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Redaktion | 8. Oktober 2009

Eine Minute für den Quellencheck

Recherche kommt im journalistischen Alltag zu kurz

Von Thomas Schnedler

schnedler

Zeitnot und Arbeitsverdichtung beherrschen den redaktionellen Alltag, Journalisten verzichten auf Überprüfungsrecherchen und aufwändige Recherche-Methoden, die rasche Verarbeitung von PR-Informationen ersetzt journalistische Kerntätigkeiten. Wie die Recherche unter die Räder gerät – ein Überblick.

Im Mai 2009 erschien eine bemerkenswerte Stellenanzeige. Eine TV-Produktionsfirma suchte „eine/n Rechercheredakteur/in“, um das Team des für Sat.1 produzierten Wissensmagazins „Planetopia“ verstärken. Zu den wichtigsten Aufgaben des Rechercheredakteurs zähle die „Pflege von Pressekontakten“ ebenso wie die „Beschaffung von Footage“, hieß es in der Annonce.

Aber ist das Recherche? Zwei Klicks benötigt man nur, um beispielsweise auf der Homepage des Pharmakonzerns Bayer die so genannte „TV-Plattform“ aufzurufen, auf der das von PR-Profis produzierte „Footage“-Material den Fernsehsendern und Produktionsfirmen gratis angeboten wird. Der Konzern offeriert Außenaufnahmen des Bayer-Kreuzes, Mediziner-Statements oder 3D-Animationen, um das Wirkprinzip neuer Medikamente zu erklären. Der Vorteil für die Redaktionen liegt auf der Hand: Sie sparen sich aufwändige Dreharbeiten vor Ort – und wenn sie wollen, auch das Personal für eigene Recherchen.

Filme, die auf die kostenlosen PR-Zulieferungen zurückgreifen, transportieren zwar nicht zwangsläufig auch PR-Botschaften. „So gibt es journalistisch produzierte Beiträge, die inhaltlich recherchiert sind sowie ein ausgewogenes, differenziertes Bild von einem Gegenstand vermitteln und vorgefertigte Footage-Videos oder O-Töne lediglich zur Illustration von Sachverhalten einsetzen“, schreibt Helmut Volpers in seiner Studie „Public Relations und werbliche Erscheinungsformen im Fernsehen“. Es bestehe für die Journalisten jedoch die Gefahr, sich zum Erfüllungsgehilfen externer Interessen zu machen. Vor allem dann, wenn ein paar Klicks auf der Firmenhomepage nicht die Recherche ergänzen, sondern ersetzen. Wer die jüngsten Studien auswertet, muss davon ausgehen, dass die gründliche Recherche seltener geworden ist.

Indiz Nr. 1 für die Vernachlässigung der Recherche im journalistischen Alltag ist die Sub­stitution der Recherche durch PR-Informationen. Jeder fünfte Journalist in Deutschland ist der Ansicht, dass die Zulieferungen der PR-Profis zunehmend Beiträge ersetzen, die früher von Journalisten recherchiert wurden. Zu diesem Ergebnis kommen Siegfried Weischenberg, Maja Malik und Armin Scholl in ihrer Studie „Journalismus in Deutschland II“ (veröffentlicht als „Die Souffleure der Mediengesellschaft“), einer repräsentativen Befragung hauptberuflicher Journalistinnen und Journalisten in Deutschland. Dass die PR-Informationen Zeit beim Recherchieren sparen, sagen 31 Prozent aller Befragten. Bei den Agenturjournalisten sind es sogar 39 Prozent.

Erste Ergebnisse einer Studie der Universität Münster, die im August 2009 im Fachmagazin „journalist“ veröffentlicht wurden, weisen in die gleiche Richtung. Jeder Dritte der befragten Journalisten ist der Ansicht, dass der Einfluss der PR-Akteure auf die journalistische Arbeit seit 1990 größer geworden ist. 21 Prozent schätzen ihn als gleichbleibend hoch ein. Für das Projekt „Wandel bei aktuellen Massenmedien: Journalismus in veränderten Medienkontexten“ wurden unter der Leitung von Bernd Blöbaum 15 Nachrichtenredaktionen in Deutschland untersucht und mehr als 300 Journalisten befragt.

Zeit ist eine knapper werdende Ressource: 55 Prozent der Journalisten, die von den Münsteraner Wissenschaftlern befragt wurden, gaben an, heute weniger Zeit für die Recherche zu haben als früher. Nur sechs Prozent verfügen über mehr Zeit für ihre Recherchen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen die Journalismus-Forscher um Siegfried Weischenberg: Der zeitliche Aufwand für Recherche sank demnach von täglich 140 Minuten im Jahr 1993 auf 117 Minuten pro Tag im Jahr 2005 – Indiz Nr. 2 für die Defizite bei der Verankerung der Recherche im Arbeitsalltag der Journalisten.

Den freien Journalisten bleibt dabei etwas mehr Zeit pro Tag: Sie recherchieren im Schnitt 124 Minuten, fest Angestellte hingegen 104 Minuten. Trotzdem ist nur etwa jeder zweite Freiberufler der Ansicht, ausreichend Zeit für die Recherche zu haben. Dies ergab die Studie „Freie Journalisten in Deutschland“, die im Auftrag des Deutschen Fachjournalisten-Verbands von der Universität München durchgeführt wurde und sich insbesondere auf eine Onlinebefragung freiberuflicher Journalisten stützt. 52 Prozent der freien Journalisten mit Vollzeit-Arbeit bejahten die Frage, ob im beruflichen Alltag genug Zeit für die Recherche bleibe. Und 46 Prozent aller Freien gaben an, dass ihre Arbeit generell unter hohem Zeitdruck leide.

Indiz Nr. 3 – die Überprüfungsrecherche spielt in der redaktionellen Realität nur eine untergeordnete Rolle. Die Leipziger Journalismus-Forscher Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker fanden in einer großen Beobachtungsstudie zur journalistischen Recherche heraus, dass Journalisten im Schnitt nur rund elf Minuten pro Tag aufwenden, um die Glaubwürdigkeit von Quellen und die Richtigkeit der Informationen zu kontrollieren. Eine Minute davon werde dem Quellencheck gewidmet. Die Überprüfungsrecherche sei „offensichtlich zum Luxus des journalistischen Alltags geworden“, folgern die Autoren der Studie („Journalistische Recherche im Internet“), die im Auftrag der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen durchgeführt wurde. In den Arbeitstagen sei oft schlicht kein Platz mehr. „Der Journalist weiß sich oft nicht mehr anders zu helfen, als bei der Inhaltsproduktion auf informationelles Junk-Food wie etwa Pressemitteilungen und Nachrichtenagenturinhalte zurückzugreifen.“

Die Autoren der Studie beobachteten 235 Journalisten in Tageszeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online-Redaktionen. Sie gingen dabei von einem weiten Recherchebegriff aus und rechneten beispielsweise auch das Verfolgen der Nachrichtenlage – als Teil der Themenfindung oder der Relevanzbewertung – zur journalistischen Recherche. 108 Minuten pro Tag widmen die beobachteten Journalisten der Überprüfungs- und der Erweiterungsrecherche.

Die Leipziger Studie zeigt zudem, dass die Recherche in der redaktionellen Praxis ein Schreibtischjob ist. Eine Analyse der Recherchemittel ergab, dass Ortstermine und Face-to-face-Interviews nur einen Häufigkeitsanteil von 1,4 Prozent haben. Wesentlich bedeutender sind Telefonate (15,0%), E-Mails (12,1%) und das von Nachrichtenagenturen gelieferte Material (11,5%).

Wie wichtig gerade Quellencheck und Faktenkontrolle sind, zeigte der „Spiegel“-Reporter Markus Grill am Beispiel der Pharmaindustrie bei der „Netzwerk Recherche“-Fachkonferenz „Quellen finden und öffnen“. Es gebe beispielsweise eine systematische Unterwanderung von Selbsthilfegruppen durch Pharmakonzerne, als Experten getarnte PR-Agenten der Pharmafirmen oder medizinische Studien, deren wissenschaftlicher Wert fragwürdig sei. Die Zuverlässigkeit der Quellen sei daher stets zu kon­trollieren. „Um die Öffentlichkeit über angebliche Vorteile ihrer neuen Medikamente zu täuschen, ist vielen Pharmaunternehmen jedes Mittel recht“, schreibt Markus Grill in seinem Buch „Kranke Geschäfte. Wie die Pharmaindustrie uns manipuliert“.

Auch der Fachdienst „epd Medien“ berichtete jüngst (Heft 41/2009 vom 21.5.2009) über eine besonders perfide Täuschung: Der renommierte Wissenschaftsverlag Elsevier hat in Australien jahrelang Fachzeitschriften für Mediziner publiziert, die wie unabhängige Fachmagazine wirkten, tatsächlich aber im Auftrag von Pharmaunternehmen hergestellt und von diesen bezahlt wurden.

Journalisten in Deutschland nutzen aufwändige Recherchemethoden wie die verdeckte Recherche nur selten – Indiz Nr. 4 für Defizite im Rechercheprozess. Das hat auch berufsethische Gründe: Nur acht Prozent der von Siegfried Weischenberg befragten Journalisten halten es für legitim, sich bei der Recherche als eine andere Person auszugeben. Es überrascht nicht, dass man zu einem anderen Ergebnis kommt, wenn man inves­tigativ tätige Journalisten befragt, wie es Ingmar Cario in der Studie „Die Deutschland-Ermittler“ getan hat. In Leitfadeninterviews zeigte sich, dass die Methode der verdeckten Recherche in dieser Berufsgruppe durchaus anerkannt ist und praktiziert wird. Die Undercover-Recherche berge für den Journalismus „ein großes, längst nicht ausgeschöpftes Potential“, resümiert auch der freie Journalist David Schraven in der „Netzwerk Recherche“-Werkstatt „Undercover. Reporter im verdeckten Einsatz“, die die Ergebnisse einer Fachtagung dokumentiert.

Ein gelungenes Beispiel: Zwei ZDF-Reporter, Christian Esser und Astrid Randerath, deckten vor einigen Monaten auf, wie weit die Anzeigenberater deutscher Verlage gehen, um neue Kunden zu gewinnen. Die beiden Journalisten gründeten zum Schein eine Pharmafirma und kreierten ein Phantasieprodukt, das Antidepressivum „Volazin“, inklusive Hochglanzbroschüre und Homepage. Die Vertreter der Verlage schlugen „Gesundheits-Specials“ oder „Promotion-Anzeigen“ vor, um das Medikament zu platzieren – trotz des Werbeverbots für verschreibungspflichtige Arzneimittel. Die Gespräche mit den Anzeigenberatern zeichneten die Journalisten mit versteckter Kamera auf – die Verlage dementierten später dennoch, berichtete das NDR-Magazin „Zapp“ Ende 2008.

Der Leipziger Journalismus-Forscher Marcel Machill und seine Kollegen leiten aus ihrer Studie mehrere Handlungsempfehlungen ab. Dazu zählen sie beispielsweise die Sensibilisierung der Journalisten für PR-Inhalte, die Schaffung von spezialisierten Rechercheteams, die kontinuierliche Evaluation der Arbeitsabläufe in den Redaktionen, eine gezielte Weiterbildung für effiziente Recherche-Strategien und die feste Verankerung der Online-Recherche in der Journalisten-Ausbildung. Wenn nun auch Sender und Verlage die Notwendigkeit erkennen, die sorgfältige Recherche im Redaktionsalltag zu stärken, heißt es in den Stellenanzeigen vielleicht bald: „Investigative/r Journalist/in gesucht. Zu Ihren Aufgaben gehören das Aufzeigen von Missständen, das Aufspüren von relevanten Themen, das Aufdecken von verborgenen Zusammenhängen und von Einflüssen der PR-Industrie. Wir freuen uns auf Ihre aussagekräftige Bewerbung“.

Literatur:

Die Werkstatt-Hefte „Quellenmanagement. Quellen finden und öffnen“ und „Undercover. Reporter im verdeckten Einsatz“ sind kostenlos bei der Geschäftsstelle von „Netzwerk Recherche“ nach Zusendung eines frankierten und adressierten Rückumschlags erhältlich (Netzwerk Recherche e.V., Stubbenhuk 10, 20459 Hamburg). Als Dateien sind sie abzurufen unter http://www.netzwerkrecherche.de.

Foto: Pixelio.de/Rike


8 Responses to “Eine Minute für den Quellencheck”

  1. Dr. No Says:
    Oktober 9th, 2009 at 10:18 am

    Kann ich aus meinem Arbeitsalltag bei einer nicht ganz kleinen Regionalzeitung durchaus bestätigen. Wenn man die Redakteure, die den Politikteil täglich zusammenkloppen, an einer Hand abzählen kann und noch Finger übrig behält, muss einen das auch nicht wundern; ebenso wenig, dass diese Art der Personalpolitik schon vor der Finanzkrise gang und gäbe war.

    Die einzigen, die dort manchmal Zeit hatten, eine Quelle auch mal zu prüfen oder gar eine zweite hinzuzuziehen, waren i.d.R. die Volontäre, weil die täglich nur eine Seite produzieren mussten. Wurden sie dabei erwischt, wurde dies jedoch auch schon mal als ineffiziente Arbeitsweise gesehen.

    Dass dann ständig auch fehlerhafte Agenturmeldungen in eine ganze Reihe von Blättern rutschen, ist die logische Konsequenz dieser Entwicklung.

  2. Ulrike Langer Says:
    Oktober 9th, 2009 at 2:43 pm

    Die gleichen Fragebögen festangestellten Redakteuren und freien Journalisten vorzulegen, ist selten sinnvoll.

    Das zeigt sich an dieser Passage:

    „Den freien Journalisten bleibt dabei etwas mehr Zeit pro Tag: Sie recherchieren im Schnitt 124 Minuten, fest Angestellte hingegen 104 Minuten. Trotzdem ist nur etwa jeder zweite Freiberufler der Ansicht, ausreichend Zeit für die Recherche zu haben.“

    Das besagt überhaupt nichts. Zumal: Wer hält Recherchezeit schon mit der Stoppuhr fest?

    Die eigentliche Kausalkette ist anders:

    Freien Journalisten – zumindest, denen, die nicht tagsaktuell arbeiten – bleibt soviel Zeit für die Recherche, wie sie sich nehmen. Es ist eine reine Abwägungsfrage: Nimnt man mehr Aufträge an, rechercheriert man aus Zeitmangel zwangsläufig weniger, verdient aber mehr. Zumindet kurzfristig. Langfristig eher nicht, wenn man wegen schlampiger Texte keine Aufträge mehr bekommt.
    Investiert man viel Zeit in die Recherche, kann man weniger Aufträge annehmen. Und verdient deshalb auch weniger. Braucht man aber monatlich einen Mindestbetrag um die Miete etc. zahlen zu können, und kann es trotzdem nicht über sich bringen, schlecht recherchierte Texte abzugeben, dann arbeiten freie Journalisten rund um die Uhr.

  3. NachDenkSeiten - Die kritische Website » Hinweise des Tages Says:
    Oktober 12th, 2009 at 9:01 am

    […] Eine Minute für den Quellencheck Die Leipziger Journalismus-Forscher Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker fanden in einer großen Beobachtungsstudie zur journalistischen Recherche heraus, dass Journalisten im Schnitt nur rund elf Minuten pro Tag aufwenden, um die Glaubwürdigkeit von Quellen und die Richtigkeit der Informationen zu kontrollieren. Eine Minute davon werde dem Quellencheck gewidmet. Die Überprüfungsrecherche sei „offensichtlich zum Luxus des journalistischen Alltags geworden“, folgern die Autoren der Studie („Journalistische Recherche im Internet“), die im Auftrag der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen durchgeführt wurde. In den Arbeitstagen sei oft schlicht kein Platz mehr. „Der Journalist weiß sich oft nicht mehr anders zu helfen, als bei der Inhaltsproduktion auf informationelles Junk-Food wie etwa Pressemitteilungen und Nachrichtenagenturinhalte zurückzugreifen.“ Quelle: Institut für Journalistik an der Technischen Universität Dortmund […]

  4. Journalistik-Journal: Eine Minute für den Quellencheck » Von Richard Schnabl » Beitrag » Redaktionsblog Says:
    Oktober 12th, 2009 at 10:03 am

    […] Recherche unter die Räder gerät – ein Überblick.” So beginnt der überaus interessante Artikel in der Zeitschrift Journalistik-Journal des Instituts für Journalistik der Technische […]

  5. Mehr Recherche für besseren Content « AdClicks-Agent.de Says:
    Oktober 12th, 2009 at 2:17 pm

    […] minderwertige Texte oder gar Falschinformationen zu veröffentlichen. Kein Wunder, dass wieder mehr Zeit für Recherche gefordert […]

  6. Krüdewagen Blog » Blog Archiv » Rheinische Post zur Korrektur der Vorratsdatenspeicherung Says:
    Oktober 17th, 2009 at 11:49 am

    […] Vielleicht leidet die Printversion der RP jedoch nur an schlechtem Journalismus. Einer der heutigen Autoren war jedenfalls auch bei den Web-Sperren sehr nachlässig bei der Berichterstattung. Wie Studien zeigen, sind Journalisten leider immer häufiger Sprachrohre reiner PR anstatt auf eigene Recherchen zu setzen. […]

  7. KANALgrün » KANALgrün - Folge 27: Reputation Capital Says:
    November 6th, 2009 at 5:43 pm

    […] Prioritäten Die neue Journalistenstudie der Universität Münster zeigt, dass Journalisten immer mehr Zeit in Konferenzen verbringen und weniger recherchieren. Für die PR könnte das ein […]

  8. Die Macht der Studien Says:
    Oktober 14th, 2011 at 1:35 pm

    […] in die zitierten Studien gucken, statt nur Pressemitteilungen zu übernehmen. Dies kreidete das Journalistik Journal bereits vor zwei Jahren an. Dort heißt es: “Zeitnot und Arbeitsverdichtung beherrschen den […]

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