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Auf Themenfang im neuen Netz

Social Networks als journalistische Recherchequelle

Von Tobias Eberwein

Zeig mir deinen „Facebook“-Account und ich sage dir, wer du bist. Nicht nur im alltäglichen Beziehungsmanagement, auch in der journalistischen Recherche werden Social Networks zu einem zunehmend hilfreichen Kommunikationsmittel. Journalisten können Angebote wie „StudiVZ“, „Facebook“ und „Xing“ nutzen, um Themen­ideen, Ansprechpartner und weiterführende Quellen aufzuspüren. Die Informationsbeschaffung im neuen Netz birgt jedoch allerlei Fallstricke – wie verschiedene Praxisbeispiele und erste Forschungsergebnisse zum Thema zeigen.

Im Jahr 2009 ist die Nutzung sozialer Netzwerkplattformen weiter gestiegen. 34 Prozent aller Internet-User haben der aktuellen ARD/ZDF-Onlinestudie zufolge schon einmal ein privates Netzwerk aufgerufen – das sind rund 14,6 Millionen Menschen. Immerhin 29 Prozent der Onliner sind Mitglied in mindestens einer Community, unter Teenagern und Twens sogar 74 bzw. 61 Prozent. „Private Netzwerke boomen“, resümieren die Medienforscher Katrin Busemann und Christoph Gscheidle. Im Vergleich zu anderen Anwendungen des Web 2.0 sei hier der Anteil der aktiven Nutzer, die selber kommentieren, hochladen und posten, besonders groß.

Die steigende Verbreitung macht die Communities auch für den Journalismus interessant. Leitfadengestützte Tiefeninterviews mit ausgewählten Journalisten und Recherchetrainern haben gezeigt, dass sie im redaktionellen Alltag vielfältige Vorteile mit sich bringen können. „Kontaktplattformen lassen sich gut nutzen, um Informationen über Personen herauszukriegen, die bisher nicht so sehr im Rampenlicht standen. Es ist offensichtlich, dass diese Plattformen in einem solchen Zusammenhang ein tolles Recherche-Instrument darstellen“, sagt die bloggende IT-Journalistin Christiane Schulzki-Haddouti.

Social Networks sind aber nicht nur in einer zielgerichteten Personenrecherche ein nützliches Werkzeug. Vor allem im Frühstadium des journalistischen Rechercheprozesses lassen sie sich gewinnbringend einsetzen – beispielsweise um:

Kurz: Zumindest theoretisch erscheinen soziale Netzwerkplattformen in vielerlei Hinsicht als ideales Hilfsmittel für Journalisten, die vernachlässigte Inhalte und Akteure in die massenmediale Berichterstattung einbinden möchten. Doch sind sie das wirklich? – Bislang nur bedingt, wie ein Blick in die journalistische Praxis zeigt. Denn eine Recherche im neuen Netz birgt viele Fallstricke.

Besonders auffällig wurde das im Frühjahr 2009 im Gefolge des Amoklaufes von Winnenden. Seinerzeit griffen verschiedene Boulevardmedien auf Communities wie „SchülerVZ“ und andere Web-Quellen zu, um dort ungefragt Fotos von den Opfern und vermeintlichen Tätern herunterzuladen, die anschließend den Weg in die Berichterstattung fanden. Dies ist jedoch „schon rein rechtlich ein Problem“, weiß Ella Wassink vom Deutschen Presserat. In der Regel seien Bilder in derartigen Social Networks urheberrechtlich geschützt. Sie ohne Rücksprache in einer massenmedialen Publikation weiterverbreiten – das darf man nicht. „Das ist Bilderklau!“, bestätigt auch Christiane Schulzki-Haddouti.

Daneben stellen sich einige spezifische berufsethische Probleme: Denn im Social Web wimmelt es von Halbwahrheiten oder gezielten Falschinformationen, die recherchierenden Journalisten eine erhöhte Sorgfaltspflicht abverlangen. Anfang 2008 sorgte beispielsweise der Fall des damals 19-jährigen Bilawal Bhutto Zardari für Diskussionen, der nach der Ermordung seiner Mutter, der früheren Premierminis­terin Pakistans Benazir Bhutto, zum Vorsitzenden der oppositionellen Pakistanischen Volkspartei (PPP) gewählt worden war. Als ein unbekannter Scherzkeks unter Bilawals Namen ein „Facebook“-Profil angelegt hatte und dort allerlei Lügen verbreitete, fielen auch große internationale Zeitungen darauf rein: Sie verbreiteten die Ammenmärchen als angeblich exklusive Tatsachengeschichten. Hans Leyendecker, Chefrechercheur bei der „Süddeutschen Zeitung“, weist deshalb zu Recht auf die inhaltlichen Untiefen à la „Fakebook“ hin und warnt vor böswilligen Manipulationen: „Im Cyberspace ist immer Krieg.“

Doch nicht nur User können sich im neuen Netz schnell eine neue Identität erschwindeln. Das Gleiche gilt auch für professionelle Informationssucher. Der Münchener Journalist Thomas Mrazek dokumentierte 2008 für die Zeitschrift „journalist“ den „Fall Moser“: Als eine Passauer Studentin ermordet wurde, registrierte sich ein Redakteur der „Passauer Neuen Presse“ (PNP) unter fingiertem Namen bei „StudiVZ“ und gab sich als Kommilitone aus, um nähere Informationen über das Opfer und sein Umfeld herauszubekommen. Ein klassischer Fall von verdeckter Recherche, findet Presserat-Sprecher Manfred Protze, doch die ist laut Pressekodex nur in Fällen von „besonderem öffentlichen Interesse“ erlaubt. Dies sei im „Fall Moser“ jedoch nicht erkennbar gewesen. Der Redakteur hätte also seiner beruflichen Identifizierungspflicht nachkommen müssen.

Da er dies nicht tat, konnte er auf direktem Wege Zugriff auf persönliche Angaben aus dem Community-Profil der Ermordeten sowie deren Fotoalbum erlangen. Dass diese Daten dann ungeprüft in der PNP publiziert wurden, ist ein weiterer Verstoß gegen die Vorgaben des Pressekodex. Der schreibt nämlich eine besondere Achtung des Privatlebens und der Intimsphäre des Menschen vor, besonders bei einer Berichterstattung über Opfer und Täter im Zusammenhang mit Unglücksfällen oder Straftaten.

Dass die Idee der Privatsphäre auch in einem sozialen Netzwerk nicht gänzlich obsolet ist, war dem Redakteur „Moser“ offensichtlich nicht geläufig. Doch auch den Mitgliedern einer Community fällt es oft schwer, die verschobenen Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum richtig nachzuvollziehen. „Man denkt als Nutzer, dass man da unter sich ist. Unter Freunden sozusagen“, sagt Journalistik-Professor Klaus Meier im Interview mit dem NDR. Dass dabei auch die große Öffentlichkeit zusehen könne und Zugriff auf gepostetes Material habe, sei den meisten Usern keineswegs klar. „Das ist ein Sprung, über den sich viele Nutzer gar nicht bewusst sind.“

Für journalistische Rechercheure stellen diese neuen Bedingungen eine Herausforderung dar. Ob eine Recherche zulässig ist oder nicht, lässt sich nur fallweise beurteilen. „Die Hürden sind da auf jeden Fall sehr, sehr hoch – vor allem im Falle von Schüler- oder Studentencommunities“, befindet Andreas Bittner vom Bundesfachausschuss Online des Deutschen Journalisten-Verbandes. Und auch Recherche-Coach Albrecht Ude schränkt ein: „Ich finde es äußerst unschön, wenn es nur darum geht, Intimitäten herauszubekommen, um den Beitrag mit irgendwelchen Pikanterien aufzupeppen. Das sollte nicht sein.“ Grundsätzlich steht er einer Informationsbeschaffung im Social Web aber aufgeschlossen gegen­über: „Wenn es darum geht, einem Betrüger hinterherzurecherchieren, sollte man den Weg auf jeden Fall nutzen.“

Wie die geschilderten Problemfälle zeigen, funktioniert dies aber nur, wenn sich der Rechercheur an einige professionelle Standards hält:

Überdies muss jedoch vor allem eines klar sein: Eine Informationssammlung in sozialen Netzwerkplattformen kann eine Offline-Recherche keinesfalls ersetzen. Manche gesellschaftlichen Akteure wird man dort nämlich schon allein deswegen vergeblich suchen, weil sie keinen Internetzugang haben. Hier hilft nur der Griff zum Telefon oder ein herkömmliches Face-to-face-Gespräch. Doch alle Journalisten, die das neue Netz meiden, blenden ebenfalls zwangsläufig einen zunehmend wichtigen Teil gegenwärtiger Lebenswirklichkeit aus. Dies führt zu thematischen Leerstellen, die nur eine verantwortungsvolle Recherche beheben kann.

Weiterführende Literatur:

Foto: Pixelio.de/Arkadius Neumann