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Redaktion | 15. April 2006

Kaum Spielraum für Eigeninitiative

dpa-Journalisten in Brüssel stehen vor vielen Barrieren

Von Torsten Schäfer

„If we go away, they don’t exist.“ Diesen Satz warf eine Reuters-Korrespondentin wütend ihren Brüsseler Agenturkollegen entgegen. Mehr als eine Stunde hatten sie vor dem EU-Ministerratsgebäude vergeblich auf die europäischen Agrarminister gewartet – in der Hoffnung, vor Beginn der Sitzung noch ein Statement einzufangen. Der spontane Ausbruch der Korrespondentin weist auf die herausragende Stellung hin, die Nachrichtenagenturen im Mediensystem zukommt: Agenturen setzen die Agenda, indem sie an vorderster Stelle Informationen sammeln und anderen Medien bereitstellen. Nachrichten, die sie auswählen, prägen unser Verständnis vom Weltgeschehen.

Dieses Weltgeschehen wird immer stärker von der EU bestimmt. Euro und Osterweiterung stehen für die forschreitende EU-Integration. Gleichzeitig driftet Europa aber auseinander, wie Irakdebatte, Verfassungskrise und Finanzstreit gezeigt haben. Mehr denn je scheint der Journalismus gefordert, die EU kompetent zu begleiten und sie in einer Vielfalt darzustellen, die der Realität gerecht wird – rund 70 Prozent unserer nationalen Gesetze nehmen ihren Anfang in Brüssel. Mit dem schleichenden Machtzuwachs der EU fragt auch die Journalistik immer häufiger danach, wie Medien EU-Politik darstellen. Nachrichtenagenturen wurde dabei aber bisher keine Aufmerksamkeit geschenkt. Grund genug, die Arbeitsweisen des Brüsseler dpa-Büros im Rahmen einer Diplomarbeit zu untersuchen.

Die dpa-Journalisten haben in Brüssel mit besonderen Arbeitshindernissen zu kämpfen. Sie lassen sich mit Hilfe von Nachrichtenfaktoren darstellen, die in Berlin, nicht aber in Brüssel greifen. Beispiel Personalisierung: Noch immer kennen zu wenige Menschen die EU-Politiker. Kommissionspräsident Barroso ist noch ein Begriff, aber wer kennt schon Frau Fischer Boel? Immerhin verwaltet die Agrarkommissarin fast die Hälfte des EU-Etats von 100 Milliarden Euro. Ein anderes Problem sind die großen Informationsmengen in Brüssel. „Pressekonferenzen, Ministerratstreffen, Gesetzesinitiativen, Kommissionserklärungen, Parlamentsdebatten, Enquête-Berichte, Reports, Arbeitsdokumente, Protokolle – allein nur die nachrichtliche Bewältigung dieses Mahlstroms von Wichtigem und Unbedeutendem lässt Kapazitätsgrenzen erkennen. Aktualitätszwänge und Themenkomplexität lassen kaum Spielraum für die immer angemahnten Hintergründe und Erklärstücke“, schreibt der Zeitungskorrespondent Will Teichert. Dem Leser die Brüsseler Hintergründe mit all ihren Fachbegriffen anschaulich zu erklären, ist aus Platzgründen kaum möglich.

Besonders unübersichtlich ist die EU-Gesetzgebung. Weil die EU-Politik mit ihren komplexen Strukturen so sperrig wirkt, greifen Nachrichtenkriterien wie „Einfachheit“, „Relevanz“ oder „Nähe“ nicht. Brüssel bleibt deshalb ein ferner Ort. Journalisten können in der EU-Zentrale zudem Konflikte schlecht sichtbar machen, denn die Kommission arbeitet ihre Gesetzesvorschläge hinter verschlossenen Türen aus. Der Vorschlag selbst wird dann von der Behörde gemäß ihres Kollegialprinzips vertreten. Niemand tritt hervor, Konflikte der Kommissare untereinander werden nur sehr selten öffentlich.

Die verschlossenen Türen haben in Brüssel dazu geführt, dass ohne inoffizielle Quellen in Form von EU-Beamten und Lobbyisten fast nichts geht. In Zusätzen wie „nach Auskunft von EU-Diplomaten“ oder „aus Brüsseler Kreisen“ sind oft die entscheidenden Informationen einer Geschichte zu finden. Für die dpa-Korrespondenten sind auch die Kollegen eine Quelle. Selten auf der Welt ist die Kollegialität unter Journalisten so groß wie in der EU-Hauptstadt. Diese „kollegiale Symbiose“ ist eine pragmatische Reaktion auf erschwerte Arbeitsbedingungen. Gefördert wird sie durch den begrenzten Raum des engen EU-Viertels, in dem sich alle Journalisten zusammen bewegen.

Das dpa-Korrespondentenbüro berichtet über alle Facetten europäischer Politik, aber auch über die NATO und das Land Belgien. Besonders oft nimmt dpa die EU-Kommission in den Blick, auf die der Ministerrat und das EU-Parlament folgen. Der Bezug zu Deutschland ist das wichtigste Kriterium in der Nachrichtenauswahl. Grund hierfür ist auch ein System nationaler Öffentlichkeitsarbeit vor Ort: Vor einer Ministerratssitzung finden Presse-Briefings in der deutschen Vertretung in Brüssel statt, zu denen nur deutschsprachige Journalisten geladen werden. Während einer Ratssitzung ist der Sprecher der Vertretung immer in der Nähe. Die deutschen Journalisten bleiben als Gruppe zusammen, damit der Diplomat weiß, wo er seine Berichte über den Verhandlungsstand abgeben kann. So ist der Informationsfluss von der deutschen Politik zu den deutschen Medien gesichert.

Die dpa-Berichterstattung richtet sich an der Themenagenda der EU-Institutionen aus. Dennoch praktiziert die Agentur keinen Verlautbarungsjournalismus. Die Recherche geht weit über das offiziell Verlautbarte hinaus. Aufkommende Informationen werden mit erklärenden Zusätzen ergänzt. Um solche Zusätze zu finden, ist eine differenzierte Recherche notwendig: Neben den Kollegen werden Diplomaten, Parlamentsabgeordnete, Kommissionssprecher, Lobbyvertreter, Wirtschaftsexperten sowie verschiedene Archive, Bücher und Hintergrundpapiere als Quellen genutzt. Die Brüsseler Agenturrecherche ist nicht mit der Recherche an anderen Auslandsplätzen wie etwa London oder Paris vergleichbar. Dort arbeiten die Agenturkorrespondenten stärker mit Zweitquellen wie Fernseh- oder Zeitungsberichten der nationalen Medien. Sie nehmen nur wenige Außentermine wahr. Für die Korrespondenten in Brüssel zählt hingegen die Recherche vor Ort. Ihr terminorientierter Recherchejournalismus entspricht ganz ihrem Selbstverständnis: Die dpa-Korrespondenten wollen neutrale Vermittler und engagierte Erklärer sein.

Die Studie zeigt insgesamt, dass Agenturbüros keine reinen Durchlassstellen im Nachrichtenfluss sind. Ihr Handlungsrahmen erlaubt es, Informationen nach eigenem Ermessen so aufzubereiten und zu verändern, dass die Chance steigt, komplexe Zusammenhänge plastisch vermitteln zu können. Dennoch sind der Eigeninitiative Grenzen gesetzt. Die Erfüllung der Chronistenpflicht und der Zeitdruck lassen kaum Spielraum für eigeninitiierte Beiträge oder gar Investigativartikel. Dieses Dilemma muss der Agenturjournalist in Kauf nehmen. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt traditionsgemäß in der Nachrichtenvermittlung, nicht in der Eigenrecherche.


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