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Redaktion | 8. Oktober 2009

Was ist wichtig?

Eine Kritik der Nachrichtenauswahl

Von Rita Vock

vock

Wenn nichts passiert in der Nachrichtenredaktion, ist ein frisches Zitat der Bundeskanzlerin Gold wert – fast unabhängig von seinem Inhalt. Zur Not tut es auch ein Minister oder der Uno-Generalsekretär. Große Namen garantieren große Nachrichten.

Groß inszenierte Ereignisse, bei denen gleich mehrere große Namen eine Rolle spielen, werden gern als „Gipfel“ bezeichnet und garantieren dann eine Rundum-Berichterstattung: Vorankündigung, Liveschaltungen, Expertengespräche und Kommentare werden dem Auto-, Bildungs- oder Beschäftigungsgipfel gewidmet – obwohl auch die mitspielenden Journalisten wissen, dass die Ergebnisse entweder schon vorher ausgehandelt oder nur von sehr begrenzter Relevanz sein werden. Die Nachrichtenauswahl richtet sich in solchen Fällen also nicht nach dem Neuigkeitswert oder der Tragweite der Ereignisse, sondern nur nach einer behaupteten Relevanz, die durch das Medieninteresse noch einmal verstärkt wird.

„Terminjournalismus war für mich schon immer das Schmachvollste, was es überhaupt gibt im Journalismus“, das sagte mir einmal der langjährige Reporter und spätere Menschenrechtler Elias Bierdel. Denn es bleibt viel auf der Strecke, wenn im Inland so genannte Spitzengespräche und im Ausland Präsidentenwahlen und Staatsbesuche die Informationskanäle verstopfen.

Die so genannte Vierte Gewalt nutzt ihre Macht nur in Ausnahmefällen. Untersuchungen belegen seit Jahrzehnten, dass der weit überwiegende Teil der Nachrichten und Themen, über die Journalisten berichten, auf Pressemitteilungen oder andere Formen der Verlautbarung zurückgeht. Zunehmender Zeitdruck durch Stellenabbau und Arbeitsverdichtung verstärkt diesen Trend, ebenso wie die zunehmende Übertragung redaktioneller Aufgaben auf oft geringer qualifizierte freie Mitarbeiter oder Aushilfen.

Wenn Zeitungsseiten, Rundfunksendungen und Internet-Angebote von immer weniger Personal immer schneller gefüllt werden müssen, führt dies nicht nur zu mehr Fehlern, sondern vor allem zu größerer Oberflächlichkeit – auch bei der Nachrichtenauswahl. Der Verlust ist dabei nicht einfach nur linear: Wenn eine Sendung statt von zwei Redakteuren nur noch von einem gestaltet wird, fehlt nicht nur die Hälfte der Arbeitsstunden, sondern auch jede Möglichkeit zum kreativen oder reflektierenden Austausch.

Wenn es an Zeit und anderen Ressourcen fehlt, steigt nicht nur die Macht der großen Namen, sondern auch die der Nachrichtenagenturen und nicht zuletzt der Einfluss aller Institutionen, die sich eine professionelle PR-Abteilung leisten (können), die druck- oder sendereife Produkte liefert. Interessengeleitete Akteure verschiedenster Art nehmen auf diese Weise Einfluss auf die Gewichtung von Themen und damit auf die gesellschaftliche Agenda. Gleichzeitig bestimmen sie auch darüber mit, welche Fakten zu einem Thema in den Vordergrund gestellt werden und welche nicht – so lange die Journalisten nicht gegensteuern. Immer neue Beispiele dafür, dass sich auch in überregionalen, seriösen Medien Fehler und Ungereimtheiten häufen, die nicht selten auf ungeprüftes Abschreiben von Verlautbarungen zurückzuführen sind, lassen sich etwa bei den Medienbeobachtern von Bildblog.de nachlesen.

Im Ergebnis werden viele Bereiche der sozialen Wirklichkeit in der Berichterstattung vernachläs­sigt. Dies gilt einerseits für die Belange strukturell schwach organisierter Gruppen, etwa im Hinblick auf Gesundheits- oder Bildungsthemen und beim Thema Armut. Die Betroffenen haben schlicht keine Lobby. Ein Beispiel für eine solche Gruppe sind Kinder. Dies zeigte sich etwa am Medienecho zu den bundesweiten Streiks an Kindertagesstätten von Mai bis Juli 2009. Berichtet wurde in ers­ter Linie über Erzieherinnen, die über zu kleine Stühlchen klagen, sowie über das übliche Hin und Her einer Tarifauseinandersetzung. Bildungs-, familien- und frauenpolitische Debatten, die den Hintergrund des Konflikts bildeten und die in Fachkreisen durchaus geführt wurden, blieben der Öffentlichkeit weitgehend verborgen.

Auf der anderen Seite werden auch Themen vernachlässigt, deren Veröffentlichung hohe Hürden im Weg stehen, etwa weil gerade die Nicht-Öffentlichkeit im Interesse starker gesellschaftlicher Gruppen liegt. Dies ist beispielsweise bei Militär- und Geheimdienst-Themen der Fall, aber auch bei den verschiedenen Formen von Wirtschaftskriminalität, wie auch die noch immer sehr rudimentäre öffentliche Aufarbeitung der jüngsten Finanzkrise belegt. In diese Bereiche kann nur ein starker Journalismus vordringen, der aufgrund der oben genannten Bedingungen derzeit aber eher auf dem Rückzug ist.

Starke Lobbys und große Namen garantieren große Aufmerksamkeit – dieser Zusammenhang wird durch die beschriebenen Entwicklungen gestärkt, aber er ist natürlich nicht neu. Systematisch untersucht und beschrieben wurde er zuerst in den 1960er Jahren von den skandinavischen Friedensforschern Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge. Sie lis­teten die noch heute oft zitierten Nachrichtenfaktoren auf. Zwei der zwölf Faktoren heißen „Bezug auf Elite-Nationen“ und „Bezug auf Elite-Personen“. Andere Faktoren betreffen beispielsweise das Ausmaß und die vermutete Bedeutsamkeit eines Geschehens oder die damit verbundene Überraschung, aber auch die Übereinstimmung mit bestehenden Erwartungen.

Größere Chancen auf Veröffentlichung haben darüber hinaus Nachrichten, die nicht zu komplex sind und sich als kurzfristige Ereignisse beschreiben lassen. Die Autoren leiteten diese Faktoren unter anderem aus wahrnehmungspsychologischen Erkenntnissen ab, deuteten sie aber dennoch nicht als unveränderlich. Insgesamt handelte es sich bei der Entdeckung der Nachrichtenfaktoren um eine kritische Analyse, die auf Veränderung zielte. Aus der Sicht der Friedensforscher geht es um Barrieren im Nachrichtenfluss, die so weit wie möglich beseitigt werden sollten.

Wie Nachrichtenfaktoren zur Vernachlässigung wichtiger Themen führen, lässt sich exemplarisch an Galtungs und Ruges zwölftem Faktor zeigen, den sie „Bezug zu etwas Negativem“ nannten. Bevorzugt werden demnach Nachrichten, die mit Gewalt, Zerstörung, Konflikten und Missständen zu tun haben. Die immer mal wieder erhobene Forderung, einfach mehr positive Nachrichten zu bringen, erscheint auf den ersten Blick weltfremd. Der öffentliche Auftrag der Medien besteht schließlich nicht darin, gute Laune zu verbreiten. Dennoch führt die fast ausschließliche Konzentration auf negative Meldungen zu einer realen Vernachlässigung anderer Entwicklungen, etwa von Lösungsansätzen in Kriegs- und Krisensituationen. Im Nahen Osten zum Beispiel ist jede militärische Aktion der einen oder der anderen Seite eine Meldung wert. Für Aktionen grenz­überschreitender Friedensinitiativen gilt dies keineswegs, obwohl es erstaunlich viele davon gibt, wenn man nur nach ihnen sucht.

Studien haben immer wieder bestätigt, dass die verschiedenen Nachrichtenfaktoren die Entscheidungen von Journalisten beeinflussen. Allerdings zeigen Untersuchungen auch, dass sie nicht die einzigen Kriterien darstellen. Vergleicht man etwa mithilfe von Input-Output-Analysen den Nachrichteneingang einer Redaktion mit ihren Produkten, so zeigt sich, dass neben den ausgewählten Meldungen viele weitere Meldungen existieren, die ebenso viele Nachrichtenfaktoren aufweisen, es aber dennoch nicht in die Auswahl schaffen (vgl. Kepplinger 1998). Wie die konkrete Entscheidung letztlich zustande kommt, damit haben sich auch Soziologen befasst. Sie machen geltend, dass die Nachrichtenauswahl nicht im luftleeren Raum geschieht, sondern innerhalb der sozialen Struktur einer Redaktion und innerhalb eines Medienunternehmens.

Zu Verzerrungen in der Themenauswahl trägt demnach auch bei, dass Journalisten mehrheitlich gehobenen Bildungsschichten und bestimmten gesellschaftlichen Milieus angehören. Probleme, die niemanden aus dem eigenen Bekanntenkreis jemals persönlich berührt haben, erscheinen schlicht weniger interessant und wichtig als andere. Selbst wenn man sich dessen bewusst ist, so ist es wohl kaum möglich, die eigene Herkunft quasi zu Dienstbeginn zu vergessen, wie es ein internes Handbuch der Agentur Reuters verlangt. Dort heißt es: „Wir begrüßen es, wenn Mitarbeiter unterschiedlichster Herkunft in unseren Redaktionen arbeiten, aber wir bitten alle Angestellten, ihre Nationalität und ihre politischen Einstellungen an der Eingangstür abzulegen.“

Was kann man nun tun, um Nachrichtenbarrieren durchlässiger zu machen und eine angemessenere Themenauswahl zu fördern? Aus dem bisher Gesagten ergibt sich, dass ein starker Journalismus solider Ressourcen bedarf, und dies auf mehreren Ebenen. Recherchekapazitäten lassen sich in Zeit und Geld messen, sie sind darüber hinaus aber natürlich auch abhängig von den Fähigkeiten und dem beruflichen Selbstverständnis der Journalisten. Förderlich für eine breitere Abbildung gesellschaftlicher Realitäten wären also einerseits eine bessere personelle Ausstattung von Redaktionen und andererseits eine stärkere Auseinandersetzung der Journalisten mit ihren eigenen Kriterien und Routinen.

In der praktischen Arbeit kann man versuchen, Tendenzen wie der Vermischung von Journalismus und PR und der Anbiederung an politische und wirtschaftliche Eliten entgegenzuwirken. In vielen Redaktionen fehlt auch eine regelmäßige offene Reflexion und Auseinandersetzung mit den eigenen Produkten. Eine gute, an den Inhalten orientierte Blatt- oder Sendungskritik trägt auch dazu bei, sich darüber zu verständigen, was wichtig ist.

Auch die Ausbildung zukünftiger Journalisten kann im Hinblick auf die Vermeidung von Vernachlässigung vieles leisten. Mindestens vier Ansatzpunkte bieten sich an: Erstens sollte die Ausbildung großen Wert auf die Vermittlung politischen, wirtschaftlichen und sozialen Sachwissens legen, denn wer nicht begreift, kann nicht hinterfragen. Zweitens sollte sie zur Reflexion über das eigene journalistische Handeln und seine Bedingungen anregen und anleiten. Ein reines „training on the job“ reicht dazu nicht aus. Drittens sollte die Recherche als Kernstück des journalis­tischen Handwerks systematischer gelehrt werden, als dies bislang meist der Fall ist. Viertens schließlich muss darauf geachtet werden, dass die Ausbildungswege offen für Menschen verschiedener sozialer und kultureller Herkunft sind.

Nicht zuletzt können externe Korrektive einen positiven Einfluss haben: Die „Initiative Nachrichtenaufklärung“ und das amerikanische „Project Censored“ haben sich vor allem die Aufklärung über das Problem zur Aufgabe gemacht. Durch die Veröffentlichung vernachlässigter, aber relevanter Nachrichten liefern sie zudem konkrete Ansatzpunkte für lohnende Recherchen abseits des Mainstreams. Das „Netzwerk Recherche“ und andere Organisationen fördern investigativen Journalismus unter anderem durch Stipendien und Fortbildungen. Private Stiftungen schließlich versuchen auf eigene Faust, einen besseren Journalismus zu finanzieren.

Ziel kritischer Journalisten muss es letztlich sein, mehr und andere Fragen zu stellen. Gerade im Hinblick auf die Themenauswahl ist es nötig, immer wieder zu überlegen: Warum ist dieses Thema wichtig? Was daran ist wichtig? Welche Alternativen könnte es geben? Um solche Fragen im journalistischen Alltag unterzubringen, braucht es neben einem kritischen Geist auch redaktionelle Strukturen, die den Austausch und Debatten fördern, sowie Arbeitsbedingungen, die Zeit und Raum dafür lassen. Im Hinblick auf die Finanzierung muss die Gesellschaft letztlich entscheiden, wie viel unabhängigen Journalismus sie sich leisten will. Journalisten können ihrerseits durch engagierte und qualitativ hochwertige Arbeit dazu beitragen, dass ihr Publikum auch weiterhin bereit ist, Zeitungen zu kaufen und Rundfunkgebühren zu zahlen.

Literatur:

Foto: Imago/Ralph Peters


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