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Redaktion | 8. Oktober 2009

Vom medialen Tabu zum Topthema?

Armut in Journalismus und Massenmedien

Von Christoph Butterwegge

butterwegge

Jahrzehntelang hörte und las man in deutschen Massenmedien selten etwas über die Armut, und wenn, dann meistenteils im Zusammenhang mit spektakulären Ereignissen bzw. tragischen Einzelschicksalen: dem Kältetod eines Obdachlosen, dem Verhungern eines Kleinkindes oder der Gründung einer „Tafel“, wie die Suppenküchen heutzutage beschönigend genannt werden. Armut wurde überwiegend mit Not und Elend in der so genannten Dritten Welt assoziiert oder mit Blick auf die hiesige Wohlstandsgesellschaft als Randerscheinung verharmlost, ja verschleiert und aus der Öffentlichkeit verdrängt.

Anfangs wurde Armut entweder als Kriegsfolge und Nachwirkung der Besatzungszeit betrachtet, die nach dem erfolgreichen Wiederaufbau von selbst verschwinde, oder als Ergebnis der Wechselfälle des Lebens begriffen, die manche Menschen „nicht in den Griff bekamen“ bzw. „aus der Bahn warfen“. Sie galt als persönliches Schicksal und nicht als ein gesellschaftliches Problem, das politisch bekämpft werden muss. Durch die Währungsreform, bei der sämtlichen Besitzern einer gültigen Lebensmittelkarte am 20. Juni 1948, die 40 Reichsmark bezahlten, dafür eine gleich hohe „Kopfquote“ in D-Mark ausgehändigt wurde, entstand der Gründungsmythos einer weitgehend egalitären Nachkriegsgesellschaft.

Kaum hatte sich die Kennzeichnung der westdeutschen Ökonomie als „Soziale Marktwirtschaft“ durchgesetzt und dem Nachkriegskapitalismus ein positives Image verliehen, charakterisierte Helmut Schelsky die Bundesrepublik 1953 als „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“. Nivelliert seien nicht nur die Klassengegensätze, meinte der konservative Soziologe, sondern auch die Real­einkommen, der Geschmack und der Lebensstil. Während viele seiner Fachkollegen die genannte Formel als Simplifizierung der sozialen Realität zurückwiesen, ging Schelskys Bezeichnung für die junge Bundesrepublik in den Mediendiskurs ein und prägte dadurch jahrzehntelang deren Selbstverständnis.

Je mehr Bevölkerungsgruppen im Laufe des relativ stetigen Wirtschaftsaufschwungs – wenn auch zum Teil unterdurchschnittlich – am gesellschaftlichen Wohlstand betei­ligt wurden, umso weniger Aufmerksamkeit fand die Armut der übrigen. „Armut“ entwickelte sich aus einem Reizwort im Kalten Krieg während der hierzulande besonders stark ausgeprägten Prosperitätsperiode mehr und mehr zu einem politischen Unwort. Auf dem Höhepunkt des „Wirtschaftswunders“ war zwar nicht die Armut selbst, wohl aber der Begriff fast völlig aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden. Wer die Vokabel trotzdem in den Mund nahm und damit nicht die soziale Notlage der Entwicklungsländer meinte, war als Kommunist verschrien und wurde aufgefordert, „nach drüben“ zu gehen, d. h. in die DDR überzusiedeln.

Durch die beiden Wirtschaftskrisen 1974/75 und 1980/81 wurde die westdeutsche Medienöffentlichkeit aus ihrem „kurzen Traum immerwährender Prosperität“ (Burkart Lutz) gerissen, welcher sie daran gehindert hatte, die gesellschaftliche Realität und damit auch die Armut wahrzunehmen. Er wich allerdings nur sehr langsam der Einsicht, dass weder die Anfälligkeit des kapitalis­tischen Systems für Konjunkturrückschläge überwunden noch das Problem der sozialen Ungleichheit verschwunden war. Die überfällige Revision der westdeutschen Lebenslüge, dass die Gesellschaft keine tiefen sozialen Risse aufweise und der Wohlfahrtsstaat in seiner bewährten Gestalt das Entstehen von Armut verhindere, scheint jedoch nur sehr oberflächlich erfolgt zu sein. Einerseits schlug sich die Erkenntnis, dass die Wohlstandsgesellschaft neben einer wachsenden Konsumfülle materielle Armut hervorbrachte, in den Massenmedien nur zeitverzögert nieder. Andererseits blieb die Grundüberzeugung, wonach die Leistung der Individuen über ihr Schicksal entscheidet, trotz gegenteiliger Erfahrungen bestehen, und die illusionäre Hoffnung, dass kein Gesellschaftsmitglied im „Wirtschaftswunderland“ bevorzugt oder benachteiligt würde, prägte weiterhin das Bewusstsein.

Als der Systemgegensatz 1989/90 überwunden war, sahen manche Kommentatoren die erweiterte Bundesrepublik bzw. deren Wohlstand durch internationale Entwicklungen und Migrationsbewegungen von außen gefährdet. Die kampagnenartige Asyldebatte 1991/92 drehte sich um den angeblich massenhaften Missbrauch der Sozialhilfe durch „Wirtschafts­asylanten“, wie Menschen genannt wurden, die nur des größeren Wohlstandes wegen nach Deutschland kämen, ohne in ihrer Heimat politisch verfolgt zu sein. Vor allem in Boulevardmedien häuften sich wahre Horrorgeschichten über Armutsmigranten, die das großzügige Asylrecht der Bundesrepublik widerrechtlich in Anspruch nähmen.

Vormals ein Tabuthema, ist „Armut“ nach der Jahrtausendwende fast zu einem Topthema deutscher Massenmedien, insbesondere zahlreicher Talkshows geworden. Man spricht mittlerweile sowohl im Medien- als auch im Politikbetrieb zwar viel mehr über Armut als noch vor wenigen Jahren, nimmt sie – wie es scheint – aber noch immer nicht als gesellschaftliches Kardinalproblem wahr. Die in der wohlhabenden, wenn nicht reichen Bundesrepublik stark zunehmende Armut wird deshalb auch nicht konsequent bekämpft, sondern von Publizisten wie Politikern weiterhin verharm­lost und verdrängt.

In der öffentlichen Diskussion über missbrauchte und verwahrloste, teilweise unter tragischen Umständen gestorbene Kinder wie Jessica in Hamburg, Kevin in Bremen und Lea-Sophie in Schwerin, die aufgrund entsprechender Medienberichte manchmal beinahe hysterische Züge annahm, wurde vor allem der Druck auf die Behörden erhöht, früher und massiver einzugreifen, der sozioökonomische Hintergrund dieser Familientragödien aber meistens ausgeklammert. Vielmehr verbanden sich damit in den Massenmedien die Bilder von „Unterschicht“-Eltern, denen ihre Kinder völlig egal und die nur am eigenen Konsum, aber nicht an den Wertorientierungen der Mehrheitsgesellschaft bzw. der Mittelschicht interessiert sind.

Vor allem in jüngster Zeit verhöhnt man die sozial Benachteiligten regelrecht. Prominente, Topjournalisten und „Experten“, die teilweise für einen Vortrag mehr Geld erhalten als Langzeitarbeitslose nach Hartz IV in einem ganzen Jahr, scheuen sich nicht, deren missliche Situation durch unsinnige Vergleiche schönzureden. Walter Wüllenweber behauptete im „Stern“ (19.10.2006) unter dem ironischen Titel „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!“, Geld hätten die Armen in Deutschland genug: „Hartz-IV-Empfänger verfügen über denselben materiellen Lebensstandard wie Facharbeiter in den 1970er Jahren.“ Niemand vergleicht seine eigene Lebenslage mit jener früherer Generationen, sondern alle interessiert nur die von eigenen Zeitgenossen, meistens unmittelbaren Nachbarn, von Kollegen, Spielkameraden, Verwandten, Freunden und Bekannten, an der man sich messen lassen muss.

Nach dem gleichen Muster wie Wüllenweber verfuhr der Ökonom Hans-Werner Sinn, nur dass dieser nicht die Zeit-, sondern die geografische Achse als Vergleichsmaßstab wählte, um die Armut in der Bundesrepublik zu relativieren, und verschiedene Länder miteinander in Beziehung setzte. In einer Kolumne „Geld fürs Nichtstun“ der „Wirtschaftswoche“ (18.12.2006) monierte der Präsident des ifo In­­stituts für Wirtschaftsforschung an der Universität München, dass die EU-Kommission kein absolutes, sondern ein relatives Armutsmaß benutzt. Dass man mit einem Verdienst, der in Luxemburg zum Leben nicht ausreicht, in Litauen durchaus wohlständig sein kann (um zwei EU-Länder miteinander zu vergleichen, wo die Einkommensunterschiede immerhin den Faktor 10 erreichen), weiß aber jeder. Sinn mokierte sich außerdem darüber, dass Menschen als von Armut bedroht gelten, die weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens erreichen: „Wer in einer Steuerenklave, in der der Durchschnittsbürger eine Million Euro verdient, nur über ein Jahreseinkommen von 590.000 Euro verfügt, ist nach dieser Definition arm.“ Das reichlich konstruiert wirkende Beispiel kann bloß dann zur schönen Wirklichkeit für wenige Superreiche und zum Schrecken für die vielen Daheimgebliebenen werden, wenn sich die von Sinn befürwortete Politik der größtmöglichen Bewegungsfreiheit für das Kapital durchsetzt.

Ein weiteres Beispiel für die Verharmlosung der Armut durch Gegenüberstellung unterschiedlicher Lebensbedingungen bot Wolfgang Schäuble in einem Interview, das die „Zeit“ am 17. Juli 2008 veröffent­lichte. Gefragt nach der Bedeutung des Themas „soziale Gerechtigkeit“, antwortete der Bundesinnenminis­ter, durch härteren Wettbewerb würden die Unterschiede hierzulande größer, wohingegen die globalen Unterschiede abnähmen: „Natürlich ist die Spanne zwischen denen, die bei uns nicht ruhig schlafen können, weil sie für ihr ererbtes Millionenvermögen Steuern zahlen müssen, und denen, die mit Hartz IV auskommen sollen, gewaltig. Aber wenn wir uns anschauen, wie die Lebenschancen für Chinesen, für Inder oder für Südamerikaner sind, relativiert sich das.“ Hier irrte Schäuble allerdings gewaltig, denn das Privatvermögen der beiden reichsten Deutschen, Karl und Theo Albrecht (Eigentümer der Aldi-Ketten Nord und Süd), war 2007 mit 50 Milliarden US-Dollar ungefähr 100 Millionen Mal so groß wie das monatliche Transfereinkommen von Alg-II-Beziehern, die laut SGB II auch nur ein geringes „Schonvermögen“ besitzen dürfen und als Langzeitarbeitslose besonders in Ostdeutschland häufig gar keins haben. Dagegen fallen die Einkommens- bzw. Vermögensunterschiede zwischen einem deutschen Durchschnittsverdiener und Bewohnern der so genannten Dritten Welt sehr viel geringer aus.

Da hilft kein mediales Ablenkungsmanöver, sei es auch noch so geschickt eingefädelt: Die deutschen Armen leben hier und heute, wo sie auch ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen, weshalb es ihnen überhaupt nichts nützt, dass Menschen zu anderen Zeiten und in anderen Ländern noch schlechter dastanden bzw. -stehen. Journalisten sollten die Armut daran messen, wie viel besser die Lage der sozial Benachteiligten sein könnte, wenn die Gesellschaft ihre hehren moralischen Ansprüche einlösen und den Reichtum gleichmäßiger verteilen würde.

Weiterführende Literatur:

Foto: Imago/Imagebroker


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