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Redaktion | 15. April 2006

Propaganda für den gehobenen Geschmack

Wie die Nazis die Modeberichterstattung missbrauchten

Von Julia Bertschik

Nationalsozialistische Kriegspropaganda fand im Zweiten Weltkrieg nicht nur in Wochenschauen, Radiosendungen oder politischen Leitartikeln und Filmen statt. Sie findet sich selbst auf dem „Nebenkriegsschauplatz“ des Feuilletons und der Modeberichterstattung.

Gerade die anspruchsvollen Monatsmagazine „die neue linie“ (1929-1943) und „Die Mode“ (1941-1943) machen den umfassenden Charakter nationalsozialistischer Propaganda in Kriegszeiten deutlich. Denn im Unterschied zu den primitiven Hetzblättern für den Massengeschmack, wie dem „Völkischen Beobachter“ oder dem „Schwarzen Korps“, wurde hier Werbung für das kriegführende NS-Regime unter Verwendung modernster künstlerischer Mittel gemacht – Kriegspropaganda für den gehobenen Geschmack also.

Die „neue linie“ wurde im September 1929 unter Mitarbeit von Walter Gropius, László Moholy-Nagy und Ludwig Mies van der Rohe im Leipziger Otto Beyer Verlag gegründet. Bereits das Vorwort gab dem neuen Projekt einen avantgardistisch anmutenden Charakter. Denn die Zeitschrift sollte sich in Aufmachung und Inhalt bewusst von anderen Illustrierten und Modezeitschriften der Weimarer Republik unterscheiden: „Weder Magazin-Niveau mit schlechtem Übersetzungs-Import, noch verstaubte Romanliteratur“, sondern moderne deutsche Kurzgeschichten und Gedichte wollte die Berliner Redaktion um den Herausgeber Bruno E. Werner als literarische Unterhaltung bieten. Bis zur kriegsbedingten Einstellung der „neuen linie“ im März 1943 erschienen daher Beiträge von so renommierten Autoren wie Franz Hessel, Alexander Lernet-Holenia, Richard Schaukal oder Werner Bergengruen. Das Layout wurde maßgeblich durch die Titelblätter der Bauhaus-Absolventen Herbert Bayer und Kurt Kranz sowie der Brüder Hans Ferdinand und Hein Neuner aus der Agentur Dorland bestimmt. Ihre Montagen im Bau­hausstil erzeugten überraschende, z. T. verfremdende Wirkungen.

Regelmäßig von der Redaktion veranstaltete künstlerische Wettbewerbe sorgten darüber hinaus dafür, dass „die neue linie“ ihr anspruchsvolles Niveau als modernste Kulturzeitschrift Deutschlands auch während des „Dritten Reichs“ weiter aufrechterhalten konnte. Dies geschah insbesondere im Interesse einer modernistischen Selbstdarstellung des NS-Regimes im Ausland mit einer Auflage der „neuen linie“ von knapp 45.000 Exemplaren im Kriegsjahr 1939. Dafür zeugte nicht zuletzt die Beibehaltung der neusachlichen Typographie und die konsequente Kleinschreibung des Titels. So bot „die neue linie“ gerade im Verlauf ihrer Umwandlung zum Werbeorgan für eine „moderne“ nationalsozialistische Lebenseinstellung weiterhin eine Plattform für „freiere“ künstlerische Äußerungen und grafische Experimente. Sie sind dadurch jedoch nicht zwangsläufig als subversive Elemente zu verstehen. Denn sie waren hier durchaus willkommen, funktionierten sie doch als propagandistische Herausstellung von nationalsozialistischer Modernität, Weltläufigkeit, kultureller Toleranz und Überlegenheit. Dafür nutzten die Nazis sogar die Mitarbeit von Künstlern des Bauhauses – immerhin einem der meistgenannten Feindbilder innerhalb der NS-Kulturpolitik seit den 20er Jahren.

Schon im März 1930 wurde in einem „neue linie“-Sonderheft zum Thema Italien der Faschismus Mussolinis präsentiert. Er verstand sich als politische Avantgarde und verbündete sich anfangs mit avantgardistischen Vertretern der Künste. Auch der Herausgeber der „neuen linie“ verband solche Hoffnungen mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland. Im Wechselspiel von Subversion und Linientreue versuchte seine Zeitschrift daher ein Programm der „rechten Avantgarde“ zu etablieren. Insofern bedeutete es mehr als eine bloß taktische Maßnahme, wenn die Redaktion der „neuen linie“ zu ihrem zehnjährigen Bestehen im Kriegsjahr 1939 das Programm der Anfangszeit als realisiert ansah: nämlich eine moderne nationale Kulturform zu entwickeln, ohne ausländische Nachahmung oder Rückkehr zu einer romantisch verklärten Vergangenheit.

In der Modeberichterstattung der „neuen linie“ wurden dazu bis Kriegsbeginn weiterhin elegante französische Haute Couture-Modelle mit den Kreationen der im „Dritten Reich“ eingerichteten deutschen Modeämter verglichen. Ihre Produkte dienten jetzt als Beispiele für eine durchaus konkurrenzfähige „arteigene Weltmode“, hergestellt aus in Deutschland produzierten modernen Kunstfaserstoffen wie Zellwolle oder Kunstseide. Anknüpfend an die moderne Tradition von „Wiener Werkstätte“ und „Deutschem Werkbund“ wurde versucht, Mode auf internationalem Niveau zu entwerfen. Sie schien notwendig als Aushängeschild für das Ausland anlässlich der Olympischen Spiele 1936 in Berlin, aber auch vor dem wirtschaftlichen Hintergrund der Unabhängigkeitsbestrebungen des „Vierjahresplans“ und der Ausschaltung der erfolgreichen französischen Modebranche bei der Besetzung Frankreichs 1940. Selbst auf dem Gebiet der Mode erfolgte eine solche Anstrengung im Hinblick auf eine nationalsozialistische Weltführung. Darauf verweist bereits die Verwendung des eingedeutschten Begriffs einer „Hochmode“ in bewusster Abgrenzung zur französischen „Haute Couture“.

Während des Kriegs reduzierte „die neue linie“ ihren inzwischen von den übrigen Themen abgegrenzten Modeteil allerdings immer mehr. 1941 fand jedoch auf Initiative des Beauftragten für das Zeitschriftenwesen im Propagandaministerium, Ernst Herbert Lehmann, eine eigens im selben Verlag von „neue linie“-Mitarbeiterinnen betreute Neugründung einer Modezeitschrift statt. Sie erschien gleichfalls monatlich zum damals stattlichen Preis von 1,50 Reichsmark. Unter dem Titel „Die Mode“ wurde hier – gewissermaßen als Auslagerung des Modeteils aus der „neuen linie“ – eine im nationalsozialistischen Sinne moderne Darstellungstechnik für den Bereich weiblicher „Hochmode“ weiterverfolgt. Die ebenso anspruchsvolle Zeitschrift „Die Mode“ diente vor allem der Kriegspropaganda für die „siegreiche“ Aufrechterhaltung der nationalsozialistischen Friedenswirtschaft an der „Heimatfront“.

„Im Beyer Verlag soll die größte europäische Modezeitung erscheinen, deren Schriftleitung in Berlin sitzen soll.“ So lautet eine Aktennotiz vom 3. Oktober 1940 für den Leiter der Reichsstatthalterei Wien. Denn nach der Besetzung Frankreichs sollte auf höchste Anweisung aus Goeb­bels Propagandaministerium nun die gesamtdeutsche Mode den ersten Platz in der Weltmode einnehmen. Für dieses offizielle Propagandaziel wurden jetzt alle bedeutenden Modeschaffenden sowie die Modepresse mobilisiert und der Konkurrenzdruck unter den bestehenden Modeämtern in Frankfurt am Main, München, Berlin und Wien erhöht. Hitler beauftragte Robert Ley, den Leiter der Massenorganisationen „Deutsche Arbeitsfront“ (DAF) und „Kraft durch Freude“ (KdF), mit der Neuorganisation des deutschen Modeschaffens. Beide favorisierten als zentralen Standort Wien, trafen jedoch auf den Widerstand von Goebbels. Er plädierte für Berlin und ernannte 1942 den „Reichsbühnenbildner“ Benno von Arent zum „Reichsbeauftragten für Mode“.

Vor dem widersprüchlichen Hintergrund einer so noch nie da gewesenen politischen Machtfunktion von Mode im Krieg einerseits, deren ästhetische Präsentation auf der anderen Seite jedoch einer eher geringen Kontrolle unterlag, entstand im Januar 1941 im modeerfahrenen Beyer Verlag die Zeitschrift „Die Mode“. Die Neugründung eines Modejournals mitten im Krieg mit seiner eingeschränkten Versorgungslage stieß nicht überall auf Zustimmung. Stimmen, die seit Kriegsbeginn ein baldiges Ende des überflüssigen „Modeunfugs“ herbeiwünschten, wurden aus wirtschaftlichen wie aus ideologischen Gründen jedoch ignoriert. Denn deutsche Exportmode fiel unter die kriegswichtige Dringlichkeitsstufe – mit ihren Devisenerlösen wurde u. a. schwedischer Stahl für die Rüstungsproduktion bezahlt. Darüber hinaus demonstrierte man durch die Beschäftigung mit absolut „unkriegerischen Aufgaben“ im In- und Ausland zugleich einen „unerschütterlichen Siegeswillen“. So konnte die Illusion von Eleganz, Luxus und Müßiggang, kurz: dem schönen Schein einer „heilen Welt“, auch in den Zeiten von Krieg und Massenvernichtung unvermindert aufrechterhalten werden. Exklusive Modezeitschriften wie „Die Mode“ lieferten auf ihren Fotos dafür die erträumten Kleidermodelle. Für die überwiegende Mehrzahl ihrer Leserinnen blieben sie vor dem Kriegshintergrund einer gesteigerten Rationierung von Textilien allerdings unerreichbar. Statt im alltäglichen Straßenbild existierten sie höchstens als Filmkostüme auf der Kinoleinwand. Im Textteil präsentierte „Die Mode“ hingegen so genannte „modepolitische Leitartikel“. In ihnen wurde unverhüllt Agitation im Sinne der nationalsozialistischen Propaganda „deutscher Hochmode“ betrieben.

Anneliese Hafkesbrink, die in der „neuen linie“ seit 1939 den Modeteil geleitet hatte, arbeitete jetzt als Chefredakteurin für die Zeitschrift „Die Mode“. In Fortsetzung der künstlerischen Prinzipien aus der „neuen linie“ präsentierte sie im neuen Prestigeobjekt der Nationalsozialisten jetzt ausschließlich Mode und Schmuck. Als offiziell eingeführtes Blatt widerlegt „Die Mode“ die bis heute bestehenden Vorurteile, die Nazis hätten allein den kleinbürgerlichen Modegeschmack befriedigen wollen. Denn wie die Ankündigung eines sowohl in der „neuen linie“ wie in der „Mode“ 1941 ausgeschriebenen Wettbewerbs für junge Modezeichner deutlich macht, sollten ebenso wie in der Modellschöpfung auch in der Modepräsentation neue, eigene Wege beschritten werden. Sie hätten sich beispielsweise nicht mehr am Vorbild des französischen Impressionismus, sondern an der modernen deutschen Plastik zu orientieren – hier fielen also bereits künstlerische und nationalistische Vorstellungen zusammen. So knüpften die „Mode“-Titelbilder Trude Jungfermanns ebenfalls an die modernen Collagetechniken des Bauhauses an. Die Zeichnungen Margarete Kürschners präsentierten modische Accessoires im surrealistischen Stil Giorgio de Chiricos. Die Modefotos bedienten sich gemäßigter Varianten der avantgardistischen Fotografie.

Die nationalsozialistische Modeberichterstattung findet in der „Mode“ außerdem im Rahmen einer von Grund auf neu konzipierten Form der Modezeitschrift statt. Sie „vermeidet, Neues allein um der Neuigkeit willen zu bringen“. Dazu sollten z. B. keine professionellen Mannequins vom international üblichen „Typ des Klischeegesichts“ mehr abgelichtet werden. Im Unterschied zum Vorbild der amerikanischen Modezeitschrift „Vogue“ wurde ferner darauf verzichtet, über abgedruckte Preislisten direkte Kauf­anreize zu geben. Denn eine Mode ohne Diktat, wie sich einer der „modepolitischen Leitartikel“ 1941 nennt, meinte nicht nur die durch den Krieg ausgesetzte Abhängigkeit der Damenmode und ihrer saisonalen Wechsel von Paris. Verbunden wurde damit zugleich eine Ablehnung der „starren Eleganz eines kapitalistischen Modegeistes“ generell, zu Gunsten einer kulturellen Modeorientierung.

Dass an Stelle eines Modeateliers die praktischen Lebensgewohnheiten den jeweiligen Modestil bestimmen sollten, blieb jedoch auch im „Dritten Reich“ nur ein frommer Wunsch. Allerdings versuchte das Magazin „Die Mode“ erstmals in der Tat, den in Auflösung begriffenen Modekanon von elegantem Abend- und modischem Tageskleid durch das Thema weiblicher Berufskleidung zu erweitern. Und zwar, ohne sich damit auf die typisch nationalsozialistischen Felder von Uniform und Volkstracht zu beschränken. Denn der neue, nationalsozialistische Modebegriff versprach nicht nur „einen neuen Stil der großen Repräsentation“, der überdies jetzt festliche Abendkleider für alle vorsah. Sondern man stellte diesem Vorhaben außerdem Ideen für Büro- und Arbeitskleidung im wahrsten Sinne des Wortes an die Seite. So, wie es auch auf ganzseitigen Fotos der Zeitschrift „Die Mode“ – laut Untertitel – als einträgliches Nebeneinander von „Arbeitsanzug und Festkleid“ suggeriert wurde.

Aus den Artikeln der Zeitschrift geht noch eine andere, im psychologischen Sinne kriegswichtige Funktion geschmackvoll gestalteter, farbenfroher Damenmode hervor. Sie konnte insbesondere den Kritikern einer Modebeschäftigung mitten im Krieg entgegengehalten werden: nämlich die „siegesgewisse“ Wirkung von Kleidung als bunte „Freudenspenderin“. Durch den Einsatz einer „Farbpsychologie“ optimistisch starker Farben sei eine solche Wirkung sogar noch zu steigern. Dazu müsse nicht unbedingt, wie noch zur Zeit des Ersten Weltkriegs, auf militärsymbolische Elemente oder gar auf Tarnfarben zurückgegriffen werden. Hier haben wir es also mit einer kleidungsspezifischen Form der Kriegspropaganda zu tun, wie sie zu dieser Zeit ebenfalls in anderen Ländern üblich gewesen ist.

Was in den Modezeitschriften etwa der USA jedoch eher die Ausnahme darstellt, hat in der nationalsozialistischen Propagandazeitschrift „Die Mode“ hingegen System. Das demonstrieren in der Doppelnummer von August/September 1942 z.  B. die Modefotos aus Eduard Gaert­ners Artikel „Mode und Baukunst“. Als einen siegesgewissen Ausdruck des nationalsozialistischen Zeitgeistes präsentieren die Bilder hier unterschiedliche Modelle der weiblichen Tages-, Abend- und Arbeitskleidung in Kombination mit repräsentativen Gebäuden des „Dritten Reichs“. Zu sehen ist u.  a. ein modisches Straßenkleid vor der ausschnitthaft fotografierten Architektur des Frankfurter IG Farben-Verwaltungsgebäudes im monumentalisierten Bauhausstil. Weitere Beispiele kombinieren die Silhouette eines langen Abendmantels mit Albert Speers neoklassizistischem Turmgebäude des Deutschen Pavillons auf der Pariser Weltausstellung von 1937 sowie weibliche Arbeitskleidung mit Speers Brücke über die Reichsautobahn.

Die im öffentlichen Raum moderner Monumentalarchitektur im „Dritten Reich“ angesiedelte Modefotografie huldigt dabei einer Verbindung von monumentaler Sachlichkeit und technischer Eleganz im Sinne einer „Nazi-Sachlichkeit“. Wie es die Beiträge in der Zeitschrift „Die Mode“ bis zu ihrem durch die rigorose Papierbeschränkung im April 1943 erzwungenen Ende immer wieder betonen, wurde damit eine Propaganda nationalsozialistischen Selbstbewusstseins im In- und Ausland angestrebt. Ähnlich wie in der zeitgenössischen Architektur oder bei der Inszenierung politischer Feiern sollte es sich durch eine „Monumentalität der Form“ dokumentieren. Sie wird auf den Fotos unterstützt durch eine statuarisch aufrechte, allenfalls noch gemessenen Schritts dargestellte, deutlich konturierte Körperhaltung mit zumeist ernstem Gesichtsausdruck der Laiendarstellerinnen.

Vor dem Hintergrundambiente monumentaler, im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie „sprechender“ Architektur nimmt der so präsentierte Modestil ebenfalls heroische Züge an. Damit verleiht er dem in den „modepolitischen Leitartikeln“ propagierten Ideal nationalsozialistischer „Herrinnen“ an der „Heimatfront“ des Kriegsgeschehens eine neuartige und gerade dadurch faszinierend wirkende Aura. Denn in ihrer modernen Aufmachung unterschied sich die gleichfalls offiziell geförderte Zeitschrift „Die Mode“ grundsätzlich von den antimodisch-völkischen Frauenzeitschriften des „Dritten Reichs“, wie etwa der „NS-Frauenwarte“. Durch eine solche „Politik der Form“ sprach das Journal „Die Mode“ aber vor allem jene Frauen an, die im Nationalsozialismus etwas Neues suchten und ihn als einen Aufbruch verstanden. Indem die Artikel der Zeitschrift allein die „wesens- und artgemäße“ Einordnung und Umdeutung des Modebegriffs vornahmen, konnte sich auf der Bildebene weitgehend ungehemmt eine Ästhetik der „rechten Avantgarde“ entfalten. Sie hatte ja schon das Programm der kulturell gemischten Vorläuferzeitschrift „die neue linie“ bestimmt. Sogar der zivile Freizeitschauplatz der Mode wurde so zum Kriegsschauplatz umfunktioniert. Denn – laut Reichs­propagandaminister Goebbels: „In einer Zeit, in der der gesamten Nation so schwere Lasten und Sorgen aufgebürdet werden, ist auch die Unterhaltung von staatspolitischem Wert. Die gute Laune ist ein Kriegs­artikel. Unter Umständen kann sie nicht nur kriegswichtig, sondern kriegsentscheidend sein.“


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