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Redaktion | 8. Oktober 2009

Eine andere Schweigespirale

Öffentliche Vernachlässigung bringt sich selbst hervor

Von Horst Pöttker

pöttker

Ferdinand Tönnies in den 1920er Jahren und 50 Jahre später Elisabeth Noelle-Neumann noch einmal haben eine Spirale des Schweigens beschrieben, die das öffentliche Unterdrücken von Meinungen hervorruft und auf der unbewussten Furcht der meisten Menschen beruht, die Äußerung eigener Meinungen, die von der für vorherrschend gehaltenen „Öffentlichen Meinung“ abweichen, könne zu sozialer Isolierung führen. Aufgrund dieser Isolationsfurcht, die Noelle-Neumann für unser biologisches Erbe hält, während Tönnies sie eher als Kultur- und Sozialisationsprodukt betrachtet, generiert Öffentliche Meinung sich selbst.

Es gibt aber noch eine andere Schweigespirale, die neben äußerem Druck auf Journalisten und deren professionellen Prädispositionen (z. B. Sensibilität für Nachrichtenfaktoren) dazu führt, dass Themen öffentlich vernachlässigt werden. Sie beruht darauf, dass über Unbekanntes, Verschwiegenes, ganz unabhängig von der psychischen Präposition der meisten Menschen, beim besten Willen nicht diskutiert werden kann, also auf dem Wesen des Schweigens selbst. Auch, dass Themen journalistisch vernachlässigt, dass Probleme nicht öffentlich werden, generiert sich selbst.

Das Zuviel von Überflüssigem oder sogar Schädlichem in Medien wird wahrgenommen und provoziert Reaktionen. Bei einer Schwemme von Gewalt im Fernsehen beispielsweise eine medien­ethische Debatte, bei der Verletzung von Persönlichkeitsrechten juristische Schritte betroffener Personen. Dagegen bleibt das Zu-wenig-Veröffentlichen so lange unbemerkt, bis Probleme, die bekannt zu machen gewesen wären, damit sie rechtzeitig hätten bearbeitet werden können, bereits bedrohliche Folgen nach sich gezogen haben.

Beispiele liefern Problemfelder wie Ökologie, Ökonomie oder Bildung. Dass über den anthropogenen Klimawandel, die globale Spekulationsblase bei Finanzprodukten oder das schlechte nationale Abschneiden bei der Pisa-Studie erst öffentlich lamentiert wird, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist, geht auch darauf zurück, dass Journalisten und ihre Arbeitgeber, wenn sie solchen Problemen nicht rechtzeitig Aufmerksamkeit schenken und Recherchen widmen, zu wenig zur Rechenschaft gezogen werden. Jedenfalls weniger als beispielsweise dafür, dass Sensations- und Profithunger sie dazu treiben, gefälschte Hitler-Tagebücher zu publizieren, Geiselnehmer während des Tathergangs zu interviewen oder die Prinzessin von Wales auf Motorrädern bis zum tödlichen Unfall zu verfolgen.

Journalismus wird gebraucht, damit Menschen ihr Leben auf der Höhe der kulturell bereitstehenden Möglichkeiten gestalten können. In einer etwas anspruchsvolleren, gesellschaftstheoretischen Version wird er auch gebraucht, um so viel Transparenz tatsächlicher Vorgänge und Verhältnisse herzustellen, dass Probleme wie Klimawandel, globale Finanzkrise oder nationale Bildungsmisere gar nicht erst entstehen. Zu den öffentlichen Informationen, mit denen Journalisten dieser Aufgabe gerecht zu werden haben, kommt es auch deshalb oft nicht, weil diese Informationen nicht von den Journalisten und ihren Medien eingefordert werden (können). Denn dazu müsste das Publikum, das sie einfordern könnte, ja jene ausbleibenden Informationen schon haben, deren Kenntnis, wenn sie vorhanden ist, lange auf eine Handvoll Experten (z.  B. Naturwissenschaftler, Ökonomen, Bildungsforscher) beschränkt bleibt.

Hinzu kommt, dass Journalisten mit Informationsdefiziten in aller Regel gegen gesellschaftliche Interessen wie Umweltschutz, Wirtschaftsstabilität oder Ausschöpfung von Begabungspotenzialen verstoßen, die schwerer artikulierbar und organisierbar sind als die partikularen Interessen, gegen die das Zuviel-Publizieren verstoßen kann. Das Interesse an der Selbstregulierungsressource Öffentlichkeit gehört selbst zu den gesellschaftlichen Interessen von strukturell schwacher Durchsetzbarkeit. Auch deshalb sind Initiativen wie das „Project Censored“ oder die „Initiative Nachrichtenaufklärung“ (INA) wichtig, die die journalistische Fehlleis­tung des Nicht-Recherchierens und Nicht-Berichtens aufs Korn nehmen, während die gängige Medienkritik sich am Zuviel-Veröffentlichten und den Strukturen des dahinter steckenden Produktionsprozesses entzündet und mit der Verstopfung der Medien­kanäle durch Informationsmüll nur eine von mehreren Ursachen lückenhafter Öffentlichkeit ins Auge fasst.

Allerdings haben Initiativen, die auf öffentliche Informationsdefizite hinweisen wollen, ebenfalls mit der oben skizzierten Spirale des Schweigens zu kämpfen. Auch sie brauchen die Informationen, auf deren Ausbleiben sie hinweisen wollen, als Voraussetzung ihrer Arbeit. Die INA ist deshalb darauf angewiesen, von Experten oder Menschen, die unmittelbar von Problemen betroffen sind, entsprechende Hinweise auf vernachlässigte Themen zu erhalten. Dafür müsste sie zuerst sehr vielen Menschen bekannt werden, was wiederum an der Hürde zu scheitern droht, dass Journalisten traditionellerweise vermeiden, über sich selbst und ihre eigenen Probleme zu berichten. Bisher ist es jedenfalls noch Glückssache, wenn die INA einmal von Spezialisten auf völlig unbekannte Probleme wie etwa die Kupferbelastung unserer Gewässer durch den Abrieb von Bremsbelägen hingewiesen wird.

Die Einsicht in Paradoxien muss freilich nicht bedeuten, ein Ziel aufzugeben, wenn man seine Notwendigkeit erkannt hat. Auch die Aufgabe der Ärzte, das Leben der Patienten zu erhalten, lässt sich prinzipiell nicht lösen – und trotzdem wollen wir uns darauf verlassen können, dass Ärzte an dieser Aufgabe festhalten. Ähnlich sollte sich die Gesellschaft darauf verlassen können, dass nicht nur Journalisten an ihrer Sisyphusaufgabe festhalten, ein Optimum an Transparenz herzustellen, sondern auch das „Project Censored“ oder die INA an ihrem paradoxen Ziel, Journalisten auf das von ihnen nicht Berichtete, verborgen Gelassene hinzuweisen.


2 Responses to “Eine andere Schweigespirale”

  1. Wenn die anderen Medien nicht berichten, tut es das “Journalistik Journal” at coolepark.de Says:
    Oktober 8th, 2009 at 5:24 pm

    […] Horst Pöttker: Eine andere Schweigespirale. Öffentliche Vernachlässigung bringt sich selbst hervo… […]

  2. Guido Strack Says:
    Oktober 9th, 2009 at 10:23 am

    Das lange bohren dicker Bretter und Vernetzung helfen manchmal auch weiter. Hier also der im Text fehlende Link auf die Vorschlagsseite von INA: http://www.nachrichtenaufklaerung.de/index.php?id=17

    Ich musste allerdings auch die Erfahrung machen, dass selbst INA, wahrscheinlich mangels Ressourcen und zu speziellen Sachverstandsanforderungen sich an manche Themen nicht wirklich ranmachtet.

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