte Fuß in einer perfekten Geraden in Richtung Boden neigt, ist mit Hilfe der Fotolinse für die Ewigkeit bestimmt. Das Fernsehen wird jedoch auch den Zeitraum davor und danach dokumentieren und damit das Bild entzaubern. Aus der kunstvollen Ästhetik des fotografischen Moments wird eine aufgesetzte Inszenierung. Zwar vermag das bewegte Bild Stofflichkeit und Farbchangierung greifbarer zu machen, muss sich aber darstellerisch der artifiziellen Inszenierung widersetzen.

Denn auch der Schnitt unterliegt Trends. Durch immer kürzere Schnitte im Stil der MTV-Generation wird eine Ästhetik geprägt, die den Zuschauer mit immer mehr Bildern in weniger Zeit konfrontiert. Ein Kleid unseres Begehrens setzt sich aber mindestens aus den Komponenten Stoff, Farbe, Muster, Schnitt zusammen. Der Konsument möchte es betrachten, in Gedanken bewegen, befühlen, sich darin sehen, sich damit identifizieren und es dann kaufen. In Zeiten des Massenkonsums ist diese Form der Identifizierung für die Modeindustrie bedeutsam. Doch eine Darstellung zu Gunsten des Kleides richtete sich gegen den Zeitgeist der Fernsehästhetik und damit gegen die Mode. Nicht zuletzt aus diesem Grund sind Modenschaubilder im TV nach wie vor eine bevorzugte Darstellungsweise, weil durch die regelmäßige Bewegung des Laufens an artifiziellen Models bei immer gleicher Kameraeinstellung ein Fluss erzeugt wird, der nicht zu Lasten der Bildinformationen geht. Diese dudeln dann in einer unprägnanten Endlosschleife durch den Fashion-Channel und versprechen doch wenig Anreiz.

Ein Foto hingegen ist eine stetige Versuchung und eine jederzeit greifbare Suggestion. Daraus ergibt sich eine paradoxe und dennoch logische Inkongruenz der Darstellung von Mode im Fernsehen, die erklärt, warum im Fernsehformat selten ein Schwerpunkt auf die Mode gesetzt wird. Die wenigen Sendungen dieser seltenen Spezies scheinen sich nicht lange zu halten. Die 3sat-Sendung „tips und trends mode“ ist derzeit das einzige Fernsehmagazin, das sich fern der Boulevardpresse primär mit dem Thema Mode auseinandersetzt. So selten ein ähnliches Format auftaucht, so schnell verschwindet es wieder in der Versenkung verkalkulierter Programmplanungs-Beschlüsse. Die MTV-Sendung „Designerama“ zum Beispiel hat sich weg vom Magazin und hin zu einem Fashion-Contest entwickelt, der Designer-Nachwuchstalente fördert. Seit dem gibt es auch bei den New-Generation-Sendern MTV und Viva Mode vorwiegend im Kontext konstruierter Rankings, wie „the 101 most beautiful red carpet looks“ oder „uncensored life“ von der Straße. Sender wie Arte oder ZDF wiederum sehen Mode im Rahmen von Sendungen wie „Chic“ oder „Schick und Schön“ nur als Teil eines Lifestyleprogramms, in dem die Kunst am Stoff ihre Spezifik zwischen Wellness und Interieur verliert.

Modejournalismus im Fernsehen ist also durchaus existent, präsentiert aber entweder den klassischen Boulevard- oder Verbraucherjournalismus. Es sieht so aus, als ließe sich der Zauber von Mode, den das Foto so kunstvoll einzufangen vermag, im bewegten Bild nicht so leicht transportieren. Das Fernsehen ist auf den Informationsgehalt angewiesen. Der Boulevard hat es hier leichter, denn er kann eine Geschichte über die Darstellung legen, die ihm zum einen eine Redundanz der Bildfolge erlaubt und zum anderen ein doppeltes Interesse an der Berichterstattung verspricht.

Bleibt die Frage, warum sich das Fernsehen nicht vermehrt der Mode als Kulturgut verschreibt und damit den Trend im Printjournalismus auf eine fernsehgerechte Weise adaptiert? Installationen als Zwitter zwischen Mode und Kunst, geschichtsträchtige oder aufstrebende Modehäuser sowie die Haute-Couture bieten eine Bandbreite pulsierender Neuerungen, die keinesfalls einer oberflächlichen Industrie zuzuordnen sind. Ob diese Leerstelle im Fernsehen ein Spiegel deutscher Modeakzeptanz oder schlicht eine unausgefüllte Marktlücke ist, bleibt dahingestellt. Eine perspektivische Reflektion der Zuordnung von Mode im TV ist dennoch zu vermuten.

Foto: 20th Century Fox


One Response to “Zwischen Boulevard und Verbraucherjournalismus”

  1. Mode im Journalismus – wichtig, oder nur ein Trend der Zeit ? « Lisamariasommer's Blog Says:
    November 9th, 2009 at 12:42 pm

    […] http://journalistik-journal.lookingintomedia.com/?p=37   Kommentar schreiben […]

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