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Redaktion | 8. Oktober 2009

Der Königsweg für den Informantenschutz

Wie geht man richtig mit Whistleblowern um?

Von Christiane Schulzki-Haddouti

schulzki

Wenn ein Whistleblower anruft, sollten Journalisten vier Dinge beachten: Aufmerksam zuhören, umfassend aufklären, sicher kommunizieren und umsichtig recherchieren.

Wenn ein Whistleblower brisante Informationen anbietet, muss sich der Journalist zunächst einige selbstkritische Fragen stellen: Bin ich der richtige Ansprechpartner? Was ist das richtige Medium für diese Geschichte? Je brisanter das Thema ist, desto wichtiger ist die redaktionelle Rückendeckung. Abspringende Anzeigenkunden oder Gegendarstellungen könnten angesichts jahrelanger gerichtlicher Auseinandersetzungen noch das kleinere Risiko sein, die ein Verlag bei einer Whistleblower-Geschichte eingehen muss.

Oftmals geht es aber zunächst einfach nur um die Frage: Habe ich überhaupt genügend Zeit, um den Whistleblower zu betreuen? Verfüge ich über die finanziellen Kapazitäten für eine umfassende Recherche? Falls ich diese Fragen nicht guten Gewissens mit „Ja!“ beantworten kann, sollte ich den Informanten an kompetente und vertrauenswürdige Kollegen weitervermitteln. Kenne ich in meinem unmittelbaren Umfeld keine, kann ich ihn an ein Netzwerk wie etwa das Whistle­blower-Netzwerk e.V. weiterleiten. Falsche Eitelkeiten sind hier fehl am Platz.

Umfassend aufklären

Journalisten sollten Whistle­blower über die möglichen Konsequenzen ihres Verhaltens möglichst umfassend aufklären. Allein können sie etwaige Gefahren nämlich nur schwer abschätzen – und da sie ja Missstände abstellen wollen und sich im Recht sehen, sind sie bereit, zu hohe und unter Umständen auch nicht notwendige Risiken einzugehen. Die Gefahren für die Informanten sind groß – Arbeitnehmer oder Beamte riskieren angesichts des fehlenden Whistleblower-Schutzes in Deutschland ihre fristlose Kündigung. Einem Arbeitgeber ist es nicht zuzumuten, mit einem Mitarbeiter weiter zusammenzuarbeiten, der sich illoyal verhält und der durch sein Verhalten den „Betriebsfrieden“ gefährdet.

Die Tierärztin und Stallveterinärin Margrit Herbst etwa hatte sich lange betriebsintern darum bemüht, BSE-Verdachtsmomente bei Schlachttieren gründlicher abklären zu lassen. Ohne Erfolg. Als sie damit an die Öffentlichkeit ging, wurde sie fristlos entlassen. Ihre Kündigungsschutzklagen blieben erfolglos. Sie wurde vom Schlachthofbetreiber sogar auf Schadenersatz verklagt. Das Oberlandesgericht lehnte dies aber ab, weil ihre Behauptungen wahr seien.

Für Beamte wiederum ist die Flucht in die Öffentlichkeit oder die Erstattung einer Strafanzeige ein Dienstvergehen. Selbst wenn ein Beamter intern seine abweichende Rechtsauffassung mehrfach vorgetragen hat, verbietet sich die Unterrichtung der Presse. Zwar gab es im vergangenen Jahr einen Anlauf im Bundestag, den Schutz gesetzlich zu verbessern, doch er ist bezeichnenderweise noch vor einer ersten Lesung am Widerstand des Arbeitgeberlagers gescheitert.

Der Journalist sollte daher zu Beginn klären, was der Informant bisher getan hat: Wie sahen seine internen Schritte aus? Welchen Erfolg haben sie gebracht? Wer weiß von der Kritik des Whistleblowers? Oftmals haben Informanten vor ihrem Gang an die Presse nämlich bereits intern versucht, auf die von ihnen angeprangerten Missstände hinzuweisen.

Der Königsweg für den Informantenschutz besteht angesichts des hohen Risikos in jedem Fall in einer umfassenden Recherche: Die Geschichte sollte so hieb- und stichfest belegbar sein, dass der Informant als Zeuge nicht mehr notwendig ist. Der Whistleblower muss sich aber bereits vor dem Kontakt mit der Presse gut überlegen, ob er nur als Hinweisgeber à la „Deep Throat“ agieren möchte oder ob er sogar Dokumente beschaffen und somit eine Art Recherchepartnerschaft eingehen möchte. Dabei stellt für einen Arbeitnehmer die Beschaffung interner Dokumente bereits einen Verstoß gegen den Arbeitsvertrag dar.

Falls die Geschichte ohne den Whistleblower als Kronzeugen nicht möglich sein sollte, müssen folgende Fragen vorab geklärt werden: Was bedeutet es für die Familie des Whistle­blowers, in der Öffentlichkeit zu stehen? Wie kann der Journalist seinen Informanten hier begleiten und durch weitere Berichterstattung schützen? Wie lange kann der öffentliche Druck aufrechterhalten werden, um den Whistleblower vor Maßnahmen seines Arbeitgebers zu schützen? Wie kann dieser sich gegen Behauptungen der Gegenseite wehren?

Keineswegs auf die Aufmerksamkeit der Presse bedacht war etwa Erwin Bixler, ehemals Controller in der Innenrevision der Bundesanstalt für Arbeit. Er hatte seine Vorgesetzten vergeblich auf Fehler in der amtlichen Vermittlungsstatistik hingewiesen und sich deshalb in einem Schreiben an das Bundeskanzleramt und, als dieses nicht reagierte, an den Bundesarbeitsminister Walter Riester gewandt. Im selben Zeitraum stellte auch der Bundesrechnungshof fest, dass die Fehlerquote der Vermittlungsstatistik bei 70 Prozent lag. Nachdem die Presse über den Bericht des Bundesrechnungshofs schrieb und Bixler als Kronzeugen anführte, musste der damalige Chef der Bundesanstalt für Arbeit, Bernhard Jagoda, seinen Stuhl räumen.

Erwin Bixler sagt im Rückblick: „Ich war nicht erpicht, in die Öffentlichkeit zu kommen. Mein Schreiben wurde vom Ministerium an die Presse lanciert.“ Nach dem Anruf der ersten Journalistin kamen zwei, drei belastende Wochen. Dann wurde es ruhig, aber Bixler erkrankte schwer. Nach zweieinhalb Monaten kehrte er an seinen Arbeitsplatz zurück. Doch der Versuch, ihn auf eine aussichtslose Stelle wegzubefördern, und eine schlechte Beurteilung, gegen die er vergeblich vorging, zehrten an seiner Gesundheit. Schließlich ging er in den vorzeitigen Ruhestand.

Dennoch sagt Bixler im Rückblick: „Mir wäre es schlechter gegangen, wenn ich nicht an die Öffentlichkeit gekommen wäre, da es maßgebliche Größen in der Anstalt davon abgehalten hat, gleich mit der Keule zu kommen.“ Sein Fazit: „Der Schutz durch die Presse hielt nicht lang. Es ist immer noch so, dass der Bote schlecht wegkommt.“

Umsichtig recherchieren

Ist das Verhältnis zwischen Journalist und Whistleblower geklärt, sollte man für die nun notwendigen Gespräche mit dem Whistleblower eine Recherchestrategie ausarbeiten. Die persönliche Grundhaltung sollte sein: Halten Sie nichts für wahr, aber alles für möglich. Denn in jeder noch so abstrus wirkenden Geschichte kann sich ein wahrer Kern verbergen. Ohne ein gewisses Fingerspitzengefühl sind solche Gespräche jedoch nicht zu führen. Denn Whistleblower stehen meist psychisch unter starkem Druck. Gezielte, kritische Nachfragen können verletzend wirken. Sich Zeit nehmen und aufmerksam Zuhören sind daher das A und O. Dazu gehört, dass man sich so gut wie möglich in das vom Whistleblower thematisierte Problem einarbeitet.

Gleichzeitig sollte man jedoch immer die professionelle Distanz wahren – und im Notfall auch einmal einen Kollegen hinzuziehen. Im Gespräch unter Kollegen lassen sich Vorgänge reflektieren, aber man kann auch gemeinsame Recherchestrategien entwickeln, die dazu führen können, dass sich ein Vorgang aus zwei unterschiedlichen Quellen belegen lässt – was den Auftritt des Whistleblowers als Kronzeugen überflüssig machen würde. Wichtig ist außerdem: Nichts versprechen, was man nicht halten kann.

Für die weitere Recherche muss der Journalist das Kommunikationsumfeld des Informanten möglichst gut kennen. Ohne eine klare Kommunikations- und Recherchestrategie sollten keine Gesprächspartner kontaktiert werden. Diese könnten nämlich sonst durch unbedacht gefallene Äußerungen oder allein schon durch den Zeitpunkt der Kontaktaufnahme erraten, wer der Informant ist, und ihn unter Druck setzen. Umgekehrt empfiehlt es sich, genau hinzuhören, welche Inhalte die Gesprächspartner aus welchen Quellen ins Spiel bringen. Damit kann man nicht nur die Kontakte der Personen für etwaige Nachfragen erfahren, sondern auch die Glaubwürdigkeit eines Interviewpartners einschätzen. Ein genaues Nachhaken kann mitunter sogar ergeben, dass alle aus ein und derselben, möglicherweise unbestätigten Quelle schöpfen – und somit die erhoffte Bestätigung durch mehrere Gesprächspartner hinfällig ist.

Sicher dokumentieren und kommunizieren

Organisatorisch-technische Fragen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Liefert der Informant Dokumente, so sind diese häufig mit Notizen oder Kürzeln versehen. Sie zeigen an, wer die Unterlagen angelegt, gelesen oder weitergeleitet hat. Die Originale sollte man daher an einem sicheren Ort wie etwa der Wohnung eines Freundes oder bei einem Notar hinterlegen. Für den Rechercheverkehr sollte man verräterische Informationen entfernen. Dafür reicht es nicht, Textstellen zu schwärzen. Denn die schwarzen Stellen ergeben auch kopiert immer noch ein typisches Informationsmuster. Am besten man schneidet sie aus und kopiert sie. Dann sehen die Dokumente „wie neu“ aus. Auch sollte der Journalist den Informanten darüber aufklären, wie er sicher kommunizieren kann. Dabei gilt grundsätzlich: Alle technischen Kommunikationsmittel generieren über die Verbindungsdaten Spuren, die sich nachvollziehen lassen. Außerdem lassen sich die Kommunikationsinhalte meist abhören oder abfangen.

Für Telefonate eignen sich noch am ehesten Prepaid-Karten, die man mit gebraucht erworbenen und daher nicht registrierten Handys verwenden sollte. Faxe sollte man vermeiden, da sie häufig eine Absenderkennung auf jede Seite drucken. Wer E-Mail benutzen möchte, sollte sich mit Verschlüsselungssoftware wie PGP (Pretty Good Privacy) vertraut machen und bei einem internationalen Provider einen privaten E-Mail-Account mit nichtssagendem Namen einrichten. Für den persönlichen Austausch sind Büros als Treffpunkte meist ungeeignet. Doch Vorsicht: Auch Telefonzellen und Bahnhöfe sind angesichts der verbreiteten Videoüberwachung nicht unbedingt sicher. Es bieten sich daher Cafés und Restaurants an – nur sollte man auf den Bewirtungsbeleg auf keinen Fall den Namen des Whistleblowers eintragen.

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Foto: Imago/Seelinger


3 Responses to “Der Königsweg für den Informantenschutz”

  1. Whistleblower-Netzwerk » Blog Archiv » Wie sollten Journalisten mit Whistleblowern umgehen? Says:
    Oktober 9th, 2009 at 9:56 am

    […] Beitrag “Der Königsweg für den Informantenschutz – Wie geht man richtig mit Whistleblowern um…” widmet sich dabei quasi auf Mikro-Ebene der Frage was Journalisten im Umgang mit […]

  2. Tim Says:
    Oktober 9th, 2009 at 11:23 pm

    Kann man Whistle­blower nicht einfach Hinweisgeber oder Informant nennen? Dieses Denglisch (das Englisch Wort schreibt sich mit Bindestrich) ist ja fürchterlich.

  3. Tweets that mention Der Königsweg für den Informantenschutz | Journalistik Journal -- Topsy.com Says:
    Oktober 10th, 2009 at 5:20 pm

    […] This post was mentioned on Twitter by Guido Strack and ojour.de. ojour.de said: Linktipp: Journalistik Journal: Der Königsweg für den Informantenschutz – Wie geht man richtig mit Whi.. http://bit.ly/1sThnf […]

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